Fünfter Brief.1

[101] London, den 20sten Nov. 1826.


Geliebte Freundin!


Reisenden möchte ich den Rath geben, in fremde Länder nie Diener aus dem Vaterlande mitzunehmen, am wenigsten, wenn man sich einbildet, dadurch zu[102] ersparen, heut zu Tage immer ein wichtiges Objekt. Diese Oekonomie gehört aber zu denjenigen, von denen eine mehr kostet, als vier Verschwendungen, und man hängt sich überdieß ein Gewicht an, das vielfach hinderlich ist.

Solche weise Betrachtungen wurden bei mir durch meinen alten Kammerdiener erweckt, der im Begriff ist, in englischen Spleen zu verfallen, weil er zuviel Schwierigkeiten findet, täglich hier – Suppe zu seinem Mittagessen zu erhalten, und mit Thränen in den Augen dieser geliebten Speise zu Hause gedenkt. Er mahnt mich an die preußischen Soldaten, die bei Strömen von Champagner die französischen Bauern prügelten, weil sie ihnen kein Stettiner Bier vorsetzen wollten.

Wahr ist es, die Engländer mittlerer Klasse, an eine nahrhafte Fleischkost gewöhnt, kennen nordische Wasser- und Brühsuppen nicht, und was bei ihnen so heißt, ist ein verhältnißmäßig ebenso theures als[103] hexenmäßiges Gebräu von allen Sorten Pfeffern und Gewürzen beider Indien. Die Schilderung meines Getreuen, als er zum erstenmal einen Löffel davon in den Mund bekam, wäre werth gewesen, bei Peregrine Pickle's antikem Mahle zu figuriren, und verkehrte meinen Aerger in lautes Lachen. Doch sehe ich voraus, daß an dieser Klippe seine Anhänglichkeit an mich scheitern wird, denn unsre Deutschen sind und bleiben eigenthümliche Naturen, länger als Andere am Gewohnten haltend, es sey nun Glaube, Liebe oder Suppe.

In Ermangelung der Gesellschaft sind die verschiedenen Clubs, zu welchen jetzt auch Fremde Zutritt erhalten können, was sonst nicht der Fall war, eine große Annehmlichkeit. Der Gesandte hat mir zu zweien derselben Einlaß verschafft, den United Service-Club, wo ausser den fremden Gesandten nur Militair, und zwar nur Staabsoffiziere aufgenommen werden können, und den Travellers-Club, in dem zwar jeder gebildete Fremde, der gut empfohlen ist, zugelassen wird, wo man aber, auf eine etwas demüthigende Art, alle drei Monat um erneuete Erlaubniß nachsuchen muß, worauf fast unartig streng und mit dem Tage gehalten wird.

In Deutschland macht man sich wohl eben so wenig von der Eleganz und dem Comfort, als auch von der strengen Handhabung der Clubs-Gesetze, die hier herrschen, einen deutlichen Begriff.

Alles, was Luxus und Bequemlichkeit ohne Pracht erfordern, findet man hier so gut, als in dem wohlgehaltendsten[104] Privathause vereinigt. Treppen und Stuben sind mit stets frischen Teppichen geziert, und rugs (bunt gefärbte und präparirte Schaaffelle mit der Wolle), vor die Thüren gelegt, um den Zug zu verhindern; marmorne Kamine, schöne Spiegel, (immer aus einem Stück, welches zu dem soliden englischen Luxus gehört) Profusion von Meubles etc., machen jedes Zimmer höchst comfortable. Selbst die Wage, um mit Leichtigkeit jeden Tag seine eigne Schwere bestimmen zu können, eine besondere Liebhaberei der Engländer, fehlt nicht. Die zahlreiche Dienerschaft erblickt man nie anders als in Schuhen und auf das Reinlichste in Civiltracht und Livree gekleidet, und ein Portier ist immer auf seinem Posten, um Ueberröcke und Parapluies abzunehmen. Dieser letztere Gegenstand verdient in England Aufmerksamkeit, da Regenschirme, die dort leider so nöthig sind, auf eine ganz unverschämte Weise gestohlen werden, wenn man, es sey wo es wolle, nicht sehr genau auf ihre Verwahrung sieht. Dies ist so notorisch, daß neulich in einer Zeitung von einem gewissen Tugendbunde, der Preise für die edelste Handlung austheilt, erzählt wurde: »die Wahl sey das letztemal sehr schwer geworden, und man wäre schon im Begriff gewesen, ein Individuum zu krönen, das seit mehreren Jahren seinen Schneider richtig bezahlt habe, als ein Anderer noch nachgewiesen, daß er zweimal bei ihm vergessene Parapluies zurückgegeben. Bei dieser unerhörten That, setzt der Journalist hinzu, gerieth die Gesellschaft zuerst in[105] stummes Staunen, daß so viel Edelmut noch in Israel gefunden werde, dann aber ließ rauschender und enthusiastischer Beifall den zu krönenden Sieger nicht länger mehr zweifelhaft.«

Bei der eleganten und wohl furnierten Library ist ebenfalls immer Jemand bei der Hand, die verlangten Bücher zu suchen. Alle Journale trifft man wohlgeordnet im Lesezimmer an, und daneben im Carten-Kabinet2 eine Auswahl des neuesten und besten in diesem Fach. Dieses ist so eingerichtet, daß sämtliche Carten, zusammengerollt, in abnehmender Länge an den Wänden übereinander hängen, und jede an einer in der Mitte befindlichen Schnur über die unteren leicht zur Besichtigung herabgezogen werden kann. Der Zug an einer Seitenschnur rollt hingegen, durch einen einfachen Mechanismus, die Carte mit großer Schnelligkeit wieder auf. Das betreffende Land ist auf dem runden Mahagonistabe, auf dem sich die Carte rollt, mit so großen Buchstaben verzeichnet, daß auch die vom Auge entfernteste Inschrift bequem gelesen wird. Auf diese Weise kann man in einem ganz kleinen Kabinet eine große Menge Carten übereinander anbringen und alle ohne die mindesten Umstände, wie man sie eben braucht, augenblicklich[106] finden und besichtigen ohne die andern zu derangieren.

Die Tafel, ich meine das Essen, (bei den meisten doch die Hauptsache, und bei mir auch nicht die letzte) wird größtenteils durch französische Köche gut, und zugleich so wohlfeil versorgt, als es in London möglich ist. Da der Club auch die Weine anschafft, und zu den Selbstkosten wieder verkaufen läßt, so sind diese sehr trinkbar und billig. Daß aber überhaupt in London der Gutschmecker, selbst in den besten Häusern, fast immer die feinsten Weine vermissen muß, kömmt aus der sonderbaren Gewohnheit der Engländer (und dieses Volk hängt an Gewohnheiten fester, als die Auster an ihrer Schale) sich ihre Weine nur von Londoner Weinhändlern liefern zu lassen, und sie nie selbst, wie wir zu thun pflegen, aus den Ländern zu beziehen, wo sie wachsen. Da nun diese Händler den Wein in solchem Grade verfälschen, daß vor kurzem noch einer von ihnen, der verklagt wurde, so und so viel tausend Flaschen Claret und Portwein in seinen Kellern zu haben, die nicht von ihm versteuert worden wären, bewies, daß aller dieser Wein von ihm selbst in London fabricirt sei, und dadurch der Strafe entging – so kann man denken, welche Gebräue man oft unter den wohlklingenden Namen von Champagner, Lafitte u.s.w. zu trinken bekömmt. Jedenfalls aber kaufen fast nie die Händler das allerbeste, was im Vaterlande des Weins zu haben ist, aus dem natürlichen Grunde, weil sie wenig oder gar keinen Profit daran machen[107] könnten, oder sie benutzen wenigstens solches Gewächs nur, um andern schlechten Wein damit passieren zu machen.

Entschuldige diese Weindigression, welche Dich, die nur Wasser trinkt, eben nicht sehr interessieren kann, aber Du weißt einmal, ich schreibe für uns Beide, und mir, ich gestehe es, ist der Gegenstand nicht unwichtig. Gern »führe ich Wein im Munde.«

Doch zurück zu unsern Clubs. Die Verschiedenheit der englischen Sitten kann man hier gleich beim ersten Abord weit besser beobachten als in der großen Welt, die sich immer mehr oder weniger gleicht, während hier dieselben Individuen, die zum Theil jene bilden, sich weit ungenirter zeigen.

Fürs erste muß der Fremde die raffinierte Bequemlichkeit bewundern, mit der der Engländer zu sitzen versteht, so wie man auch gestehen muß, daß, wer die genialen englischen Stühle aller Formen, und für alle Grade der Ermüdung, Kränklichkeit und Konstitutions-Eigentümlichkeit berechnet, nicht kennt, wirklich einen guten Theil irdischen Lebensgenusses entbehrt. Es ist schon eine wahre Freude, einen Engländer nur in solchem bettartigen Stuhl am Kaminfeuer sitzen, oder vielmehr liegen zu sehen. Eine Vorrichtung an der Armlehne, einem Notenpulte ähnlich, und mit einem Leuchter versehen, ist vor ihm so aufgeschlagen, daß er sie mit dem leisesten Druck sich beliebig näher bringen oder weiter entfernen, rechts oder links schieben kann. Außerdem[108] nimmt eine eigne Maschine, deren stets mehrere an dem großen Kamine stehen, einen oder beide seiner Füße auf, und der Hut auf dem Kopfe vollendet das reizend behagliche Bild.

Dies letztere wird dem nach alter Art Erzogenen am schwersten nachzuahmen, der sich immer eines kleinstädtischen Schauers nicht erwehren kann, wenn er abends in den hellerleuchteten Salon des Clubs tritt, wo Herzöge, Ambassadeurs und Lords zierlich angezogen an den Spieltischen sitzen, und er nun, um es den Fashionables nachzumachen, den Hut aufbehaltend, an eine Whist-Parthie treten, diesem oder jenem zunicken, und dann gelegentlich eine Zeitung ergreifen, sich in einen Sopha damit niederfallen lassen, und nur nach einiger Zeit den, ihn obendrein vielleicht noch abscheulich inkommodierenden Hut, nonchalamment neben sich werfen, oder, wenn er nur wenige Minuten bleibt, gar nicht ablegen soll.

Die Sitte des halben Niederlegens statt Sitzens, gelegentlich auch der Länge nach auf den Teppich zu den Füßen der Damen, ein Bein über das andre so zu legen, daß man den einen Fuß in der Hand hält, die Hände im Ausschnitte der Westenärmel tragen u.s.w., dies alles sind Dinge, die bereits in die größten Gesellschaften und ausgesuchtesten Zirkeln übergegangen sind; es ist daher wohl möglich, daß das Hutaufbehalten gleichfalls zu dieser Ehre gelangt, um so mehr, da auch die Pariser Gesellschaft jetzt das umgekehrte Verhältnis gegen sonst aufstellt, nämlich,[109] wie ihr ehemals ganz Europa nachäffte, jetzt, (oft auf ziemlich groteske Weise), nicht verschmäht, selbst den Affen der Engländer zu machen, und sogar – wie gewöhnlich bei solchen Gelegenheiten – oft noch über das Original zu rencherieren.

In dem Travellers-Club belustigte mich in dieser Hinsicht besonders ein vornehmer Fremder aus dem Süden, der, wahrscheinlich als Satyre auf diese Sittenlicenz und edle Grobheit im Äussern, gleich den Chinesen sich durchaus nicht genirte, sehr häufig beim Spiel gewisse Laute mit geöffnetem Munde auf's vernehmlichste von sich zu geben, die ehemals wohl kaum in Schenken gestattet worden wären.

Der Zug ist nicht appetitlich, aber für den Londner Traveller-Club doch charakteristisch.

Dagegen nimmt man es Fremden sehr übel, wenn sie im Eßsaal, der doch im Grunde nichts als eine elegante Restauration ist, und wo jeder auch, wie dort, seine Zeche nach vollendeter Mahlzeit bezahlt, mit einem der Diener, der schlecht bedient, lange warten läßt oder eins statt des andern bringt, schmälen, oder überhaupt etwas laut oder herrisch ihre Befehle geben, obgleich die Engländer selbst sich dies sehr oft dort und noch vielmehr bei uns erlauben. Ja es wird sogar nicht gerade als unschicklich, doch aber als fatal und unangenehm angesehen, wenn jemand während des Mittagessens liest, weil dies in England nicht Mode ist, und da unter andern ich selbst diese Unart in hohem Grade an mir habe,[110] bemerkte ich schon einigemal satyrische Zeichen des Mißfallens darüber, von diesem und jenem Insulaner von altem Schroot und Korn, der den Kopf schüttelnd an mir vorüberging. Man muß sich überhaupt in acht nehmen, so wenig wie möglich irgend etwas anders zu machen, als die Engländer, und ihnen doch auch nicht alles nachahmen, weil keine Menschen-Race intoleranter seyn kann, die meisten aber ohnedies die Aufnahme Fremder in ihre geschlossenen Gesellschaften nur ungern sehen, alle aber es für eine ausgezeichnete Faveur und Gnade halten, die uns dadurch erzeigt wird. Eine große Bequemlichkeit wenigstens, und besonders Ökonomie ist der gestattete Besuch der Clubs bei der Theuerkeit der englischen Wirtshäuser und dem Mangel an Restaurationen und Kaffeehäusern nach Art des Kontinents, gewiß.

Unter allen Verstößen gegen englische Sitte jedoch, die man begehen kann, und wofür Einem wahrscheinlich der fernere Eintritt ganz versagt werden würde, sind folgende drei die größten: das Messer wie eine Gabel zum Munde führen; Zucker oder Spargel mit den Händen nehmen; oder vollends gar irgendwo in einer Stube ausspucken. Dies ist allerdings zu loben, und gebildete Leute aller Länder vermeiden dergleichen ebenfalls, (wiewohl auch hierin sich die Sitten sehr ändern, denn der Marschall von Richelieu erkannte einen Aventurier, welcher sich für einen vornehmen Mann ausgab, bloß daran, daß er Oliven mit der Gabel, und nicht mit den Fingern nahm), nur die außerordentliche Wichtigkeit[111] ist lächerlich, welche hier darauf gelegt wird, namentlich ist das letzt erwähnte Crimen in England so pedantisch verpönt, daß man ganz London vergebens durchsuchen würde, um so ein Meubel, wie ein Spucknapf ist, in irgendeinem Laden aufzufinden. Ein Holländer, der sich deßhalb sehr unbehaglich hier fühlte, behauptete ganz entrüstet, der Engländer einziger Spucknapf sey ihr Magen.

Dies sind, ich wiederhole es, mehr als triviale Dinge, aber die besten Lebensregeln in der Fremde betreffen fast immer Trivialitäten. Hätte ich zum Beispiel einem jungen Reisenden einige allgemeine Regeln zu geben, so würde ich ihm ganz ernsthaft raten: In Neapel behandle die Leute brutal; in Rom sey natürlich; in Östreich politisiere nicht; in Frankreich gib dir keine Airs, in Deutschland recht viele, und in England spucke niemals aus. Damit käme der junge Mann schon ziemlich weit durch die Welt.

Was man mit Recht bewundern muß, ist die zweckmäßige Einrichtung alles zur Ökonomie des Lebens Gehörigen, und aller öffentlichen Etablissements in England, so wie die systematische Strenge, mit der das einmal Festgesetzte ohne Nachlassung befolgt wird. In Deutschland schlafen alle guten Einrichtungen bald ein, und nur neue Besen kehren gut. Hier ist das ganz anders, dagegen verlangt man auch nicht von jedem Alles, sondern strikte nichts mehr als was seines Amtes ist. Die Behandlung der[112] Dienerschaft ist ebenso vorzüglich, als die Dienstverrichtung dieser. Jeder hat seinen vorgeschriebenen Wirkungskreis, in dem man aber auch die genaueste Pflichterfüllung fordert, und bei Nachlässigkeiten immer weiß, an wen man sich zu halten hat. Dabei ist den Dienstboten auch vernünftige Freiheit, und einige Zeit für sich selbst gestattet, die der Herr sorgsam respektiert. Die ganze Behandlung der dienenden Klasse ist weit anständiger, und mit weit mehr Egard gegen dieselbe verbunden als bei uns, obwohl sie von aller Vertraulichkeit so gänzlich ausgeschlossen bleibt, und eine solche Ehrfurcht von ihr gefordert wird, daß Diener in dieser Hinsicht mehr wie Maschinen als Menschen betrachtet werden. Dies und ihre gute Bezahlung bringt es ohne Zweifel hervor, daß verhältnißmäßig wirklich die dienende Klasse in ihrer Art den meisten äussern Anstand in England besitzt.

Es wäre sogar in sehr vielen Fällen ein sehr verzeihlicher Verstoß des Fremden, wenn er zuweilen den Kammerdiener für dessen Lord begrüßte, besonders wenn er Höflichkeit und gewandte Tournure für das Auszeichnende eines vornehmen Mannes hielte, denn dieser Maßstab würde in England keineswegs passend seyn, wo, ohne alle Übertreibung, die erwähnten Vorzüge, obgleich sonst bei vortrefflichen und wesentlichen Eigenschaften, und auch mit sehr glänzenden einzelnen Ausnahmen, doch bei der Mehrheit der Vornehmen nicht angetroffen werden. Den Männern steht übrigens ihr, wenn auch[113] oft an Grobheit streifender, Übermuth und die hohe Meinung von sich selbst noch nicht so übel an, bei den Weibern aber wird es eben so widrig, als bei andern Engländerinnen das vergebliche Bemühen, continentale Grazie und Leichtigkeit zu affektieren.

Ich lobte vorher die Zweckmäßigkeit der hiesigen Einrichtungen, und will Dir zum Beleg die Organisation des Spielsaals im Traveller-Club beschreiben. Es ist dieser Verein kein eigentlicher Spiel-Club, sondern wie sein Name schon anzeigt, ein speziell für Reisende bestimmter, daher auch nur solche wirkliche Mitglieder desselben seyn können, die eine gewisse bedeutende Anzahl von Meilen auf dem Continent gereist, oder vielmehr umhergefahren sind, doch findet man eben nicht, daß sie deßhalb weniger englisch geworden wären, was ich auch nicht tadeln will. Also, obgleich kein Spiel-Club, wird doch bei den Travellers sehr hoch Short-Whist und Ecarté, aber kein Hazard gespielt.

In unsern Casinos, Resourcen u.s.w. muß sich der Spiellustige immer erst mühsam eine Parthie aussuchen, und sind die Spieltische besetzt, vielleicht Stunden lang warten, ehe einer leer wird. Hier ist es Gesetz, daß Jeder der kömmt, sobald an irgend einem Tische ein Rubber beendigt ist, sogleich in diese Parthie eintreten darf, und dann der, welcher bereits zwei Rubber nach einander gespielt, austreten muß. Dies hat auch das Angenehme, daß, wenn man an dem einen Tisch verloren hat, und glaubt, das Glücke[114] liege am Platze, aufstehen, und bald darauf besseres an einem andern aufsuchen kann.

In der Mitte des Saals steht ein Büreau, an welchem ein Commis postirt ist, der klingelt, sobald man etwas von den Waiters verlangt, die Rechnung führt, auch bei streitigen Fällen die classischen Werke über das Whist herbeibringt. Denn nie wird auch das geringste Versehen gegen die Regel, ohne die darauf gesetzte Strafe zur Folge zu haben, durchgelassen, was allerdings für den, der nur zur Unterhaltung spielen will, etwas peinlich wird, aber doch eigentlich zweckmäßig ist, und gute Spieler bildet. Derselbe Commis verabreicht auch jedem Spieler die Marken. Um nämlich der großen Unannehmlichkeit auszuweichen, mit einem bösen Zahler zusammen zu kommen, der zwar viel verliert, aber nichts berichtigt, und solche gibt es in England nicht weniger, als anderwärts, so ist der Club selbst der allgemeine Zahler. Bares Geld erscheint (schon der Reinlichkeit wegen sehr angenehm) gar nicht, sondern jeder erhält, so wie er sich zum Spiel hinsetzt, ein Körbchen Marken von verschiedener Form, deren Wert mit Zahlen darauf bemerkt ist, und welche der Commis in sein Buch einträgt. Verliert er sie, so verlangt er neue, u.s.w. Ehe man weggeht, berechnet man sich mit dem Rechnungsführer, constatiert entweder den Verlust, oder liefert, wenn man gewonnen, die aquirirten Marken aus. In beiden Fällen erhält man über das Resultat eine Karte eingehändigt, die das Duplikat der Berechnung im Contobuche enthält.[115]

Sobald einer auf diese Weise über 100 L. St. schuldig ist, muß er den andern Morgen an den Commis Zahlung leisten, dagegen Jeder, der etwas zu fordern hat, es zu allen Zeiten realisiren kann.

Ich muß indes, der Wahrheit zu Ehren, bekennen, daß im Traveller-Club diese letzte Regel gegen Fremde sehr schlecht beobachtet, und Engländer von Seiten des Commis, höchst wahrscheinlich mit stillschweigender Duldung der Direktion, dabei sehr protegirt wurden. Ich selbst und mehrere meiner Freunde haben schon zu verschiedenen Malen, ich Wochen und jene Monate lang keine Zahlung erhalten können, wogegen der Verlust von uns immer sehr pünktlich eingefordert ward, und der Commis selbst sich auf unsre Beschwerde damit entschuldigte, daß dieser Engländer 600, jener 1000 und noch mehr schuldig geblieben, oder gar abgereist sey, ohne zu bezahlen, man diese Summen daher jetzt nicht eintreiben könne, welches die Kasse momentan ausser Stand setze, ihre Verbindlichkeiten zu erfüllen. Dies ist aber nur eine üble Ausnahme, und fällt in den andern Clubs, wie ich von allen hörte, nie vor, verdiente aber eben deßhalb auch eine öffentliche Rüge.

Es wäre sehr zu wünschen, daß wir in unsern deutschen Städten die Organisation der englischen Clubs nachahmten, welches, wenn auch mit weniger Luxus, weil wir ärmer sind, doch im Wesentlichen sehr thunlich wäre – dabei aber auch den Engländern in sofern Gleiches mit Gleichem vergölten, daß wir[116] nicht ewig vor ihrem Gelde und Namen in einer kindisch-sclavischen Admiration auf den Knieen lägen, sondern ihnen mit aller Humanität, und immer noch mit mehr Artigkeit, als sie uns in England bezeigen, doch fühlen ließen, daß wir Deutsche in Deutschland Herren vom Hause sind, und folglich mehr Ansehn zu behaupten und zu fordern haben als sie, die ohnedieß nur zu uns kommen, entweder um zu sparen, oder sich ein wenig abzuhobeln und vornehme Liaisons zu formiren, die ihnen bei mittlerm Stande zu Hause verschlossen bleiben, oder mit Behaglichkeit sich zu überzeugen, daß, den physischen Lebensgenuß betreffend, wir gegen sie noch halbe Barbaren sind.

Es ist in der Tat unbegreiflich und ein wahres Zeichen, daß es hinreichend ist, uns nur schlecht und geringschätzend zu behandeln, um von uns verehrt zu werden, daß bei uns, wie schon erwähnt, der bloße Name Engländer statt des höchsten Titels dient, weshalb auch jeden Augenblick ein Mensch, der in England, wo die ganze Gesellschaft bis zur niedrigsten Stufe hinab so schroff aristokratisch ist, kaum in den vulgärsten Zirkeln Einlaß erhält, in deutschen Ländern bei Hofe und vom vornehmsten Adel fetirt und auf den Händen getragen, jede seiner Verstöße und Unbehilflichkeiten aber als eine liebenswürdige englische Originalität angesehen wird, bis zufällig ein wirklich angesehener Engländer in den Ort kommt, und man nun mit Erstaunen erfährt, daß man nur[117] einem Fähndrich auf half pay, oder gar einem reichen Schneider oder Schuster so viel Ehre erwiesen hat. Ein solches niedres Individuum ist indessen doch wenigstens höflich, die Impertinenz mancher Vornehmen dagegen geht wirklich über jeden Begriff.

Ich weiß, daß in einer der größten Städte Deutschlands ein liebenswürdiger Prinz des K ... Hauses, der noch zu sehr angloman ist, weil er die Engländer nicht in ihrem Lande gesehen, und sie nur nach seiner eigenen jovialen Ritterlichkeit beurtheilt, übrigens auch ihre Pferde und Wagen mit Recht liebt, einen englischen Viscount, der kaum angekommen, und ihm noch nicht präsentirt worden war, zur Jagd einladen ließ, worauf dieser erwiederte: er könne davon nicht profitiren, denn der Prinz sey ihm ganz unbekannt. Es ist wahr, daß einem Fremden in England nie eine solche Artigkeit geboten werden würde, wo die Einladung eines Großen zu einem einzigen Mittagsessen (denn mit Einladungen zu Soirees und Routs etc. ist man, um das Haus zu füllen, sehr freigebig) schon als die ausgezeichnetste Ehrenbezeigung von ihm betrachtet wird, die er, selbst vornehmen Fremden erzeigen zu können glaubt, und welche immer entweder eine schon lange dauernde Bekanntschaft, oder gewichtige schriftliche Empfehlung voraussetzt – eine solche Zuvorkommenheit aber, wenn sie einmal durch ein Wunder in England stattfände, so aufzunehmen, wie[118] dieser tölpische Lord, würde gewiß keinem gebildeten Mann auf dem ganzen Kontinent möglich seyn.3


Den 21sten.


Ich besuchte gestern früh L ..., um Deine Kommission zu besorgen, fand ihn jedoch nicht zu Haus, statt seiner aber zu meiner großen Freude einen Brief von Dir, den ich so ungeduldig zu lesen war, daß ich gleich in seiner Stube blieb, um ihn zwei bis dreimal emsig durchzuforschen. Deine Liebe, die mir so viel wie möglich alles Unangenehme zu ersparen sucht, und mich nur von dem unterhält, was ich gern höre, erkenne ich gar dankbar, dennoch mußt Du mich nicht mehr schonen, als Du ohne Gefahr für die Geschäfte thunlich glaubst. Du machst übrigens eine weit bessere Schilderung vom Inhalt meiner Briefe, als diese selbst darzubieten imstande sind, und es ist ein sehr liebenswürdiger Fehler von Dir, mich so artig zu überschätzen. Liebe malt mit Zauberfarben das Geringste herrlich, aber wohl mag[119] ich mir auch die Gerechtigkeit wiederfahren lassen, daß Du durch so genaue Verhältnisse Gelegenheit hattest, Eigenschaften an mir kennen zu lernen, die vielleicht einigen wahren Werth haben, und die sich dem gewöhnlichen Blicke nicht erschließen, sondern, wie die Sensitive, bei der unsanften Berührung der Welt schnell zurückziehen. Dies tröstet mich – aber schmerzlich ist mir Deine Äußerung: Du fändest alles, was Du selbst schreibest, so gehaltlos, daß Du glaubtest, der Schmerz der Trennung von mir habe Dich geistesschwach gemacht. Verlange ich denn Phrasen? Wie viel lieblicher ist das natürliche trauliche Geschwätz, das sich unbekümmert gehen läßt, und innig herzlich folglich vortrefflich ausdrückt. Besonders freuen mich Deine Empfindungen bei dem, was ich Dir mittheile, denn sie sind immer ganz so, wie ich sie erwarte und theile.

Folge Deiner Freundin in die Residenz. Das wird Dich zerstreuen, und Du zugleich dort Gelegenheit finden, manches für unsre Angelegenheiten zu thun. Les absens ont tort, vergiß das nicht. B ...s Leichtsinn muß ich tadeln. Wer seinen Ruf vor der Welt, sey er auch im Innern ein Engel an Güte und Tugend, nicht achtet, wem es einerlei ist, was man von ihm sagt, ja wer sich vielleicht sogar damit belustigt, der wird durch die Bosheit der Menschen den guten Ruf gewiß bald und schnell verloren haben, und sich dann ohngefähr in der Lage Peter Schlehmiels befinden, der seinen Schatten weggegeben hatte. Er hielt es erst für nichts, so etwas Unwesentliches zu entbehren, und konnte es nachher doch[120] kaum ertragen – nur in der tiefsten Einsamkeit, fern von aller Welt, mit seinen Siebenmeilenstiefeln vom Nord- zum Südpol rastlos schreitend, und allein der Wissenschaft lebend, fand er einige Ruhe.

Am Ende Deines Briefes nimmt, wie ich wohl merke, die Schwermuth wieder die Oberhand, und ich weiß hiervon auch zu reden, mais il faut du courage. In jedem Leben müssen Prüfungszeiten durchgelitten, und der bittere Kelch oft bis auf den letzten Tropfen geleert werden. Verklärt nur die Sonne den Abend, so wollen wir über die Mittagshitze nicht murren.

Doch genug von diesen ernsten Gegenständen, laß mich Dich jetzt, um auf etwas anderes überzugehen, in das Haymarket-Theater führen, das ich neulich besuchte, während der berühmte Liston zum hundertzweitenmale im Charakter des Paul Prye, einer Art Plumpers, das Publikum entzückte. Dieser Schauspieler, der ein Vermögen von 6000 Louisd'or Revenüen erworben haben soll, ist einer von denen, die ich natürliche Komiker nennen möchte, von der Art, wie der Berliner Unzelmann und Wurm waren, und einst Bösenberg und Döring in Dresden; Leute, die auch ohne tiefes Kunststudium, bloß durch die ihnen eigene drollige Weise, sich zu präsentiren, und eine unerschöpfliche Laune, qui coule de source, Lachen erregen, so wie sie nur auftreten, obgleich sie selbst oft im gemeinen Leben hypochondrisch sind, wie es auch bei Liston der Fall seyn soll.[121]

Die berüchtigte Madame Vestris war ebenfalls hier engagirt, die ehemals so viel furore machte, und noch jetzt, obgleich etwas passirt, auf dem Theater sehr reizend erscheint. Sie ist eine vortreffliche Sängerin und noch bessere Schauspielerin, und noch mehr als Liston ein Liebling des englischen Publikums in jeder Hinsicht, besonders berühmt aber wegen ihres schönen Beins, das fast ein stehender Artikel in den Theater-Kritiken der Zeitungen geworden ist, und in Mannskleider von ihr sehr oft etalirt wird. In der Tath ist es von einem Ebenmaas, einem moelleux und Muskelspiel, dessen Anblick für den Kunstfreund hinreissend werden kann. – Ihre Grazie und, ich möchte sagen, der unerschöpfliche Witz ihres Spiels sind dabei wahrhaft bezaubernd, obgleich nicht selten lasziv und zu kokettirend mit dem Publikum. Man kann in manchem Sinne sagen, daß Madame Vestris ganz Europa angehöre. Ihr Vater war ein Italiener, Bartolozzi, der nicht unberühmte Kupferstecher in der sogenannten punctirten Manier, ihre Mutter eine Deutsche und große Virtuosin auf dem Clavier, ihr Mann der famöse französische Tänzer Vestris, sie selbst ist eine Engländerin, und was ihr hiermit noch an Verwandtschaft mit europäischen Nationen fehlen könnte, haben Hunderte der markantesten Liebhaber hinlänglich ausgefüllt. Auch spricht Mad. Vestris mehrere fremde Sprachen mit vollkommenster Geläufigkeit. In der deutschen Broomgirl singt sie unter andern:

»Ach du lieber Augustin ...« u.s.w.[122]

mit ebenso richtiger und deutlicher Aussprache, als der liebenswürdigsten Frechheit.

Wie vornehm sie in ihrem Metier war, und wie sehr die englischen Crösusse sie verdorben hatten, beweiset folgende Anekdote, die mir aus etwas früherer Zeit als authentisch verbürgt wurde. Ein Fremder, der gehört hatte, daß Madame Vestris nicht immer grausam gewesen, sandte ihr bei Gelegenheit ihres Benefizes eine Banknote von 50 Lst., mit der schriftlichen Bitte: sich das Entreebillet Abends selbst abholen zu dürfen. Dies Gesuch ward gewährt, und der junge Mann erschien mit der Zuversicht und der Miene eines Eroberers zur bestimmten Stunde, doch war der Ausgang ganz wider seine Erwartung. Madame Vestris empfing ihn mit gemessener und sehr ernster Miene, und wies ihm stillschweigend einen Stuhl an, den der Überraschte schon um so verlegener einnahm, da er seine Banknote offen in ihrer schönen Hand erblickte.

Mein Herr, sagte sie, Sie haben mir heut früh diese Note für ein Entreebillet zu meiner Benefiz-Vorstellung geschickt, und für ein solches Billet ist es zuviel. Sollten Sie jedoch andere Hoffnungen damit verbunden haben, so muß ich die Ehre haben, Ihnen zu versichern, daß es mehr als zu wenig ist. Erlauben Sie daher, daß ich Ihnen damit zu Hause leuchte.Mit diesen Worten steckte sie die Note am nahen Lichte an, öffnete die Thüre, und leuchtete dem mühsam eine Entschuldigung stotternden, unglücklichen Versucher die Treppe hinab.[123]

Heute hinderte mich ein Diné bei unserm Gesandten, das, beiläufig gesagt, besonders recherchirt war, das Theater zu besuchen, welches ich bisher zu sehr vernachlässigt, und mir daher vorgenommen habe, es nun mit einiger Suite zu cultiviren, um Dir, wenn gleich in detachirten Schilderungen, doch nach und nach einen etwas ausführlichern Rapport darüber abzustatten.

Wir waren ganz en petit comité und die Gesellschaft ungewöhnlich heiter. Unter andern befand sich ein gewisser großer Gourmand unter uns, der viel geneckt wurde, sans en perdre un coup de dent. Endlich versicherte ihm der Fürst E ..., daß, käme er (der Gourmand) je in's Fegfeuer, seine Strafe ohne Zweifel darin bestehen würde, die Seligen fortwährend in seiner Gegenwart essen zu sehen, während er selbst statt ihrer verdauen müsse.

Kurz darauf sprach man von dem alten Lord P ..., der sich so unglücklich fühle, keine Kinder zu haben, ohngeachtet er bloß deshalb eine junge Frau geheiratet hatte. Oh, n'importe, sagte der Fürst, son frère a des enfants tous les ans, et cela revient au même pour la famille. »Pour la famille oui«, erwiederte ich, »mais pas pour lui. Son frère mange et lui digèrer.«

Dieser Scherz machte Glück, und mit dem petillirenden Champagner folgten ihm hundert bessere, die aber meinen Brief zu einem Vademekum machen würden, wenn ich sie alle aufzählen wollte.[124]

Auch Lord – war da, der sich zwar mir gegenüber sehr freundlich benimmt, mir aber, wie ich von guter Hand weiß, in der Gesellschaft soviel als möglich zu schaden sucht . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

Ein Mann von wärmerem Herzen würde Stirn gegen Stirn mich über dieses vermeinte Unrecht zur Rede gestellt haben. Die Diplomaten nehmen aber gar zu gern Fischblut-Elemente in ihre Organisation mit auf, und so zog der edle Lord heimliche Intrigue vor. Glücklicherweise kann ich zu allen solchen Menées lachen, denn wer nichts sucht, und wenig fürchtet, wen die große Welt selbst nur insofern interessirt, als er von Zeit zu Zeit darin Beobachtungsexperimente an sich und andern macht, wer, was das Necessaire wenigstens betrifft, unabhängig ist, und dabei einige wenige, aber sichere Freunde hat, dem ist es schwer, großen Schaden zu thun.

Auch hat die Erfahrung mich abgekühlt, das Blut wallt nicht mehr so unerträglich heiß, und der leichte Sinn hat mich dennoch nicht verlassen, eben so wenig, wie die Fähigkeit, innig zu lieben. Damit genieße ich das Leben jetzt besser, als in der Jugendblüthe, und möchte nicht mit dem früheren Rausche tauschen, ja ich scheue selbst das Alter durchaus bei solchen Dispositionen nicht, und bin überzeugt, daß auch dieser Epoche, wenn sie kömmt, manche herrliche Seite abzugewinnen seyn wird, die man früher[125] nicht ahnet, und welche nur diejenigen nie erkennen, welche ewig Jünglinge bleiben wollen. Ich las neulich ein paar hübsche englische Verse, die etwas Ähnliches berühren, und die ich, nach meiner Art, in Beziehung auf Dich, wie folgt, umwandelte, auf Dich, meine mehr als mütterliche Freundin, welche scheidende Jugend oft zu sehr bedauert. Dies sind die innig gemeinten Worte:


Ist gleich die trübe Wange bleich,

Das Auge nicht mehr hell,

Und nahet schon das ernste Reich,

Wo Jugend fliehet schnell!

Doch lächelt Dir die Wange noch,

Das Auge kennt die Thräne noch,

Das Herz schlägt noch so warm und frei,

Als in des Lebens grünstem Mai.

So denk' denn nicht, daß nur die Jugend

Und Schönheit Segen leiht –

Zeit lehrt die Seele schönre Tugend,

In Jahren treuer Zärtlichkeit.

Und selbst wenn einst die Nacht von oben

Verdunkelnd Deine Brust umfängt,

Wird noch durch Liebeshand gehoben

Dein Haupt zur ew'gen Ruh' gesenkt.

O, so auch blinkt der Abendstern,

Ist gleich dahin der Sonne Licht,

Noch sanft und warm aus hoher Fern',

Und Tages-Glanz entbehrst Du nicht. –


Ja, meine geliebte Julie, so hat auch uns schon die Zeit in Jahren treuer Zärtlichkeit gelehrt, daß nichts mehr ächten Werth als diese haben kann, und gegenseitig sind wir uns ein Abendstern geworden,[126] dessen mildes Licht reichlich den Glanz jener Tagessonne ersetzt, welche gar oft mehr sengt als wärmt.

Ich fuhr mit L ... zu Hause, wo wir noch am traulichen Kamin ein langes Gespräch über unsre in mancher Hinsicht so schwer drückenden Landesangelegenheiten hielten. L. ist sehr gütig für mich, und ich ihm doppelt attachirt, einmal wegen seiner eignen Liebenswürdigkeit und Ehrlichkeit, zweitens aus Dankbarkeit für seinen vortrefflichen Vater, dem wir mehr reellen Dank schuldig sind als dem Deinen, ohne daß er ein andres Motiv dazu hatte, als seine unparteiische Gerechtigkeitsliebe.


Den 23sten.


Eine sonderbare Sitte in England ist das stete Eingreifen der Zeitungen in das Privatleben. Wer von irgend einiger Bedeutung ist, sieht sich nicht nur bei den abgeschmacktesten Kleinigkeiten, z.B. wo er einem Diné oder Abendgesellschaft beigewohnt, ob er verreist ist u.s.w., namentlich aufgeführt (was manche Fremde mit großer Selbstgefälligkeit lesen), sondern er wird auch, arrivirt ihm irgend etwas der Rede werthes, ohne Scheu damit ausgestellt, und ad libitum beurtheilt. Persönliche Feindschaft hat dabei ebenso leichtes Spiel, als die Versuche, Freunde geltend zu machen, ja gar viele benutzen die Zeitungen zu Artikeln für ihren Vorteil, die sie selbst[127] liefern, und die fremden Gesandtschaften cultiviren diese Branche angelegentlichst.

Man sieht, welche gefährliche Waffe sie abgiebt, aber glücklicherweise führt das Gift auch gleich sein Gegengift bei sich, und dieses besteht in der Gleichgültigkeit, in der allgemeinen Blasirung, mit der dergleichen vom Publikum aufgenommen wird. Ein Zeitungsartikel, nach dem sich ein Continentaler drei Monate lang nicht würde sehen lassen mögen, erweckt hier höchstens ein momentanes Lächeln der Schadenfreude, und ist schon am nächsten Tage vergessen.

So moquirt man sich seit vier Wochen fast täglich über das Duell eines hiesigen Lords, bei dem dieser eben keine Heldenthaten ausgeführt haben soll, mit den empfindlichsten Bemerkungen und Folgerungen über das Caliber seiner Tapferkeit, ohne daß er dadurch gehindert wird, so unbefangen und gesellschaftlich als möglich zu bleiben. Auch mir, von dem die Engländer wie von jedem Heiratsfähigen, der hier herkommt, steif und fest glauben, es geschehe nur, um eine reiche Engländerin zur Frau zu suchen, hat man einen coup fourré machen wollen, und einen satyrischen Artikel, jene Materie berührend, aus einer heimatlichen Fabrik erborgt, und in verschiedene hiesige Zeitungen gesetzt. Ich bin aber schon längst in der Schule eines alten Praktikers in diesem Punkt aguerrirt worden, und lachte daher selbst zuerst am lautesten darüber, indem ich öffentlich harmlose Scherze[128] über mich und Andere dabei nicht sparte. Dies ist das einzige sichre Mittel, dem Ridicule in der Welt zu begegnen, denn zeigt man sich empfindlich oder embarrasirt, dann erst wirkt das Gift, sonst verdampft es, wie kaltes Wasser auf einem glühenden Stein. Das verstehen auch die Engländer vortrefflich.

Den heutigen Abend brachte ich, meinem Vorsatze getreu, in Drurylane zu, wo ich mit Erstaunen den alten Braham immer noch als ersten Sänger und Liebhaber mit gleichem Beifall in derselben Rolle auftreten sah, die er, schon vor 12 Jahren ein alter Mann, den Tag vor meiner Abreise aus England als Benefiz erwählt hatte. Ich fand auch wenig Unterschied in seinem Gesang, ausser daß er noch etwas ärger schrie, und noch etwas mehr Rouladen als damals machte, um den Mangel der Stimme zu verdecken. Er ist ein Jude, und, wie ich fast glaube, der ewige, da er nicht zu altern scheint. Übrigens ist er der wahre Repräsentant der englischen Gesangmanier, und besonders in Volksgesängen der enthusiastisch verehrte Günstling des Publikums.

Große Kraft und Geläufigkeit der Stimme und gründliche Musikkenntnis ist ihm nicht abzusprechen, aber geschmackloser kann keine Methode seyn.

Als Prima Donna sang Miss Paton, eine recht angenehme, aber nicht ausgezeichnete Sängerin. Sie ist schön gewachsen und nicht häßlich, dabei sehr beliebt, und was uns sonderbar vorkommen möchte, an Lord W.L. verheirathet, dessen Namen sie in der[129] Familie und im gewöhnlichen Leben führt. Auf dem Theater aber wird sie wieder Miß Paton und als solche bezahlt, welches bei der Armuth des Lords nicht zu umgehen seyn mag.4

Was den Fremden in den hiesigen Theatern gewiß am meisten auffallen muß, ist die unerhörte Rohheit und Ungezogenheit des Publikums, weshalb auch, ausser der italienischen Oper, wo sich nur die höchste und bessere Gesellschaft vereinigt, diese Klasse nur höchst selten und einzeln die Nationaltheater besucht, ein Umstand, von dem es noch zweifelhaft seyn möchte, ob er gut oder nachtheilig auf die Bühne selbst wirkt.

Englische Freiheit also artet hier in die gemeinste Licenz aus, und es ist nichts Seltenes, mitten in der ergreifendsten Stelle einer Tragödie, oder während dem reizendsten Cadence der Sängerin, mit Stentorstimme eine Zote ausrufen zu hören, der, nach Stimmung der Umstehenden, in der Galerie und obern Logen, entweder Gelächter und Beifallsgeschrei, oder eine Prügelei und Herauswerfen des Beleidigers folgt.

In jedem der beiden Fälle hört man aber lange nichts mehr vom Theater, wo Schauspieler und Sänger[130] sich jedoch aus alter Gewohnheit von dergleichen keineswegs unterbrechen lassen, sondern comme si de rien n'était ruhig fortdeklamiren, oder mit der Stimme wirbeln. Und solches fällt nicht einmal, nein zwanzigmal während einer Vorstellung vor, und belustigt manche mehr als diese. Es ist auch nichts Seltenes, daß Jemand die Reste seines Goutés, welches nicht immer aus Orangenschaalen besteht, ohne weiteres auf die Köpfe der Zuschauer ins Parterre wirft, oder künstlich in eine Loge abschießt, während Andere ihre Röcke und Westen über den dritten Rang-Logen aushängen, und in Hemdärmeln sitzen bleiben, kurz, Alles was bei dem berühmten Wisotzky in Berlin unter den Handwerksburschen, zur bessern Aufregung einer phlegmatischen Harmonie-Gesellschaft vorfallen soll, trifft man auch in Großbritanniens Nationaltheater an.

Ein zweiter Grund, der anständige Familien abhalten muß, sich hier sehen zu lassen, ist die Concurrenz mehrerer hundert Freudenmädchen, welche, von der unterhaltenen Dame an, die 6000 L. St. jährlich verzehrt und ihre eigne Loge hat, bis zu denen, die auf der Straße unter freiem Himmel bivouakiren, in allen Gradationen erscheinen, und in den Zwischenakten die großen und ziemlich reich verzierten Foyers anfüllen, wo sie alle ihre Effronterie schrankenlos zur Schau tragen.

Es ist sonderbar, daß diese Verhältnisse in keinem Lande der Erde schamloser öffentlich affichirt werden,[131] als in dem religiösen und decenten England. Dies geht so weit, daß man sich oft im Theater dieser widrigen Venus-Priesterinnen, besonders wenn sie betrunken sind, was nicht selten der Fall ist, kaum erwehren kann, wobei sie auch auf die unverschämteste Weise betteln, so daß man oft das hübscheste und bestgekleidetste junge Mädchen sieht, die nicht verschmäht, einen Schilling oder Sixpence, gleich der niedrigsten Bettlerin, anzunehmen, um am Büffet ein halbes Glas Rum oder Gingerbeer dafür zu trinken – und so etwas geht, ich wiederhole es, in dem Nationaltheater der Engländer vor, wo ihre höchsten dramatischen Talente sich entwickeln sollen, wo unsterbliche Künstler, wie Garrik, Mrs. Siddons, Miß Oneil, durch ihre Vortrefflichkeit entzückten, und wo noch jetzt Heroen wie Kean, Kemble und Young auftreten! Ist das nicht im höchsten Grade unwürdig, und alles zusammen ein neuer schlagender Beweis, daß Napoleon nicht Unrecht hatte, wenn er die Engländer eine Nation prosaischer Shopkeepers nannte? Wenigstens kann man ihr im allgemeinen wahre Kunstliebe keck absprechen, weßhalb auch die Rohheiten, von denen ich früher sprach, fast nie aus irgendeiner Theilnahme an der Darstellung selbst entstehen (denn höchstens betreffen sie eine persönliche Intrigue gegen oder für einen Schauspieler) sondern fast immer nur ein ganz fremdes Motiv haben, das mit der Bühne nicht im mindesten concurrirt.[132]

Der ...sche Gesandte hatte mich nach dem Theater begleitet, und erzählte mir, als wir im Foyer umherspazierten und die Anwesenden die Musterung passiren ließen, manche nicht uninteressante Particularitäten über diese und jene der defilirenden Schönheiten. Der unglaubliche Leichtsinn und die wundervollen Glückswechsel dieser Geschöpfe waren mir dabei am merkwürdigsten.

»Diese mit den schmachtenden Augen,« sagte er, »kömmt eben aus der Kingbench, wo sie wegen 8000 L. St. Schulden ein Jahr gesessen, dort aber ihr Metier immer fortgetrieben, und Gott weiß wie, endlich doch Mittel gefunden hat, sich zu befreien. Sie hat einen sonderbaren Fehler für ihren Stand, nämlich sentimental zu seyn (ich glaube fast, der Baron wollte mir zu verstehen geben, dies aus Erfahrung zu wissen) und in solchen Anwandlungen giebt sie einem Geliebten zehnmal mehr, als sie von ihrem Entreteneur erhält. Ich weiß sehr vornehme Leute«, setzte er hinzu, »die dies unverantwortlich gemißbraucht haben, und ich zweifle nicht, daß bei der ersten Gelegenheit dieser Art sie bald wieder ihr altes Logis im Freistaat der Kingsbench beziehen wird.«

»Hier diese etwas verblühte Schönheit«, fuhr er fort, »habe ich noch vor zehn Jahren mit einem Luxus leben sehen, den wenige meiner Collegen nachahmen können. Weit entfernt, das Geringste von ihren damaligen Reichthümern zurückzulegen, hat sie[133] alles mit wahrer Leidenschaft fortwährend zum Fenster hinausgeworfen, und wird Ihnen doch heute sehr verbunden seyn, wenn Sie ihr mit einem Schilling unter die Arme greifen wollen.«

Den Gegensatz zu dieser Armen zeigte er mir nachher in einer der ersten Logen; ein reizendes Weib vom besten Anstand, die einen Mann mit 20 000 L. St. Revenüen geheirathet hat, und noch vor geringer Zeit für eine dieser Guineen Jedem Alles war, was sie seyn konnte. Diese Heirathen sind überhaupt hier häufiger, als irgendwo, und schlagen sonderbarerweise meistens recht gut aus. So machte mich mein Begleiter noch auf eine vierte Dame aufmerksam, eine bekannte Ballettänzerin, die sich ebenfalls sehr reich verheirathet hatte, und mit ihrem Manne noch immer sehr glücklich lebt, obgleich dieser vor kurzem Bankerott gemacht, und sie dadurch wieder arm werden lassen, ja vielleicht in eine noch drückendere Lage als früher gebracht hat.

Das war ein guter Probierstein für Herz und Kopf, welche, bei dieser Tänzerin wenigstens, in der Ausbildung mit den Beinen gewetteifert haben müssen.

Die geschilderte Sittenlicenz erstreckt sich auch bis auf die Bühne selbst, wo man oft so grobe Zweideutigkeiten in Worten und selbst in Gesten zu hören[134] und zu sehen bekömmt, daß man nicht mehr zu sehr darüber erstaunen kann, in den alten Memoiren zu lesen, was weiland die Jungfrau-Königin sich von dieser Art gefallen ließ.


Lebe wohl.

Ewig der Deine.

L.

1

Einige Briefe, die nur persönliche Beziehungen hatten, sind hier ganz unterdrückt worden, und ich memerke dies blos, um den schönen Leserinnen, die sich gewiß mit mir über die Pünktlichkeit gefreut haben, mit der der Verstorbene das Ende beinahe jeden Tages seiner abwesenden Freundin widmete, ein zwanzigtägiges Schweigen zu erklären.

Derselbe Fall kömmt später noch mehrmals vor, so wie mir überhaupt die Freiheit habe nehmen müssen, in den Briefen, welche diese beiden Theile enthalten, Vieles bei der Herausgabe wegzulassen, was, um nicht zu ermüden, nur selten durch Punkte angedeutet ist, als z.B. zu uninteressante Alltäglichkeit des Lebens, oder zu interessante chronique scandaleuse. Eine kleine satyrische Annäherung meines verstorbenen Freundes an die letzte, in den vorigen Bänden, ist ihm zu übel bekommen, um eine neue zu wagen. Die lieblichsten Damen in Sadomir sprachen ja den Bann aus über den Aermsten, und, schreibt mir mein dasiget Correspondent: »se demandant partout: avez vous lù les lettres d'un mort? – elles prirent toutes la mort aux dents.« Man versteht keinen Spaß mehr in jener traurig gewordenen Welt! Jeder Scherz wird in einer wunden Stimmung aufgenommen, die ihn zur absichtlichen Beleidigung stempelt, und eine Aristophanes würde heut zu Tage daselbst mit zwanzig Criminalprozessen verfolgt und des Landes verwiesen werden.

A.d.H.

2

Ich bemerke hier ein für allemal, daß, seit Preußen eine Charte (Constitution) versprochen worden ist, mein Freund zu besserer Distinktion die Orthographie angenommen hatte: geographische Carte und Spielkarte zu schreiben. Er hofft noch immer, daß diese Vorsicht nicht unnütz gewesen sey.

3

Laß mich hier ein für alle mal bemerken, daß wir England nur nach seinem Aufenthalte daselbst im Jahre 1813 beurtheilt, sich ganz darüber irren muß, denn damals war eine Epoche des Enthusiasmus, eine gränzenlose Freude der ganzen Nation von ihrem gefährlichsten Feinde durch uns befreit worden zu seyn, die sie zum ersten und vielleicht letztenmale allgemein liebenswürdig machte.

4

Es ist wahr, daß in neuerer Zeit unsre liebliche Sontag, die Souverainin des Grfanges, etwas Ähnliches gethan, indem sie sich wie es scheint, den Grafen R. an ihre linke Hand hat antrauen lassen.

A.d.H.

Quelle:
[Hermann von Pückler Muskau]: Briefe eines Verstorbenen. Dritter und Vierter Theil: Ein fragmentarisches Tagebuch aus Deutschland, Holland und England geschrieben in den Jahren 1826, 1827 und 1828, Band 3, Stuttgart 1831, S. 101-135.
Lizenz:
Kategorien:
Ausgewählte Ausgaben von
Briefe eines Verstorbenen
Briefe eines Verstorbenen: Ein fragmentarisches Tagebuch
Briefe eines Verstorbenen: Herausgegeben von Heinz Ohff
Ironie Des Lebens: Bd. Einleitung. Aus Den Zetteltoepfen Eines Unruhigen. Die Pfarre Zu Stargard. Scheidung Und Brautfahrt.-2.Bd. Briefe Eines Verstorbenen (German Edition)

Buchempfehlung

Jean Paul

Flegeljahre. Eine Biographie

Flegeljahre. Eine Biographie

Ein reicher Mann aus Haßlau hat sein verklausuliertes Testament mit aberwitzigen Auflagen für die Erben versehen. Mindestens eine Träne muss dem Verstorbenen nachgeweint werden, gemeinsame Wohnung soll bezogen werden und so unterschiedliche Berufe wie der des Klavierstimmers, Gärtner und Pfarrers müssen erfolgreich ausgeübt werden, bevor die Erben an den begehrten Nachlass kommen.

386 Seiten, 11.80 Euro

Im Buch blättern
Ansehen bei Amazon

Buchempfehlung

Geschichten aus dem Biedermeier. Neun Erzählungen

Geschichten aus dem Biedermeier. Neun Erzählungen

Biedermeier - das klingt in heutigen Ohren nach langweiligem Spießertum, nach geschmacklosen rosa Teetässchen in Wohnzimmern, die aussehen wie Puppenstuben und in denen es irgendwie nach »Omma« riecht. Zu Recht. Aber nicht nur. Biedermeier ist auch die Zeit einer zarten Literatur der Flucht ins Idyll, des Rückzuges ins private Glück und der Tugenden. Die Menschen im Europa nach Napoleon hatten die Nase voll von großen neuen Ideen, das aufstrebende Bürgertum forderte und entwickelte eine eigene Kunst und Kultur für sich, die unabhängig von feudaler Großmannssucht bestehen sollte. Dass das gelungen ist, zeigt Michael Holzingers Auswahl von neun Meistererzählungen aus der sogenannten Biedermeierzeit.

434 Seiten, 19.80 Euro

Ansehen bei Amazon