1. Der Schäfer und die drei Riesen.

Es war einmal ein Edelmann, der besaß viel Geld und Gut und bekam immer noch mehr; das kam aber daher, weil er seine einzige Tochter dem Teufel versprochen hatte. Dieser Edelmann hielt sich auch eine große Heerde Schaafe und hatte beständig einen eigenen Hirten, der sie hüten mußte; allein mit seinen Schaafen wollt's ihm nicht glücken. Es waren nämlich in der Nähe des Schloßes drei Thäler, und wenn ein Hirt in eins derselben die Heerde trieb, so wurde sie jedesmal von einem Riesen zerrißen und auch der Hirt wurde umgebracht. So oft nun der Edelmann einen neuen Schäfer annahm, sagte er ihm zwar jedesmal: »Du darfst überall hüten, wo Du willst, nur nicht in den drei Thälern; denn da wird Dir's schlecht gehen!« Allein die Schäfer konnten es immer nicht laßen und wollten es doch wenigstens Einmal probiren, und trieben in eins der drei Thäler und kamen niemals wieder lebendig heraus.

So hatte der Edelmann auch einmal wieder seine ganze Schaafheerde mitsammt dem Schäfer verloren, kaufte sich aber sogleich eine andere und suchte nun einen Hirten[1] für dieselbe. Da meldete sich eines Tags ein junger hübscher Bursch bei ihm, und da derselbe ihm wohl gefiel, vertraute er ihm die Heerde an, sagte ihm aber zugleich, wie es seinen Vorgängern nun schon mehrmals ergangen sei und warnte ihn, daß er doch ja, so ihm sein Leben lieb wäre, die drei Thäler meiden möchte. Der Bursch sagte nein, er wolle auch nicht dahin »fahren« und hütete eine Weile anderswo mit seinen Schaafen, so daß ihm kein Leid geschah. Allein er mußte doch im Stillen immer an die drei Thäler denken und meinte: »Ich möchte doch sehen, wer mir da etwas thun könnte; wollt's Niemand rathen! es sollt' ihm übel bekommen!« Und so zog er eines Morgens ganz wohlgemuth in das eine Thal, fand vortreffliches Gras darin und hütete dort bis Mittag, ohne daß ihm etwas aufgestoßen wäre. Dann trieb er seine Heerde auf's Feld, wo er sein Nachtlager hatte, aß daselbst zu Mittag und führte nachher abermals seine Schaafe in das verbotene Thal und blieb darin bis gegen Abend.

Da kam mit einem Male ein gewaltiger Riese auf den Schäfer zu und sprach: »Was machst Du da mit Deinen Grasmücken?« »Das geht Dich nichts an!« sagte der Schäfer. »Das will ich Dir zeigen!« sprach der Riese und wollte sein Schwert ziehen und dem Hirten zu Leibe gehen; allein ehe er das Schwert aus der Scheide brachte, wobei er sich ein wenig bücken mußte, hob der Schäfer seine »Schippe« (Hirtenstecken) in die Höhe und schlug den Riesen auf den Kopf, daß er betäubt umfiel; dann gab er ihm noch ein paar Hiebe auf den Kopf, daß er vollends todt[2] war. Hierauf nahm er das Schwert und die Kleider des Riesen und warf den Leichnam in's Gebüsch.

Wie sich nun aber der Schäfer nach seiner Heerde umsah, erblickte er plötzlich ganz nahe ein schönes Schloß und gieng in dasselbe hinein und kam in ein prächtiges Zimmer, darin stand ein Tisch, der war gedeckt, und auf dem Tische stand eine Flasche Wein, woneben ein Zettel lag, und auf diesem Zettel standen die Worte:


Wer diese Flasche trinkt

Und dieses Schwert regiert,

Der zwingt den Teufel.


Das las der Schäfer, dachte aber nichts weiter dabei und ließ den Wein stehen, legte auch das Riesenschwert so wie die Kleider des Riesen in das Zimmer und besah sich das Schloß. Da fand er denn unten im Stalle einen prächtigen Schimmel, ließ aber Alles in dem Schloße und zog mit seinen Schaafen heim.

Weil's ihm nun das erste Mal so geglückt war, so konnte er's nicht laßen und zog am folgenden Morgen auch in das zweite Thal, nahm aber, um sich beßer wehren zu können, einen langen Spieß mit. Als er nun ein paar Stunden hier gehütet hatte, kam wieder ein Riese, der war noch größer als der erste und sprach: »Was machst Du da mit Deinen Grasmücken?« »Was geht's Dich an?« sprach der Schäfer. »Das will ich Dir gleich zeigen,« sagte der Riese und zog sein Schwert; allein der Schäfer legte sogleich seinen Spieß ein und rannte auf den Riesen los, traf aber eine Rippe, so daß die Spitze nicht sehr tief eindrang und[3] der Riese schon sein Schwert schwang, um dem Schäfer den Kopf abzuschlagen; der aber zog schnell seinen Spieß heraus und sprang zurück, worauf der Riese den Hieb in die Luft that und zu Boden fiel. Sogleich sprang der Schäfer nun wieder herzu und bohrte ihm seinen Spieß tief in den Leib, daß er alsbald todt war. Dann zog er dem Riesen die Kleider aus, warf den Leichnam in's Gebüsch und wollte eben mit dem Schwerte fortgehen, als er wieder ein schönes Schloß vor sich sah. Er gieng hinein und fand ein Zimmer, darin war ein gedeckter Tisch, auf dem Tische aber stand eine Flasche Wein und daneben lag ein Zettel mit den Worten:


Wer diese Flasche trinkt

Und dieses Schwert regiert,

Der zwingt den Teufel.


Kurz, alles war hier gerade so wie in dem ersten Schloße. Der Schäfer legte wieder die Kleider und das Schwert des Riesen in das Zimmer und ließ den Wein stehen. Als er aber das Schloß besah, fand er hier ebenfalls ein Pferd unten im Stalle; dieß war aber ein Fuchs. Alsdann gieng er mit seiner Heerde heim.

Als der Schäfer am andern Morgen »ausfuhr,« dachte er unterwegs: »Ei, ich möchte doch auch wißen, wie's in dem dritten Thale aussieht!« und zog auch sogleich mit seinen Schaafen dahin. Wie er aber in das Thal trat, kam ihm alsbald ein ungeheurer Riese entgegen; der hatte eine Haut, grad wie Eichenrinde sah sie aus, und langes Moos wuchs in seinem Gesichte, daß es dem Schäfer schier angst[4] ward; denn er hatte keine Waffen bei sich als bloß seine Schippe. Allein er besann sich nicht lange, sondern als der Riese brüllte: »was willst Du hier?« sprach er: »das sollst Du schon sehen!« und nahm rasch einen Stein auf die kleine Schaufel, die an der Schippe sich befindet, und warf nach dem Riesen. Der Stein aber traf nur den Bauch des Riesen, daß er's kaum spürte. Sogleich nahm der Schäfer einen zweiten Stein auf die Schippe und warf und traf die Brust des Riesen; allein das that ihm noch nichts; nun rückte er aber immer näher heran, und als er endlich schon ganz nahe war, da warf der Schäfer einen dritten Stein mit seiner Schippe, und der traf gerade die Stirn des Riesen, daß er umstürzte und mausetodt war. Sogleich stand auch wieder ein prächtiges Schloß da, in das trug der Schäfer das Schwert und die Kleider, die er dem Riesen abgenommen, und fand in einem Zimmer auch wieder eine Weinflasche mit dem Spruche: daß wer den Wein trinke und das Schwert führe, der könne den Teufel bezwingen, ganz so wie in den beiden andern Schlößern; allein er ließ alles stehen, rührte den Wein nicht an und sah bloß zu, ob in dem Stalle auch wieder ein Pferd stehe. Ja, es stand richtig eins darin, und war ein Rappe.

Darauf zog der Schäfer ganz vergnügt nach Haus, und als ihn nach einiger Zeit der Edelmann einmal fragte: »bist Du auch schon in den drei Thälern gewesen?« Da antwortete er: »ja wohl, ich bin darin gewesen.« Da ward der Edelmann bitterböse, und wollte den Burschen auf der Stelle fortjagen; weil er aber so sehr bat, daß der Edelmann[5] ihn doch behalten möge, so gab er's endlich zu und sagte: »Nun, so magst Du bleiben und kannst dem Gärtner helfen und Mist und Waßer tragen; aber die Schaafe kann ich Dir nicht länger laßen.« Das war dem Burschen ganz recht, und so half er dem Gärtner bei seiner Arbeit.

Da geschah es, daß die Zeit nahe war, wo der Edelmann seine Tochter dem Teufel übergeben sollte, wie der Böse sich's ausbedungen hatte. Darüber entstand große Trauer im Schloß, und der Edelmann hatte keine Ruhe und Rast, und klagte dem Gärtner seine Noth. Der aber wußte auch keinen Rath, und erzählte seinem Gehülfen die Geschichte und sagte: »morgen muß unser Herr seine Tochter dem Teufel übergeben und auf den Berg bringen; wer da helfen könnte, der hätte auch sein Glück gemacht.« »Wie war das?« fragte der junge Bursch und ließ sich die ganze Geschichte noch einmal genau erzählen. Darauf sagte er nichts mehr. Es fiel ihm wieder ein, was er in den drei Schlößern gelesen hatte, und er nahm sich auch sogleich vor, daß er die Jungfrau erlösen wollte; denn er hatte Mitleiden mit ihr, da er sie oftmals gesehen hatte, und sie so brav und wunderschön war. Deshalb begab er sich am folgenden Morgen in das nächste Thal, gieng in das Schloß und dann in das Zimmer, trank die Flasche Wein aus, nahm das Wammes des Riesen und hieng sich's um, obwohl es ihm viel zu weit und zu lang war, und wie ein Mantel auf die Erde hieng; endlich nahm er auch das Schwert, setzte sich auf den Schimmel und jagte davon dem Berge zu, wo der Teufel die Jungfrau holen wollte. Und wie er[6] dort hinkam, war's grad ein Uhr, und der Edelmann stand mit seiner Tochter schon da und meinte, es sei der Teufel, als er den Reiter erblickte. Der Teufel kam aber alsbald in der Gestalt einer Schlange und fuhr auf den Reiter los; der zog sein Schwert und kämpfte dreiviertel Stunden lang mit der Schlange und erlegte sie endlich; dann ritt er, ohne ein Wort zu reden, wieder fort nach dem Schloße, führte den Schimmel in seinen Stall, legte das Schwert und das Kleidungsstück des Riesen in das Zimmer, und begab sich nach Haus an seine Arbeit.

Nun meinte der Edelmann, seine Tochter sei erlöst und gieng vergnügt mit ihr heim; allein alsbald erschien der Teufel und sagte: »morgen Mittag um ein Uhr mußt Du mit Deiner Tochter wieder auf den Berg kommen!« Da jammerte alles auf's Neue in dem Schloße, und durch den Gärtner erfuhr es auch der Gehülfe, daß der Teufel noch nicht zufrieden sei, obwohl er heute schon von einem fremden Manne überwunden worden wäre.

Da begab sich der Gärtnerbursch am andern Morgen in das zweite Schloß, trank die Flasche aus, die auf dem Tische stand, hieng sich das Leibchen des Riesen und sein Schwert um, setzte sich auf den Fuchs und ritt wieder nach dem Berge. Alsbald erschien auch der Teufel als feuriger Drache und kämpfte mit dem Reiter, bis dieser endlich nach dreiviertel Stunden den Drachen besiegte und ihm mit dem Schwerte den Kopf abschlug. Dann wandte er sogleich sein Roß um und wollte es wieder in das Riesenschloß bringen, hörte aber noch, wie eine Stimme aus der Erde dem Edelmann[7] zurief als dieser auch gerade fortwollte: »Du mußt morgen um dieselbe Zeit noch einmal mit Deiner Tochter hierher kommen!« Das hörte der Bursch noch und dachte: »schon recht! ich werde auch dabei sein!« und jagte davon, ohne sich dem Edelmann zu erkennen zu geben, und brachte Alles wieder an den Platz, wo er's genommen hatte.

Am folgenden Morgen zog er nun in das dritte Schloß, trank den Wein und bewaffnete sich mit der Riesenjacke und dem Riesenschwerte, und bestieg den Rappen und ritt dem Berge zu. Der Edelmann aber dachte: »zweimal ist deine Tochter jetzt erlöst worden; wer weiß, was beim dritten Male geschehen könnte!« Deshalb war er entschloßen, daheim zu bleiben. Allein es befiel ihn alsbald eine große Angst und Unruhe, so daß er nicht länger in seinem Schloße zu bleiben wagte, und nun auch zum dritten Male seine Tochter dem Teufel entgegenführte. Dießmal aber kam der Teufel als ein feuriger Adler durch die Luft gefahren und schoß auf den Reiter so wild hernieder, daß es grausig anzusehen war wie dieser mit dem Ungethüme streiten mußte; aber nach dreiviertel Stunden war auch der Adler besiegt. In dem Augenblick aber, wo der Bursch dem Adler den Todesstoß gab, traf derselbe mit der einen Flügelspitze noch die Hand des Reiters, daß es eine große Wunde gab. Das sah der Edelmann noch und dankte Gott, als Alles glücklich überstanden war. Der Reiter aber eilte sogleich fort, brachte das Pferd in seinen Stall, und legte das Kleid so wie das Schwert in das Zimmer und kehrte zum Schloße des Edelmanns zurück, als ob nichts vorgefallen wäre. Allein am[8] andern Morgen, als er schon im Garten an der Arbeit war, that ihm die Hand so weh, daß er den Verband losmachte, um zu untersuchen, wie die Wunde aussähe. Dabei überraschte ihn der Edelmann und fragte sogleich, woher er die Wunde habe? Der Bursch wollte das lange nicht gestehen; allein der Edelmann ließ ihm keine Ruhe und nahm ihn sogleich mit in das Schloß, denn er vermuthete ganz fest, daß er der Retter seiner Tochter sei. Und da gestand ihm denn endlich der Bursch auch Alles, wie er die drei Riesen erlegt und durch den Wein und die Riesenschwerter den Teufel bezwungen habe, ganz wie es auf den Zetteln gestanden. Da dankte ihm der Edelmann tausendmal und sprach: »nun mußt Du auch meine Tochter heirathen!« Der Bursch aber sagte: »ja, wenn sie mich nur mag!« »O gewiß!« sprach der Vater und holte die Tochter her und sagte zu ihr: »sieh, das ist Dein Erretter, den sollst Du zum Manne haben!« »O mein Leben wollt' ich für ihn laßen!« rief die Tochter aus und herzte und küßte ihn, und ward seine liebe treue Gemahlin ihr Leben lang.

Quelle:
Ernst Meier: Deutsche Volksmärchen aus Schwaben. Stuttgart 1852, S. 1-9.
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