Das eilffte Capitel.

Ein Gespräch D. Fausti mit seinem Famulo, wegen seines bald folgenden Endes.

[591] D. Faustus hatte nur noch zehen Tage zu seinem erschröcklichen Ende, welches wegen er an einem Morgen seinen Famulum, weiln er bisher andere Gesellschafft nicht haben wollen, zu sich vor sein Bett berieffe, gleich als wenn er nun von ihm Trost und Erquickung haben wolte, und sprach zu ihm gantz zaghafft und erschrocken: Ach lieber Sohn, was hab ich mich geziehen, daß ich so rohe gelebt, und mein gottloses Leben bisher also geführet hab, da ich es doch, wenn ich meinem lüstrenden Fleisch und Blut gleich Anfangs gesteuret und gewehret hätte, weit besser hätte haben können, denn wisse, lieber Christoff, daß ich von GOTT mit einem [588] so herrlichen Ingenio bin begabet gewesen, daß sich meine Præceptores und männiglich darüber hoch verwundert haben, und wäre gewiß einmal zu einem gelehrten Mann worden, allein dieses alles war meinem ehrgeitzigen Sinn nicht genugsam, ich wolte viel grösser werden, und höher ankommen, da habe ich mich an diesen Gaben GOttes nicht begnügen lassen, sondern ich tobet und wütete wie ein Most im Faß, der nicht Ruhe hat, bis er verjehret, alsdenn setzet er sich: also war mir auch, ich hatte nicht Ruhe noch Rast, bis ich höher stiege, und zu dem Ende mich dem Teuffel ergab.

Nun aber was habe ich jetzund darvon? nichts anders, denn alles was ich vor der Welt getrieben, und mir einen grossen Namen machen wollen, den vermaculiere ich, bringe nicht allein einen bösen Namen darvon, sondern auch einen nagenden Wurm und böses Gewissen; Ach! ich solte zeitlicher an das Ende, an mein Ende gedacht haben! und wenn ich an solches gedencke, das nun nicht mehr ferne ist, so überlaufft meinen Leib ein eißkalter Schweiß, ein Zittern und Zagen meines Hertzens ist da, und so ich bald davon muß, und mein Leib und Seele den Teuffeln zu theile werden, so sehe ich alsdenn von mir das gestrenge Gericht GOttes, ich [592] weiß nicht wo ich aus oder ein soll: es wäre mir tausendmal besser, daß ich zu einem unvernünfftigen Thier wäre geboren worden, oder doch in meiner zarten Kindheit verstorben! Nun aber, ach nun ists aus, Leib und Seel die fahren dahin, wohin sie geordnet seynd. Hätte ich nur dieses betrachtet, was der weise Mann sagt: Wenn der Mensch allzeit das Ende bedächte, so würde er nimmermehr Böses [589] thun: denn wol gelebt, wol gestorben. Aber wem nicht zu rahten ist, dem ist auch nicht zu helffen; verschüttete Dinge kan man nicht mehr sauber aufheben, und wenn ich mich gleich darüber zu tod grämete und kränckete, so ists doch nur ein verlornes Spiel.


Anmerckung.

I. Bey gedachtem herrlichen Ingenio D. Fausti, welches denn eine hohe und sonderliche Gabe GOttes ist gewesen, die er billich besser hätten sollen beobachten, wird Anlaß genommen, von dem trefflichen Gedächtniß etlicher Leute etwas zu melden.

Es meldet Eusebius in libr. de temp. daß Esdras, der Hebreer, alle Bücher Moysis auswendig gewust, auch auswendig hat hersagen können; derwegen als die Chaldæischen Könige dieselben verbrennet, daß sie nicht mehr vorhanden seyn solten, hat man solche aus seinem Vorsagen wiederum aufs neue beschrieben. Welches aber dahin mag gestellet seyn.

Seneca ein berühmter Philosophus und Redner, schreibet von seiner eigenen Memori, daß dieselbe so vortrefflich gewesen, daß er zwey tausend Wörter eben in der Ordnung wie sie vorgebracht und ausgesprochen worden, habe behalten und wieder hersagen können: daß ihm auch zum öfftern von einem jeglichen seiner Mitschuler, derer über 2000 gewesen, ein Vers vorgesaget worden, welche Vers er alle nicht allein alsbald im Gedächtniß behalten, sondern nach empfangener Ordnung, vom letzten bis zum ersten wieder herzusagen gewust.

Antonius Ægyptius, ein Einsiedler, ob er wol nicht gelehrt ist gewesen, dennoch ist er von grossem Ingenio und Gedächtniß gewesen, dass er die heilige Schrifft, wenn er die gehöret, auswendig behalten, auch durch em sige Betrachtung wol verstanden hat.

Origines, da dieser noch ein Knab, hat er seinen Vatter Leonidem, der ein Bischoff war, sehr offt gefragt von verborgenen und dunckeln Sprüchen der heiligen Schrifft, also viel und oft, daß ihn der Vatter davon hat müssen abhalten, damit er seinem scharffen Ingenio nicht[593] Schade thäte: Euseb. l. 6. c. 3. Aventinus, Chron. l. 2. schreibt, daß dieser so ein gelehrter Mann sey worden, daß er mehr denn 5000 Bücher geschrieben.

[590] Epiphanius, der endlich ein Bischoff der Ticinenser worden, ist so eines scharffen Verstands, und in der H. Schrifft so gelehrt gewesen, daß, da er kaum acht Jahr alt war, er vom Bischoff Crispino zu einem Leser in der Kirchen ist geordnet worden.

Von einem solchen wird auch bey dem Seneca erzehlet, als einsmals ein Poet ein stattliches langes neues Carmen verfertiget, und solches offentlich hergelesen, daß der ander sey aufgestanden, und gesprochen, dieses Carmen wäre sein, und nicht deß Poeten: habe es auch alsobald (da ers doch nur einmal gehöret) fertig aus dem Kopff hergesaget, welches doch der Poet, dessen Carmen es war, nicht hat thun können.

Charmides war mit so herrlichem Gedächtniß begabet, daß, was man auch von ihm für ein Buch begehrte aus den Bibliothecken, er solches fertig von Anfang bis zum Ende auswendig hersagte.

Von dem ersten Römischen Käiser Julio Dictatore (wofern es nicht erdichtet ist, was man von ihm schreibet) meldet Plinius, daß er hat können zugleich und auf einmal verrichten vier Dinge: 1. Brief schreiben, 2. Bücher lesen, 3. andern zuhören, und ihr Vorbringen vernemen, 4. seinen Dienern etwas in die Feder dictiren. Er habe sieben unterschiedliche Briefe an seine Schreiber zu einer Zeit aus einem Mund von wichtigen Sachen ordentlich und verständlich zu schreiben in die Feder dictiret.

Doct. Hedion in seiner Chronic meldet, daß Anno Christi 1497. sey von Basel ein armer Mann kommen, der hat einen Sohn gehabt, Namens Theodoricum, welcher sechs Jahr und zwey Monat alt ist gewesen, dieser hat bey solchem Alter sowol Lateinisch reden können, daß sich jederman auf das höchste darüber verwundert hat.

Hier. Aleander hat einen Sohn so grosses Verstands und trefflichen Ingenii gehabt, daß er Lateinisch, Griechisch, Hebreisch, nebens noch andern Sprachen mehr, gantz recht perfect, beydes geredet und auch geschrieben hat. Jovius in Elog.

Käiser Carolus der Grosse, und vier und zwantzigste König in Franckreich, war so eines trefflichen Ingenii, daß er sieben Sprachen fertig konte, als Lateinisch, Hebreisch, Arabisch, Frantzösisch, Schottländisch, Flämmisch, und noch mehr andere Sprachen: Er war auch gantz fleissig in seinem Studiren, wenn er nicht zu kriegen hatte, lag er stetigs seinen Büchern ob.

Von dem König Matthia in Ungern sagt man, daß er seine [591] [594] Lateinische Sprach gantz fertig gekonnt, also, daß er noch als ein junger Herr, seinem Herrn Vatter, in grossen wichtigen Händeln für einen Dolmetschen und Oratorem dienen kunte.

M. Ant. Muretus vermeldet, er habe zu Padua einen Studenten gekant, aus der Corsica bürtig, welcher nicht nur zwey tausend, als Seneca, sondern sechs und dreyssig tausend Wörter, ebenermassen wie sie ihm vorgesagt worden, ordentlich nach gesprochen, ohn einiges Nach sinnen, von vornen, von hinden, von mitten, wie mans hat begehret.


II. Zum andern wird in der Histori angezeiget, wie D. Faustus klaget und dencket so oft an sein herbey nahendes Ende, an welches er doch viel eher hätte sollen gedacht haben, nun aber sey es zu spät, darum denn verständige Christen sich jederzeit und alle Tage zu dem Tod gefast und bereitet halten, und an ihr Ende gedencken, weil sie wissen, daß sie allhie, keine bleibende Statt haben, und heist mit einem jeden, auf und davon. Unser Leben ist eine Wanderschafft, wenn du eine Weile gangen bist, so must du endlich wieder heimkommen. Und darff sich niemand auf sein blühendes Alter verlassen, und daß er länger leben wolle. Man fordert uns nicht, sagt Seneca, nach der Anzahl unserer Jahr, es ist daran auch nicht gelegen, wie alt einer sey: es hat der Tod ihrer viel übereilet, die noch lang leben wolten; darum soll man einen jeden Tag für den letzten seines Lebens halten. Derhalben soll niemand sicher seyn, sondern gedencken, daß Sterben ein allgemeiner Reichstag sey, hodiè mihi, cras tibi, heut ists an mir, morgen etwan an dir: und Sirach am 10. Cap. spricht: Was erhebt sich die arme Erd und Asche, ist er doch eitel schändlicher Koth, weil er noch lebt, und wenn der Artzt lang daran flicket, so gehets doch endlich also; heut König, morgen todt, und wenn der Mensch todt ist, so fressen ihn die Würmer. Zudem, ein Mensch, wenn er gleich das Beste gethan hätte, so ist es doch kaum angefangen worden, und wenn er meinet, er hab es vollendet, so fehlet es doch sehr weit. Wenn er jetziger Zeit lang lebet, so lebet er etwan 40. 50. 60. 70. Jahr, und kaum drüber. Gleichwie ein Tröpfflein Wasser gegen dem Meer, und wie ein Körnlein gegen dem Sand am Meer, so geringe seynd auch unsere Jahre, gegen der Ewigkeit. Wie denn auch S. Petrus spricht, daß ein Tag für dem HErrn ist, wie tausend Jahr, und tausend Jahr, wie ein Tag.

Derhalben soll der Mensch, er stehe auf oder gehe zu Bette, oder was er sonsten verrichtet, ihme nichts angelegeners seyn lassen, als das End und den Tod zu betrachten, seinen Eingang und [592] Ausgang aus der Welt zu bedencken, weiln doch, wie abermal Sirach sagt, [595] GOtt der HErr hat dem Menschen ein Ziel gesetzt, welches er nimmermehr überschreiten wird, und er hat seine bestimte Zeit.

Dieses Ende-bedencken ist sowol verständigen Heiden, als andern gottsfürchtigen Leuten bekant gewesen. Denn Diogenes sagt: Mors mala non est, sed iter ad mortem miserum est; id si metuimus, tota hominis vita quid aliud est, quam iter ad mortem? der Tod ist nicht böse, aber der Weg zum Tod ist etwas grausam; wenn wir gleich nun solchen Weg fürchten, was hilffts? Weil deß Menschen Leben hie auf Erden nichts anders, denn der Weg zum Tod ist, Laërtius lib. 6.

Aristides der Philosophus, den man sonsten den Gerechten nennet, da er gefragt worden, wie lange doch einem Menschen zu leben geziemete? antwortete er: so lang, bis er verstehen würde, daß das Sterben besser wäre, denn in so vieler Trübseligkeit und Angst leben.

Musonius der Weise ward einsten gefragt, wer aufs allerbeste sein letztes End beschliessen könte? antwortete er: eben dieser, der da immer an sein letztes Ende gedencken könte, und sich für sterblich zu halten wüste.

Als der achtzehende Römische Käiser Severus in Britannia sterben wolte, beklagte er das grosse Elend menschliches Lebens, sagende: Omnia fui, et nihil mihi prodest. Chron. Philipp. lib. 3.

Eleazar, ein alter Rabbi, schreibt in seinen Sprüchen: alle die da geboren seynd, müssen sterben: alle die da sterben, müssen wieder lebendig werden: alle die da lebendig werden, müssen vor dem Gericht erscheinen.

Akabia, ein anderer Rabbi sagt: O Mensch bedencke drey Ding, so wirst du nicht leichtlich übertretten: bedenck wo du herkommen bist, und wohin du gehen wirst, und vor wem du endlich Rechenschafft geben must, nemlich vor dem König aller Könige.

Heraclides schreibt vom Philoronio Galata, dem Priester, daß er bey die sechs Jahre an einem Ort, da man die Toden hin zu begraben pflegte, gewohnet habe, von wegen daß er desto stäter eingedenck seyn könte, daß er der Welt abgestorben, und in Christo lebte.

Und wie solten wir nicht an das Sterben dencken, da wir doch täglich Leute sterben sehen? die Reihe wird gewiß auch [593] an uns kommen. Wir folgen ihnen zu Grab; wir werden ihnen auch ins Grab nachfolgen und nachfahren. Ach wol dem der selig fähret!

Quelle:
Pfitzer, Nikolaus: Das ärgerliche Leben und schreckliche Ende deß viel-berüchtigten Ertz- Schwartzkünstlers Johannis Fausti [...]. Tübingen 1880 [Nachdruck: Hildesheim, New York 1976], S. 591-596.
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