77. Die zwei Mädchen und der Engel.

[268] Ein junges Mädchen wollte gern in den Wald, um Erdbeeren zu suchen. Da erlaubte es ihm die Mutter und gab ihm Kraut und Speck mit auf den Weg. Als das Mädchen an's Thor kam, saß da ein Engel und bat um etwas zu eßen. Da gab ihm das Mädchen sogleich Alles hin, was es von der Mutter bekommen hatte, und gieng vergnügt weiter in den Wald und suchte sich ein Körbchen voll Erdbeeren. Und wie es nun heimgieng und aus dem Walde trat, stand der Engel wieder da und bat um einige Erdbeeren. Die gab ihm das Mädchen gern. Dann sprach der Engel: »wenn Du an's Thor kommst, so wirst Du eine Schachtel finden; die mußt Du mitnehmen, mußt sie aber ja nicht eher aufmachen, als bis Du daheim bist.« – Nein, das wollte es auch nicht thun, sagte es, und gieng hin und fand die Schachtel und trug sie flink in das Haus ihrer Mutter und machte sie dann auf: da war sie ganz voll von kostbaren Edelsteinen und von Goldstücken, also, daß das Mädchen auf einmal sehr reich geworden war.

Das hörte ein anderes Mädchen und wollte nun auch[268] in den Wald um Erdbeeren zu suchen, und bekam auch von der Mutter Kraut und Speck mit auf den Weg. Als es nun an das Thor kam, saß da der Engel und bat:


»Gib mir auch ein wenig Kraut und Speck!«


das Mädchen aber antwortete:


»Iß Du en Dreck!«


und gieng weiter und suchte sich im Walde einen ganzen Korb voll Erdbeeren. Und als es aus dem Walde kam, war auch derselbe Engel wieder da und bat:


»Gib mir auch ein paar Erdbeern!«


»Die Erdbeern eß' ich selber gern,«


sagte das Mädchen und gab ihm auch dießmal nichts und gieng weiter, worauf der Engel ihr nachrief: »Nun so geh nur hin! am Thore wirst Du eine Schachtel finden; die darfst Du mitnehmen, mußt sie aber zu Haus erst aufmachen.«

Ei, wie konnte das Mädchen da laufen bis sie an das Thor kam und die Schachtel fand! Da war sie ganz außer sich vor Freude. Als sie aber nach Haus kam und die Schachtel aufmachte – was war darin? – lauter kleine schwarze Teufelchen.

Quelle:
Ernst Meier: Deutsche Volksmärchen aus Schwaben. Stuttgart 1852, S. 268-269.
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