Das neunzehende Capitel.

D. Fausti vierdte Frag an seinen Geist: von dem Himmel, und den Engeln.

[179] D. Faustus fuhre in seinem Gespräche fort, und sprach zu dem Geist: Lieber Mephostophiles, ob ich mir zwar leichtlich einbilden kan, daß ich nimmer in den Himmel komme, so möchte ich doch gleichwol von dir wissen, wie innwendig der Himmel mag geschaffen seyn, und was es für eine Beschaffenheit habe um die ewige Gottheit?

Mephostophiles antwortete alsbald: ach! mein Herr, dieses kan ich nicht erzehlen, denn wir seynd in den unauslöschlichen Zorn GOttes also tieff gefallen, daß, was wir zuvor gesehen haben, wir dessen, wie auch alles himmlischen Wesens und Freude gäntzlich beraubet seynd, und ist nunmehro uns nicht anderst, als einem Menschen der etwas in einem Traum hat gesehen, wenn er erwachet, so ist dasselbe nicht mehr zugegen; also auch können wir nichts darvon sagen: und GOtt will auch [133] nicht von uns Geistern haben, daß wir seine Herrlichkeit verkündigen und offenbaren sollen, welche er dermaleins am Jüngsten Tag wird offenbar machen.

D. Faustus vermerckte bald hieraus, daß dem Geist mißfiele in dieser Materie weiter fortzufahren, weßwegen er auf eine andere und zwar diese Frag geriethe, wie es doch mit den Engeln, welche jetzund in grossen Freuden bey GOTT seynd und wohnen, eine Bewandtniß und Beschaffenheit habe.

Mephostophiles antwortet, und sprach: so viel ich gesehen habe, und mir noch wissend ist, so seynd die Engel in drey Hierachias abgetheilet, als in die Seraphin, Cherubin, und Thron-Engel; und ist einer wie der andere im vollkommenen Stande.

Die ersten, als die Seraphin, betrachten GOttes Güte, wie er doch alles sowol erschaffen hat, und wo sie auch hinsehen, da kommen sie nimmermehr zum Ende, daß sie beschliessen köndten alle Majestätische Herrlichkeit GOttes.

Die Cherubin betrachten die Krafft GOttes, ja die gewaltige Hand GOttes, die er in Erhaltung Himmel, Erden, ja deß gantzen Firmaments gesetzet.

[180] Die dritten, als die Thron-Engel, können nicht genugsam begreiffen noch ansehen die ewige GOttheit; an deren sie denn all ihr Freude, Wollust und Ergötzlichkeit haben.

Die ersten vertreten das Amt der Engel: die andern begeben sich zu den Menschen, beschützen und bewahren sie: die dritten regiren Könige und Für[134]sten; und ist kein Engel unter diesen allen, der nicht solte zehen Welt regieren können, so veste nemlich, starck und mächtig hat GOtt seine Würckung in sie gegossen.


Anmerckung.

I. Zu mercken ist allhier, daß gleichwol die Teuffel etwas von der Erkäntniß Gottes wissen, GOtt aber lasse es ihnen nicht zu, daß sie seine. Herrlichkeit solten offenbaren, allermassen der Geist selbsten gestehet.

Denn Matthæi im 4. Cap. v. 3. versuchet der Teuffel Christum und spricht, bist da GOttes Sohn? In welchen Worten denn der Teuffel bekennet, daß er etlicher massen wisse, daß Christus eine Göttliche Krafft an sich habe; daher ihm der HErr Christus wiederum antwortet, sagende, du solst GOtt deinen Herrn nicht versuchen.

Deßgleichen Matthæi im 8. Cap. v. 28. 29. Als der HErr Christus in die Gegend der Gergesener kame, und ihm zween Besessene aus den Gräbern entgegen lieffen, da triebe er die Teuffel aus; diese wolten nun auch Christum bekennen, da sie sagten: Ach JEsu du Sohn GOttes, was haben wir mit dir zu thun, bist du herkommen uns zu quälen ehe denn es Zeit ist? dieses aber wolte der HErr nicht zu lassen, und triebe sie aus.

Der Evangelist Marcus im 1. Cap. v. 23. meldet, daß der HErr Christus zu Capernaum an einen Sabbattag in die Schul gieng, darein sie einen besessenen Menschen brachten, welchen ein unsauberer Geist triebe, der schry und sprach: was haben wir mit dir zu schaffen, JEsu von Nazaret? bist du kommen uns zu verderben? ich weiß wer du bist, nemlich der heilige GOttes: und berichtet Marcus zugleich kurtz darauf vers. 25. und JEsus be schalte ihm und sprache, verstumme und fahre aus von ihme.

Weiter sagt jetzt ermeldter Evangelist eben in diesem Cap. daß der HErr Christus an einem Abend, da bereits die Sonne untergangen war, von den Besessenen viel Teuffel ausgetrieben habe, und meldet dieses darbey vers. 34. Er liesse die Teuffel nicht reden, denn sie kandten ihn.

[181] Und im dritten Cap. v. 11. 12. spricht er: wenn ihn (JEsum) die unsaubern Geister sahen, fielen sie vor ihm nieder und [135] schryen laut, du bist der Sohn GOttes: Er schalte sie aber hart, daß sie ihn nicht offenbar machten.

Also stehet auch in den Geschichten der Apostel geschrieben im 16. Cap. v. 17. Da lieff S. Paulo und seinen Gesellen eine Magd nach, die hatte einen Warsager-Geist, die schrye und sagte durch ihren Geist: Diese Menschen seynd Knechte GOttes deß Allerhöchsten, die euch den Weg der Seligkeit verkündigen.

Item im 19. Cap. dieses Buchs, v. 13. 15. meldet S. Lucas, daß Sceva ein Hoherpriester sieben Söhne gehabt habe, die Teuffelsbeschwerer gewesen; und wenn sie die Teuffel von den Besessenen wolten austreiben, da gebrauchten sie darzu den Namen deß HErrn Jesu, und sprachen zu den Teuffeln: Wir beschwören euch durch Jesum, welchen Paulus prediget. Die Geister aber antworteten und sprachen: JEsum kennen wir wol, und Paulum wissen wir auch wol, wer seyd ihr aber?


II. Daß fürs ander die heiligen Engel ausgetheilete Aemter haben sollen, dieses bezeuget auch die heilige Schrifft. Denn der Engel Gabriel bringet der Gottes Gebä rerin Mariæ die Botschafft von der Empfängniß und Menschwerdung deß Sohns GOttes, Lucæ 1. v. 26. Die Engel verkündigen den Hirten grosse Freude, daß der Sohn GOttes zu Betlehem geboren seye, Lucæ 2. v. 10. Die liebe Engel begleiten das JEsulein in und aus Egypten, Matth. 2. v. 13. 19. dienen ihm in der Wüsten da nemlich Christus vom Geist daselbst hart angefochten ward, Matth. 4, v. 11. Trösten ihn am Oelberg, da er mit dem Tod range, Lucæ 22. v. 43. bewachen sein Grab, und bezeugen seine fröliche sieghaffte Auferstehung, Himmelfahrt und Wiederkunfft zum Gerichte der Lebendigen und der Todten, Joh. 20. v. 12.

Aus dem Alten Testament ist bekandt, daß der Engel mit einem feurigen Schwerdt das Paradeyß verwahret, 1. Buch Mos. 3. v. 24. Ismael, deß Ertzvatter Abrahams Magd Hagar Sohn, als er in der Wüsten grossen Durst litte, da wiese ein Engel der trostlosen Mutter am Wege zu Sur einen Wasserbrunnen, 1. Buch Mos. 16. v. 7. Drey Engel erschienen dem Abraham im Hayn Mamræ, da sie Sodoma und Gomorra wolten vertilgen, und der eine der 90. jährigen Saræ verkündigte, daß sie schwanger, und einen Sohn gebären werde, 1. Buch Mos. 18. v. 2. 10.

[136] Also erschienen die Engel dem Loth unter dem Thor zu Sodoma, nnd in der Stadt Sodoma, da die Burger der Stadt gantz ungestümmiglich deß Loths Haus umgaben, und begehrten die fremden Gäste; da schlugen die Engel sie mit Blindheit, führten darnach den Loth, seyn Weib samt zweyen Töchtern, von dem Verderben und Untergang der [182] Stadt, in ein Städtlein Zoar genannt, 1. Buch Mos. 19. v. 1. et seq.

Der Altvatter Jacob als er wiederum in sein Vatterland ziehen wolte, und sich für seinem Bruder dem Esau sehr fürchtete, da sahe er sichtbarlich die Mahanaim, und Herrscharen der heiligen Engel, 1. Buch Mos. 32. v. 2.

Da GOtt der HErr durch Mosen das Volck Israel aus Egypten in die Wüsten an das rothe Meer geführet hatte, und ihnen der König Pharao hinten nacheilete, da zoge auch am Himmel vor dem Volck her der Engel deß HErrn in einer Wolcken-Seule, und war mit Blitzen aus der Wolcken als ein Zeichen von GOtt, daß er dem Israelitischen Volck wolte vätterlichen Beystand leisten, 2. Buch Mos. 16. v. 19.

Der Engel deß HErrn stunde auch dorten am Wege, und verhinderte den Warsager Bileam daß er nicht solte in der Moabiter Land ziehen, das Volck GOttes zu verfluchen, 4. Buch Mos. 22. v. 22.

Als Josua der streitbare Kriegsfürst bei Jericho war, und seine Augen gegen dem Himmel aufhube, da name er gewar daß ein Mann gegen ihm stunde, der hatte in seiner Hand ein blosses Schwerd, und Josua gieng zu ihm und sprach, gehörest du uns an, oder den Feinden? Er sprach nein, sondern ich bin ein Fürst über das Heer deß HErrn, und bin jetzt kommen, im Buch Josuæ am 5. v. 13.

Als das Assyrische Heer zu Zeiten deß Königs Hiskiæ in Israel die Stadt Jerusalem belägerte, und der fromme König zu GOtt mit dem Gebet ernstlich rieffe, da fuhr aus der Engel deß HErrn in der Nacht, und schluge in dem Assyrischen Läger hundert und fünff und achtzig tausend Mann, wie zu lesen beym Propheten Jesaia im 37. Cap. v. 36.

Als Sadrach, Mesach, und Abednego, in den feurigen Ofen, auf ergangenen Befehl deß Königs Nebucadnezar, geworffen wurden, da gesellete sich der Engel zu ihnen, und thate ihnen eine sonderbare Hülffe, daß solche unmässige Hülffe ihnen gleich als ein kühler Thau wurde, Danielis im 3. Cap. v. 24.

[137] So ward auch Daniel der Prophet von dem Engel gespeiset in der Löwengruben, seiner Weissagung im 6. Cap. v. 22. Eben diesem Propheten erschien einsten der Engel deß HErrn am Wasser Ulai, in Persien, und verkündigte ihm von der letzten Monarchy, der Endschafft deß Käiserthums, von der Zukunfft Christi, und von der Auferstehung der Todten, im 8. Cap. vers. 16.

Item, als am Abendopffer der Prophet betete, ist der Engel Gabriel zu ihn kommen, ihn angerühret, und diese Bottschafft gebracht, daß er ihm alle zukünfftige Dinge berichten wolle, darum seye er auch von GOtt ausgegangen, denn GOtt habe sein Gebet erhöret, er sey vor GOtt lieb und angenehm, Dan. im 9. Cap. v. 21.

[183] Deß frommen alten Tobiæ Sohns Geferte in das Land Medien, war der Engel Raphael; und als dieser bey Raguel, die Saram zu einer Heurat ihme zu wegen gebracht, die doch zuvor sieben Männer gehabt, da vertriebe der Engel den Asmodæum, so die vorigen umgebracht hatte; ja er geleitete ihn sicher wiederum in sein Vatterland, ja er lehrete ihn auch, wie und auf was Weise er seinem alten verblendeten Vatter zu Wiederbringung deß Gesichtes verhelffen möchte, allermassen aus der Histori Tobiæ erhellet.

Aus welchen jetzt erwehnten Historien heiliger göttlicher Schrifft, kan der Christliche Leser lernen, und ihme selbsten zu guter Hoffnung tröstlich seyn, was die liebe heilige Engel, ihrer Natur, Amt, Beystand, Hülffe und Wesen nach, für treue dienstbare Geister seynd: wie man denn solches noch klärlicher etwan mit neueren Begebenheiten darthun köndte, welcher Gestalt jederzeit die liebe heilige Engel die Frommen und Glaubigen erhalten und geschützet haben; worvon aber oben bereits etwas in der Anmerckung über das 17. Capitel, dieses Theils, ist gedacht worden, und noch ein mehrers köndte beygesetzet werden, wenn es die Gelegenheit, wegen beliebter Kürtze, wolte zugeben.

Es mag aber ein jeder frommer Christ, wenn er zu Bette gehet, oder Morgens wiederum aufstehet, bey sich selbst ermessen, woher es doch komme, daß er mit den Seinigen frisch und gesund, und gutem Wolstandt seye, ja das Seinige noch also verwarlich stehe? warlich dieses thut GOtt durch den Schutz der lieben Engel.

[138] Denn in der Epistel an die Hebreer im ersten stehet ausdrücklich: die Engel seynd allesamt dienstbare Geister, ausgesandt zum Dienst um deren willen, die ererben sollen die Seligkeit. Und David spricht in seinem 34. Psalm: der Engel deß HErrn lagert sich um die her, so ihn fürchten, und hilfft ihnen aus.

Wie auch im 91. Psalm stehet: Er hat seinen Engeln befohlen über dir, daß sie dich behüten auf allen deinen Wegen, daß sie dich auf den Händen tragen, und du deinen Fuß nicht an einen Stein stossest.

Quelle:
Pfitzer, Nikolaus: Das ärgerliche Leben und schreckliche Ende deß viel-berüchtigten Ertz- Schwartzkünstlers Johannis Fausti [...]. Tübingen 1880 [Nachdruck: Hildesheim, New York 1976], S. 179-184.
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