Das sechste Capitel.

Der Satan erscheinet dem D. Fausto bey Nacht und hält ein Gespräche mit ihm.

[563] ALs D. Faustus also wiederum in seinem Hertzen Trost gefunden, in Erwegung der treuhertzigen Vermahnung und Erinnerung aus GOttes Wort, legte er sich damit zur Ruhe nieder, und sein Famulus blieb bey ihm in der Kammer. Indem kommt der Teuffel zu ihm vor das Bette, hatte gleich Anfangs ein grosses Gelächter, und sagt mit lauter Stimm: Mein Fauste, bist du einmal fromm worden, ey so beharre darauf, schaue nur zu, was deine Frömmigkeit dir helffen werde! Lieber, ziehe zu solcher deiner Frömmigkeit eine Münchs-Kappen [556] an, und thue stetigs Busse, es wird dir wol Noth seyn; denn du hast es zu grob gemachet, und deiner Sünden ist mehr, als der Sandkörnlein am Meer. Lieber, wie magst du dich der Seligkeit trösten, der du aller Sünden, Büberey und Schalckheit voll bist? wilst dich trösten der Zuversicht auf Christum, so du doch jederzeit diesen gelästert hast: stelle dein Datum gleich auf alle Zuversicht zu GOtt, so wirst du dennoch verdamt, und kerest hinunter in die Hölle, das ist dein rechter Lohn, und warten bereits viel Teuffel auf dich, wo bleibet deine Hoffnung auf GOtt? du heuchlest dir selber, und tichtest dir eine nichtige Hoffnung, so es doch alles umsonst und vergebens ist, es wird nichts daraus, hoffe so lang du wilt. Kanst du dich auch deiner guten Werck rühmen? hinter sich hinaus, es ist zu spat mit deiner Buß.

Noch eines, Fauste, sage mir die Warheit, was gilts, es fichtet dich deine Seligkeit nicht soviel an, als wenn du bedenckest, daß du bald sterben must, und must die angeneme Beywohnung der Welt verlassen, du must verlassen gute Freunde und Gesellen: solte es dich nicht betrüben und bekümmern, daß du von hinnen scheiden solst? sage, ist dem nicht also?

D. Faustus schwiege still und gab darauf keine Antwort, brachte die Nacht zu mit schwermütigen Gedancken, und als [564] es Tage ward, beruffte er zu sich seinen Famulum, daß er den vorigen Magistrum mit sich brächte, welcher denn bald mit noch zweyen Studenten kam. Als ihm nun D. Faustus, nachdem sie Sitze genommen, angesaget, was der Teuffel in vergangener Nacht für ein Gespräche mit ihm [557] gehabt, antwortet der Theologus: Ja es ist nicht ohne, der Teuffel kan solche Stücke hervor bringen, und will sich damit behelffen, wenn er denn wieder zu euch kommet, so sprecht getrost: Hörest du Satan, diese und jene Beschwerungen, meiner Seligkeit halben, hast du mir vorgehalten; ich bekenne, daß ich ein armer Sünder bin, daß ich ein schwergefallener Sünder bin, aber die Barmhertzigkeit GOttes, so Er durch die Liebe seines Sohns über alle hat reichlich ausgeschüttet, ist weit grösser. GOtt hat nie keinen Sünder verstossen, der ernstliche Busse gethan hat, auch in der Stund seines Todes nicht, wie dem Schächer am Creutz. So hab ich auch einen guten HErrn, einen solchen Richter, deme wol abzubitten ist, einen getreuen Advocaten und Vorsprecher, JEsum Christum den Seligmacher, der wird mich vertretten bey seinem himmlischen Vatter. Und daß du mir die Verdamniß vorwirffst, das ist bey dir nichts neues, das ist dein altes Liedlein, du bist ein Lästermaul, und kein Richter, ein Verdamter, und kein Verdammer. Du wirffst mir auch meine bösen Werck für, das bekenne ich, daß nichts Gutes um und an mir ist, aber von meiner Ungerechtigkeit fliehe ich zu meinen Gerechtmacher JEsu Christo, ja zu seinen Gnadenthron, in seine Hände und Barmhertzigkeit befehle ich meine Seele.

Und mein Herr D. Fauste, sagt endlich der Theologus, seyd ohne Sorg, und wenn der Teuffel mit Disputiren wieder an euch will, so haltet ihm mit dem Wort GOttes diese Streich auf.


[558] Anmerckung.

I. Dieser wolgemeinte und in GOttes Wort gegründete Unterricht, so von dem Theologo dem D. Fausto allhie gegeben worden, könte nun dienen andern Zauberern und Hexen zu einer Warnung, daß sie in ihren schweren Sünden nicht beharrlich fortfahren bis an ihr Ende, weil der Teuffel sobald mit seinem Verdamniß-Liedlein aufgezogen [565] kommt, und die Buß, Bekehrung und Seligkeit nicht versäumen noch verschertzen.

Hier ist die Gnadenzeit, hier können sie noch Busse thun und Vergebung ihrer Sünden bey GOTT erlangen, denn es heisset wie wir singen: Hier alle Sünde vergeben werden. Cyprianus sagt an einem Ort: Quando isthinc excessum fuerit, nullus jam locus pœnitentiæ est, nullus satis-factionis effectus. Hîc vita aut amittitur aut tenetur. Das ist: Wenn du von dannen wirst geschieden seyn, so wird kein Ort hernach mehr seyn Buß zu thun: hier wird das Leben entweder erhalten oder verloren. Wie der Baum fällt, so wird er liegen, Eccles. 11. v. 3. Darum heut, so ihr die Stimme deß HERRN höret, so verstocket eure Hertzen nicht, Psalm 95. v. 8. sonst möchte auch der gerechte GOTT an euch diese seine Drohwort erfüllen und wahr machen, die darbey stehen: Ich hab geschworen in meinem Zorn, sie sollen nicht zu meiner Ruhe kommen.

Darum kehret um, kehret um, ihr elende Leut, gedencket wovon ihr gefallen seyd, thut Buß, thut hertzliche ernstliche Buß. Von GOTT zum Teuffel fallen, das ist der schwerste Fall, der je geschehen kan: aber von diesem Fall aufstehen, und vom Teuffel wieder zu GOTT tretten, das ist die gröste Buß die geschehen mag. Es sey aber der Fall und die Buß so schwer sie wollen, so ist doch diese nicht unmüglich: gedencket an den König Manasse, und seine Buß, und ergreiffet die Mittel zur Bekehrung! saget dem Teuffel mit Ernst ab, und ergebet euch von neuem euerm HErrn CHristo, treibet das liebe Gebet von Hertzen, so wird sich GOTT euer auch wieder erbarmen; denn wer also zu Ihm kommt, den will Er nicht hinaus stossen, Johann. 6. vers. 37.

Im widrigen Fall wird er euch ewiglich von seinem [559] Angesicht wegstossen, und werdet ihr nimmermehr keine Erbarmung, sondern ewige Abstraffung zu gewarten haben.

Rislerus erzehlet in seinen Himmel-Predigten, pag. 21. dieses Exempel: daß als Anno 1615. den 1. Decembris, zu Buxtehude in S. Peters Kirch der Prediger deß Orts auf der Cantzel eine eiferige und ernste Vermahnung angestellet, daß sich die Hexen und Zauberinnen solten bekehren, und dabey diese Wort gebrauchet: Sihe, wirst du von deinem gottlosen teuffelischen Leben und Wesen nicht abstehen, und meiner Vermahnung folgen, so wird GOtt gewiß und warhafftig mit Donner und Blitz herein schlagen zu dir, ja wirst du, die du bisher mit dem Teuffel gebuhlet, und damit greulich und abscheulich wider GOtt gesündiget, nicht zu GOtt dem HErrn durch wahre Buß und Besserung deines Lebens kommen, so wird Er gewiß und warhafftig in seinem grimmigen [566] Zorn mit seinem Donner und Blitz zu dir kommen und dich nicht allein hie zeitlich, sondern auch dort ewiglich mit Feuer straffen.

Da er kaum diese Wort ausgeredet, da hat GOTT der HErr seinen Donner und Blitz kommen lassen, und damit über alles Volck geschlagen, da man zuvor am selbigen Tag nicht donnern gehört, auch kein Schlag mehr hernach geschehen. Was hat aber GOtt damit anderst gethan, als daß er die Wort deß Predigers gleichsam hat bekräfftiget, und daß sein Donner und Blitz die, so sich nicht in der Gnaden-Zeit zu ihm bekehren, dort ewiglich treffen werde; da Er über sie wird regnen lassen Blitz, Feuer und Schweffel, und wird ihnen ein Wetter zu Lohn geben, Psalm 11. v. 6. Idem l. c. p. 380.

Quelle:
Pfitzer, Nikolaus: Das ärgerliche Leben und schreckliche Ende deß viel-berüchtigten Ertz- Schwartzkünstlers Johannis Fausti [...]. Tübingen 1880 [Nachdruck: Hildesheim, New York 1976], S. 563-567.
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