Das zwantzigste Capitel.

Wie D. Faustus mit obbemeldten Studenten die Bacchanalia celebrirt, und Faßnacht gehalten.

[506] ES verfügten sich obbemeldte Studenten in der Faßnacht am Diensttag, in deß D. Fausti Behausung, und hatten sämtlich ihnen vorgenommen, der Zeit das Recht zu thun, und die Faßnacht in aller erdencklicher Lust und Freude zu halten; worzu [494] denn ihnen ohn allen Zweiffel D. Faustus allen Vorschub geben würde, denn sie wusten wol, daß er gar freygebig war, wenn er nur selbst hätte, und erfreue sich wenn jemand in solchem Vorhaben zu ihm kam: allein sie wurden in ihrer Meinung gar sehr betrogen, weiln sie bey dem Nachtessen nichts anders als eine Schüssel mit gesottenem Rindfleisch, auch keinen Wein sahen, ja gar nichts, was man sonst bey solcher Faßnacht Zeit Gutes zu speisen, und den Gästen aufzutragen pflegte. Es sahe immer einer den andern an, und kunten nicht ersinnen, wie solches gemeinet wäre, gedachten aber wol, daß es D. Faustus auf eine Schalckheit gethan hätte, massen auch bald erfolget. Denn er ließ kurtz hierauf den Tisch aufheben, einen neuen bereiten, und sprach zu ihnen: Ihr meine liebe Herren und angenehme Gäste, ich bitte, ihr wollet mir zu gut halten, daß ich euch zum Nachtessen nicht bessere Gerichte hab lassen vortragen, nichts anders als ein Stück Rindfleisch, und einen schlechten Trunck, das ist aber die Ursach gewesen, daß dieses von dem Meinigen und aus meinem Beutel gangen.

Nun aber wollen wir erst recht lustig seyn, und die liebe Faßnacht gleichsam einweihen, und ferner der Gebühre nach halten, und dieses soll nicht über meinen Beutel gehen, sondern, weil wissend und bekandt ist, daß jetzund zu dieser Zeit grosse Potentaten und Herren Gastereyen und herrliche Mahle halten, als will ich meinen Theil auch dabey haben, es sey ihnen lieb oder leid. Darauf hat D. Faustus drey Flaschen, eine zu fünff, die zwey andere jede zu acht Massen in seinen Garten gestellet, und seinem Geist Mephostophili befohlen, daß er darein zu[495]wegen bringen solle, einen [507] Ungarischen, Welschen und Spanischen Wein; deßgleichen satzte er fünff blatte Schüssel hinaus, darinnen brachte der Geist nach Verfliessung etwan einer halben Stund, von Wildpret und Gebratens, noch fein warm: also satzten sie sich sämtlich zu Tische, und sprache ihnen D. Faustus zu, sie solten frölich und guter Dinge seyn, denn es keine Verblendung, sondern recht natürliche Speisen und Geträncke wären, wie sie es auch befunden haben; denn sie mit beeden also und dergestalt verfahren, daß nicht viel von allem übergelassen worden, und sie gantz toll und voll fast gegen dem Tag erst nach Hause gangen.

Am folgenden Aschermittwochen, als der rechten Faßnacht, kamen diese guten Brüder abermal zu D. Fausto, gaben für, sie müsten der Zeit ihr Recht thun, und also wieder anfangen, wo sie es gestern gelassen hätten; und weil dem D. Fausto eben dieses auch fehlete, und sich recht frölich noch einmal erzeigen wolte, liesse er den Tisch decken, mit Bitte vorlieb und willen zu nehmen, was man auftragen würde. Nebenst zweyen Braten, wurde auch in die Mitte ein schöner gebratener Kalbskopff aufgesetzet, und der Studenten einer gebeten, solchen zu zerlegen: als dieser das Messer ansetzte, fieng der Kalbskopff von lauter Stimme zu ruffen, Mordio, Helfio, Auweh was hab ich dir gethan, daß die Studenten recht von Hertzen darüber erschracken; weiln sie aber sehen, das D. Fausto schier vor Lachen ersticken wolte, kunten sie bald errathen, wie es damit beschaffen seyn müsste, lachten deßwegen auch mit.

Indessen fieng D. Faustus sein Gauckelspiel an, [496] die Gemüter seiner Gäste zu erlustigen: erstlich hörten sie in der Stuben von allerhand musicalischen Instrumenten, da man doch nichts sehen noch wahrnehmen kunte, wo es herkäme, ja so bald ein Instrument aufgehöret, kam ein anders: wenn denn die Violen etwan einen lustigen Tantz machten, da sprungen und hupffeten die Gläser und Becher auf dem Tisch, und so einer und der andre den Becher, damit der Wein, seiner Meinung nach, nicht verschüttet würde, mit der Hand fest halten wolte, muste er auch mit hupffen, daß daraus ein grosses Gelächter wurde.

Nach solcher Kurtzweil nahm D. Faustus zehen erdene [508] Häfen, die stellte er mitten in die Stuben, da huben sie an zu tantzen, und aneinander zu stossen, daß sie in Stücke zerbrachen. Zum dritten ließ er einen Haushan im Hof fangen, den stellet er auf den Tisch; als er ihm aber zu trincken gab, hub er an natürlich zu pfeiffen, und Täntze zu machen.

Darnach richtet D. Faustus wiederum eine Kurtzweil an, setzet ein Instrument auf den Tisch, da kam ein alter Aff in die Stuben hinein, der machte viel gute Possen darauf, und tantzte fast zierlich.

Und weil mit solcher und anderer Kurtzweil etliche Stunden von dem Mittag an, verlauffen, die Zeit aber zum Abendessen bereits vorhanden war, als wurden sie zu solchem beruffen, da doch der Gäste keinen hungern wolte, ausser das zweyen oder dreyen nach einem Gerichte Vögel gelustete: Da nahm D. Faustus eine Stangen, die richtete oder reichte er zum Fenster hinaus, pfiffe zugleich auf einem Pfeifflein; alsbald kamen viel Trosteln und [497] Krammeter her geflogen, und welche auf die Stangen sassen, die musten bleiben, die nahme er denn herein, und halffen die Studenten solche würgen und rupffen, der Famulus aber bratete sie.

Nach dem Nachtessen, und als man die Küchlein aufgetragen, beschlossen sie, daß sie miteinander in der Mummerey gehen wolten, wie denn gebräuchlich war, und zog ein jeder auf Geheiß D. Fausti ein weisses Hemd an: als aber die Studenten einander ansahen, gedauchte einen jeden, er habe keinen Kopff, giengen also miteinander in etliche vornehme Häuser, das Küchlein zu holen; darob denn die Leute sehr erschrocken: nachdem man aber solche Gäste, der Gewonheit nach, zu Tische gesetzet, hatten sie ihre erste Gestalt wieder, und kennete man sie; bald aber wurden sie abermal verändert, und bekamen recht natürliche Eselsohren, grosse mächtige Nasen, u.s.f. das trieben sie bis in die Mitternacht hinein, und sie voll und toll nach Hause zogen.

Da am Donnerstag, als den folgenden Tag hernach, D. Faustus noch immer seine Faßnacht hielte, und die Studenten wieder bey einander versamelt waren, tractirte sie D. Faustus wie deß vorigen Tags, fieng auch seine Gauckeley wieder an, und kamen in die Stuben hinein 13. Affen, diese [509] gauckelten so wunderbarlich, daß dergleichen nie gesehen worden: denn sie sprangen immer einer auf den andern, und tantzten darnach eine Reihen um den Tisch herum, denn sprangen sie zum Fenster hinaus und verschwanden.

Weiln es aber damals fast den gantzen Tag über geschneyet, und also ein dicker Schnee lage, rüstete ihm D. Faustus mit Zauberey einen schönen [498] grossen Schlitten zu, der hatte eine Gestalt wie ein Drach, auf dessen Haupt sasse D. Faustus, und mitten innen die Studenten; darbey waren vier Affen, auf dem Schwantz deß Drachens sitzende, die gauckelten auf einander gantz lustig zu sehen, unter welchen einer auf der Schalmeyen pfiffe, der Schlitten aber lieff von sich selbsten, wohin sie wolten: diß währete also lang in die Nacht hinein, mit solchem Klappern, daß einer vor dem andern nicht hören kunte, und gedauchte sie sämtlich, sie hätten in der Lufft gewandelt.


Anmerckung.

I. Von der Faßnacht etwas Weniges nach Anleitung der Histori, zu gedencken, so haben die Bacchanalia oder Faßnachtspiele ihren Ursprung von Baccho, dem Gott deß Weins, und der Säuffer, als deme zu Ehren sie angestellet seynd worden von den Heiden: und zeiget Herodotus in Euterpe an, l. 2. f. 122. daß derer Erfinder und Anfänger gewesen seyn solle einer in Griechenland, mit Namen Melampus; als zu welcher Faßnacht-Zeit und Fest jedermann gastfrey seyn muste, alles war vollauf, zumal bey den Reichen, man tantzte, sang und sprang überall, auch verkleideten sich die Jünglinge in Jungfrauen, die Jungfrauen in männliche Kleidungen, und begiengen in den Mummereyen allerhand Mutwillen, weiln es zur Zeit alles gleich galte, und es rechtschaffen hiesse, quod licet, u.s.w.

Es ist aber höchlich zu betrauren, daß diß sündliche üppige Faßnacht-Wesen zu der Zeit, da das bitter-schmertzliche Leiden und Sterben unsers Erlösers JEsu Christi, solte angefangen und betrachtet werden, noch heutiges Tags bey denen, die gleichwol eiferige Christen wollen genennet und gehalten werden, in vollem Schwang gehet; und ist es leider dazu kommen, daß sie lieber liessen Weihnachten, Ostern und Pfingsten fahren, ehe sie von der Faßnacht liessen.

Die Erfahrung aber hat hergegen hundert für einmal gewiesen, daß unter solcher Freyheit der Larve und Mummereyen zur selbigen [510] Zeit die Faßnacht manchem ein böses Gewissen gemacht hat, daß er bis in seinen Tod ein beschwertes Hertze gehabt.

[499] Eben diese unsinnige Faßnacht wirfft offt manchem Mann, manchem Weibe, manchem jungen Menschen eine Klette an, die er seine Lebtage nicht abwischet.

Die lüstrende und Freyheits-volle Faßnacht stielt mancher Jungfrauen ihr Ehrenkräntzlein, daß sie es ihr Leben lang nicht wiederum findet.

Und wäre zu wünschen, daß man dermaleins das vorlängsten gute Christliche Vorhaben Käisers Theodosii, der solch thörichtes Faßnachtwesen eiferig wollen abschaffen, wie Theodoretus bezeuget l. 8. Hist. Eccles. c. 20. in Acht nehmete, und an Statt der tollen Faßnacht, eine Christliche Fastenzeit erwählete etc.

Quelle:
Pfitzer, Nikolaus: Das ärgerliche Leben und schreckliche Ende deß viel-berüchtigten Ertz- Schwartzkünstlers Johannis Fausti [...]. Tübingen 1880 [Nachdruck: Hildesheim, New York 1976], S. 506-511.
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