Zwanzigster Brief.

[235] London, den 1sten Nov. 1827.


Ein Franzose sagt: L'illusion fut inventée pour le bonheur des mortels, elle leur fait presques autant de bien que l'espérance. Wenn dieser Ausspruch wahr ist, so ist mir viel Glück zugemessen, denn an Illusionen und Hoffnungen lasse ich es nie fehlen.

Von diesen hat nun Dein Brief allerdings einige über den Haufen geworfen, indeß sey guten Muths, es wachsen schon neue wieder, so schnell wie Pilze, hervor. Bald mehr darüber. Aber an den widerwärtigen, immer schlafenden Präsidenten kann ich unmöglich von hier aus schreiben. Dazu, würde ein Dandy sagen, ist der Mensch nicht fashionable genug. Du besorgst überdieß alle diese Geschäfte so vortrefflich, daß es unrecht wäre, sie Dir nicht ganz allein zu überlassen. Dies ist zwar Egoismus von meiner Seite, aber ein verzeihlicher, weil er uns Beiden Vortheil bringt. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .[236]

Ich habe in den letzten Tagen eine kleine Excursion nach Brighton gemacht, und einen Umweg bei der Rückkehr genommen. Das Schloß des Herzogs von Norfolk, Arundel-Castle, war einer der Gegenstände meiner Neugier. Es hat einige Aehnlichkeit mit Warwick, bleibt jedoch weit hinter diesem zurück, obgleich es theilweise vielleicht eben so alt ist. Auch hier ist am östlichen Ende ein künstlicher Berg und Keep. Auf dem runden verfallenen Thurme soll man von dessen Gipfel eine herrliche Aussicht genießen. Der Nebel verhinderte sie heute, und ich konnte nicht einmal die das Schloß umschließenden Terrassengärten übersehen. Ich unterhielt mich dafür in nächster Nähe mit einem Dutzend zahmer Puhus (der größten Eulenart) welche des ehemaligen Thurmwärters Stube bewohnen. Einer davon war schon 50 Jahre hier, sehr zuthulich, und bellte, wenn er etwas verlangte, vollkommen wie ein Hund. Die Engländer sind große Freunde von Thieren, eine Neigung, die ich mit ihnen theile. So findet man in den meisten großen Parks eine Unzahl von Raben, die in Schwärmen von Tausenden oft das Schloß umkreisen, und zu so einer alterthümlichen Burg und den sie umgebenden Riesenbäumen nicht übel passen, obgleich ihr Gekrächze keine angenehme Musik gewährt. Das Innere des Schlosses hat nichts Ausgezeichnetes. Die vielen bunten Fenster sind alle modern, und unter den Familiengemälden schien mir blos das des Lords Surrey, seines seltsamen Costüms wegen, merkwürdig. Er wurde unter Heinrich VIII. hingerichtet.[237]

Die Bibliothek ist klein, aber sehr magnifik, ganz mit Cedernholz getäfelt, mit schönem Schnitz- und Bildwerk verziert, kurz an nichts fehlt es ihr, ausser an Büchern, denn kaum ein paar hundert waren darin.

Ein sehr großer, aber einfacher Saal, heißt die Halle der Barone, und hat viele bunte Fenster, deren Malereien nicht besonders gerathen sind.

In den Stuben hatte man, so viel als möglich, lauter alte Meubles vereinigt, und ihnen möglichst nachgeholfen, damit sie nicht in ihrer Wurmstichigkeit zusammenfielen. Dies ist jetzt überall die Mode in England, Sachen, die man bei uns als zu gebrechlich und altmodisch wegwirft, werden hier auf's theuerste bezahlt, und auch die neuen wenigstens ganz im Styl der alten bestellt. Ich finde das in solchen ehrwürdigen Schlössern recht passend, sobald die Bequemlichkeit nicht zu sehr dadurch leidet, in modernen Gebäuden ist es aber lächerlich.

Der alte Theil des Schlosses soll schon in der Römer Zeit eine Festung gewesen seyn, weßhalb man in den Mauern viel römische Ziegel findet. Auch später hat es immer als Festung gedient, und viele Belagerungen ausgehalten; der neuere Theil, im Style des Uebrigen, wurde erst vom Vater des jetzigen Herzogs gebaut, und kostete, wir mir gesagt wurde, 800000 L. St. Bei uns würde man ganz dasselbe gewiß mit 300000 Rthlrn. herstellen können. Die Gärten schienen mir mannichfaltig und weitläuftig,[238] und der Park soll auch sehr ausgedehnt und pittoresk seyn; das abscheuliche Wetter hinderte mich aber, alles dies zu sehen. Ich fuhr den Abend noch bis Petworth, wo ein anderes sehenswerthes Schloß ist, und schreibe Dir jetzt aus dem Gasthof, wo ich in wenigen Minuten wie zu Hause eingerichtet war, denn meine Reiseequipage und Bequemlichkeitsroutine hat sich in England noch sehr vervollkommnet.


Petworthhouse, den 26sten.


Obrist C .... kam heute früh zu mir in den Gasthof, machte mir viel Vorwürfe, nicht bei seinem Schwiegervater, Lord E ...., dem Besitzer von Petworth-Schloß, gleich vorgefahren zu seyn, und bat mich dabei so freundlich, wenigstens einen Tag bei ihnen zu bleiben, daß ich es nicht abschlagen konnte. Meine Sachen wurden also auf das Schloß gebracht, und ich sogleich dort installirt. Es ist ein schöner moderner Pallast mit einer herrlichen Gemälde- und Antiken-Sammlung, und einem großen Park, der auch eine berühmte Stuterei in sich schließt. Unter den Gemälden sprachen mich drei besonders an, ein ganz ausgezeichnetes Bild Heinrich VIII. in Lebensgröße, von Holbein, merkwürdig durch den prachtvollen täuschend gemalten Schmuck und das frische, meisterhafte Colorit; ein Portrait des unsterblichen Newton, der bei weitem weniger geistreich als eminent vornehm aussieht, und ein anderes des Moritz[239] von Oranien, unserm Dichter Houwald so ähnlich, daß man es unbedingt für das seinige ausgeben könnte. Die Mischung von Statuen und Bildern untereinander, die hier beliebt worden ist, wirkt unvortheilhaft und schadet Beiden. Zu den Curiositäten gehört eine Familien-Reliquie, nämlich Percy Hotspur's, eines Ahnherrn des Besitzers, großes Schwerdt. Die Bibliothek diente, wie gewöhnlich, zugleich als Salon, gewiß eine sehr zweckmäßige Sitte. Sie war überdieß hier so eingerichtet, wie Du es liebst, d.h. nur die modernsten und werthvollsten, vor allen elegantest gebundenen Bücher in der Bibliothek aufgestellt, und für alle übrigen ein besonderer Saal im obern Stock eingeräumt. Die Schränke waren weiß lackiert, und mit mehreren Consolen versehen, an denen man zugleich bequem hinaufsteigen konnte, um zu den obern Büchern zu gelangen.

Die Freiheit in diesem Hause war vollkommen, wodurch es seine Annehmlichkeit für mich verdoppelte. Hier empfand man in der That auch nicht die mindeste gêne. Es waren eine Menge Gäste gegenwärtig, worunter mehrere sehr liebenswürdige Damen. Der Hauswirth selbst ist ein sehr gelehrter Kunstkenner und zugleich ein bedeutender Mann on the turf, denn seine Rennpferde gewinnen öfter als andere. In seinem Gestüt sah ich einen Hengst von mehr als 30jährigem Alter (Whalebone) der von mehreren Stallknechten unterstützt werden mußte, um gehen zu können, und von dem die Fohlen dennoch, im Mutterleibe[240] noch, mit großen Summen bezahlt werden. Das nenne ich ein glorreiches Alter. Uebrigens sind die hiesigen Stuterei-Prinzipien von den unsrigen ausnehmend verschieden. Dies Thema möchte Dich aber bei aller Deiner Wißbegierde doch zu wenig interessiren, ich will also die hierüber erlangte Wissenschaft lieber einem andern Hefte anvertrauen.

Am nächsten Tage kam die Herzogin von S.A .... hier an, eine Frau, deren immer steigender Glückswechsel seltsam genug ist.

Nach den ersten Erinnerungen, die sie hat, fand sie sich, ein verlassenes, hungerndes und frierendes Kind, in der entlegensten Scheune eines englischen Dorfes. Eine Zigeunerbande nahm sie dort auf, von der sie später zu einer wandernden Schauspielertruppe überging. In diesem Fach erlangte sie durch angenehmes Aeussere, stets heitere Laune und originelle Eigenthümlichkeit einigen Ruf, erwarb sich nach und nach mehrere Freunde, die großmüthig für sie sorgten, und lebte lange in ungestörter Verbindung mit dem reichen Banquier C ...., der sie zuletzt auch heirathete, und ihr bei seinem Tode ein Vermögen von 70000 L. St. Einkünften hinterließ. Durch dieses colossale Erbtheil ward sie später die Gemahlin des Herzogs von St. A ..., des dritten englischen Herzogs im Range, und, was ein ziemlich sonderbares Zusammentreffen ist, des Nachkommen der bekannten Schauspielerin Nell Gwynn, deren Reizen der Herzog auf ganz gleiche Weise (nur einige hundert[241] Jahre früher) seinen Titel verdankt, wie seine Gemahlin jetzt den ihrigen.

Es ist eine sehr gute Frau, die sich nicht scheut, von der Vergangenheit zu sprechen, im Gegentheil, ihrer, vielleicht zu oft, Erwähnung thut. So unterhielt sie uns den ganzen Abend aus freien Stücken mit der Darstellung mehrerer Rollen aus ihrem Schauspielerleben. Das drolligste dabei war, daß sie ihren sehr jungen Mann, der 30 Jahre jünger ist als sie, die Liebhaber-Rollen einstudirt hatte, welche ihm gar nicht recht gelingen wollten. Die bösen Zungen waren natürlich dabei sehr geschäftig, um so mehr, da viele der rezitirten Stellen zu den pikantesten Anspielungen fortwährend Anlaß gaben.

Nach einem dreitägigen angenehmen Aufenthalt kehrte ich hieher zurück, und feire heute meinen Geburtstag in tiefster Einsamkeit bei verschlossenen Thüren. Drei Viertel meiner melancholischen Anwandelungen habe ich gewiß dem Monat zu verdanken, in dem ich das Licht der Welt erblickte. Maikinder sind weit heiterer, ich habe noch nie einen hypochondrischen Sohn des Frühlings gesehen. Mir fiel einmal ein Lied, überschrieben: Prognostica, in die Hände. Es thut mir sehr leid, daß ich es nicht aufbewahrt habe, denn für jeden Monat der Geburt war den Erdenkindern ihr Loos verkündet. Nur das erinnere ich mich noch, daß den im Oktober Gebornen ein trüber Sinn zugeschrieben war, und der Spruch also anhub:
[242]

Ein Junge, geboren im Monat Oktober,

Wird ein Critiker, und das ein recht grober!


Ich verlasse Dich aber jetzt für ein großes Diné beim Fürsten E.., denn den ganzen Tag will ich der Einsamkeit doch nicht widmen, dazu bin ich zu abergläubig. Adieu.


Den 4ten November.


Als Ludwigsritter wohnte ich heute, am Namenstag meines Heiligen, glaube ich, oder des Königs von Frankreich, ich weiß es wahrlich nicht gewiß, einem großen Mahle beim Fürsten P. bei, und sah darauf noch die Fortsetzung des Don Juan in Drurylane.

Of course spielt der erste Akt in der Hölle, wo Don Juan bereits die Furien, und zuletzt gar des Teufels Großmutter verführt hat, und deßhalb von Seiner Satanischen Majestät höchsteigenhändig aus der Hölle hinausgeworfen wird. Als er bei Charon und den pittoresken Ufern des feuerfluthenden Styx ankommt, fährt der Alte eben drei weibliche Seelen aus London herüber. Don Juan beschäftigt beim Aussteigen den Fährmann mit dem Wechseln einer Banknote, denn auch in der Hölle ist schon Papiergeld eingeführt, und nimmt während dessen den Augenblick wahr, mit den drei Weibern schnell vom Ufer abzustoßen, und sie so der Erde wieder zuzuführen. In London[243] angelangt, hat er seine gewöhnlichen Abenteuer, Duelle, Entführungen etc., die Reiter-Statue im Charing-Croß ladet ihn zum Thee ein, seine Gläubiger aber bringen ihn nach Kingsbench, aus dem eine reiche Heirath ihn zuletzt errettet, nach welcher er nun erst – in einer bösen Frau endlich die genügende Strafe seiner Sünden findet, was die Hölle nicht vermochte. Madame Vestris ist als Don Juan der wunderlieblichste und verführerischeste Jüngling, dem man es auch gleich anmerkt, daß es ihm nicht an Routine fehlt.

Das Stück amüsirte mich, und noch unterhaltender fand ich einen neuen Roman auf meinem Tische zu Hause, der (allerdings eine schon oft gebrauchte Idee) im Jahr 2200 spielt.

England ist darin wieder katholisch und eine absolute Monarchie geworden, und die allgemeine Bildung hat solche Fortschritte gemacht, daß Gelehrsamkeit Gemeingut der niedrigsten Klassen geworden ist. Jeder Handwerker arbeitet nur rationell, nach mathematischen und chemischen Prinzipien. Lakayen und Köchinnen, welche Namen, wie Abelard, Heloise etc. führen, sprechen mit dem Tone der Jenaer Literaturzeitung, dagegen es unter den hohen Ständen Mode geworden ist, sich, im Gegensatz zu dem Plebs, der gemeinsten Sprache und Ausdrücke zu bedienen, und ausser Lesen und Schreiben jede weitere Kenntniß sorgfältig zu verbergen. Dieser Gedanke ist witzig, und vielleicht prophetisch![244]

Auch die Lebensart dieser Stände ist höchst einfach, grobe und wenig Speisen erscheinen allein auf ihrer Tafel, und Küchenluxus wird nur noch bei den Dienertischen angetroffen.

Daß übrigens Luftballons das gewöhnliche Fuhrwerk sind, und Dampf die ganze Welt regiert, versteht sich fast von selbst. Ein deutscher Professor macht aber, vermöge einer neuen Anwendung des Galvanismus, gar die Entdeckung, Todte zu erwecken, und die Mumie des Königs Cheops, kürzlich in einer der bis jetzt noch uneröffneten Pyramiden aufgefunden, ist die erste Person, an welcher dieses Experiment versucht wird. Wie nun die lebende Mumie nach England kömmt, und wie abscheulich sie sich dort aufführt, magst Du nachlesen, wenn der Roman ins Deutsche übersetzt sein wird. Uebrigens komme ich mir selbst manchmal hier auch wie eine Mumie vor, an Händen und Füßen gebunden, und sehnlich meiner Auferstehung wartend.


Den 5ten.


Diesen Morgen bedeckte ein solcher Nebel die Stadt, daß ich in meiner Stube nur bei Licht frühstücken konnte. An Ausgehen war bis gegen Abend nicht zu denken. Zum Essen war ich bei Lady Love eingeladen, und P. auch gegenwärtig, den sie sonst, ich weiß nicht recht warum, sehr anfeindet. Mit seiner gewöhnlichen Etourderie verdarb er es aber heute[245] vollends. Die Dame hat nämlich, wie Du Dich noch aus älteren Zeiten erinnern wirst, eine etwas rothe Nase, und Uebelwollende suchen die Ursache davon in der Sitte, welche der General Pillet den Engländerinnen vorwirft. P. wußte dies wahrscheinlich nicht, und bemerkte, als er am Tisch neben ihr saß, daß sie ihren Wein aus einer andern Flasche mit einer dunkeln Flüssigkeit mischte, die wie Liqueur aussah. In seiner Unschuld – oder Bosheit, frug er scherzend, ob sie schon so ganz Engländerin geworden sey, ihren Wein mit Cognac zu mischen. An dem nunmehrigen Rothwerden ihres ganzen Gesichts, wie an der Verlegenheit der Nahesitzenden entdeckte er erst seine Bevue, denn das unschuldige Tischgetränk war wirklich nur Brodwasser. Mir fiel dabei die komische Vorschrift ein, die ein Lehrbuch für gute Lebensart in unsrer nationell pedantischen Manier gibt: »Wenn du in eine Gesellschaft gehst,« heißt es dort, »so erkundige dich vorher immer genau nach den Personen, die du dort anzutreffen vermuthen kannst, nach ihren Verwandtschaften, Schwächen, Fehlern und ausgezeichneten Eigenschaften, damit du auf der einen Seite nicht unbewußt etwas sagst, das eine wunde Stelle trifft, auf der andern aber mit Unbefangenheit angenehm und passend schmeicheln kannst.«

Eine zwar lächerlich vorgetragene, und etwas schwer auszuführende, aber nicht üble Regel![246]

Es war viel von Politik die Rede, und dem prachtvollen Kriegsanfang mit Vertilgung der türkischen Flotte.

Welche Inconsequenz ist es doch, Engländer so sprechen zu hören! aber seit Napoleons Fall wissen die leitenden Politiker fast alle nicht mehr recht, was sie wollen. Die jammervollen Resultate ihres Congresses genügten ihnen zwar selber nicht, aber dennoch erschien keine Originalidee, sie weiter zu treiben, kein Hauptwille steht mehr hinter ihnen, und das Schicksal Europa's hängt schon nicht mehr von seinen Führern, sondern von dem Zufalle ab. Cannings Erscheinung war nur eine transitorische, und wie sind seine Nachfolger beschaffen! Die Zerstörung der Flotte ihres sichersten und treuesten Bundesgenossen, ohne Krieg ist wohl der beste Beweis dafür, obgleich ich mich als Mensch und Griechenfreund herzlich darüber freue.

Wir werden aber bei diesen Mißgeburten politischer Systeme, bei diesem Schwanken aller Orten, gewiß noch seltsame Dinge erleben, und vielleicht Zusammenstellungen, die man jetzt für unmöglich hält. Canning selbst ist zum Theil daran Schuld, da seine angefangenen Pläne nicht reif wurden, und ein Mann von eminentem Genie auf einem hohen Platze immer seinen Nachfolgern verderblich wird, wenn diese Pygmäen sind. Die jetzigen Minister haben ganz das Ansehen, als wollten sie England langsam dem Abgrund zuführen, den Canning für Andere gegraben hat.[247]

Auch diese Gewitter, die sich an Asiens Gränze zusammenziehen, schlagen vielleicht erst später mitten in Europa am heftigsten ein. Mit uns hoffe ich aber, wird der Donnergott seyn, Preußens Zukunft steht in meiner Ahnung selbst höher und glänzender da, als sie ihm bis jetzt das Schicksal gönnte, nur verliere es seine Devise nicht aus den Augen: »Vorwärts!«

Zu Haus angekommen, fand ich Deinen Brief, der mich sehr belustigte, besonders die von H. vergeblich in Paris auf Bouteillen gezogenen Saillien, die in S ... so wenig Anwendung finden, denn wohl hast Du Recht:


»Rien de plus triste qu'un bon mot qui se perd dans l'oreille d'un sot,«


und in diesem Falle mag er sich oft genug befinden.


Den 20sten.


Da man jetzt Zeit hat, das Schauspiel zu besuchen, und gerade die besten Akteurs spielen, so widmete ich viele meiner Abende diesem ästhetischen Zeitvertreibe, und sah unter andern gestern mit erneutem Vergnügen Kembles künstlerische Darstellung des Falstaff wieder, von der ich Dir schon einmal schrieb. Nachholen kann ich jetzt noch, daß sein Costume, in weiß und rothen Farben, sehr gewählt, und von der sorgfältigsten Eleganz, wenn gleich ein wenig abgenutzt[248] war, so daß es wie sein schön gelockter weißer Kopf und Bart ihm eine glückliche Mischung von Vornehmem und Komischem gab, welches, meines Erachtens, die Wirkung sehr erhöhte, und so zu sagen verfeinerte.

Ueberhaupt waren alle Costume musterhaft, dagegen es unverzeihlich störend genannt werden muß, wenn so eben Heinrich IV. mit seinem prachtvollen Hofe und so vielen in Stahl und Gold glänzenden Rittern abgezogen ist, zwei Bediente in der Theaterlivree, Schuhen und rothen Hosen erscheinen zu sehen, um den Thron hinwegzutragen. Eben so wenig kann man sich daran gewöhnen, Lord Percy eine Viertelstunde mit dem im Hintergrunde sitzenden Könige sprechen zu hören, ohne daß das Publikum von besagtem Percy dabei etwas anderes als seinen Rücken zu sehen bekömmt. Es ist auffallend, daß gerade die berühmtesten hiesigen Schauspieler diese Unart förmlich affektiren, während man bei uns in den entgegengesetzten Fehler verfällt, und zum Beispiele der primo amoroso während der feurigsten Liebeserklärung seiner Schönen den Rücken weiset, um mit dem Publikum zu liebäugeln. Das gehörige Mittel zu halten ist allerdings schwierig, und die scenische Anordnung muß es dem Schauspieler erleichtern.

Aus dem Charakter des Percy machen die deutschen Akteurs gewöhnlich eine Art wüthendes Kalb, das sich sowohl mit seiner Frau als mit dem Könige gebehrdet, als sey es eben von einem tollen Hunde gebissen worden. Diese Leute wissen gar nicht mehr,[249] wo man den Dichter mildern, wo ihn steigern soll. Young versteht dies vollkommen, und weiß das jugendlich stürmische Aufbrausen sehr wohl mit der Würde des Helden, und dem Anstande eines Fürsten zu vereinen. Er ließ jenes Feuer nur wie Blitze über eine Gewitterwolke zucken, aber nicht in ein Hagelwetter ausarten. Auch das Zusammenspiel finde ich besser als auf den deutschen Bühnen, und in den scenischen Anordnungen viele gesunde Beurtheilung. Um nur ein Beispiel zu geben, so erinnere Dich (da Du einmal mit mir zusammen dies Stück in Berlin gesehn, und Vergleiche die Sache anschaulicher ma chen) der Scene, wo der König die Gesandten Percys empfängt. Du fandest sie damals so unanständig, weil sich Falstaff dabei vor und an den König drängte, um ihm jeden Augenblick mit seinen Späßen grob in die Rede zu fallen. Es kömmt dies aber nur daher, weil unsre Schauspieler mehr an ihre Persönlichkeit als an ihre Rolle denken. Herr D ... fühlt sich dem Herrn M .... gegenüber selbst every inch a King, und vergißt, wen er und wen der Andere in dem Augenblick vorstellt. Hier wird Shakespeare besser verstanden, und die Scene demgemäß dargestellt. Der König steht mit den Gesandten im Vordergrunde, der Hof im Gemache vertheilt, und in der Mitte des Theaters seitwärts der Prinz und Falstaff, welcher letztere als ein halbprivilegirter Lustigmacher zwar seine Spässe macht, aber sie nur mit halblauter Stimme mehr an den Prinzen als an den König richtet, und zurechtgewiesen, sogleich respectvoll[250] die ihm gebührende ehrfurchtsvolle Attitüde wieder einnimmt, nicht aber mit dem Könige wie mit seines Gleichen fraternisirt.

Auf diese Weise kann man sich der Illusion hingeben, einen Hof vor sich zu sehen; bei der andern glaubt man sich immer in Eastcheap. Die hiesigen Schauspieler leben in besserer Gesellschaft, und haben daher mehr Takt.


Den 23sten.


Es ist seltsam genug, daß der Mensch bloß das als Wunder anstaunen will, was im Raum oder der Zeit entfernt von ihm steht, die täglichen Wunder neben sich aber ganz unbeachtet läßt. Dennoch müssen wir in der Zeit der Tausend und einen Nacht noch wirklich leben, da ich heute ein Wesen gesehen, was alle Phantasiegebilde jener Epoche zu überbieten scheint.

Höre, was das erwähnte Ungethüm alles leistet.

Zuvörderst ist seine Nahrung die wohlfeilste, denn es frißt nichts als Holz oder Kohlen. Es braucht aber gar keine, so bald es nicht arbeitet. Es wird nie müde, und schläft nie. Es ist keinen Krankheiten unterworfen, wenn von Anfang an nur gut organisirt, und versagt nur dann die Arbeit, wenn es nach langer, langer Zeit vor Alter unbrauchbar wird. Es ist gleich thätig in allen Climaten, und unternimmt[251] unverdrossen jede Art von Arbeit. Es ist hier ein Wasserpumper, dort ein Bergmann, hier ein Schiffer, dort ein Baumwollenspinner, ein Weber, ein Schmied- und Hammerknecht, oder ein Müller – in der That es treibt alles und jedes Geschäft, und als ein ganz kleines Wesen sieht man es ohne Anstrengung neunzig Schiffstonnen Kaufmannsgüter, oder ein ganzes Regiment Soldaten auf Wagen gepackt, mit einer Schnelligkeit sich nachziehen, welche die der flüchtigsten Stagecoaches übertrifft. Dabei markirt es noch selbst jeden seiner taktmäßigen Schritte auf einem vorn angehefteten Zifferblatte. Auch regulirt es selbst den Wärmegrad, den es zu seinem Wohlseyn bedarf, ölt wunderbar seine innersten Gelenke, wenn diese es bedürfen, und entfernt beliebig alle nachtheilige Luft, die durch Zufall in Theile dringen sollte, wo sie nicht hingehört – sollte sich aber in ihm etwas derangiren, dem es nicht selbst abhelfen kann, so warnt es sogleich durch lautes Klingeln seine Herrschaft vor Unglück. Endlich ist es so folgsam, ungeachtet seine Stärke der von sechshundert Pferden gleich kömmt, daß ein Kind von vier Jahren mit dem Drucke seines kleinen Fingers jeden Augenblick seine ungeheure Arbeit zu hemmen im Stande ist.

Hätte man wohl sonst einen solchen dienstbaren Geist ohne Salomons Siegelring erhalten können, und hat je eine wegen Zauberei verbrannte Hexe Aehnliches geleistet?

Jetzt – ein neues Wunder – magnetisirst Du blos fünfhundert Goldstücke mit dem festen Willen, daß sie sich in eine solche lebendige Maschine verwandeln[252] sollen, und nach wenig Ceremonien siehst Du sie in Deinem Dienste etablirt. Der Geist geht in Dampf auf, aber er verflüchtigt sich nicht. Er bleibt mit göttlicher und menschlicher Bewilligung Dein legitimer Sklav. Dies sind die Wunder unsrer Zeit, die wohl die alten heidnischen und selbst christlichen aufwiegen.

Ich brachte den Abend bei der braunen Dame, Lady C.B. zu, die eben wieder einen neuen Roman »Flirtation« (Liebeley) beendigt hat. Ich sprach sehr freisinnig mit ihr darüber, denn sie ist eine gescheidte und gute Frau, und das Resultat war ein für mich unerwartetes, nämlich sie drang in mich, selbst ein Buch zu schreiben, und versprach es nachher zu übersetzen. Dieu m'en garde! übrigens ist zuviel vom Sceptiker in mir, um daß, wenn ich schriebe, die sanfte, fromme, regelrechte Lady B. nur zwei Seiten davon übersetzen könnte, ohne mein Buch mit einer Bekreuzigung von sich zu schieben. Vielleicht habe ich auch hie und da ein bischen Humor, der ihr nicht zusagen würde. Dagegen will ich sie, wozu sie mich heute ebenfalls angelegentlich eingeladen, mit großem Vergnügen künftigen Sommer nach Schottland begleiten. Dies wird ein völliger Triumphzug seyn, da sie, als Schwester einer der mächtigsten Großen in Schottland, und dabei von eignem literärischen Glanze strahlend, in dem Feudal-Lande, wo wahre Gastfreundschaft noch keine Fabel ist, und wo man statt Fashionables noch Seigneurs antrifft, überall eine freudige Erscheinung seyn wird. Ich[253] sie schon im Geiste, von Schloß zu Schloß ziehend, ein Gefolge stolzer Ohnehosen hinter sich, und Fama in eleganter englischer Toilette vor sich. Ich selbst schließe mich als fremder Ritter an das Gefolge, und nehme alle die guten Sachen mit, die uns geistig und körperlich, romantisch und prosaisch zustoßen werden, bei dem großen Barden aber schließen wir die Tour, und kosten, nachdem er uns so oft den phantastischen Tisch gedeckt, einmal auch seinen eigenen.

Ich weiß nicht, ob ich Dir gesagt, daß ich in Albemarlestreet bei einer Putzmacherin wohne, die einen wahren Blumenflor von Engländerinnen, Italienerinnen und Französinnen um sich versammelt hat. Alles ist die Decenz selbst, demungeachtet macht sich manches Talent darunter geltend und nützlich, so unter andern eine Französin, welche ganz vortrefflich kocht, und mich daher in den Stand gesetzt hat, heute meinen Freund L.., der so viele Artigkeiten für mich gehabt, auch einmal in meiner Häuslichkeit zu bewirthen. Diné, Concert (spaßhaft genug war es, denn bloß Putzmacherinnen sangen und spielten), kleiner Ball für die jungen Damen, viele künstliche Blumen, viele Lichter, sehr wenige ausgewählte Freunde, kurz, eine Art ländlichen Festes mitten in dem Londner Jahrmarkt. Es war fast Morgen, ehe die wilden Mädchen zu Bett kamen, obgleich die Duegna sie treulich bis zum letzten Augenblick chaperonirt hatte, ich aber wurde von allen hoch gepriesen, wenn auch mein jüngerer Freund L .... ihnen im Herzen ohne Zweifel besser gefallen hatte.


[254] Den 28sten.


Ein großer Schauspieler, ein wahrer Künstler in diesem Fach, steht gewiß sehr hoch! Was muß er alles wissen und können! und wie viel Genie muß er mit körperlicher Grazie und Gewandtheit, wie viel Schaffungskraft mit der größten und langweiligsten Routine verbinden.

Ich sah heute zum Erstenmal seit meinem Aufenthalt in England Macbeth, vielleicht die erhabenste und vollendetste der Tragödien Shakspeares. Macready, ein erst kürzlich von Amerika zurückgekehrter Schauspieler spielte die Hauptrolle vortrefflich. Besonders wahr und ergreifend erschien er mir in folgenden Momenten – erstens in der Nachtscene, wo er nach dem Morde Dunkans mit den blutigen Dolchen herauskömmt, und seiner Frau die geschehene That mittheilt. Er führte das ganze Gespräch leise (wie es die Natur der Sache mit sich bringt) wie ein Geflüster im Dunkeln, und doch so deutlich und mit so furchtbarem Ausdruck, daß alle Schauder der Nacht und des Verbrechens in die Seele des Zuschauers für den Augenblick mit übergingen. Eben so gut gelang das schwierige Spiel mit Banquo's Geist. Die schöne Stelle: »Was Männer wagen, wag auch ich. Komm als der zott'ge Bär, komm als Hirkaniens Tiger, komm' mit der Kraft von Zehn, ich stehe Dir, und meine Nerven sollst Du nimmer zittern sehn. Sey lebend wieder, und rufe in die[255] Wüste mich zum Todeskampf – ich stehe Dir. Doch diese blut'gen Locken schüttle nicht, starre mich nicht an mit diesen Augen ohne Leben – fort! fürchterlicher Schatten, fort, verbirg Dich in der Erde Eingeweiden wieder, u.s.w.« fing er sehr richtig, statt zu steigern, gleich mit aller Anstrengung verzweifelnder Wuth an, sank nach und nach, von Entsetzen überwältigt, immer mehr mit der Stimme, bis er die letzten Worte nur lallend aussprach. Dann plötzlich schlug er, in fürchterlicher Todesangst dumpf aufschreiend, den Mantel über das Gesicht, und sank halb leblos auf seinen Sessel zurück. Er erreichte hierdurch die höchste Wirkung. Man fühlte als Mensch es schaudernd mit, daß unser kühnster Muth doch dem Grausen einer andern Welt nicht gewachsen ist – und bemerkte keine Spur von dem bloßen Theaterhelden, der um die Natur sich wenig bekümmert, und nur für die Gallerie auf Effekt spielend, in immer steigendem Geschrei und Wüthen seinen höchsten Triumph sucht. Herrlich nimmt Macready auch den letzten Akt, wo Gewissen und Furcht gleichmäßig erschöpft sind, und starre Apathie schon beider Stelle eingenommen hat, wenn in drei schnell aufeinanderfolgenden Schlägen nun das letzte Gericht über den Sünder hereinbricht, der Tod der Königin, die Erfüllung der trügerischen Weissagung der Hexen, und endlich Macduffs vernichtende Erklärung, daß ihn kein Weib geboren.

Was früher Macbeths Gemüth marterte, und ihn über seinen Zustand grübeln, gegen die Plage seines[256] Gewissens ankämpfen ließ, kann ihn jetzt nur, Blitzen gleich, augenblicklich noch mit Erschütterung durchzucken. Er ist seiner und des Lebens überdrüßig, und kämpfend, wie er mit bitterem Hohne sagt: »gleich einem rings umstellten Eber« fällt er endlich – ein großer Verbrecher, aber dennoch ein König und ein Held.

Gleich meisterhaft ward auch das Gefecht mit Macduff ausgeführt, was so leicht ungeschickten Schauspielern mißräth. Nichts Uebereiltes, und doch Alles Feuer, ja alles Gräßliche des Endes – der letzten Wuth und Verzweiflung hineingelegt.

Ich vergesse nie die lächerliche Wirkung dieser Scene bei der ersten Aufführung der Spikerschen Uebersetzung des Macbeth in Berlin. Macbeth und sein Gegner überhaspelten sich dabei dergestalt, daß sie wider ihren Willen hinter die Coulissen geriethen, ehe sie noch mit ihren Reden zu Ende waren, weshalb das von dort heraus schallende »Halt, genug« (dessen Vorhergehendes man nicht mehr gehört hatte) vollkommen so klang, als wenn der überrannte Macbeth, mit vorgehaltenem Degen den weitern Kampf deprecirend, geschrieen hätte: Laßt's gut seyn, – halt genug!

Lady Macbeth, obgleich nur von einer Schauspielerin zweiten Ranges gespielt, denn leider gibt es seit Mistriß Siddons und Miß Oneils Abgang keine erste mehr, gefiel mir in ihrer schwachen Darstellung doch besser als viele gerngroße Künstlerinnen unseres[257] Vaterlandes, deren affektirte Manier keinem Charakter Shakspeares gewachsen ist.

Ich theile über diese Rolle nicht nur ganz Tieks bekannte Ansicht, sondern ich möchte noch weiter darin gehen. Die wenigsten Männer verstehen, wie die Liebe eines Weibes Alles blos auf den geliebten Gegenstand beziehen und richten kann, und daher, eine Zeit lang wenigstens, auch nur in Bezug auf ihn Tugend und Laster kennt.

Lady Macbeth, als eine rasende Megäre dargestellt, die ihren Mann nur als Instrument eigener Ambition gebraucht, ermangelt aller innern Wahrheit, und noch mehr alles Interesses. Eine Solche würde gar nicht des tiefen Gefühls ihres Elends fähig seyn, das sich so schauerlich in der Schlafwachscene ausspricht, während sie nur vor ihrem Manne, um ihm Muth zu geben, immer als die stärkere erscheint, nie Furcht und Gewissensbisse zeigt, die seinigen verspottet, und sich über sich selbst zu betäuben sucht.

Sie ist allerdings kein sanfter, weiblicher Charakter zu nennen, aber weiblich sich äußernde Liebe zu ihrem Manne ist dennoch das Haupt-Motiv ihres Benehmens.

So wie uns der Dichter ihre heimlichen Leiden deutlich in jener Nachtscene vorführt, so läßt er uns auch sehen, daß Macbeth lange vorher schon die geheimen, und sich selbst kaum gestandenen, ehrgeizigen Wünsche seiner Brust ihr schon verrathen hat, und auch die Hexen wählen sich, wie Raupen und[258] Maden nur das schon Krankhafte angreifen, Macbeth nur deshalb aus, weil sie ihn schon reif für ihre Zwecke finden. Sie weiß also, was er im Innersten möchte, und ihn zu befriedigen, hilft sie mit wilder Leidenschaft nach, schnell, nach Weiberart noch viel weiter gehend, als er selbst gedachte. Je mehr Macbeth, sich weigernd, eine halbe Comödie mit sich selbst und ihr spielt, je mehr wächst ihr Eifer; und sie ebenfalls stellt sich vor sich selbst und ihm anders, grausamer und schlechter an, als sie ist, reizt sich künstlich auf, nur um ihm dadurch den kühnsten Muth und raschen Entschluß einzuflößen. Ihm opfert sie nicht nur Alles, was zwischen Macbeth und seinen geheimen Wünschen steht, sondern auch sich selbst, die Ruhe ihres Gewissens, ja alle weibliche Gesinnung gegen Andere auf, und ruft die unterirdischen Mächte um Hülfe und Stärke an. Nur auf diese Weise erscheint mir der Charakter dramatisch, und der fernere Gang des Stücks psychologisch wahr, im andern Sinne kann man nur eine Carrikatur darin finden, deren Shakspeares Schöpferkraft unfähig ist, welcher immer mögliche Menschen, keine unnatürliche Scheusale und Phantasieteufel malt.

So stoßen sich denn Beide endlich gegenseitig in den Abgrund hinein, während jeder einzeln vielleicht nie so weit gekommen wäre, Macbeth aber offenbar mit größerem Egoismus, weshalb auch sein Ende wie seine Qual, furchtbarer sind.

Es ist ein großer Vortheil für die Darstellung dieses Stücks, wenn dem genialsten Talent die Rolle[259] des Macbeth, nicht die der Lady zufällt. Davon überzeugte ich mich heute sehr lebhaft. – Wird Lady Macbeth durch überwiegende Darstellungskunst zur Hauptrolle gemacht, so sieht man die ganze Tragödie aus einem falschen Gesichtspunkte. Sie wird eine ganz andere, und verliert den größten Theil ihres Interesses, wenn man nur eine cannibalische Amazone, und einen Helden unter ihrem Pantoffel sieht, der sich wie ein Pinsel von ihr, bloß zum Werkzeug ihrer eigenen Pläne, brauchen läßt.

Nein, in ihm liegt der Hauptkeim der Sünde vom Anfang an, sein Weib hilft ihm nur nach, und er ist keineswegs ein ursprünglich edler Mann, der, durch die Hexen verführt, ein Scheusal wird, was Unnatur wäre, sondern, wie in Romeo und Julia, die Leidenschaft der Liebe in einem für sie zu empfänglichen Gemüth, von der unschuldigen Kindlichkeit der Knospe durch alle Stadien des Genusses hindurch, bis zu Verzweiflung und Tod geführt wird – so ist hier selbstischer Ehrgeiz der Gegenstand des Gemäldes, wie er durch böse Mächte ausgebildet, in Macbeths Person, von ebenfalls nur scheinbarer Unschuld und dem Ruhme des gefeierten Helden, bis zu der Blutgier des Tigers, und dem Ende einer zu Tode gehetzten Bestie gelangt. Dennoch ist der Mann, in dessen Seele das Gift wühlt, mit so vielen andern hohen Eigenschaften begabt, daß wir dem Kampfe und der Entwickelung mit Antheil für den Helden folgen können. Welcher unendliche Genuß müßte es seyn, dergleichen Produkte des Genies auch von durchgängig[260] großen Schauspielern aufgeführt zu sehen, wo keine Rolle zur Nebenrolle würde! Dieß wäre aber freilich nur von Geistern zu leisten, wie in Hofmanns gespenstischer Aufführung des Don Juan.

Du wirst vielleicht Manches in diesen Ansichten barok finden, aber bedenke, daß große Dichter wie die Natur selbst wirken. Jeden sprechen sie in dem Gewande seines eignen Gemüths an, und vertragen daher auch viele Auslegungen. Sie sind so reich, daß sie tausend Armen ihre Gaben geben, und dennoch Jedem eine andere reichen können.

Viele Theateranordnungen waren gleichfalls sehr zu loben. So sind z.B. die beiden Mörder, welche der König zum Morde Banquo's gedungen, nicht, wie auf unsern Theatern, zerlumpte Banditen, in deren Gesellschaft sich der König in seinem Prachtornate und der Nähe seiner Großen lächerlich ausnimmt, und die er nie in solchem Aufzuge in seinem Palast sehen könnte, sondern von anständigem Aeußern und Benehmen, Bösewichter, aber keine Lumpen.

Die altschottische Tracht ist durchgängig sehr schön, und auch der Zeit nach wahrscheinlich richtiger, gewiß aber malerischer als ich sie auf den deutschen Theatern gesehen. Die Erscheinung Banquo's, so wie das ganze Arrangement der Tafel, war ebenfalls unendlich besser. Der Regisseur in Berlin macht hiebei eine lächerliche Bevüe. Wenn der König die Mörder über Banquo's Tod befragt, antwortet der eine: Depend upon, he has had his throat cut. (Seyd versichert, wir haben ihm die Kehle abgeschnitten); dies ist eine englische[261] Redensart für tödten, so wie wir sagen: er hat den Hals gebrochen, wenn einer an den Folgen eines Pferdesturzes gestorben ist, ohne daß er gerade den Hals in zwei Stücke gebrochen hat. Diese Redensart hat man nun wörtlich aufgefaßt, und läßt bei Tafel einen höchst eckelhaften Kopf von Pappe erscheinen, dem die Kehle auf das Gräulichste abgeschnitten ist! – Das Hinauf- und Hinunterfahren dieses Monstrums ist dabei so nahe der Puppen-Comödie verwandt, daß man mit dem besten Willen kaum ernsthaft bleiben kann. Hier wird durch das Gewühl der Gäste, die an mehreren Tischen sitzen, das Erscheinen des Geistes so geschickt verdeckt, daß er nur dann, als der König sich niederlassen will, von ihm und den Zuschauern zugleich, plötzlich auf des Königs Stuhle sitzend erblickt wird. Zwei blutige Wunden entstellen sein blasses Antlitz (es versteht sich, daß es der Schauspieler selbst ist, der den Banquo gespielt hat), ohne es durch die abgeschnittene Kehle lächerlich zu machen, und wenn er von der Tafel aus, umgeben vom geschäftigen Treiben der Gäste, starr den König anblickt, dann ihm winkt, und hierauf langsam in die Erde sinkt – so erscheint dieß eben so täuschend wahr als grausenerregend.

Um aber billig zu seyn, muß ich doch auch einer Lächerlichkeit erwähnen, die hier vorfiel. Lady Macbeth sagt nach dem Morde des Königs, als man an das Thor klopft, zu ihrem Manne, er solle davon eilen und einen Nachtrock anziehen, damit es nicht auffiele, ihn in seinen Kleidern zu finden. Nachtrock[262] heißt nun freilich Schlafrock, aber ich traute in der That meinen Augen kaum, als Macready in einem modernen Schlafrock von geblümtem Ziz (wahrscheinlich seinen eigenen zum täglichen Gebrauch), den er blos über seine vorige Stahlrüstung geworfen, die darunter bei jeder Bewegung hervorblickte, heraus kam, und in diesem ergötzlichen Cöstume den Degen zog, um die Kammerherren zu erstechen, die bei'm König schlafen.

Es war nicht bemerkbar, daß dies irgend Jemand aufgefallen wäre. Freilich war die Theilnahme überhaupt eben so gering, als Lärm und Unfug fortwährend andauernd, so daß man wirklich kaum begreift, wie sich so ausgezeichnete Künstler bei einem so ungezogenen, indifferenten und unwissenden Publikum bilden können, als sie hier fast immer vor sich haben, denn wie ich Dir schon sagte, das englische Theater ist nicht fashionable, und die sogenannte gute Gesellschaft besucht es fast nie. Das einzige Vortheilhafte dabei für die Schauspieler ist: sie werden nicht verwöhnt – ein Umstand, dessen Gegentheil sie in Deutschland gänzlich verdorben zu haben scheint.

Nach dem Macbeth wurde noch der Freischütz an demselben Abend aufgeführt. Auch Weber wie Mozart muß es sich gefallen lassen, mit Verkürzungen und Zusätzen von Herrn Bischoff bearbeitet zu werden. Es ist ein wahrer Jammer, und nicht allein der Musik, selbst der Fabel des Stücks ist ihr ganzer Charakter benommen. Nicht Agathens Liebhaber, sondern der Schützenkönig kömmt in die Wolfsschlucht, und singt[263] auch Caspars beliebtes Lied. Der Teufel, in langen rothen Gewändern, tanzt zuletzt einen förmlichen Shawltanz, ehe er mit Caspar in seiner Hölle zur Ruhe kömmt, welche letztere durch feurige Wasserfälle, rothe Coulissen und übereinander liegende Gerippe sehr anmuthig versinnlicht wird.

Hier fällt nun jeder Vergleich mit Deutschland ganz zu unserm Vortheil aus, so sehr wir bei der Tragödie verlieren. Ich wünschte aber, es wäre umgekehrt.


Den 2ten Dezember.


Ich schrieb Dir neulich, daß ich mich wohler befinde, und seit dieser Zeit bin ich immer unwohl. Man muß nie etwas verrufen, wie die alten Weiber sagen, denn, wie W. Scott hinzusetzt: Dinge anzukündigen, die noch nicht ganz sicher sind, bringt Unglück. Dies Letzte habe ich in der That sehr oft erfahren. Was aber meine Gesundheit betrifft, so ist sie so kauderwelsch als mein ganzes Wesen, und da ich einmal im Citiren begriffen bin, laß mich Dir eine kurze Stelle aus einem hier sehr beliebten medizinischen Buche abschreiben, die auch außer uns gar vielen Naturen unsrer Zeit über sich selbst Aufschluß geben kann. Höre:

»Eine Art Individuen, ohne im Allgemeinen schwach zu seyn, werden doch von der Wiege bis zum Grabe[264] stets das seyn, was man nerveus nennt; das heißt, sie mögen von Natur fest und gut gebildet seyn, so weit als das Grundwerk der Maschine geht; sie mögen ein starkes und dichtes Knochengebäude haben, und von ausgedehnten Verhältnissen, sie mögen ein eben so starkes Muskelsystem besitzen, die Circulation des Blutes und die absorbirenden Organe energisch seyn, und dennoch werden sie in einem Punkte immer schwächlich genannt werden müssen, nämlich die Organe, welche von der Natur bestimmt sind, die Eindrücke des Gefühls und Empfindens weiter zu befördern, werden so beschaffen seyn, daß sie mit Blitzesschnelle durch die leichteste Irritations-Ursache in einen unordentlichen Zustand übergehen, zu einer Zeit krankhaft reizbar sind, zu einer andern in eine Art Gefühllosigkeit verfallen, und nie ganz den Ton und Stärke erlangen, welche zu einer festen und regelmäßigen Erfüllung ihrer Funktionen erfordert werden.«

Das können wir nun nicht ändern, aber dagegen arbeiten können wir mannigfach, durch Beobachtung unsrer selbst und durch die Kraft des Willens.

Aber nun fährt unser ärztlicher Freund eben so ergötzlich als weise so fort:

»Der nerveuse Kranke ist immer mit seinen Klagen fertig. Dem Freunde wird er hundert seltsame Seelenleiden mitzutheilen, und täglich neue Entdeckungen an sich zu machen haben, dem Arzte aber bald von sonderbaren Schmerzen in den Augen, an allen Ecken des Kopfes, Stichen und Summen in[265] den Ohren erzählen; dann vom Kopfe aus den ganzen Körper durchgehen, und bald im Leibe, bald im Rücken, bald in den Beinen über Leiden klagen. Nachdem er seinen Arzt mit dem Catalog seiner Krankheiten, deren Grund, Symptome und Folgen, eine halbe Stunde kostbarer Zeit geraubt hat, wird er ihn wohl noch einmal zurückrufen, um noch genauer zu fragen! was und wie viel er essen und trinken kann, da er grade jetzt etwas Appetit fühle, oder wie er sich, warm oder kühl, anzuziehen habe? Der berühmte Doktor Baillie, der so beschäftigt war, daß er, wie er selbst sagte, einen Arbeitstag von siebenzehn Stunden hatte, schwebte in wahrer Furcht vor nerveusen vornehmen Patienten. Während er einst, auf die Folterbank gespannt, die endlose Prosa einer Dame von solcher Beschaffenheit anhören mußte, die so wenig wirklich krank war, daß sie im Begriff stand, denselben Abend in die Oper zu fahren – gelang es ihm endlich, durch die Ankunft eines Dritten unbemerkt zu entwischen. Aber kaum hatte der Bediente den Wagenschlag aufgemacht, als die Kammerjungfer ausser Athem herunterstürzte, um den Herrn Doktor dringend zu ersuchen, nur noch einen Augenblick wieder heraufzukommen. Seufzend erschien er. O bester Doktor, rief die Dame, ich wollte nur wissen, ob ich wohl heute Abend, wenn ich aus der Oper zurückkomme, Austern essen darf? Ja Madame, schrie der entrüstete Aesculap, Schalen und Alles.« –

»Es ist seltsam, daß nerveuse Personen, die, so lange diese Affektion vorwaltet, so apprehensiv sind,[266] und jedes kleine Uebel für höchst gefährlich ansehen und fürchten, in der Regel von dem Augenblick an, wo sich bei ihnen ein wirkliches organisches Uebel bildet, ganz von selbst ihren Zustand als leicht und unbedenklich anzusehen anfangen, und während sie vorher den Arzt mit Hererzählung alle Symptome ihrer Uebel ermüdeten, nun beinahe gezwungen werden müssen, ihm genügende Information zu geben, und anstatt ihn zurückzuhalten, eben so froh als er selbst scheinen, wenn die Conferenz zu Ende ist. Eben so gibt sich die Furcht; und ich habe Viele gesehen, die, nachdem sie früher Stunden lang durch das Oeffnen eines Fensters beunruhigt worden waren, die Ankündigung eines unvermeidlichen und nicht fernen Todes mit der größten Seelenruhe anhörten. Viel thut der Wille.«

»Der Dyspepsiker oder Nervenschwache muß fest entschlossen seyn, von jedem ersten drohenden Gefühle von Unzufriedenheit und Trauer entweder durch Zerstreuung wegzulaufen oder es determinirt zu bekämpfen. Das Annähern der hypochondrischen Muthlosigkeit kann oft noch unterwegs zurückgedrängt werden, wenn man vom ersten Augenblick an es ernstlich versucht. Ich will gut seyn, sagt das Kind, wenn es die Ruthe im Begriff sieht, ihm den Willen zum Guten zu geben – und ich will heiter seyn, muß der Dyspepsiker sagen, wenn ihm die schlimmere Ruthe der Hypochondrie droht. Es ist ohne Zweifel leichter zu rathen als zu thun, vorzuschreiben als zu folgen; aber das weiß ich aus eigner[267] Erfahrung (denn auch Aerzte sind hypochondrisch) daß, ehe noch die Gewohnheit eines feigen und trägen Unterwerfens unter solche Gefühle unbesiegbar geworden ist, ein frischer, und ich möchte sagen gewissenhafter Entschluß, die anrückenden Uebel jener vaporeusen Bedrückung gewaltsam zu zertheilen – einen weitern Weg zu diesem Zwecke zurücklegen kann. Possunt quia posse videntur. (Diejenigen können, welche zu können glauben). Wir wollen demungeachtet nicht so extravagant seyn, um zu sagen, daß eine Person, um gesund zu werden, es nur ernstlich zu wollen brauche; aber das sind wir überzeugt, daß ein Mensch oft unter der Last einer Indisposition unterliegt, der mit einer geist- und muthvollen Anstrengung sie abgeworfen haben würde. Die Lehre von der Unwiderstehlichkeit des Schicksals ist weder eine wahre noch nützliche Lehre, und der Hypochonder sollte bedenken, daß wenn er zur Schwermuth sagt: Künftig sollst Du mein einziges Gut seyn, er nicht allein sein eigenes Schicksal feststellt, sondern auch das derer, die ihn lieben, mehr oder weniger mit bestimmt.«

»Melancholie hat überdem etwas Poetisches und Sentimentales in sich, welches ihr bei allem Schmerz einen gewissen Reiz gibt – doch wenn es von allem äußern Schmuck völlig entblößt, und in seiner Nacktheit dargestellt wird, bleibt am Ende nicht viel mehr übrig als Stolz, Eigennutz, und vor allen Trägheit. Ich kann mir kein schöneres Schauspiel denken, als das eines Wesens, dessen constitutionelle Verfassung[268] es zum Melancholischen hinneigt, und das mit seinem Temperament herzhaft kämpfend, durch Willenskraft sich zwingt, Theil an der Heiterkeit der es umgebenden Welt und der wechselnden Scenen des gesellschaftlichen Lebens zu nehmen. In diesem Fall behält es allen Reiz der Melancholie ohne seine Qual.«

Ist das nicht sehr schön und einleuchtend? und wird es Dich nicht eben so bekehren, als es mich in meiner Bekehrung bestärkt hat? Ich hoffe, Du wirst mir bei der nächsten hypochondrischen Anwandlung antworten: Lieber Freund, bitte, kein Wort weiter, ich will heiter seyn.

Du wunderst Dich gewiß, daß ich in dieser undankbaren Jahreszeit noch immer in London verweile, aber Lady R ..... ist noch hier – überdem habe ich mich in das einsame Leben eingerichtet, das bloß von dem Lärm der kleinen Heerde Putzmacherinnen im Hause manchmal unterbrochen wird, das Theater hat auch angefangen mich zu interessiren, und die Friedlichkeit dieses Stilllebens bekömmt mir wohl nach dem frühern trouble. Es ist wirklich so still, daß gleich dem berühmten Gefangenen in der Bastille, ich seit Kurzem eine Liaison mit einer Maus begonnen habe, ein allerliebstes kleines Thierchen, und ohne Zweifel eine verwünschte Lady, die, wenn ich arbeite, schüchtern hervorschleicht, mich von weitem mit ihren Aeuglein, gleich blinkenden Sternchen, anblickt, immer zahmer wird, und angelockt durch Kuchenstückchen, die ihr jeden Tag sechs Zoll entfernter von ihrer Residenz in der rechten Stubenecke hingelegt werden – eben jetzt[269] ein solches mit vieler Grazie verzehrt hat, und sich nun unbefangen in der Stube umhertummelt. – Aber was höre ich! Unaufhörliches lautes Geschrei auf der Straße! Mein Mäuschen floh bereits bestürzt in ihren Winkel.

Was gibt's, frage ich, welcher abscheuliche Lärm? – »der Krieg ist erklärt – ein Extrablatt wird auf der Straße ausgerufen.« Mit wem? »I dont know.«

Das ist einer der Industriezweige der armen Teufel in London. Wenn sie nichts anderes ausdenken können, so schreien sie eine große Neuigkeit aus, und verkaufen den Neugierigen ein altes Zeitungsblatt für einen halben Schilling. Man ergreift es hastig, versteht es nicht recht, sieht nach dem Datum, und lacht, daß man angeführt wurde.

Wie es mir immer geht, wenn ich allein lebe, bin ich leider wieder so sehr in das Tag in Nacht verkehren gekommen, daß ich in der Regel erst um 4 Uhr Nachmittags frühstücke, um 10 oder 11 Uhr nach dem Theater zu Mittag esse, und des Nachts spazieren gehe und reite. Es ist auch gewöhnlich in der Nacht jetzt nicht nur schöner, sondern, mirabile dictu, auch heller. Am Tage decken Nebel die Stadt so, daß man Licht und Laternen, selbst wenn sie um Mittag brennen, nicht sieht, in der Nacht aber funkeln letztere so hell wie Edelsteine, und überdem scheint noch der Mond so klar wie in Italien. Als ich beim gestrigen Nachtritt auf der breiten Straße einsam dahingalloppirte, zogen auch über mir mit gleicher Schnelle weiße und rabenschwarze Wolken, wie feine durchsichtige[270] Schleier, über den Mond hin, und gewährten lange ein eigenthümliches, wildes und reizendes Schauspiel! Unten war die Luft ganz still und warm, denn nach der letzten Kälte haben wir wahres Frühlingswetter.

Ausser L. und den Statisten der Clubs sehe ich jetzt wenig andere Personen als den Fürsten P., dem man hier viel Hochmuth und Schroffheit vorwirft, und von dem man sich überdieß in's Ohr raunt, daß er ein wahrer Blaubart sey, der seine arme Frau furchtbar behandelt, und sechs Jahre in einem einsamen Waldschloß eingesperrt habe, so daß sie endlich, der Mißhandlungen müde, in die Scheidung von ihm habe willigen müssen. Was sagst Du, gute Julie, zu diesem traurigen Schicksal Deiner besten Freundin?

Wie seltsam gestalten sich doch zuweilen Gerüchte und Verläumdungen in der Welt! Wie wenig ist man im Stande vorherzusehen, welche unbegreiflich heterogene Folgen die Handlungen der Menschen haben, welche ganz unerwartete Klippen die Lebensreise gefahrvoll machen werden – ja in der moralischen wie in der materiellen Welt sieht man nur zu oft da, wo Waizen gesäet wurde, Unkraut aufgehen, und dem hingeworfenen Mist Blumen und duftige Kräuter entsprießen!

Deinen langen Brief habe ich erhalten, und sage dafür den herzlichsten Dank. Verdenke es mir aber nicht, daß ich so selten Einzelnes beantworte, gewissermaßen den Empfang jeder Stelle quittire, welche Unterlassung Du mir so oft vorwirfst. Deshalb[271] geht doch gewiß kein Wort bei mir verloren. Denke nur, daß man der Rose keine andere Antwort auf ihren köstlichen Duft gibt, als daß man ihn mit Wohlbehagen einathmet. Sie einzeln zu zerpflücken würde den Genuß nicht vermehren. Uebrigens bedaure ich, jetzt selbst zu wenig Stimmung und zu wenig Stoff zu haben, um Dir gleiche Rosen zuzusenden. Die Wand ist so kahl vor mir wie ein weißes Tuch, und keine Art von ombre chinoise will noch darauf erscheinen.


Woolmers, den 11ten.


Sir G.O., früher englischer Gesandter in Persien, hatte mich auf sein Landgut eingeladen, und da es so nahe ist, und einige Abwechslung versprach, fuhr ich gestern dahin.

Bei Nacht und Regen kam ich spät an, und mußte sogleich Toilette machen, um zu einem Ball bei Lady Salisbury nach Hatfield zu fahren, den diese dort auf ihrem Schlosse an einem bestimmten Tage jeder Woche für die Umgegend gibt, so lange sie auf dem Lande ist. Das Besuchen desselben wird daher wie eine Art Visite angesehn, und keine Einladung dazu ertheilt. Sir G. nahm seine ganze Gesellschaft mit, unter der sich ausser seiner Familie auch Lord Strangford, der bekannte Ambassadeur in Constantinopel, befand.[272]

Du erinnerst Dich, daß ich auf meiner frühern Excursion nach dem Norden Hatfield nur en passant von außen sah. Jetzt fand ich auch das Innere eben so imposant und respektabel durch seine Alterthümlichkeit, als das Aeußere. Man tritt zuerst in eine sehr große Halle mit Fahnen und Rüstungen, wandelt dann eine seltsame hölzerne Treppe hinauf, mit Figuren von Affen, Hunden, Mönchen etc., und gelangt von hier in eine lange, etwas schmale Galerie, in der heute getanzt wurde. Die Wände derselben sind aus alter eichener Boiserie, mit altväterischen silbernen Wandleuchtern, gothischen Stühlen und rothen Rouleaus verziert. An einem Ende dieser, wohl 150 Fuß langen Galerie ist eine Bibliothek, und am andern Ende ein prachtvolles saalartiges Zimmer, mit tief herabhängenden metallenen Verzierungen an den Caissons der Decke, und einem haushohen Kamin, durch die Bronce-Statue des Königs Jakob gekrönt. Die Wände sind mit weißem Atlas bekleidet, Vorhänge, Stühle, Sopha's in Cramoisi, Sammt und Gold. Dies Lokal war recht schön, der Ball indeß ziemlich todt, die Gesellschaft gar zu ländlich, Erfrischungen keineswegs im Ueberfluß, und das Soupé nur aus einem magern Büffet bestehend. Um 2 Uhr war Alles aus, und ich sehr froh, es überstanden zu haben, da ich mich müde und ennuyirt nach Ruhe sehnte.

Als ich am andern Morgen ziemlich spät aufgestanden, und fast zu spät bei'm Frühstück erschienen war,[273] das hier etwas zeitig eingenommen wird, ergötzte ich mich an den vielen persischen Merkwürdigkeiten, welche die Salons zieren. Sehr auffallend war mir ein prachtvolles Manuscript mit Miniaturen, deren Farbenpracht selbst die besten Sachen dieser Art aus dem europäischen Mittelalter übertreffen, und die in der Zeichnung oft richtiger sind. Das Buch enthält die Geschichte der Familie Tamerlans, und soll in Persien zweitausend L. St. gekostet haben. Es ist ein Präsent des Schachs.

Mit kostbaren Metallen eingelegte Thüren, Sopha's und Teppiche aus eigenthümlichen Sammtzeugen mit Gold und Silber durchwürkt, vor allem aber eine goldne Schüssel mit dem vollkommensten bunten Email incrustirt, und mehrere äußerst künstlich gearbeitete Bijoux zeigen, daß die Perser, wenn sie uns in Vielem nachstehen, uns auch in Manchem sehr übertreffen.

Das Wetter hatte sich ein wenig aufgeheitert, und lockte mich zu einem einsamen Spaziergang. Herrliche Bäume, ein kleiner Fluß und ein Wäldchen, dessen Boden und Bäume mit Schlingelkraut ganz bedeckt waren, und in dessen dichten Schatten eine merkwürdige Quelle entspringt, die mit Gewalt aus der Erde Eingeweiden hervorsprudelnd, fünfhundert Kannen in der Sekunde dem Flusse zuführt, waren die Hauptzierden des Parks. Als ich zurückkam, war es zwei Uhr, die Stunde des Luncheon, worauf mir Sir[274] Gore seine arabischen Pferde producirte, von denen schnell einige zu einem Spazierritt gesattelt wurden. Der Reitknecht hatte während desselben nichts zu thun als unaufhörlich ab- und aufzusteigen, um die Thore zu öffnen, die überall den Weg versperrten, wie es in den englischen Parks, und noch mehr in den Feldern der Fall ist, was das Spazierenreiten, außer den großen Landstraßen, etwas unbequem werden läßt. Abends wurde Musik gemacht, wobei sich die Tochter vom Hause und Mistriß F ... als vortreffliche Klavierspielerinnen auswiesen. Das Auditorium war indessen ganz ungenirt, und man ging und kam, sprach oder hörte auf die Musik, wie man Lust hatte. Nachher, als die Lady's zur Toilette auf ihr Zimmer gegangen waren, erzählte uns Sir G ... und Lord Strangford Geschichten aus dem Orient, ein Thema, was nie ermüdend für mich ist. Beide sind große Partisans der Türken, und Lord Strangford lobte den Sultan als einen sehr aufgeklärten Mann. Er selbst sey, sagte er, vielleicht der erste von allen christlichen Gesandten, der mehrere Privatunterredungen mit dem Großherrn gehabt, wobei jedoch stets eine sonderbare Etiquette beobachtet worden sey. Der Sultan habe ihn nämlich im Garten des Serails in der Kleidung eines Offiziers seiner Leibwache empfangen, und dabei immer vom Sultan im Charakter seiner Rolle mit der größten Ehrfurcht in der dritten Person gesprochen, wobei Lord Strangford es nicht blicken lassen durfte, daß er ihn kenne. Der Lord versicherte, daß der türkische Kaiser Rußland besser[275] und genauer kenne, als gar viele europäische Politiker, und daher gewiß sehr wohl wisse, was er unternehme1.

Nach dem Diné, das auch einige orientalische Schüsseln enthielt, und bei dem ich zum erstenmal ächten Shiras trank (beiläufig gesagt kein angenehmer Wein, der nach den Bocksschläuchen riecht), wurde wieder musicirt und kleine Verstandesspiele gespielt, welche indeß nicht besonders reusirten, weshalb denn auch bei guter Zeit jeder seinen Handleuchter ergriff, um zu Bett zu gehen.


Den 12ten.


Ich habe von der arabischen Zucht meines Wirths einen rabenschwarzen Wildfang gekauft, den länger probiren zu können, wir heut früh einen Besuch bei Lady Cooper in der Nachbarschaft machten. Ihr Schloß und Park Pansanger ist sehr sehenswerth, besonders die Gemäldegallerie, welche zwei Madonnen Raphaels aus seiner frühern Zeit enthält, auch ein ausgezeichnet schönes Bild des Marschalls Turenne zu Pferde von Rembrandt. Lady Cooper empfing uns in ihrem Boudoir, das unmittelbar in einen, selbst jetzt noch reizenden und vortrefflich gehaltenen, Blumengarten führte, an den sich auf der andern Seite wiederum Gewächshäuser, und eine[276] Dairy in Tempelform anschloß, in deren Mitte Delphine von Bronce ihr kühles Wasser ergossen.

Pansanger ist durch die größte Eiche in England berühmt, die den pleasure ground ziert. Sie hat zwei Ellen über dem Grunde noch 191/2 Fuß im Umfang, und ist dabei sehr hoch und schlank gewachsen, ohngeachtet ihre Aeste sich auf allen Seiten ausbreiten. In Deutschland haben wir größere Bäume dieser Art.

Um die Gegend noch mehr zu recognosciren, machten wir nachher einen zweiten Besuch in Hatfield, bei welcher Gelegenheit ich dieses genauer als früher musterte.

Das ganze Schloß nebst Küche und Waschhaus wird durch eine Dampfmaschine geheizt, ein Ofen, der dem grandiösen Ganzen angemessen ist. Die Marquise Douairière, die rüstigste Dame ihres Alters in England, führte uns Trepp auf Trepp ab in allen Winkeln umher. In der Kapelle fanden wir vortreffliche alte Glasgemälde, die man in Cromwells Zeit vergraben hatte, welchem Umstand sie ihre Rettung verdankten, als die verrückten Bilderstürmer alle gemalten Kirchenfenster zertrümmerten. In einer der Stuben befand sich ein sehr gutes Bild Carl des Zwölften, dieses Don Quixotte en grand, der ohne Pultava vielleicht ein zweiter Alexander geworden wäre.

In den jetzigen Ställen Hatfields, dem ehemaligen Schlosse, saß Elisabeth unter der Regierung Maria's gefangen. Die Königin ließ auf einem Giebel, ihrem[277] Fenster gegenüber, eine sehr hohe, spitzige Feueresse mit einer eisernen Stange errichten, und der Gefangenen insinuiren: diese Stange sey bestimmt, um ihren Kopf darauf zu stecken. So erzählte uns die Marquise. Die Esse steht noch, und ist jetzt dick mit Epheu überwachsen, Elisabeth aber baute, um sich an dem wohlthuenden Contrast späterer Jahre zu weiden, den neuen Pallast daneben, aus dem sie den drohenden Rauchschlund nun mit besserer Gemüthsruhe betrachten konnte. An Kunstgegenständen ist das Schloß arm, der Park nur reich an großen Eichenalleen und Krähen, sonst öde und ohne Wasser, ausgenommen eine häßliche, grün überzogne Pfütze nahe am Schloß.


Den 13ten.


In dem Hause meines Wirths befindet sich eine eigenthümliche Bildergallerie, nämlich eine persische, die wenigstens ziemlich barocke Dinge enthält. Die Portraite des Schachs und seines Sohnes Abbas Mirza sind das Interessanteste darin. Die gelbe mit Edelsteinen aller Art bedeckte Tracht des Schachs und sein enormer schwarzer Bart, repräsentiren diesen Sohn des Himmels und der Sonne nicht übel. Sein Sohn aber übertrifft ihn an Schönheit der Züge. Dagegen ist das Costume desselben fast zu einfach, und auch die spitze Schafmütze nicht wohlbekommend. Der letzte persische Gesandte in England[278] beschließt das Kleeblatt. Dies war ein sehr hübscher Mann, der sich in die europäischen Sitten so gut fand, daß er von den Engländern wie ein wahrer Lovelace geschildert wird. Zu Hause angekommen, soll er sich überdem keineswegs discret gezeigt, sondern manche vornehme englische Dame von dort her sehr boshaft compromittirt haben.

Einige angezogene Puppen in demselben Local gaben uns eine treue Idee des schönen Geschlechts in Persien, mit langen, roth oder blau gefärbten Haaren, gewölbten und gemalten Augenbraunen, schmachtend feurigen, großen Augen, allerliebsten Gaze-Pantalons und Goldringen um die Fußknöchel.

Lady O. erzählte uns dazu viele interessante Harem-Details, die ich Dir mündlich mittheilen werde, denn ich muß doch Einiges auch dafür aufbewahren.

Manches scheint in Persien ganz angenehm, manches nichts weniger, so unter andern die Scorpione und Insekten. Einmal kroch Lady O., während sie auf dem Divan lag, eine Schlange am Nacken herunter in die Kleider, die sie nur durch schnelle Entfernung der ganzen Toilette loswerden konnte.

So etwas geschieht uns doch nicht leicht in unsrer climatischen Mitteltemperatur. Sie sey daher gepriesen, und alle Zufriedene darin, zu denen ich herzlich wünsche uns Beide immer zählen zu dürfen.

Dein L.

1

Wenn man nach dem Erfolg urtheilen darf, so hat sich diese Meinung eben nicht bestätigt.

A.d.H.

Quelle:
[Hermann von Pückler Muskau]: Briefe eines Verstorbenen. Dritter und Vierter Theil: Ein fragmentarisches Tagebuch aus Deutschland, Holland und England geschrieben in den Jahren 1826, 1827 und 1828, Band 4, Stuttgart 1831, S. 235-279.
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