Vierter Auftritt.

[53] Baal-Haanan winkt, der Vorhang öffnet sich. Sulamith in langem schwarzen Schleier, umgeben von ihren Gespielinnen und einer Schar von Jünglingen. Baal-Haanan geht ab.


CHOR.

Wie Jephthas Tochter zieht sie, Gott geweiht,

Aus Kedrons Talen in die Einsamkeit!

O weinet laut![53]

SALOMON.

Sprich, Sulamith, was hast du mir zu künden?

SULAMITH tritt allein vor, alle andern bleiben im Hintergrunde.

Die Stunde, die ihn mir geraubt,

War meine Totenfeier,

Die Blumen riß ich mir vom Haupt

Die Locken schnitt ich mir vom Haupt

Und nahm den Witwenschleier!

Dem Ew'gen hab' ich mich geweiht,

Und fern in öden Mauern

Will ich in heil'ger Einsamkeit

Um meine Jugend trauern.


Schmerzüberwältigt bedeckt sie weinend und vom Könige abgewendet ihr Gesicht mit beiden Händen.


Doch eh' ich in des Todes Tal

Zur ew'gen Ruhe ziehe,

Umfass' ich noch zum letztenmal,

Mein König, deine Kniee:

O laß ihn durch dein Machtgebot

Die Freiheit, Herr, erwerben,

:,: Errette mir den Freund vom Tod,

Und selig will ich sterben! :,:

CHOR etwas näher tretend.

O laß ihn durch dein Machtgebot

Die Freiheit, Herr, erwerben,

Rette ihr den Freund vom Tod,


Noch näher tretend.


Nur du kannst Gnade geben.


Sulamith ist, in Tränen erstickt, mit beiden Händen das Gesicht bedeckend, vor Salomon in die Knie gesunken. Der Chor kniet mit Sulamith zugleich nieder.


SALOMON.

Vor meinem Auge sinkt die Hülle,

Der Zukunft Lichtstrahl dämmert schon.

CHOR.

Horch, lauscht in ehrfurchtvoller Stille!

Alle erheben sich langsam und stille. Sulamith steht,

den König anstarrend, in gespanntester Erwartung.
[54]

SALOMON prophetisch.

Sieh, dort am fernen Wüstensaum,

Bei dem Asyl der Gottgeweihten

Hebt einsam sich ein Palmenbaum,

Dorthin wirst du die Schritte leiten.

Der Ostwind weht in seinen Blättern,

In Purpur hüllt der Abend sich,

Der Friede senkt nach Sturmeswettern

Sich über ihn und über dich!

SULAMITH.

O süße Hoffnung sei mein Stab,

Leb wohl, ich zieh' in mein Grab!

CHOR.

O weinet laut!

Der König schreitet, Sulamith mit einer Gebärde auf den Trost des Himmels verweisend, dem Ausgang zu. Dort wendet er sich nochmals, geht heftig bewegt auf Sulamith zu, faßt ihre beiden Hände, sie voll Teilnahme anblickend, legt ihr die Hand wie segnend aufs Haupt und geht dann schmerzbewegt ab. – Indem Sulamith, die während der stummen Szene in sich gesunken und bewegungslos gestanden, und alle übrigen sich zum Ausgang wenden, fällt langsam der Vorhang.
[55]

Quelle:
Karl Goldmark: Die Königin von Saba, nach einem Text von H.S. Mosenthal, Leipzig [1912], S. 53-56.
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