2.

Vor der Schmiede

[172] Es war für Sachsen eine böse Zeit. Minister von Brühl, der Lenker der damaligen sächsischen Politik, hatte Kurfürst August III. vermocht, trotz des Breslauer Friedens mit seiner früheren Feindin Maria Theresia ein Bündniß gegen den Preußenkönig Friedrich II. einzugehen, in welchem er versprach, die Waffen nicht eher niederzulegen, als bis der König Schlesien herausgegeben habe und auf seine »märkische Streusandbüchse« beschränkt sei. Aber wie schon früher, so hatte man auch jetzt sich in dem jungen, thatenlustigen Herrscher geirrt, welcher bei der Nachricht von dieser Allianz mit seinem schlagfertigen Heere sofort in Oesterreich eingefallen war und die Verbündeten zu Paaren trieb. Die Siege bei Hohenfriedberg und Sorr lichteten besonders die Reihen der Sachsen auf die jämmerlichste Weise, denn die Preußen waren erbittert über die Untreue ihrer früheren Verbündeten und warfen schonungslos nieder, was ihnen in den Weg trat.

Die so entstandenen Lücken mußten natürlich ausgefüllt werden und so bildeten sich nach der Weise jener Zeit im Lande zerstreute Werbestationen, wel che nicht blos den freiwilligen Eintritt in die Armee vermittelten, sondern häufig auch Zwang übten, so daß die jungen, tauglichen Leute von den Tanzsälen, ja sogar bei Nacht und Nebel aus den Betten weggeholt wurden. Gewalt ließ sich gegen Soldaten, welche den kurfürstlichen Rock trugen, nicht anwenden, und so gab es vor ihnen keine andere Rettung als die Flucht. Aber auch diese war schwer, denn diese Menschenjagden wurden stets unvermuthet und meist in der Stille der Nacht ausgeführt, und ein weit ausgebreitetes Spionirsystem zog seine Netze über das ganze Land, so daß der Bedrohte sicher durch die andere Masche in das Garn zurückschlüpfte, wenn er vorher durch die eine aus demselben entkommen war.

Heut hatten die »Seelenverkäufer«, wie die Werber im Volksmunde hießen, einigen Schwadronen sächsischer Reiterei, welche in Hohenstein und Ernstthal lagen, neue Mannschaften zugeführt, und die Offiziere saßen nach geschehener Besichtigung derselben im Gasthofe. Auch der »Blauweiße« war bei ihnen, doch schien in diesem Kreise die Aufmerksamkeit für seine Person eine zweifelhafte zu sein, und wenn er in den Lauf des Gespräches mitredend eingriff, so überflogen ihn die Augen der Andern mit zweideutigem Blicke. Eben hatte er wieder eine seiner Tiraden beendet und warf seine schwere Gestalt mit einem Gesichte in den krachenden Stuhl zurück, in welchem sich deutlich die Erwartung einer bewundernden Anerkennung aussprach.

»Ja, das ist wahr«, nahm nach einer längeren Pause der Major das Wort. »Ich kann nicht begreifen, in welcher Weise es Euch gelingen mag, die ruhmbegierigen Muttersöhnchen uns immer in so bedeutender Anzahl zuzuführen. Es setzt das jedenfalls eine höchst intime Bekanntschaft mit den Verhältnissen des Pöbels voraus, bei dem allerdings eine kräftige Faust und ein kerniger Soldatenfluch Wunder zu bewirken vermag. Von diesem Gesichtspunkte aus thut allerdings das sächsische Cabinet klug, Eure so oft vom Könige verlangte Auslieferung zu verweigern, und selbst wenn Eure jetzige Thätigkeit eine weniger erfolgreiche wäre, so schickte man doch nicht gern einen Mann über die Grenze, der sich durch den Verkauf unfreiwillig mitgegangener Pläne und Documente so unendlich verdient gemacht hat. Man ist in Sachsen eben einsichtsvoll und dankbar genug, zu bedenken, daß ein jeder Mensch, sogar ein ehemaliger preußischer Infanteriehauptmann nicht ausgenommen, am Halse seine kitzlichste Stelle hat.«

»Herr Major!«

»Schon gut, wir kennen uns und sind Beide gewiß recht brauchbare Leute, nur Jeder in seiner Art, und es thut mir wirklich leid, daß unsre Ansicht über den endlichen Verlauf der jetzigen Ereignisse eine so sehr verschiedene ist. Ihr scheint anzunehmen, daß der königliche Flötenspieler mit seinen kriegerischen und diplomatischen Evolutionen bald beim Finale stehen werde und mögt das in Euren Verhältnissen auch recht wünschenswerth finden, doch wird diese Ansicht nicht von mir allein als unbegründet zurückgewiesen. Wie ist's, Krieben?«

»Sehr wahr«, antwortete der angesprochene Rittmeister. »Die Politik Sachsens hat wieder einmal einen unverzeihlichen faux pas begangen. Sachsen ist, seine physikalischen Verhältnisse zu den Nachbarstaaten auch einmal nicht in Mitrechnung gebracht, durch unzählige Beziehungen der verschiedensten Art in Abhängigkeit zu Preußen gestellt, während die Inclination zwischen dem Kaiserstaate und uns mir keine tiefer gehende zu sein scheint. So lange der sächsische Januskopf sein Friedensgesicht nach Süden wendet und dem nördlichen Nachbar feindselige Grimassen schneidet, wird es sowohl an militärischen als auch civilen Ohrfeigen nicht mangeln, und die kriegerischen Bravours der märkischen Expansivkraft müssen schließlich allemal mit kurfürstlichem Avers und Revers bezahlt werden.«

»Halte l'a,« entgegnete eifrig der Junker, »mir scheint das Verhalten Friedrichs nichts Anderes und nichts Besseres als eine ebenso offenbare wie strafwürdige Empörung gegen die Majestät des deutschen Reichsoberhauptes zu sein, und ich hoffe nicht, daß Du als mein Verwandter mit Deinen Worten einen Tadel aussprechen willst gegen das, was ich that, weil es mir sowohl die Rücksicht auf mein persönliches Wohl als auch meine Anschauung der Dinge überhaupt gebot.«

»Gewiß nicht. Ich sprach über allgemeine Verhältnisse ohne individuelle Ansichten behofmeistern zu wollen, und Deiner Berufung auf unsre familiäre Zusammengehörigkeit werde ich Rechnung zu tragen wissen. Aber Du giebst doch zu, daß wir arg in die Klemme gerathen sind. Mit welcher Emphase sprach man nicht von der Unübertrefflichkeit der ungarischen Reiterei, und wie ist diese Truppe nicht von den strammen Cavalleristen Friedrichs zusammengeritten und in die Pfanne gehauen worden überall, wo sie sich nur zeigte! Mir wird der Kopf noch jahrelang brummen von den Hieben jenes verdammten Husarenrittmeisters, welchen wir fast zwei Stunden jagten, um am Ende doch nur das Pferd zu bekommen, während der Kerl selbst mit seinen Depeschen entwischte.«

»Das Pferd im Stiche zu lassen ist doch wahrhaftig keine Ehre für einen Offizier, der noch dazu Husarenrittmeister ist«, tönte die Stimme eines jungen Carnets.

»Um das zu verstehen, fehlt es Ihm noch an Erfahrung. Der Betreffende ist nicht in offener Feldschlacht vom Gaule weggelaufen, sondern vom Könige mit geheimen Schriften an den Markgrafen von Schwedt geschickt worden. Es war das kurze Zeit vor dem famosen Ritte des Ziethenschen Regimentes durch unsre ganze Aufstellung, auch ein preußisches Reiterstück, welches uns schamroth machen sollte. Wir hatten Kunde von der Sache bekommen und lauerten das Männlein ab, aber prosit die Mahlzeit! Den Säbel zwischen den Zähnen und die Pistolen in den Fäusten, stürmte er in den dichtesten Haufen hinein, ritt, schoß und hieb nieder, was im Wege stand, und war uns um einige Hundert Pferdelängen voraus, ehe wir nur daran dachten, ihm nachzupaddeln. Nun aber gab's ein Rennen, wie ich es mir nicht als möglich gedacht habe. In völliger Carrière lud er wieder, aber nicht etwa für uns, denn um uns bekümmerte sich der Halunke unhöflicher Weise gar nicht mehr, sondern für die dummen Burschen, denen es einfiel, ihm Barrière zu stellen. So ging's durch ein halbes Dutzend Ortschaften, welche alberner Weise dort alle so frei und offen daliegen, daß man hinten nur hinein zu gucken braucht, um im nächsten Augenblicke vorn wieder draußen zu sein; über Felder und Wiesen, durch Dick und Dünn; kein Bagagewagen, kein Pulverkarren hielt ihn auf, drüber weg ging's. Der Kerl war wahrhaftig seine tausend Ducaten werth, und der Rappe, den er ritt, das Dreifache. Da endlich schlängelt sich eine Marschcolonne quer über die Richtung und er muß deshalb in scharfem Winkel abbiegen, wir aber schneiden eine Diagonale und kommen ihm auf diese Weise an die Fersen. Zum Malheur geräth er auf sumpfiges Terrain und das Pferd bleibt, den Schlamm bis an den Sattel, stecken. Schon jubelten wir und glaubten ihn fest zu haben, der Filou aber muß von seiner moorreichen Heimath her mit dergleichen elastischem Parquet vertraut sein. Er schnellte sich vom Pferde und gewann mit einigen Sprüngen, wie ich sie einem Menschenkinde gar nicht zugetraut habe, festen Boden. Ich ritt an der Spitze der Verfolgenden und drang, den Säbel[172] in der Faust, in das Gebüsch ein, welches ihn aufgenommen hatte. Da plötzlich packt mich Jemand bei der Gurgel und zu gleicher Zeit höre ich eine Stimme dicht an meinem Ohre.

Ma foi, Herr Kamerad, Ihr müßt mir Euern Fuchs auf einige Zeit überlassen; vier Beine leisten das Doppelte von zweien, und mein Rappe steckt in der Buttermilch!‹«

»Der Mensch ist nämlich kluger Weise gar nicht in das Gebüsch eingedrungen, sondern hat sich gleich hinter die vorderste Hecke gesteckt und dann mit dem bekannten Artilleristensprunge hinter mir Platz genommen. Eben will ich mich wenden, um dem kühnen Gaste eine bleierne Antwort zu bieten, da stürzt mein Pferd über eine hervorstehende Wurzel und wir bei den Reiter schlagen Arm in Arm einen Purzelbaum zur Erde nieder. Im Nu bin ich auf; aber eben so schnell steht auch er vor mir. Degen und Pistolen sind uns entflogen, und wir gerathen deshalb mit den Fäusten an einander. – Von weiteren Details kann ich nicht sprechen, ich weiß nur noch, daß ich an der Erde lag und mit der einen Hand mich aufzurichten suchte, während ich ihn mit der andern bei dem langen, prächtigen Vollbarte gepackt hielt. Freilich gelang es mir nicht emporzukommen, denn der Mann drückte mich mit wahrer Elephantenstärke nieder und raubte mir durch einige Faustschläge, die wie Axthiebe auf meine arme Hirnschale niederschmetterten, die Besinnung.«

»Und das erzählst Du?«

»Warum nicht? Von einem solchen Gegner besiegt zu sein, ist keine Schande, und wenn ich ihm heut auf neutralem Boden begegnete, so würde ich ihm mit dankbarer Anerkennung die Hand drücken. Bei seiner riesigen Stärke würde es ihm jedenfalls ein Leichtes gewesen sein, mich in's Jenseits zu spediren, und ich habe seine letzten Worte wohl behalten:

›Adieu, Herr Kamerad! Ich wünsche nicht Euern Tod, Ihr sollt nur ein wenig schlafen, mehr nicht. Meinen Hengst lasse ich für Euch zurück; haltet ihn gut, ich werde ihn seiner Zeit gegen Euern Goldfuchs wieder umtauschen!‹«

»Und dann?«

»Was dann! Als ich wieder zu mir kam, standen die Andern bei mir und der Flüchtling war fort. Sogar seine und meine Waffen hatte er erst noch Zeit gehabt zusammen zu lesen, und der Fuchs ist mir bis heute untreu geblieben. Hol's der Teufel!«

»Was für eine Figur hatte der Mann?«

»Er schien gar nicht etwa ein Riesenkind zu sein. Einzelheiten habe ich mir freilich bei der rapiden Geschwindigkeit, mit welcher das Alles von Statten ging, nicht merken können, und ich weiß deshalb nur, daß er kürzer war als ich und einen Vollbart trug. Wieder erkennen werde ich ihn wohl schwerlich; aber dem Wappen nach, welches ich an der Schabrake des zurückgelassenen Pferdes bemerkte, muß es Einer aus der Familie von Göbern sein.«

»Ach, richtig; dem traue ich's zu!« rief da der Blauweiße. »Der Rittmeister von Göbern ist der Pathe und Liebling des alten Dessauers, hat bei ihm die Epauletten erhalten, ging dann zum Markgrafen von Schwedt und steht jetzt bei Ziethen. Er ist der beste Reiter und Fechter der Armee, ein feiner Strategiker und besitzt, nebenbei bemerkt, ein wahrhaft fürstliches Vermögen. Persönlich kenne ich ihn nicht, aber erzählen hörte ich viel von ihm. Es gab eine Zeit, in welcher er der Gefeierte der Damenwelt Berlins und Potsdams war, bis man entdeckte, daß er zum Verlieben zu ernst und zum Verheirathen zu vorsichtig sei. Seiner geistigen Gewandtheit und körperlichen Stärke und Unverwüstlichkeit wegen ist er öfters zu den schwierigsten und anstrengendsten Missionen verwendet worden, und es sollte mich wundern, wenn man in Beziehung auf meine Person, da alle Versuche gescheitert sind, – doch das gehört nicht hierher. Uebrigens ist sein Marstall stets reich besetzt und läßt nichts zu wünschen übrig. Hast Du das Pferd bekommen?«

»Freilich, und ich könnte mit dem Tausche sehr wohl zufrieden sein, wenn der Hengst nicht einen unverzeihlichen Fehler hätte.«

»Welchen?«

»Er läßt Niemanden im Sattel.«

»Das wäre!«

»Gewiß! Du weißt, daß ich kein ganz ungeschickter Reiter bin, und nach mir haben ihn zehn Andere bestiegen, die vielleicht noch fester sitzen als ich: aber abgesetzt sind wir worden. Eine Schande ist's, das gestehen zu müssen, aber was will man machen? Kein Mittel habe ich unversucht gelassen, aber immer ohne Erfolg; er gehorcht weder im Guten noch im Bösen, und wirft mir die zähesten Bereiter vor die Füße. Ich schlüge ihn deshalb gern los, wenn ich ihn in gute Hände bringen könnte.«

»Hast Du ihn mit?«

»Ja, er steht mit dem Braunen beim Schmiede. Ich bin überhaupt jetzt verteufelt schlecht beritten. Den Hengst darf ich nicht besteigen und lasse ihn mir also nur als theures Andenken an jene vehementen Kopfnüsse nachführen, und der Braune geht lahm; weil er sich nicht beschlagen läßt. Man hat ihm einmal einen Nagel in's Leben getrieben, und seit jener Zeit steht er keinem Schmiede mehr. Mein Fahnenschmied war der Einzige, dem er sich anvertraute, und der ist leider im Spitale gestorben. Da habe ich denn sämmtliche Schmiede, bei denen mich unsere Marschroute vorbeiführte, aufgetrommelt, aber ein Eisen hat mir Keiner auflegen können. Nun hinkt das Thier auf allen Vieren und ich muß die ganze Zeit über auf geborgten Pferden hängen.«

»Zu wem hast Du geschickt?«

»Weißpflog heißt der Mann und soll der beste Beschläger weit und breit sein.«

»Das ist er auch. Zwar war ich noch nicht bei ihm, aber wenn irgend Einer, so vermag er es.«

»Ich glaube kaum, daß ein alter spießbürgerlicher Hufschnitzer mit dem Braunen fertig wird, und bin deshalb gar nicht mitgegangen. Auf Deine Ueberzeugung hin aber wollen wir uns den Mann einmal ansehen. Gehen die Herren mit?«

Sämmtliche Offiziere erhoben sich und folgten der Aufforderung des Rittmeisters; doch war bei dem Gang durch die Gassen des Städtchens ihre reservirte Haltung gegenüber dem Junker noch hervortretender als innerhalb der vier Wände des Schenkzimmers. Erst an der Spitze der kleinen Gesellschaft, kam er bei jedem Schritte weiter zurück und schritt endlich allein und unbeachtet hinter den Andern her.

Da plötzlich tönte ihnen lautes Schreien und Hülferufen entgegen; im Laufschritt bogen sie um die Ecke, konnten aber vor der Menge der zusammen gelaufenen Soldaten und Bürgersleute die Ursache des Tumultes nicht eher erkennen, als bis sie sich durchgedrängt hatten. Da lag denn der Reitknecht jämmerlich zerschlagen und zertreten am Boden; der Schmied, welchen das Pferd an die Mauer geschleudert hatte, lehnte leise wimmernd am Thürpfosten, und eine ganze Schaar Cavalleristen hing am Braunen, der schäumend mit ihnen auf und nieder ging.

Die Andern alle hatten sich vorsichtig zurückgezogen und bildeten einen dichten Kreis um die Scene, außerhalb dessen Einer stand, der den Vorgang mit noch lebhafterer Spannung verfolgte als die Näherstehenden. Es war der Handwerksbursche, welchen wir im vorigen Capitel kennen gelernt haben. Das wüthende Thier und die Bemühungen seiner Bändiger schien er vollständig zu ignoriren; sein Auge haftete nur auf dem Rapphengste, welcher, von einem Soldaten gehalten, ruhig und theilnahmlos bei Seite stand, und flog zuweilen empor zu den oberen Fenstern der Schmiede, wo zwei Frauenköpfe ängstlich durch die Scheiben lugten.

Den Bemühungen der Offiziere gelang es endlich, das Thier zu beruhigen; der Reitknecht wurde aufgehoben und fortgetragen, und der Rittmeister wandte sich zum Schmied.

»Nun, Meister, wie steht's? Habt auch Ihr Schaden genommen?«

»Ich glaube nicht, eine Quetschung; es sah schlimmer aus, als es ist. Aber einen solchen Teufel von Pferd hab ich auch noch nicht unter den Händen gehabt, und der Bursche hat mich nicht vorher aufmerksam gemacht.«

»Na, laßt's gut sein und ärgert Euch nicht, es ist Andern auch schon so gegangen. Hier habt Ihr ein Trink- und Schmerzensgeld.«

Weißpflog griff nach der unerwarteten Gabe, zog aber auf halbem Wege die Hand wieder zurück, weil er sich von der andern Seite her angeredet hörte. Er drehte sich um und vor ihm stand, die Mütze ehrerbietig in der Hand, der Handwerksbursche.

»Gott zum Gruß und Glück und Segen in's Geschäft, Herr Meister!«

»Danke! Was ist Dein Begehr?«

»Ich bin ein wandernder Gesell der löblichen Zeug-, Huf- und Waffenschmiede und komme, das Handwerk zu begrüßen. Ich bin weit und viel gereist, um Etwas zu lernen und einst ein tüchtiger Meister zu werden, und da ich gestern erfahren habe, daß Ihr der erste und geschickteste Beschläger in der weiten Umgegend seid, so bin ich gekommen, mich in dieser Fertigkeit zu üben und von Euch Unterweisung zu erbitten.«[173]

Trotz des wohlgefälligen Lächelns, welches diese wohlgesetzte Anrede auf die geschwärzten Züge des Schmiedes gelockt hatte, warf dieser doch einen mißtrauischen Blick auf die defecte Kleidung des Gesellen.

»Würdest nicht viel lernen können bei mir; hast ja wohl selbst gesehen, wie mich der Braune da maltraitirt hat. Und Deinem Habitus und Deiner Schneiderfigur nach scheinst Du mir eher ein Luftspringer als ein rechtschaffener Hufschmied zu sein.«

»Möglich!«

Das Wort wurde zwar in ehrerbietigem Tone gesprochen, aber von einer Handbewegung begleitet, in welcher sich das abweisendste Selbstgefühl aussprach. Der Sprecher wandte dem Meister den Rücken und drehte sich zu den Offizieren.

»Will der Herr Rittmeister mir den Braunen anvertrauen?«

»Bursche, wo denkst Du hin? Der macht Dich todt!«

»Möglich!«

Jetzt klang das Wort halb spottend, halb wegwerfend, und in demselben Augenblicke lagen auch Felleisen, Rock, Weste und Mütze am Boden; die Hemdärmel wurden nach innen aufgestreift und ein Schurzfell hervorgezogen.

»Der Herr Meister hat wohl Feuer auf dem Heerde?«

»Es wird wohl noch brennen.«

»Gut. Ich will erst ein Wort mit dem Pferde sprechen, dann gehen wir an's Werk.«

»Halt!« rief der Rittmeister, »lege das Schurzleder ab. Wenn es Dich als Schmied erkennt, darfst Du gar nicht hinan!«

»Pah, am Ende gar den Bratenrock anziehen und Perücke und seidene Handschuhe dazu! Der Braune ist auf die Dauer nur dadurch zu bemeistern, daß man ihm Respect vor dem Schurzfell einflößt und ihn an den Anblick desselben gewöhnt, sonst wird er heut beschlagen und morgen ist der Rappel wieder da. Platz gemacht, ihr Leute; bindet ihm die Zügel lang an den Sattelknopf und laßt ihn dann frei!«

Es geschah, und erwartungsvoll zogen sich Alle zurück. Im ersten Augenblicke schien das Pferd nicht zu wissen, was es mit der überlassenen Freiheit beginnen solle; als der Geselle sich ihm aber näherte, stieg es wiehernd kerzengrad in die Höhe und warf sich herum, das Weite zu suchen. Doch da stand der junge Mann vor ihm, schlug ihm die Linke in die Mähne, den Zeige- und Mittelfinger der Rechten in die dampfenden Nüstern und warf es mit einem Rucke, der einem Simson Ehre gemacht hätte, auf die Hinterbeine nieder. Allerdings war es im nächsten Augenblicke wieder auf, aber ebenso schnell lag es auch wieder am Boden; kein Schäumen und Knirrschen, kein Schlagen und Beißen, kein Wiehern und Stöhnen half gegen den unerbittlichen und gedankenschnellen Fremden, auf dessen Angesichte sich nicht die geringste Spur von Anstrengung und Aufregung zeigte, während das keuchende Pferd im Schweiße badete und die Schaumflocken weit umher warf. Es ermattete mehr und mehr und konnte nicht verhindern, daß der Geselle Platz im Sattel nahm.[174]

Da stand es eine Weile bewegungslos, wie um sich zu besinnen, dann aber ging's mit allen Vieren in die Luft und versuchte, durch eine Reihe von Seitensprüngen den kühnen Reiter abzuwerfen. Dieser aber saß mit lächelndem Munde und leuchtendem Auge oben und schien desto größeres Gaudium zu empfinden, je toller es die Bestie unter ihm trieb. Da endlich rief er laut:

»Aufgepaßt jetzt, wer etwas lernen will!«

Mit kräftigem Stoße grub er den Daumen der geballten Hand zwischen Hals- und Rückenwirbel des Pferdes ein; dieses stieß einen Schmerzenslaut aus, der mit dem Klange des gewöhnlichen Wieherns nicht die entfernteste Aehnlichkeit hatte, und versuchte, wieder in die Höhe zu steigen. Aber wie eingemauert stak sein Leib zwischen den Schenkeln des Reiters, deren gewaltiger Druck ihm trotz der Anstrengung aller Muskeln und Fibern den Athem und die Bewegung raubte. Es war ein Anblick zum Angstwerden. Hier kämpfte Körperkraft gegen Körperkraft, und die geistige Ueberlegenheit des Menschen war für den Augenblick dispensirt. Die Adern an der Stirn und den Armen des Gesellen traten blau und angeschwollen unter der weißen Haut hervor; blutroth lag die Anstrengung auf seinem Gesichte und groß und schwer fielen die Tropfen des Schweißes ihm über die Wangen herab. Bewegungslos waren die Züge, starr hing das Auge an dem Kopfe des Pferdes, und dem Zerreißen nahe spannten sich die Zügel. Der Odem des Thieres stieg pfeifend aus den Nüstern, die Beißkette knirrschte unter den vor Angst zusammengepreßten Zähnen; die Hufe hoben sich unter den krampfhaft zuckenden Beinen und suchten doch sofort wieder den festen Boden. So hielten Roß und Reiter eine ganze kleine Ewigkeit an derselben Stelle, bis endlich das Thier lautlos zusammenbrach.

Ein allgemeines »Ah!« der Erleichterung entfuhr den Umstehenden, deren Puls vor Beängstigung gestockt hatte, und die dünne Stimme des kleinen, vor lauten Cornets tönte:

»Junker, an Den kommt Eure berühmte Muskelkraft doch noch nicht!«

Und der Rittmeister eilte, mehr besorgt um den Zustand des Gesellen als denjenigen seines Pferdes, herbei und faßte ihn bei den Achseln.

»Kerl, wo hast Du das gelernt, und woher nimmst Du diese heidenmäßige Stärke? Du bist ja ein wahrer Satan!«

»Möglich!«

Sich den Schweiß abtrocknend und dem Meister winkend, verschwand er in der Werkstatt, in welcher bald kräftige Hammerschläge ertönten. Und als er dann zurückkehrte, hatte sich das Pferd wieder emporgerichtet, ließ ihn, bei seinem Anblicke zitternd, ruhig und willenlos gewähren und war in kurzer Zeit beschlagen.

»Hier ist Dein Lohn, Gesell, und das Fünffache bekommst Du als Handgeld, wenn Du die Stelle eines Fahnenschmiedes in meiner Schwadron annimmst.«

»Danke, Herr Rittmeister. Meine Frau Mutter hat mir verboten, Soldat zu werden. Das Geld aber gehört nicht mir, sondern dem Meister.«

»Deine Mutter hat mit unserem Handel nichts zu schaffen. Mir liegt viel daran, einen Kerl von Deinem Schrot und Korn bei mir zu haben, und wenn Unsereiner etwas wünscht, so giebt es keinen Gegenwillen. Des Kurfürsten Rock wird Dir prächtig stehen und ist übrigens eine Ehre für einen Burschen, der auf Natursohlen läuft!«

»Ah!« – –

Es war derselbe Laut, den er am Vormittage gegenüber dem Blauweißen ausgesprochen hatte, voll Verachtung, Spott und Geringschätzung. Sein Auge flog hinüber zum Rapphengste, welcher beim Klange seiner Stimme die Ohren spitzte, und haftete dann mit herausforderndem Blicke auf dem drohenden Offizier.

»Und was willst Du jetzt machen, wenn ich Dich greifen lasse und mit mir nehme?«

»Eure Schwadron, meinetwegen auch Euer ganzes Regiment vernageln, wenn Ihr mich zwingt. Doch so weit wird es nicht kommen, dafür stehe ich!«

»Wieso?«

»Ihr wollt mich mit Gewalt zur Fahne, und der Gewalt setze ich Gewalt entgegen. Wer mich anrührt, dem geht's wie dem Braunen da. Pasta, abgemacht!«

Mit über die Brust gekreuzten Armen stand er da und musterte mit überlegenem Lächeln seine Umgebung. Da trat der Junker, welcher gleich vom ersten Augenblicke an den Gesellen mit neidischem und wuthblitzendem Auge beobachtet hatte, zu den Offizieren und flüsterte ihnen einige Worte zu. Darauf entspann sich eine leise geführte Unterhaltung, von welcher nur die letzte Bemerkung des Rittmeisters hörbar wurde:

»Abgemacht, ich verlasse mich auf Dich!«

Dann trat der Sprecher mit rascher Wendung auf den Gesellen zu.

»Gut, Du sollst Deinen Willen haben und frei bleiben, obgleich ein Reiter wie Du ganz andere Chancen haben könnte. Aber eine Extragratification sollst Du noch haben, wenn Du einmal versuchst, den Rappen dort zu besteigen. Er wirft Jeden ab, und wenn Du ihn zum Pariren bringst, so wird es Dein Schade nicht sein!«

Das in Rede stehende Thier war schon längst unruhig geworden, warf den schönen, ausdrucksvollen Kopf auf und nieder, zerrte am Zügel und schleuderte den Sand mit den ungeduldig scharrenden Hufen empor. Der Geselle warf einen besorgten Blick hinüber und entgegnete achselzuckend:

»Danke! Meine Frau Mutter hat mir verboten, Hengste zu besteigen!«

Der Offizier lachte ärgerlich und wandte sich zum Junker.

»Weißt Du was, Bredenow, ich mag das Pferd nicht länger zwecklos mit mir herumführen; besteigen kann ich es nicht, und der Braune wird ja nun wohl seine Schuldigkeit thun. Willst Du den Rappen in Futter nehmen? Ich stehe Dir natürlich zu Gegendienst bereit.«

»Meinetwegen. Ich habe hier feste Station und werde ihn zu halten wissen.«

»Topp, nimm ihn.«

Die Pferde wurden abgeführt, die Menge verlief sich und die Offiziere folgten nach.

»Fast hätte mich das gute, prächtige, treue Thier verrathen!« murmelte leise der Geselle und trat dann zum Meister, welcher unter der Thür stand.

»Nun, wie ist's, wollt Ihr mich haben oder nicht?«

»Na, wenn Du denkst«, schmunzelte der Angeredete.

»Gut. Ich mache nicht viel Worte und habe meine eigne Weise, aber ich denke, wir werden zufrieden mit einander sein!«

Noch spät am Abende, als Alles zur Ruhe gegangen war, setzte sich Weißpflog an den Tisch, zog den Lampendocht putzend aus der Dille, richtete die große, rundglasige Klemmbrille auf die Nase, schob erwartungsvoll das Pechkäppchen auf den Hinterkopf und öffnete das Wanderbuch des neuen Gesellen, in welches er noch gar nicht gesehen hatte, weil seine ganze Zeit von der Arbeit und der Sorge für die Einquartierung in Anspruch genommen worden war.

»De e de, e em em dem; I en In, ha a ha, Inha; be e be, e er er, ber; Inhaber; dem Inhaber; de i di, i e ie, die; es e se, es es, ses; dieses; dem Inhaber dieses; Be u Bu, es ze ha che Buch; e es es, ches, Buches; dem Inhaber dieses Buches.« – – –

Als die mühsame Lectüre beendet war, schob er den qualmenden Docht wieder zurück, langte die Brille von der Nase herunter in's Futteral und brachte auch das Hausmützchen wieder auf den Pfiff, den es kraft des Gewohnheitsrechtes stets beanspruchen durfte, wenn sein Herr und Gebieter nach seiner eignen Ausdrucksweise über etwas »nachzusimpeliren« hatte.

»Also Goldschmidt heißt er, Richard Goldschmidt, und aus Hannover kommt er, und dreißig Jahre alt ist er. Hm! Warum er doch nur bei diesem Alter noch nicht geheirathet und sich eine eigne Wirthschaft gegründet hat? Statt dessen läuft er in der Welt herum und lumpt die Kleider ab! Hm! Ist vielleicht ein Trinker oder hat sonst eine lüderliche Angewohnheit, sonst müßte er ja bei seiner Geschicklichkeit ganz anders dastehen. Na, will 'mal sehen! Er kann sich von meiner Alten die Löcher zuflicken lassen, dann geht's in der Woche und über der Arbeit. Und für den Sonntag da kann er meine alten, gelben Langgänghosen anziehen, die roth- und blaugekästelte[185] Sammetweste und den langen, braunen Schooßrock mit Puffen und Batten, den der selige Schwiegervater sich bei seiner Hochzeit hat machen lassen. Die Sachen werden ihm so ziemlich passen, und ein gutes Wort will ich ihm auch geben und guten Lohn dazu, daß er dableibt und zu Etwas kommt. Er hat so etwas an sich, daß man ihm sofort gut sein muß, und wenn man ihm so recht genau in die Augen guckt, so hält man es gar nicht für möglich, daß er leicht und lüderlich sein kann. Ich glaube, ich werde mir nicht gleich über ihn gescheidt werden, zumal er gar nicht redet und Einen mit seinen großen Augen so vornehm anblitzt, so daß man immer vergißt, was man hat sagen wollen. Ich habe mir ja fast gar nicht getraut, ihn zu fragen, wie er heißt und woher er ist. Aber ein tüchtiger Kerl ist er, und ich habe mein Lebtage noch keinen solchen Gesellen gehabt. Aber das Hemde, das schmutzige – und die Löcher in den Stiefeln – in den Hosen – und in dem Rocke, – die Löcher, – die, – die machen mir Bedenken!«

Quelle:
Die Rose von Ernstthal. Von Karl May. In: Deutsche Novellen-Flora. 1. Bd. Neusalza (1875). Lfg. 12, S. 185-186.
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Die Rose von Ernstthal
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