[567] D. Faustus hatte gleichwol etliche Tag lang Ruhe für dem Teuffel. Einsten aber zur Nachtzeit kam ihm im Bette eine Angst an, daß er nicht wuste, wo er bleiben solte, es kamen ihm allerhand verzweiffelte Gedancken ins Hertz (ohne [560] Zweiffel aus Eingeben deß bösen Geists) als, es wird doch damit nichts seyn, daß GOtt mir solte barmhertzig und gnädig werden, ich hab es allzu grob gemacht mit meinen Sünden: GOTT kan nicht gleich Sünde vergeben, wie wir meinen, es ist zu spat mit meiner Buß und Bekehrung; komme ich zur Vergebung meiner Sünden, und zur Gnade GOttes, so werden gewiß auch die Teuffel selig, zumaln ich ja nicht geringere Stücke gethan, verbracht und ausgewürcket, denn was die Teuffel selbst thun: zudem so ist das Büssen ja nicht wol müglich, weil ich GOtt meinen Schöpffer hab aufgegeben, und alles himmlische Heer, denen hab ich abgesagt, dagegen mich versprochen, daß ich deß Teuffels eigener seyn wolle mit Leib und Seel: diß ist nun eine Sünde in den Heiligen Geist, die nimmermehr kan und mag vergeben werden; darum kan ich nicht glauben, daß ich bey GOtt wieder zu Gnaden könne kommen.
Mit solchen verzweiffelten Gedancken hat sich D. Faustus die gantze Nacht durch geschleppet, und als er Früh aufgestanden, hat er abermal nach obgedachtem Magistro geschickt, ihm, so bald er in die Stuben getretten, die Ursach solches so frühen Beruffens vorgehalten, und gesagt es ist mir leid, daß ich euch, Herr Magister, so viel bemühe, denn ich besorge je, daß keine Hülff noch Raht bey mir wird Statt haben, daß ich doch verdamt seyn und bleiben werde.
Worüber denn der Theologus von Hertzen erschrocken, erinnert ihn deßwegen viel aus heiliger Schrifft, legte ihm nochmals die Exempel derer vor die Augen, welche GOtt, ob sie sich schon schwerlich [561] versündiget, wieder zu Gnaden hat aufgenommen: und solche jetzt von ihm erzehlte verzweiffelte[568] Gedancken, sagte er, wären lauter gifftige Pfeile deß leidigen Teuffels, und solcher Gestalt hat er auch gleichsam Thür und Thor zur Verzweifflung aufgethan; wo ihr nun diesen verzweiffelten Gedancken Statt und Raum gebet, so stehet die ewige Verdamniß und Hölle für euch schon offen. Darum bey leibe nicht also! verbannet vielmehr solche Gedancken aus eurem Hertzen, und lasset solche bey euch nicht einwurtzeln, denn sie rühren vom Teuffel her, der machet euer Hertz betrübt, und ängstiget es, gleich als hättet ihr einen unerbittlichen GOtt.
Demnach, wenn solche Gedancken bey euch aufsteigen, als wolle sich GOtt euer nimmer erbarmen, so sprecht: Teuffel sihe, kommst du abermal, ich hab forthin nichts mehr mit dir zu schaffen, denn GOtt betrübet nicht, schröcket nicht, tötet nicht, sondern ist ein GOtt der Lebendigen, hat auch seinen eingebornen Sohn in diese Welt gesandt, daß er die Sünder nicht schröcken, sondern trösten solle; auch ist Christus darum gestorben und wieder auferstanden, daß er deß Teuffels Werck zerstörete, ein Herr darüber würde, und uns lebendig machte. Derhalben sollet ihr in solcher Schwermut und Anfechtung einen Mut fassen, und gedencken, ich bin forthin nicht mehr eines Menschen, viel weniger deß Teuffels, sondern Gottes Kind, durch den Glauben an Christum in welches Namen ich mich meiner heiligen Tauff erinnere: ich hab mir nicht Leib und Seele gegeben, sondern der allmächtige Schöpffer hat sie mir gegeben, darum hab ich auch nicht Macht mich deß Bundes meiner heiligen Tauffe zu verzeihen.
[562] Auf diese tröstliche Erinnerung pochet, Herr Doctor, unverzagt, dencket nicht zuruck was ihr gethan, sondern nemet euch für, wie ihr dem Teuffel und seinem Eingeben möget kräfftigen Widerstand thun mit dem Wort GOttes; und wenn ihr zu Bette gehet, so sprecht: Ach lieber GOtt, ich bin freilich ein armer grosser Sünder, und finde nichts denn Ungerechtigkeit bey mir, aber dein lieber Sohn hat mehr Gerechtigkeit mir und allen bußfertigen Sündern mitzutheilen, als wir alle von ihm nemen und begehren können, um welches willen Du getreuer GOtt und Vatter mir wollest gnädig [569] und barmhertzig seyn, Amen!
I. Daß D. Faustus allhier saget, daß sein teufflisches geführtes Leben und Wesen eine solche Sünde sey, die nimmermehr könne und möge vergeben werden, als fraget sichs, ob denn die Zauberey sey eine Sünde in den Heiligen Geist.
Hierauf antwortet unter andern Herr M. Freudius, Gewiss. Frag. von Zaub. qu. 6. also: die Zauberey-Sünde ist nicht peccatum irremissibile, eine solche Sünde, die nicht solte können vergeben werden, denn das ist allein die Sünde in den Heiligen Geist, Matth. 12. v. 31. 32. mit welcher zwar die Zauberey-Sünde sehr nahe verwandt ist, aber doch ist sie mit derselben nicht eines: oder die Zauberey-Sünde ist eigentlich nicht die Sünde in den Heiligen Geist selbsten, denn diese hat keine Vergebung; aber die Zauberey-Sünde kan vergeben werden, wie die Erfahrung und die Exempel bezeugen. (Besihe oben im andern Theil, deß ersten Capitels Anmerckung.)
So ist auch solche Verbündniß und Ergeben nach Prætorii Meinung, nicht bey allen eine Sünde in den H. Geist, wie die Verständigen wollen. Denn das ist Sünde in den H. Geist, wenn jemand durch den H. Geist Christum und sein wahres Wort recht erkennet hat, und davon freventlich und mutwillig abfällt, dawider redet und lästert wider sein Gewissen, und hasset und verfolget Christum, und was dem angehöret, und bleibt [563] denn auch in solcher Bosheit verstockt, ohne Reu und Buß, und verzweiffelt endlich an Gottes Barmhertzigkeit. Solche Sünde kommt aus teufflischer Bosheit, wie in Juda war, und in Simone dem Zauberer, und Juliano dem Abtrünnigen, etc.
Diß mag nicht alsbald allen Zauberern zugerechnet werden, denn ihrer viel Christum entweder nicht haben erkant, oder nicht ausdrücklich verläugnet, viel weniger verflucht oder gelästert: oder aber haben darvon abgelassen, und sich bekehret. Welches von denen sonderlich zu trauen, die es mit Thränen, Hoffnung und Gedult in höchster Marter beständiglich bekennen. Bis hieher Prætorii Wort im Gründlichen Bericht von Zauberey, c. 10. p. 153.
[Nota 1. Die Sünde in den H. Geist ist nicht eine Lebens-Sünde, welche mit bösen Sitten begangen wird, sondern eine Lehr-Sünde, die wider das Wort GOttes ausgeübet wird, und wider die Göttlichen Wunder, mit denen solches Wort versiegelt und bekräfftiget wird. Denn obschon der, welcher mit solcher Sünde behafftet und vergifftet ist, freilich wol auch ein gottloses Leben führet, Matth. 7. v. 16, so [570] bestehet doch das Esse formale und eigentliche Wesen solcher Sünde nicht in dem bösen Leben, sondern im bösen Glauben oder Unglauben, und in Verläugnung deß rechten wahren Glaubens. 2. Die Sünde in den H. Geist lauffet directe wider die Warheit deß Evangelii. 3. Die Lehr deß Evangelii muß von denen, die in den H. Geist sündigen, vorher seyn erkant worden. 4. Die Sünde in den H. Geist muß nicht geschehen aus Schwachheit deß Fleisches und der Furcht der Gefahr, noch aus Zwang und Betrug anderer Leute, sondern aus einem sich selbst gelassenen, vorsetzlichen und freyen Willen. 5. Wer die Sünde in den H. Geist begehet, der verlaugnet, lästert und widerficht die Warheit, und stösset alle Mittel zur Seligkeit gäntzlich von sich.
Wir können nicht wissen, ob einer und der ander in der Sünde, die uns verdächtig vorkommet, bis ans Ende beharren, und nicht etwan in agone mortis, noch in dem letzten Todesseuffzer, ernste Buß thun werde; darum kan man davon à priori und von vornen her nichts gewisses wissen: Weil aber gleichwol GOTT, der strenge Richter alles Fleisches, sein scharffes Gericht zu Zeiten selbst offenbaret, daß wir sehen und augenscheinlich verspüren, wie jemand beharrlich und endlich in der Lästerung und Feindseligkeit gestorben und [564] verdorben sey, so können wir gleichsam à posteriori und von hinten her das Urtheil fällen, ein solcher Mensch habe in den Heiligen Geist gesündiget.
Obschon alle, die in den Heiligen Geist sündigen, verzweiffeln, so sündigen doch nicht alle, die verzweiffeln, wider den Heiligen Geist, sunt hæc ἀναστρέφοντα, non ἀντίστροφα, et ex utraque parte reciproca.
Unfehlbare Kenn- und Merckzeichen bey denen man zimlicher massen schliessen und abnemen kan, welche Leute verstockt, oder je zum wenigsten der Verstockung nahe getretten seynd, denn es præsentiren sich an diesen Laster sonderbare Gradus.
Der Erste ist Ungehorsam, wenn man der heilsamen Lehr nicht glauben, noch treuhertziger Straff und wolgemeinter Vermahnung und Warnung folgen will, 1. Sam. 15. v. 23.
Der ander Grad ist Neid, Feindschafft und Mißgunst, auch unzeitiges Eifern und Splitterrichten, wider rechtschaffene Lehrer, die ohne Scheu straffen im Thor, denen man denn im Hertzen gram und feind wird.
Der dritte Grad ist Schelten und Lästern, wenn der innerliche Haß herausser bricht in feindselige Wort und Geberden.
Der vierdte Grad ist Verfolgung, wenn man sich gegen die, welche ihres Amts und Gewissens pflegen, würcklich setzet, und ihnen alles Hertzenleid anleget, und allerley Schaden zuziehet. Das alles ist schon ein unbetrüglicher Vortrab eines verstockten Hertzens.
[571] Zu welchem der fünffte Grad schreitet, die αὐτοκατάκρισις und das eigene Zeugniß eines bösen Gewissens, daß ein solcher Mensch gedencket: O es ist doch mit dir geschehen, du hast keinen Part und Theil mehr am Himmelreich, darum wilst du die Hölle eben so mehr recht verdienen, und alles thun, was dir nur gefällt.
Wo sich das findet, da hat man den Anfang der Verstockung hinweg und die ist ein gewisser Gefert der Sünde wider den Heiligen Geist.
Wir können mit Augustino, schreibt D. Walther Conc. 28. sup. Epist. ad. Hebr. die beharrliche Unbußfertigkeit für kein wesentliches Stück der Sünde in den Heiligen Geist halten, sondern nur für einen untrennlichen Geferten, und solche Eigenschafft und Würckung, die allezeit bei dieser Sünde befindlich, und gleichsam mit ihr verbrüdert ist, denn sonsten wolte [565] folgen, daß alle die, so in Unbußfertigkeit beharren, sie sündigten auch wie sie wolten, der Lehr oder dem Leben nach, dieser Sünde in den Heiligen Geist schuldig wären, welches aber nicht Bestand haben mag, sintemal je die Mörder und Todschläger, die Hurer und Ehebrecher, die Dieb und Räu ber, samt anderm losen Gesindlein, in ihren Todsünden beharren können, und sündigen doch nicht wider den Heiligen Geist.
Folgen wolte auch, daß vor seinem Ende niemand in den Heiligen Geist sündiget, weil die Unbußfertigkeit alsdenn erst beharrlich heisset, wenn der Mensch in derselben verstirbt, da doch Christus von den Phariseern noch bey ihrer Lebenszeit zeuget, daß sie wider den Heiligen Geist geredet haben.