Das zweyundzwantzigste Capitel.

D. Fausti siebende Frag an seinen Geist: was er, der Geist thun wolte, wenn er an seiner Stelle gewesen wäre.

[200] NAch etlichen Tagen kame dem D. Fausto ein reuiger Gedancke zu Sinne, und gedachte einmal an seine Seligkeit, welche er so mutwillig verschertzet hätte, sagte demnach zu seinem Geist: Lieber Mephostophiles ich bitte dich, verhele mir nichts von deme ich dich will fragen. Der Geist sprach, so sage an: Faustus fuhr fort und sagte, alldieweil Christus der Sohn GOttes nicht mit Englischer Gestalt hat wollen bekleidet seyn, sondern hat angenommen die Natur deß Menschen, auf daß er den Menschen wiederum in diese Freyheit und seligen Stand möchte bringen, wie er anfänglich von GOtt rein und ohne Mackel erschaffen worden, und daß der Mensch nach der Auferstehung eingehen möchte in das ewige Leben, da GOtt selbst ist, welches Christus allen Glaubigen erworben hat, ich aber gantz mutwillig und böslich von Christo abgefallen bin, und leichtlich erachten kan, [158] daß ich mit euch Teuffeln in gleicher Verdamniß seyn werde: wie, wenn du wärest zu einem Menschen geboren worden, und also an meiner Stelle gewesen wärest, wie woltest du dich verhalten haben?

Hierauf antwortete ich, sagte der Geist, wiewol wir nicht allerdings verzweiffeln, sondern annoch hoffen selig zu werden, seynd wir doch nimmermehr in einem solchen seligen Stand, wie du und andere Menschen: wenn ich aber ein Mensch geboren worden wäre, so wolte ich Tag und Nacht meine Hände mit Dancksagung gegen GOtt im Himmel aufheben, daß er seinen Sohn mit dem menschlichen Fleisch und Blut bekleidet hat, nimt sich deß menschlichen Geschlechtes an, auf daß er es von deß Teuffels Gewalt erlösete, wird der Teuffel ärgster Feind, und gibt dem Menschen das ewige Leben; dargegen muß der Teuffel in der Hölle wiederum büssen, was er verderbet hat: solcher Erlösung, mein Herr Fauste, bist du auch theilhafftig gewesen, aber nun, wegen deines zeitlichen [201] Prachts, Ehrgeitz und Hoffart, hast du solche verschertzet, und must ohn allen Zweiffel gleicher Verdamniß mit dem Teuffel, den du hierzu gleichwol erfordert hast, in der Höllen gewärtig seyn.

Auf diese deß Geistes ungescheuete Aussage hat D. Faustus geschwiegen, und bald hierauf den Geist von sich gelassen; wie solches einsten D. Faustus selbst seinem vertrauten Famulo, dem Wagner erzehlet hat.

Als er aber deß Nachts zu Bette gegangen, seynd ihme die Reden deß Geistes stetigs in den Ohren gelegen, worüber er geseufftzet, und also mit sich [159] selbst gesprochen hat: ach du elender und verfluchter Mensch, dir hat GOtt Leib und Seele gegeben, diese soltest du besser verwahret haben, zu deme wie hätte doch GOtt der HErr seine Güte, Gnade und Barmhertzigkeit grösser gegen dir ausschütten, oder dir zueignen können, denn daß er seinen einigen Sohn in diese Welt gesendet, auf daß er das verderbte menschliche Geschlechte wiederum zu recht brächt, die Menschen das ewige Leben hierdurch im Glauben erlangen möchten?

Darfür solte ich ja billich, wie mein Geist recht gesaget, mein lebenlang danckbar gewesen seyn! Ach! daß ich um eines so kurtzen und zeitlichen wollüstigen Lebens willen mich mit dem Teuffel also böslich verbunden habe!

Nunmehr aber ist es mit meiner Bus und Reue ohn allen Zweiffel zu spat. Ach! daß ich nur noch ein kleines Füncklein eines rechten Glaubens hätte zu Christo: oder daß ich Macht und Verlaubniß hätte mich mit einem Geistlichen zu unterreden, auf daß ich von ihm einigen Trost, oder wol gar die Vergebung meiner schweren Sünde empfienge! Aber von nun an wird es leider viel zu spat seyn.

Jedoch gleichwol, dieweil mein Geist Mephostophiles gedencket, daß er und seine Consorten je vermeinen etwan noch selig zu werden, unangesehen, daß sie sich wider GOtt gesetzet, und deßwegen von ihm aus dem Himmel verstossen worden; so wird es mir ja auch nicht fehlen, daß mir also wiederum geholffen werde.


[160] Anmerckung.

[202] I. Was allhier der Geist dem D. Fausto zum Bösen und zu seiner Verdamniß geprediget, das haben wir zu unserm Trost, und zwar viel besser, in dem Wort GOttes, der heiligen und Göttlichen Schrifft. Darum sollen wir es zu Hertzen nemen, und jederzeit unsern Bund wol bedencken, den wir in der heiligen Tauff eingegangen haben, daß wir wollen dem Teuffel, und allem seinen Anhang und Wercken widerstreben; hergegen stetigs in der Furcht GOttes leben und wandeln, fleissig das liebe Wort hören: denn es ist, wie S. Paulus saget, in der Epistel an die Römer im ersten v. 16. eine Krafft GOttes, die da selig machet alle die daran glauben.

Wo nun lauter Unwissenheit und Verachtung GOttes und seines Worts ist, da hat der Teuffel gut machen, denn wo man das Schwerd deß Geistes, welches ist das Wort GOttes, nicht hat, da kan man ihm nicht Widerstand thun, Ephes. 6. vers. 17.

Das können wir aber desto hertzhaffter thun, wenn wir uns, wie gesagt, der heiligen Tauff erinnern und trösten, darinnen wir Christo JEsu einverleibet worden, und ihn angezogen haben, Galat. 3. v. 27. seynd auch durch Krafft der heiligen Tauff vom Teuffel und seinem Reich erlöset worden, und hat uns GOtt in seinen Gnaden-Bund auf- und angenommen, den wird er ihm durch den Teuffel ja nicht brechen lassen, oder zunichte machen. Dem Teuffel ist fast nichts so sehr zu wieder als die heilige Tauff, als die da ist der geistliche Absagbrief, darinnen wir ihm einen geistlichen Kampff unter deß HErrn Christi Creutzfahnen anbieten, und uns aller seiner Gemeinschafft unser Lebtage gäntzlich verzeihen. Was aber ihm am meinsten zu wider ist, das sollen wir uns desto mehr theuer und werth seyn lassen, und uns daran desto vester wider ihn halten. Dieses, dieses hätte D. Faustus besser behertzigen sollen.

Und ob wir uns schon, als arme, gebrechliche sündliche Menschen, an GOtt und seinen Gebotten gröblich versündiget hätten, so sollen wir uns doch bald widerum zur Reue und Buse schicken, keinen Gefallen an der vollbrachten Sünde tragen, damit uns nicht geschehe wie hier D. Fausto, und andern verzweiflenden Menschen, welcher Sünde mit Cain grösser seynd, als daß sie können vergeben werden, und die den angebot[161]tenen Reichthum und Güte GOttes, oder dessen Gnade, anzunemen zu lange verzogen haben: denn hernach das Pœnitere will viel zu spat werden.

Quelle:
Pfitzer, Nikolaus: Das ärgerliche Leben und schreckliche Ende deß viel-berüchtigten Ertz- Schwartzkünstlers Johannis Fausti [...]. Tübingen 1880 [Nachdruck: Hildesheim, New York 1976], S. 200-203.
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