Das neundte Capitel.

D. Faustus stellet einem Cardinal zu ehren eine Lufftjagt an.

[425] D. Faustus würde auf eine Zeit etlichen Studenten, als vertrauten guten Freunden zu willen, die Leipziger Ostermesse zu besehen; machten sich demnach mit einander reisefertig, und kamen allda an zu rechter Zeit. Es kam aber eben damals auch daselbst an ein vornemer Cardinal, Namens Campegius, dem thäte der Magistrat der Stadt alle Ehre an: dieser fuhre deß andern Tags aus der Stadt mit seinen Leuten an einen nahgele[406]genen lustigen Ort, frische Lufft zu schöpffen; solches, weil es D. Faustus erfuhre, und weil er ihn auch gern sehen wolte, gieng er mit seiner Gesellschafft zu Fuß hin an selbigen Ort.

D. Faustus gedachte bald bey sich, wie er auch dieses Orts sich mit seiner Kunst hervor thun, und diesem Herrn etwas zu gefallen thun möchte, damit er von ihm bey seiner Anheimkunfft zu Rom etwas zu sagen hätte; darauf sagte er zu seinen Gesellen: Lieben Herren und Freunde, in Ermanglung anderer Kurtzweil, will ich diesem Fürsten zu Ehren eine sonderbare Jagt anstellen, die doch dem Landsfürsten in seinem Territorio und daran hafftenden Rechten nicht præjudicirlich seyn soll; ihr aber bleibet allhier stehen, und sehet zu.

Alsbald darauf zog daher sein Mephostophiles, mit vielen Hunden begleitet, und er gieng auch daher wie ein Jäger; D. Faustus setzte sein Hörnlein an, und bliesse; zur Stund sahe man in der Lufft daher fahren bald einen Fuchsen, bald einen furchtsamen Hasen, denen denn Mephostophiles mit den Hunden, D. Faustus aber mit seinem Hörnlein immer nachfolgten. Die Hunde ängstigten und trieben die Füchse und Hasen so weit in die Höhe, daß man sie kaum mehr sehen kunte, bald kamen sie wider herab, und hatte der Cardinal darob eine sonderliche Freude, als der ohne das dem Jagen sehr ergeben war, und diß währete fast bey einer Stunden, alsdenn verschwanden die Jäger, die Hunde, Füchse und Hasen, [426] und D. Faustus fuhre gleichsam aus der Lufft herab an den Ort, wo seine Gesellen stunden und zuschaueten. Dieß sahe auch der Cardinal, ließ dero[407]halben bald seiner Diener einen dahin lauffen, um zu sehen, wer doch diese Person wäre.

Da nun dem Cardinal hinterbracht wurde, daß es der D. Faustus wäre, von welchem er bereits viel wunderliche Abentheuer erzehlen hören, erfreuet er sich, ließ ihn durch einen Edelmann bitten, daß er auf dem Abend sein Gast seyn, und mit seiner Tafel und Tractamenten vorlieb und willen nemen solte.

Als D. Faustus erschienen, erzeigte ihm der Cardinal allen geneigten Willen, versprache ihm, wenn er mit ihm nach Rom kommen wolte, daß er ihm allda zu einer grossen Würde befördern wolte, alldieweil ihm nicht unbewust war, wie er mit seinen Prognosticis zum öfftern auf das genaueste zugetroffen, u.s.w. Dieses geneigten Willens aber, und sothaner Verheissung wegen, bedanckte sich D. Faustus zum höchsten, antwortete ihm, er habe Guts genug, wie auch Hoheit genug, denn ihm der höchste Potentat der Welt unterthänig; name also von dem Cardinal unterthänigen Abschied.


Anmerckung.

I. Bey diesem Jagteuffel D. Fausti wollen wir etwas melden von dem täglichen Jagen, wormit grosse Herren, u.s.f. sich üben und belustigen.

Daß nun das Jagen an sich selbst nicht bös, sondern ein feines Exercitium und Lustwerck seye, denen erlaubt und vergönnet, qui sine injuria et pernicie subditorum, die es ohne gewaltsame und unrechte Vergreiffung an ihren Unterthanen, und auch ohne Schaden und Verderbung gebrauchen; jedoch jederzeit daß solches verrichtet werde (wie Herr Lutherus erinnert) ohne Gottslästerung und Entheiligung seines Göttlichen Namens, ohne Verabsäumung und Hinderung deß Gottesdiensts, ohne Nachtheil deß Ackerbaues, und Getreides, ohne [408] Schaden und Beleidigung der Unterthanen; ist zu schliessen aus den Worten deß Schöpffers aller Creaturen, da er ausdrüc klich zum Menschen gesprochen: herrschet über die Fische im Meer und über die Vögel unter dem Himmel, und über alles Thier, das auf Erden kreucht. Solch Jagen kan GOtt wol dulten, ist auch von der Natur und allen Rechten zugelassen. Es wird aber zur Sünde, wenn mans mißbrauchet, entweder [427] wenn man die Regierung und andere Amts-Verrichtungen beyseits setzet, einig und allein aber dem Jagen abwartet und obliget.

Actæon verließ seine Haushaltung, und legte sich gantz und gar auf das Jagen, ward auch darüber zum armen Mann; darum tichteten die Poeten von ihm, daß ihn seine Hunde aufgefressen hätten.

Als der löbliche Käiser Otto, dieses Namens der Dritte, geregiret, verwaltete selbiger Zeit Marggrav Hugo zu Brandenburg die Landschafft Toscanien. Dieser Marggrav beflisse sich mehrentheils nur deß Jagens, und überliesse fast die gantze Regierung den Räthen, mit grossen Mißfallen deß bedrängten Volcks. Er jagte aber einsten gar lang in den Abend hinein, und verlore sich von seinen Leuten, wuste in dem Wald weder aus noch ein, er ersahe aber in der Nähe eine Höle, darein stiege er, und befahle sich GOtt in Erwartung deß Tags.

Nun plagten die Nacht über diesen sonst frommen Herrn die Gespenster sehr, welche meinstentheils in Jäger-Habit in und vor der Hölen erschienen, also, daß er sich fast zu tod gefürchtet, und mit Schmertzen deß Tags erwartet, nach welches Anbrechung er sich wieder aufgemachet, und nacher Haus gantz betrübt gezogen, hat daselbst alles was sich mit ihme in der Hölen zugetragen, dem damaligen Bischoff erzehlet, der ihm denn bald vor Augen gestellet seine nachlässige Regierung, und übermachtes Jagen, daß auch die Teuffel und Gespenster ihn müsten von dem unmässigen Jagen abmahnen und warnen. Welches denn den Marggraven der Gestalt bewogen, daß er von solchem hernachmals gar abgelassen, hingegen der Regierung besser als zuvor sich angenommen hat.

Oder wenn man darbey schrecklich fluchet und gottlästert; als da zu sehen, wenn ihnen das Wild entgehet, die Garn nicht recht gestellet seynd, die Bauren nicht recht stehen, die Pferde strauchlen, die Hünde sich nicht ihres Gefallens verhalten, das Abschiessen mißräth, oder anders der[409]gleichen sich zuträgt. Darüber obgedachter Herr Lutherus sagt im 25. Cap. über das erste Buch Mosis: wenn sich ein Jäger gleich von allen andern Sünden und Lastern enthält, so sündiget er doch oft mit Ungedult, und greulichem Fluchen und Schwören, wenn es ihm auf der Jagt nicht allerdings nach seinem Sinn ergehet. Darum es wol noth ist bey dem Jagen, den Namen GOttes nicht mißbrauchen, noch lästern, dieweil man seine Creaturen, nach seiner gnädigen Verlaubniß zur Nothdurfft und Nahrung, jagen und fahen will: denn es ist je unbillig, daß man den lieben Vatter im Himmel lästern, und bey seinem Namen so greulich fluchen soll, der uns zum Besten allerley Thier erschaffen hat, und sie geniessen läst.

Oder wenn man deßwegen den Gottesdienst mutwillig verabsäumet; [428] welches leider jetziger Zeit fast will gemeine werden; was aber für Glück dabey ist, das weiset die Erfahrung.

Man weiß ein Exempel von einem Edelmann, der gemeiniglich an einem Sontag sein Jagen angestellt, den aber GOtt also gestrafft, daß sein Weib eines Kindes genesen, welches einen Hundskopff gehabt.

An einem bekanten Ort hat ein Grav ein Jagen am heiligen Pfingsttage lassen anstellen; es begegnete ihm aber der Teuffel unter solchem in Gestalt seines Jägermeisters, stiesse auf ihn mit dem Pferd, daß er in wenig Tagen hernach hat sterben müssen.

Oder wenn man den Ackerbau hindert, und dem Getreide Schaden thut; sonderlich aber, wenn man die arme, blosse, schlecht bekleidete Unterthanen nöthiget, daß sie im harten kalten Winter mit hinaus auf die Jagt müssen, und draussen bey den Garnen so erfriren, daß man ihnen hernach die Schenckel ablösen muß, oder daß man sie tod oder erfroren hinter den Bäumen findet.

So hat es aber nicht gemacht Hertzog Friederich von Sachsen; denn dieser jagte also, massen von ihm Lutherus rühmet, daß er niemand Schaden zugefüget, sondern vielmehr den Leuten gefrommet habe. Denn wenn er vermercket, daß jemanden der allergeringste Schade von seinem Jagen geschehen, so hat ers ihme doppelt bezahlt: so habe er auch offtmals den Bauren etliche Scheffel Getreides austheilen lassen, daß das Wild auch etwas zu fressen hätte.


[410] II. Zum andern ist hierbey auch zu erinnern, wie der Teuffel auch ein Jägermeister sey, wie denn Herr Lutherus an einem Ort spricht, daß er auch bey Nacht sein Jagen habe. Denn man siehet und höret oft, wie etwan zu mancher Nachtzeit ein Jägergeschrey angehet und erschallet, mit Hetzen und Jagen, auch in mancherley Gestalt und Arten läst sich der Teuffel sehen und hören, und übet darinnen solche Kurtzweil.

Cyr. Spang. im Jagteuffel sagt unter andern: Hieher gehören auch die Teuffelsjagten, da der Teuffel in Gestalt und Person deren, die etwa grausame unbarmhertzige Jäger gewesen, zu Nacht, und auch wol bey hellem Tage sich sehen lässet, hetzet und jaget, wie man darvon saget, daß etliche Fürsten und grosse Herren noch heutiges Tags sollen gesehen werden, daß sie jagen an Orten, da sie etwa bey ihrem Leben, mit grosser Beschwerung armer Leute, ihre beste Lust mit Jagen und Wildbabnen gehabt. Also findet man auch in den grossen Wälden mancherley Gespenst deß Teuffels, daß er sich jetzt in Gestalt eines verstorbenen Jägers, denn in eines Holtzförsters, bald in eines andern Baurn-Schinders, sehen lässet, jaget, hetzet; darvon ohne Noth viel zu schreiben, sintemal es ruchbar, und aller Welt im Munde ist.

[429] In den Trapezologiis oder Tischreden Lutheri stehet eine Histori, wie Herr Lutherus einsmals nebens andern Gelehrten zu Wittenberg, von einem Edelmann aufs Land, in sein Schloß seye geholet worden, und da habe der Edelmann eine Hasen-Jagt angestellet, da ward von allen so darbey waren, ein grosser schöner Has gesehen, der kam gelauffen. Als ihm aber der Edelmann auf einem starcken gesunden Klepper mit Geschrey nachgeeilet, fiel das Pferd plötzlich unter ihm darnider und starb, und der Has fuhre in die Lufft und verschwand; denn es war ein teuffelisch Gespenst.

Anno 1546. ward erstbesagtem D. Luthero zu Eißleben über Tische gesagt, daß Edelleute im Türinger-Grund auf eine Zeit deß Nachts Hasen geschrecket, und ihrer bey acht gefangen hätten. Wie sie nun heimgekommen, und die Hasen aufgehencket, da warens deß Morgens eitel Pferdköpffe gewesen, welche sonst auf dem Schindanger gelegen.

Thracesius schreibet, wie einsten Isaac Comnenus, weiland Käiser zu Constantinopel, gejagt habe, da sey ihm ein überaus grosses Wildschwein aufgestossen: als er nun solchem mit seinem Pferd nachgeeilet. hab sich das Schwein in das [411] nächste Meer gestürtzet, und sey also verschwunden. Und meldet der Historicus dieses dabey, daß der Käiser mit einem hellen Glantz, gleich als mit einem Blitz, erschreckt und geschlagen sey worden, daß er auch für Schrecken unter das Pferd gefallen.

So gedachte auch einsten ein fürstlicher Secretarius gegen mir, schreibt Herr D. Mengering, Informat. Consc. p. 289. Da wir in anbefohlenen Geschäfften miteinander auf der Reise waren, daß ihm ein solches bey der Naumburg am Holtze, so nicht weit von Priesitz lieget, begegnet sey, daß er sich in einer vorgenommenen Reise einsmals verspätet, und als er an genantes Ort kommen, habe sich hinter ihm von fernen ein Geräusche erhoben, als wenn ein gewaltiger Hauff Reissiger in vollem Trabe hinter ihm drein wären, so geschryen und geblasen mit Hörnern wie Jäger, und die Hunde dabey gebellet, als wenn eine grosse Jagt wäre: da er sich denn alsbald besonnen, es müste das sogenante wütende Heer seyn, darum er sich dem lieben GOtt befohlen, sich flugs an dem Ort, da er gangen und gestanden, im Namen deß HErrn niedergeleget, und sich gantz still gehalten, da wäre es ihm an beyden Seiten vorüber gerennet und gelauffen, und hätte er, indem er vor sich hingesehen, allerhand scheußliche Monstra gesehen, Pferde von dreyen Beinen, Reuter ohne Köpffe, u. d. g. wäre auch so lang liegen geblieben, bis sie ein eben Ecke für ihm hingewesen, da wäre er wieder aufgestanden, hätte das Geschrey und Geheule noch immer von fernen gehöret, er aber wäre durch GOttes Hülff endlich in [430] seine sichere Gewahrsam kommen.

Diß alles ist nun deß Teuffels Werck, der in der Finsterniß dieser Welt herrschet, und also auch gern im Finstern grauset und hauset; welches gemeiniglich an den Orten geschihet, da vor diesem grosse Schlachten und Niederlage geschehen, oder sonsten verstörte Plätze und Rudera gefunden werden, item in Gehöltze und Einöden, gleichwie denn der Prophet Esaias im 13. und 34. Cap. der Feldteuffel, oder Feldgeister gedencket, die also herum terminiren.

Quelle:
Pfitzer, Nikolaus: Das ärgerliche Leben und schreckliche Ende deß viel-berüchtigten Ertz- Schwartzkünstlers Johannis Fausti [...]. Tübingen 1880 [Nachdruck: Hildesheim, New York 1976], S. 425-431.
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