[572] D. Faustus hat sich von der Zeit an zimlich wider den Teuffel gelegt; denn ihm ward von einem seiner guten Freunde, der ein grosses Mitleiden mit ihm hatte, die H. Bibel in die Hand gegeben, ja darinn die vornemsten Machtsprüche hierzu dienlich, bemercket, daß er sie bald aufschlagen, und daraus Trost haben uud schöpffen möchte. Dieses nun war dem Teuffel nicht angenem, und weil er ihm nicht anderst beykommen kunte, versuchet er ihn davon abwendig zu machen, kommt deßwegen nach etlichen Tagen auf einem Abend zu ihm, und spricht: es ist nicht ohne, daß dein Hertz jetzund anderst gerichtet ist, als es nie gewesen, es fehlet etwan auch nicht weit, du möchtest die Barmhertzigkeit GOttes, und was sein Will ist, ergreiffen, und zu solcher Erkäntniß kommen, aber eines fehlet dir noch sehr, dahin du nimmer dencken wirst. Denn GOtt hat Gute und Böse erschaffen, also bleibet es vom Anfang bis zum Ende der [566] Welt. Denn du bist nicht erwählet zur Seligkeit, sondern bist ein Stück vom bösen Baum, und wenn du gleich alle Tugend und Frömmigkeit dieser Welt an dir hättest, so bist du doch nicht zum ewigen Leben versehen. Dargegen die so auserwählet sind, ob sie schon Sünde gethan, und also sterben, so seynd sie doch gute Bäume, und im Anfang zu dem ewigen Leben versehen. Denn GOtt hat Gute mit den Bösen erschaffen, darbey lässet Ers auch bleiben, und nimmet sich der Menschen weiter nicht an, wie sie auch leben und sterben, bis zu dem allgemeinen Gerichte: Wer denn zu dem ewigen Leben erkoren ist, der kommt darein, also ist es auch mit den Verdamten; darum ist es nichts mit deinem Vorhaben, daß du allererst um dich sehen wilst, wie du möchtest in das ewige Leben kommen, so du doch von Anfang nicht darzu versehen bist.
Dieses war nun dem D. Fausto eine seltzame Predigt, und dachte solchem eine gute Weile nach, daß er auch endlich [573] sagte: Es mag warlich wol also seyn, ich werde zu dem ewigen Leben nicht seyn geboren, dieweil doch alles Firmament und Gestirn deß Himmels ausweisen, was dem Menschen Gutes und Böses begegnen solle, und solche Exempel lauffen täglich für, daraus geschlossen werden kan, wie GOTT im Anfang sein Werck, Geschöpffe und Creaturen hat verordnet, daß solcher Lauff werde gehen bis an der Welt Ende. Nun ist der Mensch auch GOttes Creatur, zu Bösen und Guten, wie ihn GOtt hat erschaffen, geneigt, darüber ich jetzt nicht weiter disputiren will. Bin ich zum ewigen Leben versehen, [567] so wird es seyn müssen, wo nicht, so muß ich wol, wie andere, Haar lassen.
Als nun gleich deß andern Tags, vielleicht aus GOttes Schickung, mehrgedachter Geistliche samt dreyen andern Studenten D. Faustum besuchte, fande er denselben etwas freudiger zu Mut weder sonsten, vermeinte demnach, der Trost aus dem Wort Gottes habe ein solches verursachet; allein er befand sich in seinem Wahn betrogen, da er vernahme, daß solches aus dem Gespräche, so der Teuflel mit dem armseligen Fausto von der ewigen Versehung gehalten, hergerühret: daher dieser gute Geistliche bey sich selbst geschlossen, daß es fast mißlich seyn würde mit dem D. Fausto, seiner Bekehrung halber, denn er gebe seiner Vernunfft zu viel Raum und Statt, daß ihn daher der Teuffel leichtlich gefangen nemen könte.
Darum sagte er, nachdem er Sitze genommen, zum D. Fausto: Er solle seine Vernunfft in solchen hohen Articuln der Versehung GOttes nicht urtheilen lassen, sondern sie unter den Glauben gefangen nemen, und alles das aus seinem Sinne verbannen, was ihm der Teuffel vorgeschwätzet habe. Denn, fähret er fort, menschliche Vernunfft und Natur kan GOtt in seiner Majestät nicht begreiffen, darum sollen wir nicht weiter suchen noch erforschen was GOTTES Wille in diesem seye, als was uns erlaubet und befohlen ist. Sein Wort hat Er uns gegeben, darinn Er reichlich offenbaret hat, was wir von ihm wissen, halten, glauben, und uns zu Ihm versehen sollen, nach demselben sollen wir uns richten, so werden wir nicht irren; wer aber von GOttes Willen, Natur und Wesen, Gedancken hat [568] ausser dem Wort, will mit [574] menschlicher Vernunfft und Wissenschafft aussinnen, der macht ihm viel vergebliche Unruhe und Arbeit, und fehlet sehr weit. Denn die Welt, spricht S. Paulus 1. Corinth. 1. v. 21. durch ihre Weisheit erkennet GOtt nicht in seiner Weisheit, auch werden diese nimmermehr lernen noch erkennen, wie GOtt gegen die gesinnet sey, die sich darmit vergeblich bekümmern, ob sie versehen oder auserwählet seyn?
Welche in diese Gedancken gerathen, denen gehet ein Feuer im Hertzen an, das sie nicht löschen können, also daß ihr Gewissen nicht zufrieden wird, und müssen endlich verzweiffeln. Wer nun diesem Unglück und ewiger Gefahr entgehen will, der halte sich an das Wort! so wird er finden, daß unser lieber GOtt einen starcken vesten Grund gemachet und geleget, darauf wir sicher und gewiß fussen mögen, nemlich Jesum Christum unsern HErrn, durch welchen allein, und sonst durch kein ander Mittel wir ins Himmelreich kommen und gelangen mögen: denn Er und sonst niemand ist der Weg, die Wahrheit und das Leben.
Sollen wir nun GOtt in seinem Göttlichen Wesen, und wie Er gegen uns gesinnet sey, recht und warhafftig erkennen, so muß es durch sein Wort geschehen; und eben darum hat GOtt der Vatter seinen eingebornen Sohn in die Welt gesand, daß Er solte Mensch werden, allerdings uns gleich, doch ohne Sünde unter uns zu wohnen, und des Vatters Hertz und Willen uns zu offenbaren; wie Ihn denn der Vatter uns zum Lehrer geordnet hat, da er vom Himmel, bey seiner Tauff am Jordan, geruffen, diß ist mein lieber Sohn, [569] den solt ihr hören; als wolte er sagen: es ist vergebens und umsonst was Menschen vornemen, meine göttliche Majestät zu erforschen, menschliche Vernunfft und Weisheit kan mich nicht begreiffen, ich bin ihr viel zu hoch und groß, nun aber will ich mich klein genug machen, daß sie mich ergreiffen und erkennen können, ich will ihnen meinen eingebornen Sohn senden, und also geben, daß Er soll ein Opffer, ja ein Sünd und Fluch für sie werden, und Er soll mir hierinn Gehorsam leisten bis zum Tod, ja zum Tod des Creutzes: Diß will ich hernach predigen lassen in aller Welt, und die daran glauben, sollen selig werden. Das meinet denn S. Paulus, da er [575] 1. Corinth. 1. spricht: Weil die Welt durch ihre Weisheit GOtt in seiner Weisheit nicht erkante, gefiele es GOtt wol, durch eine thörichte Predigt selig zu machen, die so daran glauben.
Das heist je die Göttliche Majestät klein und begreifflich genug werden, daß ja niemand darüber klagen kan, daß einer wolte vorgeben, er wisse nicht wie er mit GOtt daran sey, was er sich zu ihm versehen soll, ob er auch zum ewigen Leben erkoren seye, u.s.w.
Man kan die schwere Anfechtung von der ewigen Versehung der Auserwählten, die schon ihrer viel sehr hoch betrübet, nirgend besser suchen, ja finden und verstehen, als in den Wunden Christi, darein gleichsam GOtt geleget hat Gutes und Böses: nemlich, glaubst du daß das Blut Christi am heiligen Creutz für dich vergossen seye, so bist du schon versehen zum ewigen Leben, wo aber der Glaub nicht da ist, so ist solches Blut Christi, und solch theures Opffer am Creutz, an dir verloren.
[570] Derhalben Herr Doctor sollet ihr diesem verführischen Vorhalten deß Teuffels, von der ewigen Versehung, weder Glauben noch Gehör geben. Denn GOtt der Herr hat die Engel, so gefallen seynd, auch fromm und gut geschaffen, aber sie haben nicht also bleiben wollen, darum hat sie auch GOtt in ihrer Klugheit fahren lassen, daß sie aus guten böse worden.
I. Weil uns der Teuffel mit der ewigen Versehung GOttes so hoch und schwerlich zu mancher Zeit zu versuchen pfleget, und uns darinn gern verwirren und in Verzweifflung bringen wolte, wollen wir hieher setzen, was hievon Herr Lutherus seliger erinnert; er sagt aber: man disputire beyleibe nicht viel von der Versehung, also hat mir oft Doctor Staupitz gerathen, und gesagt, wilt du von der Versehung disputiren, so fahe an von den Wunden Christi, so wird zugleich alles Disputiren aufhören und fallen: wiederum, wenn man ihr nachhängt, und will viel disputiren, so muß Christus, sein Wort und Sacrament weichen; ich vergesse alles, was Christus und Gott ist, wenn ich in diese Gedancken komme, darum halt du dich nur an das Wort, bey [576] demselbigen bleibe, in welchem sie Gott geoffenbaret hat! da hast du den rechten Weg deines Heils und deiner ewigen Seligkeit, wenn du Ihm nur glaubest, aber in der blosen Versehung vergessen wir Gottes, da höret das Laudate auf, und das blasphemate gehet an; denn in Christo JEsu alle Schätze verborgen liegen, ausser ihm aber seynd sie gar verschlossen. Derhalben bilde dir Christum gar wol ein, so ist die Prædestinatio schon im Werck bis allbereit versehen, denn GOtt hats zuvor versehen, daß sein Sohn leiden werde um der Sünden, nicht um der Gerechtigkeit willen, wer das glaubt, der soll das liebe Kind seyn, und hinwiederum.
Darum soll man in diesem Articul also gedencken, GOtt ist warhafftig, läugt noch treugt nicht, das weiß ich, derselbige hat mir seinen eingebornen Sohn geschencket mit allen seinen Gütern, hat mir gegeben die H. Tauff, das Sacrament deß wahren Leibs und Bluts seines lieben Sohns. Wenn ich also gedencke an die grosse unaussprechliche Wolthaten die mir [571] GOtt der himmlische Vatter um Christi willen, aus lauter Gnade und Barmhertzigkeit gegeben hat, ohn allen meinen Verdienst, gute Werck und Würdigkeit, und bleibe auf solchen Gedancken vest stehen, so ist die Versehung voll Trostes und bleibet vest und beständig, wo nit, so ists dahin und geschehen.
Und weiter sagt er: aber die Ursach, warum GOtt diesen oder jenen nicht erwählet, soll man auf unsern HErrn GOtt nicht legen, sondern auf den Menschen, dem soll man die Schuld geben, nicht GOtt; denn die Verheissungen seynd universales, allen Menschen gegeben und versprochen, niemands ausgenommen, er sey wer er wolle, ohne Unterscheid. Nun will aber GOtt, daß alle Menschen selig werden, darum ist die Schuld nicht unsers HErrn GOttes, der es verheist, und was er zusagt, treulich und gewiß halten will, sondern unser die wirs nicht glauben wollen. Bis hieher Lutherus.
Wenn die Lehr von dem Absoluto Decreto, von dem blosen Rahtschluß GOttes wahr wäre, da von ihm, wiewol fälschlich und ohne Grund deß Worts GOttes, vorgegeben wird, daß er den meinsten Theil der Menschen aus blossem Willen und Wolgefallen, ohne Ansehung ihrer Sünde und Unglauben, zur ewigen Verdamniß verstossen, denen er auch um deß willen den wahren seligmachenden Glauben nicht geben wolle, das sie nicht können anderst thun, u. d. g. so müste daraus folgen, das Gott nicht eine geringe Ursach der Gottlosen, ja hier insonderheit an des D. Fausti und anderer Zauberer und Hexen Abfall wäre, und folgends auch des Bundes, den sie mit dem Teuffel aufrichten. Denn ob zwar GOtt keinen Gefallen an diesen schweren Sünden habe, so müste er doch dieselbe um dieses seines blossen Rathschlusses willen[577] wollen, als nach welchem er die jenige, die sich dieser Sünde ergeben, und in den Zauber-Bund mit dem Teuffel tretten, nicht zur Seligkeit erwählet, sondern übergangen, und zur ewigen Verdamniß verstossen und verworffen, daher er auch ihre Hertzen efficaciter, kräfftiglich und würcklich verstocke, daß sie vasa iræ und Gefässe seines Zorns seyn sollen, und habe sie zur Verdamniß veordnet, daß seine Gerechtigkeit an ihnen geoffenbaret werde. Denn wenn sie GOtt hätte wollen selig haben, wenn sie mit unter die Auserwählte gehöreten, und sich, zum Exempel, der Zauberey und dem Teuffel, nicht hätten ergeben sollen, so hätte sie auch Gott nie darein fallen lassen, er hätte sie darfür wol behütet, und ihnen keine Gelegenheit darzu an die Hand kommen lassen, sich dieser schweren Sünden theilhafftig zu machen, und in deß Teuffels Gesellschafft zu gerathen.
[572] Aber daß diese Lehr falsch sey, wird aus GOttes Wort genugsam bewiesen, als welches saget: Er wolle nicht daß jemand verloren werde, 2. Petr. 3. v. 9. sondern Er wolle, daß allen Menschen geholffen werde, 1. Timoth. 2. v. 4. der hab uns auch nicht gesetzt zum Zorn, sondern die Seligkeit zu besitzen, durch unsern HErrn JEsum Christum, der für uns gestorben ist, 1. Thessal. 5. v. 9. schweret auch einen theuren Eid, so wahr Er lebe, Er hab keinen Gefallen am Tod deß Gottlosen, sondern Er wolle daß er sich bekehre, und lebe, Ezech. 33. v. 11.
Er hat auch den Menschen erschaffen zu dem Ende, daß er solte ewig leben, denn Er hat ihn nach seinem Ebenbild erschaffen. Und wenn von ihm in heiliger Schrifft gesagt wird, daß Er ihnen einen verkehrten Sinn gebe, das Hertz verstocke, oder mit Blindheit deß Hertzens schlage, so hats gar nicht den Verstand, als ob Er die Verstockung, Blindheit und verkehrten Sinn in den Hertzen würcke, sie darmit erfülle, und dahin treibe, daß sie, die Menschen, nicht anderst thun könten, als bös und gottlos seyn: sondern es ist dieses permissivè desertivè und privativè zu verstehen und also: daß, weil GOtt ein allwissender und beneben dem auch ein gerechter GOtt ist, der Hertzen und Nieren prüfet, und wol weiß, was inwendig in dem Menschen ist, und daher auch die Bosheit in solcher Menschen Hertzen zuvor sihet und weiß, dem auch dieses vorher bekant ist, daß sie ihnen weder wollen noch werden zur Bekehrung und Seligkeit helffen lassen, so entzeucht Er auch ihnen aus gerechtem Gericht seine Gnade, weichet damit von ihnen hinweg, und lässets zu, daß sie der Teuffel in seine Stricke bringet, und sie also aus seinem Gnaden-Bund in deß Teuffels-Bund tretten, dem Teuffel dienen, und seine Wercke vollbringen, auch endlich, wenn sie sich nicht bekehren, ewig verdamt und verloren werden.