[466] Das achtzehende Capitel.

D. Faustus führet einen in der Türckey gefangenen Edelmann wieder nach Haus, da eben sein Weib sich bereits in anderwertige Ehe begeben hatte.

[481] ES kam einer von Adel gen Leipzig, und als ihm in dem Wirthshaus über der Tafel von andern wurde angezeigt, wie D. Faustus, der berühmte Schwartzkünstler, verstorben, und zwar ein erbärmliches Ende genommen hätte, da erschrack hierüber dieser Edelmann von Hertzen, und sprach: ach das ist mir sehr leid, er war dennoch ein guter diensthaffter Mann, und mir hat er eine Gutthat bewiesen und erzeiget, deren ich die Zeit meines Lebens nimmermehr vergessen soll, noch kan. Denn es war dazumal mit mir also beschaffen; als ich vor sieben Jahren noch lediges Stands und unverheurathet war, zur selben Zeit zu Wittenberg Studirens wegen mich aufhielte, bekam ich nebenst andern guten Bekandten auch gute Kundschafft zu D. Fausto, daß er mich, ohne Ruhm zu reden, vor andern recht liebte, und mir wol wolte.

Nicht lang hernach wurde ich auf meiner Befreunden einen in Dresden gehaltenen Hochzeitlichen Ehren-Tag beruffen und eingeladen, auf welchem ich auch erschienen, aber ich weiß nicht zu meinem Glück oder Unglück; denn ich kam in Kundschafft mit einer adelichen, schönen, und die Warheit zu sagen tugendbegabten Jungfer, die auch in Züchten ihre Gegenliebe gegen mir sattsam spüren liesse, so, daß nach allerseits Freundschafft Einwilligung in kurtzem daraus eine Ehe ward. Als ich [467] nun etwan ein Jahr in aller Vergnüglichkeit, darzu in einer friedsamen Ehe lebte, da ward ich einsten von zweyen meinen Vettern verführet, die Lust hatten das heilige Land zu besehen, daß ich trunckener Weise, jedoch bey adelichen Glauben und Trauen verheissen und zugesaget, daß ich mit ihnen dahin reisen, und einen Gefehrten abgeben wolte; hielte auch diß mein Versprechen unverbrüchlich, wie sehr sich meine Liebste darwider setzte, doch solches endlich geschehen lassen muste.

[482] Es sturben nach kaum halb vollbrachter Reise etliche von uns, und kamen kurtz zu sagen mit Mühe und Arbeit unser drey an den verlangten Ort; deßwegen, noch etwas mehr zu erfahren, wurden wir zu Rath, daß wir wolten gen Bizanz in Græcia unsern Weg richten, deß Türcken Wesen desto besser zu erkundigen; allein wir wurden für Kundschaffter an einem Paß, da wir durch musten, angesehen, darüber gefangen, und mit einem Wort, wir musten unser hartseliges Leben in schwerer Dienstbarkeit fünff gantze Jahr zubringen.

Der eine mein Vetter starb hierüber und kam über Venedig die Sage in das Teutschland zu den Ohren meiner Freunde, wie auch meiner Eheliebsten, daß ich gewiß gestorben wäre. Nun fanden sich, wie leicht zu glauben, bald Freyer, die sich um meine Liebste beworben, und liesse sich auch diese nach halb geendigter Trauer von einem wackern Edelmann, aus der Nachbarschafft, bereden, daß sie das Wort von sich gabe, und also zur andern Ehe schreiten wolte, wie denn bereits zur hochzeitlichen Freude Anstellung gemacht worden. Allein was geschihet?

[468] Diesem meinem alten guten Freund und Bekandten, dem D. Fausto, kommt beedes zu Ohren, daß ich nemlich wäre in der Türckey verstorben, und daß daher meine Eheliebste wiederum in andere Eheverlöbniß sich mit einem von Adel eingelassen hätte, der hat nun meines vermeinten Todes wegen ein grosses Mitleiden, zumaln daß ich in so schwerer Dienstbarkeit soll verstorben seyn, fordert deßwegen seinen Geist zu sich, fraget ihn, ob ihm also wäre, wie die Sage von mir gienge? Ob ich tod, oder noch im Leben wäre? Und als er von dem Geist verstanden, daß ich nicht todt, jedoch annoch in harter Dienstbarkeit lebte daraus ich ohne Zweiffel so bald nicht würde kommen können, legte er von Stund an diesem seinem Geist auf, daß er auf wäre, und mich von dar erlösen, und wieder in mein Vatterland bringen solte: welches alsobald der Geist zu leisten zugesaget hat, und auch redlich gehalten.

Denn er kam eben um die Mitternachtstund, da ich wachend auf der Erden (denn dieses war mein Bett) lage, und mein Elend betrachtete, zu mir hinein, und es war um ihn [483] gar helle; ich erschrack gar sehr, und furchte mich den Mann recht anzusehen, erkühnete mich doch einmal, und bedauchte mich, ich solte diesen Mann zuvor mehr gesehen haben. Er fieng aber mit mir an zu reden, darüber ich mich erfreuete, weil ich ihn für ein Gespenst hielte, der sprach: kennest du deinen alten Freund, den D. Faustum nicht mehr? Wol auf, du must mit mir, und dich deines ausgestandenen Leides wiederum ergötzen. Kame also von dar schlaffend getragen in deß D. Fausti Behausung, nach Wittenberg, der empfieng mich mit Freuden, zeigete mir bene[469]benst an, wie sich meine Eheliebste bereits vor einem halben Jahr mit einem andern Edelmann verlobet, auch Hochzeit gemachet, aber diese Zeit über nicht ehlich beywohnen können, weiln er ihm mit seiner Kunst einige heimliche Hinderung darein gemacht habe, indeme er ihm die männliche Krafft auf Jahr und Tag genommen; wäre demnach grosse Zeit mich eilfertig bey derselben einzustellen, wie ich denn auch folgenden Tags gethan, und solches werckstellig gemacht, da sie denn bey meiner Ankunfft gleichsam erschrocken, und nicht gewust, ob ich ihr natürlicher Mann, oder aber sein Geist wäre, weiln jedermann geglaubet, daß ich vorlängst schon den Würmern zu einer Speise worden.

Weiln ich aber meiner gewesenen Eheliebsten genugsame Anzeichen sehen lassen, ob schon die Menge der Trübsalen um ein Merkliches meine Gestalt verändert, auch den gantzen Verlauff meiner fünff-jährigen Gefangenschafft, wie auch die erfreuliche Erlösung aus solcher, durch die Vermittelung D. Fausti, erzehlet, ist sie mir zu Fusse gefallen, hat demütig um Verzeihung gebeten, und hat so bald beederseits Freundschafft beruffen lassen, und ihnen meine Wiederankunfft entdecket, auch darauf selbst die letztere Ehe für nichtig und ungültig erkennet, weiln doch ohne daß der Edelmann zum Ehestand untüchtig wäre, wie er selbsten gestehen müste, u.s.w. Welchem Ausspruch auch die gantze Freundschafft beygefallen ist, auch solchen, weiln der Edelmann an das Gericht appelliret, der Richter approbiret.

Eine solche Gutthat nun, ihr Herren, hat mir der gute D. Faustus erzeiget, welche ich ihm die Zeit [470] meines Lebens nicht werde genugsam verdancken noch rühmen können.


Anmerckung.

[484] I. Die Erfahrung hats gelehret, das es Leute gegeben, welche ohne Schlüssel und andere ordentliche oder gewaltsame Mittel, auch die festesten Schlösser aufmachen, und also in die verwahrteste Gefängnisse, oder andere Örter, kommen können; dergleichen sonderlich gewesen seyn soll, wie A. Lercheimer schreibt im Bedencken von Zaub. p. 49. Johann St. ein Pfaff, und berühmter Astronomus. Denn dieser hat ein gesegnetes Kraut, seinem Vorgeben nach, gehabt, wenn er das an ein Schloß gehalten, so ist es alsobald aufgegangen: darzu es doch Gott nicht hatte wachsen lassen, hat auch solche Krafft vom Segen nicht gehabt. Der Teuffel ist dabey gewesen, der hat die Schlösser aufgezogen.

Darum halte man von solchen Gesellen nicht anderst, denn das sie in die Zunfft der Schwartzkünstler mit gehören, von Gott abgescheiden und fremde, dem Teuffel aber zugethan, geheim und einverleibet seynd. Hildebr. in Goët. p. 204.

Fast eine gleichförmige Histori obgedachter D. Fausti Geschicht, erzehlet D. Casp. Hedion. Chron. l. 4. dieses Inhalts. Anno 1223. hat Fridericus, Hertzog in Österreich, wider König Ludwig, den Bayern, einen harten Krieg geführet, und als sie mit einander eine Schlacht gehalten, da ist Ludovicus obgelegen, und ist Hertzog Friderich gefangen worden. Diesen hat der König Ludwig in ein Schloß, nicht weit von Napurg, hart gefangen geleget.

Ein Zauberer aber kam zu Hertzog Leipolden, deß Friderici Brudern, und versprach, er wolte Fridericum ledig machen mit seiner Kunst, und inner einer Stund ihn in Östereich bringen. Der Hertzog Leipold glaubte seinen Worten, und verhieß ihm zu geben, was er begehrte, so fern ers zu wegen brächte. Da seynd sie beide in einen Cirkel oder Creyß gangen. In der bestimmten Nacht hat der Meister den Geist, der sich beschwören ließ, beruffen, der ist nun in Gestalt eines fremden Menschen erschienen, er empfähet seinen Befehl, daß er den Hertzog aus der Gefängniß erlösen solle, und in Österreich bringen. Antwortet der Geist: lieber Meister, ich will deinen Befehl gerne ausrichten, und will den gefangenen Her[471]tzog ledig machen, so fern er sich dessen nicht weigert. Also kommt eilends der Geist zu dem gefangenen Hertzog bey Nacht, und saget: dein Bruder Leipold hat mich hieher gesandt, daß ich dich aus der Gefängniß erlösen soll, darum wol auf bald, und sitze auf diß Roß, so will ich dich zu deinen Bruder führen. Dem antwortet der Hertzog, wer bist du? der Geist aber, frage nicht [485] wer ich bin, sondern sitze fluchs auf diß Roß, wilst du anderst dieser Gefangenschafft ledig seyn. Zu der Stund kam Friderico, und allen die zu gegen waren, eine grosse Furcht an, und als sie das Zeichen deß Heiligen Creutzes für sich machten, ist der Geist verschwunden, und leer zu seinem Meister kommen.

Demnach hat Hertzog Leipold mit Feuer und Schwerd den König Ludwig so lange verfolget, bis er zu letzt, auch durch Unterhandlung der Fürsten, den gefangenen Friedericum loß gelassen.


II. Darnach und zum andern fraget sichs bey dem, daß D. Faustus dem Edelmann in der Histori die Männliche Krafft durch Zauberey genommen, das er nicht Ehlich beywohnen können, ob nemlich die Ehliche Beywoh nung, sonderlich bey denen neugetrauten Personen, durch Nestel-Knüpffen, Schloß zu schliessen, und andere Zauberische Wort und Wercke, welche sie auf gewisse Jahr und Zeiten, oder wol auf die gantze Zeit ihres Lebens thun, könne verhindert, und zu nichte gemachet werden. Welcher Frag künstliche Erörterung wir aus unsern ersten Buch von der Weiber Natur, aus dem Dreyzehenden Capitel p. 152. et seq. anhero setzen wollen.

Zwar es scheinet, als ob Virgilius schon zu seiner Zeit hievon Wissenschafft getragen, denn also schreibet er Eclog. 8.


Necte tribus nodis trinos Amarylli colores,

Necte Amarylli modo: et Veneris dic, vincula necto.


Petrus Borellus aber will solches nicht gestehen Cent. 4. Obs. 65. und hält es für gantz unmüglich; auch so ja etwas dergleichen geschehen solte, müste solches natürlichen Ursachen, entweder vor sich selbst, oder auch zufälliger Weise, beygemessen werden: vornemlich der starcken Einbildung, welche hierbey viel vermöge; gleicher Massen hievon zwey artige Exempel aufgezeichnet zu finden, beym Phil. Salmuth. Cent. 2. Obs. 78. auf welchen Schlag auch gehet Joh. Wierus, de Præstig. Dæmon. l. 3. c. 15. 16.

[472] Del-Rio hergegen, Arnisæus et Hier. Jordanus, und mit diesen die offtmalige Erfahrung weiset leider öffters ein anders, daß nemlich gedachte so genante Verknüpffung und Verhinderung deß Ehlichen Wercks, durch Zulassung Gottes, von dem leidigen Satan, dem abgesagten Menschen-feind, und Hasser deß heiligen Ehestands, vermittels seiner Instrumenten und Werckzeuge, der Hexen und Zauberer, herrühre und herkomme, und zwar beschehe solches auf unterschiedliche Weise, wie zu ersehen ist aus den Medicis, Codronchio, de morb. venef. l. 3. c. 5. und aus den Herren Canonisten, bey Torreblanca, in Epitom. Delict. l. 2. c. 42. et l. 22. dæmonolog. c. 42. welche alle aber hieher zu setzen, die Gelegenheit und beliebte Kürtze nicht zugeben will.

[486] Es stehen zwar etliche an, unter welchen Rod. à Castro ist, cap. 6. lib. 3. de Nat. Mul. daß solches alles könne oder vermöge entweder durch Geträncke, vergrabene Wurtzeln und Kräuter, in die Kleider und Bettstatten verborgene Sachen, U. s. f. geschehen: Nec enim vel sola visione, nec solo tactu, nec sola verborum prolatione possunt ulli effectus ad extrà physicè produci, cum illæ actiones sint immanentes; sed siquidem effectus aliquando actiones sind secuti, ei vel ope diabolica interjecto corpore quodam phantastico evenère, vel ab hominibus divinitus concessum scribit, Thom. Fienus, de virib. Imagin. qu. 24.

Ist aber offenbar und am Tage, daß solches beschehen sey, ja vielfältig beschehen sey, welcher Gestalt es auch zugehen möge, wie die Exempel bezeugen. Nur eines unter vielen zu erzehlen, welches Prierius bemercket.

In dem Straßburgischen, saget er, lebete einsten eine Gräfliche Person, welche in die drey Jahr lang, wegen gestolener Mannschafft, seiner Gemahlin die Ehliche Pflicht nicht leisten kunte. Als aber gedachter Graf etlicher Angelegenheiten wegen über Land verreiset, und zu seinem Glücke, seine ehedessen gewesene Liebste auf einem Schloß, bey einer Einkehre und Visite angetroffen, habe solche ihn auf daß freundlichste empfangen, um seinen und der Seinigen Wolstand befraget, dieses aber von ihme zur Antwort erhalten, das sie Gottlob allesamt annoch wol auf wären; worüber sie sich denn im Angesicht etwas entfärbet, jedoch solches bester massen verhelend, ihn wiederum gefraget, ob er einige Kinder in währendem seinen Ehestand mit seiner Gemahlin erzeuget hätte? worauf [473] weiln der Graf mit ja (wiewol nur aus Schertze) solches verantwortet, hat sie sich noch mehr entfärbet, daß er dannen her Ursach genommen, sie, wegen solcher öfftern Errötung und Entfärbung, hierüber zu fragen; ob sie ihm vielleicht solch sein glück, und erlangten Ehesegen nicht gönne?

Mit nichten, und das sey ferne, antwortet sie: sondern über die Hexe, und deren gethanes Versprechen, ereiffere ich mich; weiln sie mir gelobet, und mit einem Eide zugesaget, zu verschaffen, vermittels ihrer Kunst, das ihr Zeit währender eurer Ehe, weiln ihr mich verschmähet und eine andere mir vorgezogen, sollet unvermögend bey eurer Gemahlin verbleiben; auch zu dem Ende etliche gewisse Sachen und Kräuter in einem irdenen Hafen gethan, und solchen in den Schöpffbrunnen eures Schlosses gelassen.

Welches nachdem der Graf mit Erstaunen und Entsetzen vernommen, hat er mit allem Ernst seine Reise beschleuniget, und bey seiner Anheimkunfft solchen Brunnen reinigen, und rein ausschöpffen lassen; auch gedachten Hafen, mit erwehnten Kräutern und andern Zauberischen [487] Sachen angefüllet, angetroffen, alsobald aber diesen in das Feuer zu werffen befohlen: auf welches Verfahren denn von Stund an das Ubel aufgehöret, so daß er hernach mal etliche und schöne Leibes-Erben erlanget. Fast ebenmässiges erzehlet auch Grillandus, de Sortileg. c. 96. n. 15.

Zwischen zweyen Brüdern hat sich dieses Exempel zugetragen; daß der älteste, der dazumal Hochzeiter ware, und etwan den jüngern Bruder nicht manierlich genug gekleidet, oder etwan in anderm ihme verdrißlich gewesen, hat dieser auf dem Hochzeit-Tag, unter währender Trauung, ein Mahlschloß genommen, solches zugeschlossen, und in den Brunnen deß Hauses geworffen; ist darauf verreiset, und nach verfliessung vier Jahre allererst wiederum nach Hause kommen.

Da er nun keine leibes-Erben und Kinder in seines Brudern Hause gesehen, den Bruder aber sehr mager und fast kräncklicht angetroffen, deßwegen ihn auch befraget, woher doch solches komme? hat er von ihme die Antwort erhalten, das ihme ein böser Mensch ohne Zweiffel dieses böse Stuck angethan hätte: wenn er wüste, wer er wäre, so wolte er ihm ein Messer ins Hertz stossen, u.s.f. darauf sich alsobald der jüngere Bruder deß Schlosses erinnert, und freywillig bekennet, [474] daß das Schloß im Brunnen würde zu finden seyn: er hätte es aus Fürwitz gethan, und es so böse nicht gemeinet.

Worauf denn so bald der beleidigte Bruder im Zorn ergrimmet, diesem seinen jüngern das zu allem Unglück in Handen habende Messer in die Brust gestosssn, daß er alsobald todt hinter den Tisch gesuncken. Nach welchem also der Brunn ausgeschöpffet, das vermaledeyte Schloß gefunden und aufgethan, ist ihme zwar von Stund an hierdurch wiederum geholffen, er aber darüber zum Bruder-Mörder worden.


III. Letzlich, obschon diese Gutthat D. Fausti nicht ist zu loben, solcher Gestalt, weil ers alles nicht mit Gottes Hülff, sondern durch Zauberey und Vermittelung deß lei digen Teuffels vollbracht hat; so ist dennoch an dem Edelmann dieses nicht zu straffen, sondern hoch zu rühmen, daß er dieser erwiesenen Wohlthat nicht vergisset, ja die Zeit seines Lebens nicht vergessen will.

Darum sollen wir lernen, daß wirs ja in keinen Vergeß stellen sollen, wenn uns von einem guten Freund eine Gutthat, sonderlich in der Zeit der Noth, ist widerfahren. Dessen haben wir fast viel Exempel in heiliger Schrifft, nicht nöthig alle zu erzehlen, können aber aufgeschlagen werden, Genes. 14. 24. 41. Exodi. 1. Josu. 6. 1 Sam. 22. 2 Sam. 9. 1 Reg. 17. 2 Reg. 4. und wie der Apostel Paulus den seinen, so ihn geliebt und viel Wolthat erwiesen, so treulig gedancket, und ihre Wolthat rühmet, lese man Galat. 4. Philipp. 4. 2 Timoth. 1.

[488] Es haben sich auch grosse Potentaten beflissen, so man ihnen nur die geringste Gutthat erwiesen, solche nicht unvergolten zu lassen.

Als der Perser König Artaxerxes durch sein Königreich zoge, haben ihm die Leute nach Lands-Gebrauch Geschencke gebracht. Da war nun auch ein Bäuerlein, dem der König ohngefehr aufstiesse, er aber hatte damals nichts dem König zu schencken, laufft derhalben fluchs zu dem nechsten fliessenden Wässerlein, und schöpfft die beyden Hände voll Wasser, und brachts dem König zu einer Verehrung. Solches hat dem König so wol gefallen, daß er ihm dagegen mille Daricos, tausend seiner geschlagenen Müntze hat geschencket.

Solche Danckbarkeit hat er auch gegen einem Armen Landsknecht erzeigt, den er reich gemachet, von wegen, daß er ihm aus einem Weinschlauch Wasser zu trincken gebracht [475] hatte, an dem Tage, da er mit seinem Bruder eine Schlacht gehalten, sehr müde worden, und für grosser Hitze und Durst fast verschmachtet wäre. B. Campof. l. 2. c. 2.

Da der König Agrippa um falschen Argwohns willen, aus deß Käisers Tyberii Befehl, an einem Baum, vor dem Pallast, mit Ketten gebunden wurde, daß man ihn nachmals ins Gefägnuß legen solte, da hat er am selben Ort einen unsäglichen Durst erlitten, grosser Hitze halben. Als er nun deß Käisers Knechte einen, Thaumastem vorüber gehen sahe, der kühles Wasser getragen, hat er ihn gebetten, daß er ihm zu Trincken gebe, welches er auch gerne gethan: Darum sagte Agrippa, er wolte ihm solches zu seiner Zeit vergelten. Als nun dieser König Agrippa wieder in sein Königreich Judæam eingesetzt wurde, hat er von dem Käiser Tiberio mit Bitte erlanget, daß der Thaumastes frey gegeben wurde, den hat er zu einen Vorsteher in seinem Königreich gemachet und geordnet, daß nach seinem Tod, auch sein Weib und Kinder solten erhalten werden. B. Campof. l. 5. c. 2.

Als auf eine Zeit Käiser Friderich der Dritte, bey Schwäbischen Hall durchgereiset, da ist zu Hag, in einem Dörfflein, ein armes Pfarrerlein dem Käiser begegnet, und hat ihm verehret ein Körblein mit schönen roten Äpffeln; welches denn dem Käiser so wol gefallen hat, daß er ihm hinwiederum, so viel der Äpffel gewesen, so viel Goldgülden hat verehren lassen.

Fabricius, Römischer Burgermeister, als er wider der Epirotarum König Pyrrhum einen Krieg führete, hat deß Königs Pyrrhi Leib-Medicus dem Fabricio zugeschrieben, daß er ihm zu Gefallen den König Pyrrhum mit Gifft tödten wolte. Diese Verrätherey nun mißfiele dem Fabricio sehr, deßwegen er dem Pyrrho geschrieben, wie daß er sich für solchem verrätherischen Artzt hüten solte; wel ches gewißlich auch erfolget [489] wäre.

Damit nun der König nicht als ein Undanckbarer gegen solcher treuen Warnung geachtet würde, hat er alle Gefangene, die er Zeit währendes Kriegs aus deß Fabricii Heer bekommen, losgelassen, und sie dem Fabricio ohne Entgelt zugeschicket. Solche wolte der Fabricius auch nicht als ein Undanckbarer umsonst annemen, sondern hat hinwieder so viel Gefangene, so er dem König abgefangen hatte, auch wieder losgegeben. Plut. in Rom. Apoph.

Auch die unvernünfftigen Thiere haben zu mancher Zeit [476] mit ihrem Exempel die Danckbarkeit anzeigen und lehren wollen; immassen Appion Polyhistor in seinem 5. Buch, einer wundersamen Begebenheit gedencket, welche er auch zu Rom mit seinen Augen gesehen und wahrgenommen. Denn da man zu Rom ein Schauspiel gehalten, in welchem man allerley wilde Thier gehabt, gegen welche man arme Leute, die den Tod verwircket, geführet, daß sie mit solchen streiten musten.

Unter solchen war auch einer, Dacus genannt, (Alii Androdus) eines Rathsherrn gewesener Knecht, der zugleich den Tod verwircket: nachdem aber unter andem wilden und grimmigen Thieren ein grosser Löw zugegen war, und solcher Löw den Dacum ersehen, ist er gleich mit aller Verwunderung, an Statt daß er grimmig angefallen wäre, still gestanden, und allmählig zu dem Daco mit Bewegung deß Schwantzes gangen, und sich gar freundlich gegen ihm gestellet, da doch der arme Mensch für Furcht schier gestorben wäre, aber nun weil er den Löwen erkandt, wieder ein Hertz gefasset.

Wie solches der Käiser mit Verwunderung angesehen, läst er den Knecht fürfordern, und fraget ihn, warum die ses mit dem Löwen geschehe? da erzehlet der Knecht: als einsmals sein Herr in Africa Proconsul gewesen, hätte er ihn hart geschlagen, darum er von seinem Herrn weggelauffen, und weiln er sich sehr wegen deß Nacheilens und Einfangens besorget, wäre er in einen dicken Wald gangen, da habe er ungefehr eine Höle angetroffen, darein er sich verkrochen, bald aber sey zu dieser Höle kommen dieser grosse Löw, mit einer verwundeten blutigen Pfoten, und mit grossem Brüllen, worüber er hefftig erschrocken. Da ihn aber der Löw ersehen, sey er sänfftiglich zu ihm gangen, hab die Pfoten aufgehoben, ihm diese gezeiget, gleichsam bäte er ihn um Hülffe; da hab ich, fuhr er fort, einen grossen Dorn heraus gezogen, und ihm den Wust und Eyter nachmals sänfftiglich heraus gedruckt. Als der Löw Linderung empfunden, hat er angefangen mich zu schmeicheln, daß ich seiner ungescheut gewohnet, ja bis in das dritte Jahr mit dem Löwen in der Hölen gewohnet, auch seines Raubes und seiner Speise genossen. Denn wenn er vom Wild etwas mitgebracht, hab [490] ich solches aus Mangel deß Feuers an der Sonnen gedörret, und geessen.

Da ich nun auch dieses wilden Lebens müde und überdrüssig worden, hab ich mich einsten, da der Löw auf der Jagt ausgewesen, davon genacht. Endlich bin ich gefangen, und [477] weiln ich sagen müssen, wem ich ehedessen gedienet, nach Rom zu meinen Herrn wieder gebracht worden, der mich denn wegen einiger vor diesem verübter Ubelthat, zum Tod verurtheilen lassen. Nun aber verstehe ich, daß auch dieser Löw in meiner Abwesenheit sey gefangen worden, der vergilt mir aber anietzo meine Wolthat und Hülff, die ich ihm mit meiner Heilung erwiesen habe.

Also hat der Käiser den verurtheilten Knecht los gelassen, und ihm zugleich diesen Löwen geschencket; der hat ihn nachmals mit einem kleinen Riemen gebunden in der Stadt allenthalben herum geführt, und ist ihm Geld von den Leuten und Bürgern verehret worden und wenn ihn die Leute gesehen, haben sie gesagt: Hic est Leo hospes hominis, hic est homo Medicus Leonis; Dieser Löw ist der Wirth deß Menschen, und dieser Mensch ist ein Artzt deß Löwen. Aul. Gellius l. 5. c. 14.

Zu Oberwesel am Rhein, hat ein Storch viel Jahr auf eines Bürgers Hause genistet, daß ihm derselbige Bürger sehr günstig war, und keinem unter seinem Gesinde gestattet ihn zu beleidigen: Er hatte auch den Brauch, daß wenn er kam oder weg ziehen wolte, so begab er sich vor die Thür deß Hauses, und erzeigte sich vor dem Wirth mit Schnattern gleichsam danckbarlich. Auf eine Zeit aber, wie er gegen den Frühling wieder kam, und sich seiner Gewonheit nach vor der Thür seines Wirths gegenwärtig erzeiget, kam der Wirth zu ihm heraus, dem warff er eine frische und grüne Ingwerwurtzel aus seinem Kragen vor die Füsse. Dabey man denn neben andern leichtlich abnehmen könnte, daß, ob wol Plinius schreibet, man könne nicht eigentlich wissen, wohin oder von wannen die Störche kommen, daß die Lande warm, und jenseit dem Meer gelegen seyn, (da denn der Ingwer wachsen soll) in welche sie von uns kommen, und hin fliegen.

Zu Tarent, wie Ælianus berichtet, war eine Wittib, Namens Heracleis, auf welcher Haus zween Störche ihr Nest hatten; da aber der Jungen einer im Versuchen deß Fliegens zur Erden gefallen, und ein Bein gebrochen, nahm ihn die Wittfrau zu sich, heilet ihm das Bein, und liesse ihn darnach wieder hinfliegen. Dieser kam gegen dem Frühling wieder, und da er sie vor der Thür sitzen sahe, ließ er sich zu ihr auf die Erden nieder, brachte ihr da eine köstliche und grosse Perlen aus seinem langen Kragen in ihren Schoß: und als er sie nach dem Wundmal oder Bruch seines Schenckels, [478] daran sie ihn geheilet, [491] greiffen lassen, darbey sie ihn kennen möchte, flog er wieder von ihr aufs Nest, und ließ die arme Frau in höchsten Freuden, wegen der köstlichen Perlen.

Hergegen welch einen schändlichen Namen und bösen Nachklang der Undanck habe, weiset so wol die H. Schrifft, daß auch das Unglück von dem Haus deß Undanckbaren nicht weichen solle; als die Historien, aus welchen viel Exempel könnten beygefüget werden, wenn es die beliebte Kürtze leiden wolte. Nur dieses einigen zu gedencken.

Philippus, König in Macedonien, deß Grossen Alexanders Vatter, hat auf eine Zeit einer seiner Hofdiener über Meer abgefertiget etlicher Geschäffte wegen. Wie nun dieser Höfling nach verichteter seinen Sachen sich wiederum zu Schiff begeben, und nach Haus kehren wollen, ist durch Ungestümmigkeit der Meers-Wogen das Schiff auf eine Klippe getrieben worden, und gescheitert, der Höfling aber ins Wasser gestürzet, da er denn mit äusserster Lebensgefahr von den Wellen hin und her getrieben worden.

Zu seinem grossen Glück sahe dieses ein Bauersmann, (andere nennen ihn einen Fischer) der am Gestade deß Meers seine Wohnung hatte, welcher bald mit seinem Schifflein diesem schiffbrüchigen Höfling zu Hülffe kommen, und diesen halb todten Menschen zu sich genommen, an das Land und in sein Haus geführet, ihn beym Feuer gewärmet und getrucknet, mit Essen und Trincken erquicket, so daß er in kurtzem wieder seine Reise antretten und fortsetzen mögen. Welches er denn auch wol verrichtet, und nach weniger Zeit zu seinen König kommen, deme er seine ausgestandene Noth und Gefahr, in welcher er wegen deß erlittenen Schiffbruch gerathen, erzehlet, und zu solchem Mitleiden bewogen, daß ihn Philippus zu einer Verehrung bitten heissen eine Gabe, die er verlangte, derer solte er gewiß gewähret werden.

Da begehrte dieser undanckbare Mensch, der König möchte ihm deß Baue smann oder Fischers am Gestade deß Meers liegende lustbare Wohnung, samt aller Zugehör verehren.

Der König, der nicht wuste, wer dieser Bauersmann oder Fischer war, gibt dieser Bitte Statt, und wird so bald diesem gutthätigen Mann der Königliche Befehl angedeutet, daß er gegen einem andern diesem Höfling das Gütlein raumen und überlassen solte. Dieser aber säumete sich nicht, sondern verfügte sich zur Stund zu dem König Philippo, thate dem [479] einen demütigen Fußfall, um anzuhören, was er wolte; erzehlte auch den gantzen verlauffenen Handel mit diesem undanckbarn Schiffbrüchigen Höfling.

Philippus die Sache recht behertzigend lässt den Höfling zu sich fordern, verweiset ihm nicht allein den verteuffelten Undanck aufs [492] höchste, sondern läst ihm auch, andern zu einem Exempel, mit einem glüenden Eisen vornen auf die Stirn brennen diese Wort: Ingratus Hospes: den Bauren aber setzet er wieder in seine Güter.

So solte man billig allen Undanckbarn noch heut zu Tage thun, die offtmals die erwiesene Gutthat mit bösem vergelten. O es würde mancher und manche mit gebrann ter Stirn einher gehen!

Und ist die Undanckbarkeit ein solches Laster, daß auch keine gewisse Straff auf dieselbe gesetzt, sondern allein Gottes Gerechtigkeit zu straffen ist übergeben worden. Dahero S. Bernhardus Serm. 2. de Evang. 7. pan. spricht: daß Gott nichts so sehr mißfalle, als die Undanckbarkeit. Omnia vitia dixeris, si ingratum dixeris.

Quelle:
Pfitzer, Nikolaus: Das ärgerliche Leben und schreckliche Ende deß viel-berüchtigten Ertz- Schwartzkünstlers Johannis Fausti [...]. Tübingen 1880 [Nachdruck: Hildesheim, New York 1976], S. 481-493.
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