II.

[195] Hlavata Ohrringle war mit sorgenschwerer Miene von einem Vororte zurückgekehrt und sammelte seine Gedanken. Er hatte dort einen alten Rosenkreuzer, einen gewissen Eckstein, aufgesucht und um Rat gefragt. –

Eckstein, nachdem er lange zugehört, war in die Worte ausgebrochen: »Dies ist ein Mysterium von unerhörter Tiefe. Ich war nämlich der Allererste,[195] der den Querschnitt solcher Wahrnehmungen in den Schriften des Kabbalisten Rabbi Gikatilla, natürlich in verborgener Form, wieder fand. Was Basilius Valentin in seinem Traktate ›der Triumphwagen des Antimonii‹ Seite 712 darüber sagt, ist lediglich symbolisch oder analogisch, das heißt: nur dem faßlich, dessen Seele in die Tiefe der Gottheit getaucht ist.« – Und wenn sich Hlavata Ohrringle für Visionen in glänzenden Gegenständen interessiere, so sei am geeignetsten dazu eine japanische Kristallkugel. Wohl befänden sich augenblicklich alle, die bisher nach Europa gekommen, in den Händen eines finsteren schwarzen Magiers namens Fahlendien, in Wien. – Die genaueste Auskunft über das gesehene Bild könne aber jedenfalls ein in Berlin lebender irrsinniger Maler namens Christophe geben – wenn er wolle.

All das konnte Ohrringle natürlich nicht genügen, und er machte Tag um Tag neue Experimente mit der Flüssigkeit.

Seine Versuche blieben in der Stadt kein Geheimnis und bildeten das Tagesgespräch. Lächerlich – so hieß es – lächerlich das ganze; wie könne man in einem Kugelspiegel alle Dinge sehen. Die meisten Dinge lägen doch im Weltraume hintereinander, und eines mache dadurch das andere unsichtbar.[196]

Das schien allen sehr einleuchtend, und um so erstaunter war man, als man in einer auswärtigen Zeitung die ganz entgegengesetzte Meinung eines englischen Forschers las, – die dahin ging, daß es theoretisch gar wohl möglich sei, sogar durch Mauern und verschlossene Kasten hindurch zu sehen; man möge doch nur an die Röntgenstrahlen denken – gegen welche z.B. bloß Bleiplatten Schutz gewährten. – Jeder Gegenstand auf der Welt sei im Grunde genommen doch nichts anderes, sozusagen, als ein feines Sieb aus wirbelnden Atomen gebildet, und wenn man die richtige Strahlenart fände, gäbe es eben auch kein Hindernis für seine Durchleuchtung.

Dieser Zeitungsartikel rief besonders in behördlichen Kreisen Erregung hervor. – Ganz eigentümliche »Reservaterlässe« sickerten ins Publikum: – von den Diplomaten seien z.B. Befehle an die Attachés ergangen, daß sämtliche Akten – augenblicklich in Blei kassetten zu versperren seien; es werde ferner eine gründliche Reorganisation auch der Provinzpolizei ins Auge gefaßt, – ja man sei zur Hebung der »Geheimpolizei« bereits mit Rußland in Verbindung getreten, um von dort eine Menge Bluthunde – im Tausche gegen überzählige Schweinehunde des Inlandes – einzuführen; – und dergleichen mehr.[197]

Natürlich wurde Hlavata Ohrringle streng überwacht, – um so strenger, je zufriedener er auf seinen Spaziergängen aussah; und als er eines Tages mit geradezu strahlender Miene auf der Esplanade erschien, – beschloß man behördlicherseits, auf das rücksichtsloseste vorzugehen, zumal man gar wohl in Erfahrung gebracht, – daß er immer nur lächle, wenn von Diplomaten die Rede sei, ja sogar einmal – befragt, was er von der Kunst der Diplomatie halte – geantwortet habe: kein Schwindel könne sich auf die Dauer halten.

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Und eines Tages – es war wieder ein Marientag – wurde Hlavata Ohrringle – gerade als er bei seinem geheimnisvollen Tropfen saß – verhaftet und unter der Anschuldigung des mehrfachen Muttermordes in Gewahrsam gesteckt.

Die seltsame Flüssigkeit aber wurde eingezogen und zur Prüfung den Gerichtschemikern überwiesen.

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Man kann darüber nur hoch erfreut sein, denn fraglos muß jetzt die Wahrheit über die Diplomaten voll und ganz ans Tageslicht kommen.

– Ehüm – ans Tageslicht kommen. –[198]

Quelle:
Gustav Meyrink: Gesammelte Werke, Band 4, Teil 2, München 1913, S. 195-199.
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