[245] AUf eine Zeit sasse D. Faustus, den Kopff in der Hand haltend, daheim in grossen Unmut, und gedachte seinem künfftigen bösen Zustand nach, wie er sich so leichtfertig dem Teuffel ergeben hätte, der regire und führe ihn nun nach seinem Gefallen: derowegen er seinen Geist ob der Mittag-Mahlzeit, da er niemands um sich gehabt, fragte, ob ihn der Teuffel, wie andere sichere und gottlose Menschen, schon vorlängst auch geregiret, und besessen hätte?
Dem gabe sein Mephostophiles zur Antwort, ja, dein Hertz und vielmehr dein gantzes Leben war von Jugend auf nicht rechtschaffen, noch richtig nach GOttes Wort; daher wir dein Hertz haben bald eingenommen, denn wir sahen deine Gedancken, wormit du umgiengest, und wie du niemands sonsten zu solch deinem Vorhaben möchtest haben und gebrauchen, denn den Teuffel, sihe, so machten wir deine Gedancken wormit du umgiengest noch frecher und kecker, auch so begierlich, daß du Tag und Nacht nicht Ruhe hattest, sondern daß all dein Dichten und Trachten nur dahin stunde, wie du Zauberey zu wegen bringen möchtest; auch da du hernach uns beschwurest, machten wir dich erst so freche und verwegen, daß du dich eher den Teuffel hättest hinführen lassen, ehe du von solchen Zauberwerck wärest abgestanden: hernach verhärteten wir dein Hertz noch mehr, bis wir es so weit gebracht, daß du nunmehr von deinem Vornemen nimmer wür- [207] dest abstehen, allezeit dahin trachtende, wie du einen Geist möchtest zu wegen bringen; bis wir es letzlich dahin gebracht, daß du dich mit Leib und Seel unserm Fürsten Lucifer ergeben, das alles und jedes dir denn mein Herr Fauste, nicht unwissend seyn mag.
Es ist wahr, sagte hierauf D. Faustus, nun kan ich ihm aber nimmer anderst thun; auch habe ich mich selbst gefangen, hätte ich gottseligere Gedancken geführet, und mich mit dem [246] Gebet zu GOtt gehalten, auch den Teuffel nicht so sehr bey mir einwurtzeln lassen, so wäre mir solches alles nicht begegnet. Ey was hab ich gethan? da antwortete der Geist, da sihe du zu.
Also stunde D. Faustus zur Stund vom Tisch auf, und gienge traurig aus dem Haus, hin zu guter Gesellschafft, damit er daselbst seine Schwermut und Melancholey besser vertriebe, und die Zeit anderst zubrächte.
I. Hie soll man Erstlich mercken, wie der Teuffel die Gottlosen regire und führe; einmal ists gewiß, daß der Teuffel ihnen ihre Hertzen verhärtet, und alle gute Gedancken daraus hinweg nimt, daß sie nicht anderst wähnen, das jenige das sie vornemen und thun, seye noch darzu wol gethan, fahren also in solcher Sicherheit fort, bis sie darinn umkommen, wie zu sehen ist an Cain, Saul, Juda dem Verräther, und andern, wie auch allhier an D. Fausto, an welchem man klärlich sihet, wie ihn der Teuffel von Jugend auf bis an sein Ende geregiret, verführet, geleitet, und ihme zu leibeigen gemachet hat: daß der Apostel dannenher wol recht gesaget, der Teuffel habe sein Werck (nach allen innerlichen Kräfften und Vermögen) in den Kindern deß Unglaubens, aus der Epistel an die Ephes. im 2. v. 3. Unter welchen, den Kindern deß Unglaubens, insonderheit mit begriffen seynd die Zauberer, Hexen und Unholden, als welche vor andern rechte Kinder deß Unglaubens seynd, dieweil sie wissentlich und vorsätzlich [208] Glauben und Religion, ja GOtt und seinen Sohn JEsum Christum verläugnen, sein Wort, durch welches der Glaub in den Hertzen erwecket wird, lästern und lügen straffen, den Bund, den GOtt in der heiligen Tauff mit ihnen aufgerichtet, ihme aufsagen, und dargegen einen verfluchten Bund mit dem Teuffel machen, und sich ihme mit Leib und Seel ergeben; welcher Teuffelsbund eine solche Verknüpffung und Verbindung mit ihm ist, daß sie nicht ohn ihn, und er wiederum nicht ohne sie ist, und sie ohne ihn und sein Wissen und Willen nichts thun.
Dieses thut aber der leidige Teuffel, theils, daß er allerley böse Gedancken dem Menschen eingibet, welches er nicht allein bey den Bösen und Gottlosen thut, wie allhier bey Fausto, nach deß Geistes eigener Bekändtniß; wie bey dem Verräther Juda, dem er ins Hertz gegeben, daß er Christum verriethe, Johan. 13. v. 2. und bey dem Anania, dem der Satan sein Hertz hat erfüllet, dem Heiligen Geist zu lügen, Actor. 15. v. 2. sondern auch bey den Frommen, wie bey David, welchem er [247] hat eingegeben, daß er Israel hat zählen lassen, aus dem ersten Buch der Chronic. im 22. v. 1.
Theils, daß er allerley liebliche und anmutige Dinge dem Menschen zeiget, und für die Augen bringet, welche hernach einen Lust und stetige Begierde darnach in ihm erwecken, und ihn von einer Sünde in die andere stürtzen. Dem D. Fausto mahlte er für das grosse Ansehen, welches er bey Hohen und Niederen haben würde, item den Reichthum und allerley zeitliche Wollüste, die er die Zeit seines Lebens geniessen solte. Adam und Evæ zeigete er den verbottenen Baum, erweckte in ihnen ein Gelusten, darvon zu essen, und brachte sie dardurch zu Fall, Genes. 3. Dem König David zeigete er die schöne Batsebam, als sie sich im Wasser badete, und erweckte in ihm eine Begierde nach ihr, darauf er auch den Ehebruch mit ihr begienge, wie wir lesen im 2. Buch Samuels im 11. Cap.
Theils auch, daß er die verderbte böse Natur und Affecten deß Menschen neiget; denn wenn er an den äusserlichen Geberden und Zeichen, als ein schlauer Geist, mercket, wohin deß Menschen Natur am meinsten incliniret, und zu welcher Sünde er vor andern geneiget ist, darmit pfleget er ihm auch am meinsten zuzusetzen, und ferner je mehr und mehr darzu zu neigen, bis er ihn endlich gar hinein stürtzet. D. Faustus truge immerdar grosses Belieben an Lesung zauberischer Schrifften [209] und Bücher, und verlangte einen geheimen Geist zu überkommen; hierzu ware denn der Teuffel bereit und willig. Judas ware zum Geitz geneiget, den brachte er dardurch dahin, daß er Christum um dreyssig Silberling verkauffte, nach dem Zeugniß Matth. im 26. v. 16.
Theils, daß er sich der guten Gelegenheit, die ihm an die Hand gegeben wird, gebrauchet, in Wol- und Ubelstand, in Glück und Unglück. Deß glückseligen König Salomonis Zustands gebrauchte er sich also, daß er ihn darbey in Abgötterey stürtzte, wie zu sehen aus dem ersten Buch der Könige im 11. v. 4. Deß Unglücks Hiobs hergegen also, daß er ihn darbey auf mancherley Weise versuchte, auch auf GOttes Zulassung ihn so angriffe, daß er ihn in Ungedult brachte, und er den Tag seiner Geburt darüber verfluchte, seines Buchs im 3. Cap. vers. 1. 2. 3.
II. Darnach und fürs ander entspringet aus obiger Histori die Frag, ob dem Teuffel deß D. Fausti, und folgends aller Gottlosen Gedancken bewust seyen. Worauf denn mit ja zu antworten stehet, denn der Teuffel, seiner geistlichen Geschwindigkeit nach, aus vielen Anzeigungen leichtlich schliessen und erfahren mag, was die jenigen, derer Hertzen nicht mit GOttes Wort verwahret seynd, im Sinne haben, eher solche Gedancken gar ins Werck gebracht werden, massen wir bereits [248] oben auch erwehnet haben. Und der heilige Augustinus saget an einem Ort hiervon also: Novit ipse Malignus naturas hominum, et cui adhibeat cupiditatis calorem, gulæ voracitatem, Luxuriæ fœditatem, invidiæ calamitatem, optimè novit quem mœrore conturbet, quem fallat gaudio, quem metu opprimat, quem admiratione seducat, Cunctorum discutit naturas, ventilare et perscrutari cunctorum affectus in nullo desistit: et ubi cognoverit, quod detectet, ibi suum exercitium ponit.
Ob aber dargegen dem Teuffel der Frommen und Glaubigen Gedancken offenbar und bewust seyen, hierauf ertheilet Herr Lutherus diese Antwort: Der Glaubigen Gottseligen Gedancken weiß er nicht, bis sie darmit heraus fahren, denn Christus ist ihme zu klug: wie er nun nicht hat wissen können, was Christus in seinem Hertzen gedacht hat hier und dar, sonderlich bey seiner Versuchung; also kan er auch nicht wissen der Gottseligen Gedancken, als in welcher Hertzen Christus wohnet.
[210] III. Letzlich sihet man auch hieraus, was das eiferige liebe Gebet vermöge, welches, weil es Faustus unterlassen, der Teuffel Herr und Meister in seinem Hertzen worden.
Denn gleich wie eine Stadt, die nicht mit Mauren umgeben ist, gar leichtlich in der Feinde Gewalt gebracht wird: also kan der leidige Teuffel gar leichtlich eine Seele, die mit dem Gebet nicht verwahret ist, in seine Gewalt bringen.
Dieses muß aber nach deß Apostels Jacobi Raht, Epist. 5. v. 16. ernstlich seyn, nemlich mit einem vesten und glaubigen Vertrauen auf GOtt. Ist dieses nicht bey dem Gebet, so taugt es nicht, denn der Mensch muß beten im Glauben, Jac. 1. v. 6. und heilige Hände aufheben ohne Zweiffel, 1. Timoth. 2. v. 8. weiln ohne den Glauben unmüglich ist GOtt gefallen, zun Hebreern 11. v. 6. Denn der Glaub ist der rechte Schild, mit welchem wir auslöschen können alle feurige Pfeile deß Böswichts, aus der Epistel an die Ephes. im 6. v. 16. und obschon der Satanas herumgehet wie ein brüllender Löw, uns zu verschlingen, so können wir ihm doch widerstehen im Glauben, aus der 1. Petri im 5. v. 8.
Von dem heiligen Evangelisten Johanne lieset man, daß Cynops, ein Ertzzauberer, in die Insul Pathmos drey Teuffel nacheinander habe abgefertiget, ihme den Hals zu brechen; aber sie haben nichts können ausrichten, weiln er fleissig gebetet, auf GOttes Wegen gegangen, und den Schutz der heiligen Engel um sich gehabt hat.
Herr David Meder, Pfarrherr zu Nebra, erzehlet, daß ein ehrlicher Mann, denn er wol gekennet, zu Pferde gereiset, sich verspätet habe, daß er in einem Dorff in einer Scheuren habe bleiben müssen. Um [249] Mitternacht aber seynd etliche Hexen hinein kommen, und als sie seiner oben auf dem Stroh, zugleich auch deß Pferds unten gewar worden, habe eine zu ihrem Teuffel gesagt: Lieber brich ihm den Hals entzwey und verderbe ihm das Pferd. Darauf ihr der Teuffel geantwortet, er köndte es nicht thun, denn da er das Pferd angebunden, habe er drey Namen genennet, die ihme zu starck wären; welches er auch habe gethan, als er sich niedergeleget: Er hatte aber das Pferd angebunden, und sich bald darauf niedergeleget und gesprochen: Das walte GOtt der Vatter, GOtt der Sohn, und GOtt der Heilige Geist, Amen! hat auch sonsten sein Gebet zu GOtt verrichtet, und sonderlich da er das [211] zimlich laute Gespräch der Hexen, und deß Teuffels mit ihnen, gehöret, ernstlich gebetet, und sich GOtt treulich anbefohlen. Es sagt aber obbemelder Pfarrherr, es habe diß teuffelische Wesen in der Scheuren, hierauf nicht lange gewäret, sondern sie seyen miteinander gleich in einem Sturmwind darvon gefahren.
Ich hab von einer glaubwürdigen Person vernommen, schreibt D. Röberus in der Hauptschale deß guldenen Leuchters, p. 870. daß die Zauberer in Dennemarck, vor vielen Jahren, eine schröckliche Hexerey angerichtet, damit zu verhindern, daß selbiges Königs Tochter, die Princessin, dem König in Schotten auf dem Meer nicht zugeführet wurde, welchem sie zur Braut versprochen ware, also daß die Flotta, die sie begleitete, vielmal in Gefahr deß Schiffbruchs gewesen, und von ihrem Strich abgetrieben worden, auch darauf andere Gelegenheit zur Fortschiffung erwarten müssen.
Aber da zu letzt diese Zusammenschwehrung der Zauberer ist offenbar worden, hat man Gerechtigkeit über sie ergehen lassen, unter welcher sie ausgesagt, daß die bösen Geister ihnen selbst bekennet, daß die Gottesfurcht der Princessin, und der andern die sie begleitet, vermittelst Anruffung Göttliches Namens, all ihren Gewalt zu nichte gemachet hätt.
Es ist auch mit Stillschweigen nicht zu übergehen, was der alte Kirchenlehrer Athanasius von etlichen glaubwürdig erzehlet, welche vom bösen Geist besessen gewesen, und wiederum von ihme befreyet worden, daß sie ausgesaget, es stehe in der gantzen heiligen Schrifft, weder im Alten noch Neuen Testament kein schröcklicheres Wort, das der Teuffel mehr fürchte, und der Höllen Gewalt mehr zerstören könne, als der Anfang und Eingang deß acht und sechtzigsten Psalms: Es stehe GOtt auf, daß seine Feinde zerstreuet werden, etc.
In solcher glaubiger Zuversicht nun können fromme Hertzen dem Teuffel Trotz bieten, und sagen: Ist GOtt für uns, wer mag wider uns seyn? Römer. 8. v. 31. Der HErr ist mir zur Rechten, darum werde ich wol bleiben, Psalm 16. v. 8.