[412] Das zehende Capitel.

D. Faustus erwecket dem Käiser Maximiliano den Weltbezwinger Alexandrum Magnum.

[431] Nota: Der Author, der den D. Faustum hat erstlich in den Druck gegeben, hat sich deß Namens verstossen, dass er gesetzt, es sey Käiser Carolus V gewesen; aber im rechten Original ist es Käiser Maximilianus I.

DEr löbliche Käiser Maximilianus kam auf eine Zeit mit seiner gantzen Hofhaltung nach Inspruck, in Willens eine Zeit lang allda zu verharren, und frische Lufft zu schöpffen. Weiln nun D. Faustus auch dazumal seiner Kunst wegen bey Hof sich aufhielte, und ein und anderer Prob halben bey ihrer Käiserlichen Majestät in sondern Gnaden war, geschahe es einsten im Sommer nach Jacobi Tag, da gleich der Käiser Abends das Nachtmal eingenommen hatte, und in seinem Zimmer auf-und-abspatzirte, daß er den D. Faustum alleine zu ihm kommen ließ, hielte ihm vor, wie er aus etlichen Proben erfahren hätte, daß er ein erfahrner Schwartzkünstler wäre, wäre derhalben vor dieses mal sein Begehren, er soll ihm vermittels solcher seiner Kunst etwas zu gefallen verrichten, es soll ihm bey seinem Käiserlichen Wort nichts arges deßwegen widerfahren, sondern er wolle es noch mit allen Gnaden erkennen.

D. Faustus kunte und wolte ein solches ihrer Käiserlichen Majestät nicht abschlagen, und sagte alles das jenige zu verrichten, und durch seine Kunst zu wegen zu bringen, was sie verlangten. Der Käi[413]ser fieng an und sprach: Ich sasse neulicher Zeit in meinen Gedancken, und betrachtete in meinem Gemüte, wie meine Vorfahren an dem Römischen Käiserthum in solch einen hohen Grad der Käiserlichen Dignität und Hoheit gestiegen, und zu einer solchen Authorität bey der Nachwelt kommen und gelanget, daß ich billich Sorg trage, ob die nachfolgenden Käiser gleicher Ehre und Nachruhms möchten theilhafftig werden; aber was ist dieses alles gewesen gegen der Hoheit und dem Glück Alexandri Magni, der fast die gantze [432] Welt in so kurtzer Zeit unter sich gebracht hat? Nun möchte ich hertzlich gern den Geist dieses unüberwindlichen Heldens, wie auch seiner schönen Gemahlin, wie sie in dem Leben gewesen, sehen und kennen.

D. Faustus antwortet nach einem kleinem Bedacht, er wolle dieses alles werckstellig machen, sonder einigen Betrug, nur dieses wolte er ihre Käiserliche Majestät gebeten haben, daß sie ja Zeit währender dieser Vorstellung nichts reden solten, welches auch der Käiser versprochen. D. Faustus gehet indessen vor das Gemach hinaus, ertheilet seinem Mephostophili Befehl, diese Personen vorstellig zu machen, und gehet wiederum hinein.

Bald klopffet er an die Thüre, da thäte sich diese von sich selbsten auf, und gieng hinein der grosse Alexander, wiewol er keine grosse Person war, jedoch eines strengen Ansehens, darzu hatte er einen falben Bart; er trate hinein in einem gantz vollkommenen köstlichen Harnisch, und machte dem Käiser Reverenz, deme denn der Käiser sobald die Hand bieten wolte, und deßwegen von seinem Stul aufstunde, D. Faustus aber solches nicht zuliesse.

[414] Als nun Alexanders Geist wieder von dannen gangen, alsobald gieng herein der Geist der Königin, seiner Gemahlin. Diese machte ebenmässig vor dem Käiser eine tieffe Reverenz, war angethan mit himmelblauen Sammet, über und über mit Orientischen Perlen besetzet, præsentirte benebens eine über alle massen schöne Person, lustiges Ansehens, und holdseliger Geberden, daß sich der Käiser recht über solcher Schönheit verwunderte: deme zugleich einfiele, wie er öffters von dieser schönen Königin gelesen, daß sie hinden an dem Nacken eine Wartzen solle gehabt haben, stunde demnach, die Wahrheit dessen zu erfahren, auf, und gieng hin zu ihr, und als er die Wartzen gefunden, ist so bald auch der Geist hinaus gangen: ist also dem Käiser hierinn in allem ein völliges Genügen geschehen.


Anmerckung.

I. Billich solte allhier jemand anstehen und fragen wollen: Ob [433] diese Erweckung und Vorstellung Alexandri Magni und seiner Gemahlin (wie etwan noch heutiges Tags anderer Längstverstorbener) warhafftig gewesen.

Warhafftig aber können solche nicht seyn, weiln es sonsten entweder deß abgestorbenen Menschen Seel oder sein Leib sein müste. Nun kans die Seele nicht seyn, denn dieselbe kan nicht also erscheinen, daß sie mit den leiblichen Augen solte gesehen werden, sie ist ein Geist und unsichtbar; darzu, ist die Seele etwan eines Frommen, so ist sie im Himmel, oder der Hand GOttes, und begehret nicht wieder heraus; ist die Seele eines Bösen und Gottlosen, so bleibet sie in der Hölle Psalm 49. v. 15. und kan nicht wiederkommen, wegen der grossen Klufft, die darzwischen befestiget ist, Luc. 16. v. 26. so kans der Leib auch nicht seyn, denn derselbe kan für sich selbsten nichts ausrichten, wenn die Seele daraus gescheiden ist, er bleibt tod; sondern es seynd nur deß leidigen Teuffels Verwandlungen und Verstellungen in mancherley Gestalten: welcher daher mit Fuge verglichen wird einem Comœdianten, der unterschiedliche Personen repræsentiret. Denn gleichwie derselbe bald einen König, bald einen Bauern, bald einen [415] Narren agiren und vertretten kan, je nachdem er sich verkleidet, und die Actiones und Ämter solcher Personen verwaltet, und ist doch nach dem Ausgang der Comœdi kein anderer, sondern eben der, der er Anfangs und vor derselben gewesen: also kan auch der höllische Vertumnus sich in allerley Gestalten verwandeln, und bald diese bald jene Larv anziehen, da er son derlich der abgestorbenen Personen Gestalt, Reden und Geberden so eigentlich kan repræsentiren und sehen lassen, daß die Lebendige die ihn sehen und hören nicht anderst vermeinen, es seye diese oder jene verstorbene Person selbsten; wie an dem verstorbenen und erweckten Propheten Samuel zu ersehen, den die Zauberin zu Endor dem König Saul aus dem Grab herfür gebracht hat, welches der Teuffel in Gestalt deß Samuels gewesen, in welcher er ihm so eigentlich erschienen, daß er nicht anderst gemeinet, es wäre der Prophet Samuel selbst; wird aber darum kein anderer, sondern er ist und bleibet immer der alte Teuffel, der er zuvor gewesen, er verstelle sich gleich wie er wolle.

Eine gleichmässige Geschicht melden andere Scribenten von Joh. Trithemio, daß er dem Käiser Maximiliano (ob es nun eben diese D. Fausti Geschicht ist, nur daß die Namen verändert worden, oder aber solche sich nach Fausti Tod bey dem Käiser zu getragen, stehet dahin) seine verstorbene Gemahlin Mariam, Hertzogin von Burgund die eine schöne Person, und dem Käiser hertzlich lieb gewesen, in einem absonderlichen Gemach, darinn er mit dem Käiser und noch einer seiner [434] vertrauten Person alleine war, durch seine Zauberey und Schwartzekunst habe sichtbarlich præsentiret, und gezeiget, da sie denn fein sittsamlich bey ihm fürüber gangen, sich gegen ihm geneiget, geliebelt und ihn angelacht, mit allen Geberden, Form und Gestalt seiner rechten Gemahlin so gleich daß der Käiser auch ein schwartzes Flecklein, so sie hinden am Hals gehabt, an ihr gemercket mit grosser Verwunderung. Indem aber gemeldter Trithemius dem Käiser seine Gemahlin durch seine Kunst also vorgezeiget, hat er ihm verboten, daß er kein Wort reden solte. Als nun das Ge sicht oder der Geist vor ihm fürüber gehet, kommt ihm ein solch Grausen an, daß er dem Abt wincket, er solte das Gespenst abschaffen, und als es weg, hat er mit Zorn und Zittern gesprochen: Münch, mache mir der Possen nicht mehr. Denn er bekennet, wie schwerlich er sich deß Redens enthalten können, wäre es aber geschehen, so wäre der fromme Herr von dem Gespenst erwürget worden, denn darauf wars gespielet: aber GOtt hat den frommen Herrn gnädiglich behütet, daß er hinfort solcher Schauspiele müssig gienge.

[416] Eben dieser Trithemius hat vorher zu anderer Zeit höchstermeldtem Käiser alle verstorbene Käiser und andere grosse Heiden, in seinem Gemach nacheinander gehend vorgestellet, einen jeden in seiner Gestalt und gebräuchlicher Kleidung; unter welchen auch gewesen Alexander Magnus, Julius Cæsar, wie auch seine andere Braut und Hochzeiterin, Fräulein Anna aus Britannien, welche der König in Franckreich, Carolus Gibbosus, ihm genommen und aufgefangen hatte.

Da einsten der grosse Schwartzkünstler Christoff Wagner, in Beyseyn deß Johannis de Luna, von seinem Geist Auerhan vernommen, daß, als Apollon deß Achillis Geist aus der Höllen gefordert, auf daß er seine Person sehe, er der Geist gewesen seye, verlangte den Wagner solchen vortrefflichen Griechischen Helden auch zu sehen, bate demnach seinen Geist Auerhan darum. Der Geist veränderet sich geschwind in deß Achillis Gestalt, und gieng in der Stuben auf und ab, war einer zimlichen grossen Länge, etwan ungefehr eilff oder zwölff Schuch hoch, schön von Angesicht, aber sehr sauer sahe er aus, als wenn er zornig wäre: Er hatte einen hübschen rothen Bart, und zimlich lange Haar, hatte einen starcken Brust- Harnisch, und in der einen Hand einen schönen grossen Schild, in der andern Hand führte er ein hübsches Jungfräulein, gar schön auf Königliche Art gekleidet, und diese hatte einen blossen gläntzenden Säbel in der Hand; darüber sich Wagner nicht wenig verwundert, hätte gern gefraget, aber er dorffte nicht, denn der Geist hatte es ihm zuvor verboten.

Als er nun genug gesehen hatte, verschwand der Achilles, und [435] kam der Geist Auerhan wieder, zu dem sprach Wagner. Was bedeutet denn die Jungfrau mit dem Säbel, die er bey sich führet? der Geist antwortet: als Achilles umkommen war, ist er zu Troja begraben worden, und sein Geist (welches die Griechen also dafür gehalten) ist offtmals erschienen, und hat gebeten, man solle ihm die Polyxenam, deß Königs Priami Tochter, welche zuvor der Herr Vatter ihme vermählet und zugesaget hatte, zum ewigen Gedächtniß opffern und schlachten, so werde seine Seele wiederum versöhnet werden. Und als die Griechen dem Geist willfahren wollen, haben sie ihm die Jungfrau geopffert und geschlachet, und ihr den Kopff abgehauen mit diesem Säbel: welches sie auch gar gerne und mit freudigem Mut gelitten hat.

[417] Belus der König in Assyrien, der Ninive hat erbauet, der hat einen Sohn nach ihm verlassen im Regiment, Ninus genant; zu diesem hat sich Zoroastres, der erste Zauberer nach vieler Gelehrten Meinung, an den Hof begeben, und da dieser gesehen, daß die Königin Semiramis, Nini Mutter, die ein unzüchtiges geiles Weib gewesen, gegen ihren eigenen Sohn in unkeuscher Lieb entbrant, auch bereits solchen um fleischlische Vermischung angesprochen, ihr aber der Sohn aus rechtmässiger Schamhafftigkeit solches abgeschlagen, worüber sich denn die Königin betrübet und erkrancket, hat besagter Zoroaster sich in die Gestalt ihres Sohns verwandelt und verstellt, und also der Königin Willen erfüllt.

Also meldet eine alte Frantzösische Chronica, daß zu den Zeiten deß Frantzosischen Königs Lotharii, deß Ersten dieses Namens, im Jahr 964. ein regierender Fürst in Bulgaria gewesen, Bajan genant; dieser Bajan war ein grosser Schwarzkünstler, er verwandelte sich vermittels seiner teuffelischen Kunst in allerley Gestalten, wie er nur wolte, und sonderlich, wenn etwan einer zuvor den Römischen Käiser, oder Papst, oder einen König in Franckreich gesehen, und zu diesem Fürsten Bajan kam, meinet er nicht anderst, dieselben wären bey ihm zu Hof eingeritten.

Der Römische Käiser Heliogabalus, war ein solcher Schwartzkünstler, daß er mit seiner Zauberkunst so viel zuwege gebracht, daß ihm viel treffliche Leute von den Verstorbenen vorgekommen, unter andern sein Vatter Severus, ingleichen der Commodus, die ihm haben zukünfftige Dinge verkündigen müssen.

Deßgleichen meldet Matthesius, in seiner Vorrede über das de Profundis, daß ein Chorherr zu Halberstadt gewesen, den er wol gekennet hab, der ein Nigromanticus war, Johannes Teutonicus genant; der habe durch seine Gespenste, seinen Mit-Chorherren ihre Vätter und Freunde in einem Gemach deß Closters zu Halberstadt vorgestellet, in ihrer [436] Gestalt, ja so gar in den Geberden.

Von dem Schwartzkünstler Scoto erzehlet man eine Histori, daß einsten der König in Hispanien den Fürsten Terra Nova aus Sicilien als einen Legatum und Abgesandten, nach Prag zu dem Römischen Käiser Rudolpho abgefertiget habe; zu diesem sey auch Scotus in sein Zim mer kommen, und ihn gefraget, ob er nicht wisse, was anjetzo ihre Königliche Majestät in Hispanien thue? der Fürst antwortet, wer es ihm denn sagen wolte? zumaln er ja von derselben so weit entfernet [418] seye. Hat Scotus gesagt, er wolle ihn, so es ihm gefällig wäre, seinen Herrn, den König sehen lassen. Der Fürst war damit zufrieden und liesse es geschehen. Scotus reichte ihm bald einen Spiegel dar, darein solte er sehen: und alsbald sahe der Fürst seinen König in seinem Gemach sitzen, der hatte eine Feder in der Hand, und wolte diese schärffen oder spitzen, denn er hatte damals etwas geschrieben.

Scotus sagte ferner, so ihre Fürstliche Gnaden auch verlangten gar zu sehen, was der König geschrieben hätte, möchte er solches auch wol sehen: aber der Fürst wolte nicht, sondern sagte, es stehe ihm nicht zu, seines allergnädigsten Königs und Herrns Heimlichkeit zu wissen.

Quelle:
Pfitzer, Nikolaus: Das ärgerliche Leben und schreckliche Ende deß viel-berüchtigten Ertz- Schwartzkünstlers Johannis Fausti [...]. Tübingen 1880 [Nachdruck: Hildesheim, New York 1976], S. 431-437.
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