[262] WAhr ist es, daß der Geist Mephostophiles eben genug zu thun hatte, Geld und Mittel zu verschaffen, daß sein wollüstiger und verschwenderischer Herr, der D. Faustus, genug zu panquetiren und zu verschlemmen hatte, wolte demnach dieses so sehr nicht mehr thun, sondern warffe ihm einsten mit allem Ernst für, er wäre nun schon eine lange Zeit her mit aller Kunst und Geschicklichkeit versehen und begabet worden, daß er sich deren wol [227] gebrauchen, und sich wol selbsten ernähren köndte, ohne daß er hinfüro etwas mehr darbey thäte, und was dergleichen der Geist mehr ihme vorgehalten; darwider denn D. Faustus sich nicht wol setzen durffte, weil er bey sich bedachte, und sagte: es ist gleichwol nicht ohne, was soll mir nutzen meine Kunst und Geschicklichkeit, wenn ich deren nicht gebrauchen solle? wie will denn mein Nam ausgebreitet werden? Liesse es demnach also darbey beruhen.
Damit er nun bey Zeiten Geld überkommen möchte, auch Geld mit guten Gesellen zu verspielen hätte, wolte er ein Stücklein seiner Kunst seinen guten Freunden sehen lassen, und verfügte sich mit solchen zu einem fast reichen Juden, allda Geld aufzubringen oder zu entlehnen, da er doch nicht im Sinn hatte, solches wieder zugeben: begehret deßwegen von dem Juden sechtzig Thaler auf ein Monat lang, die wolle er ihm alsdenn mit Danck wiederum bezahlen, oder er solte ihm ein Bein an Statt deß Unterpfands abnemen (welches er aber nur Schertzweise geredet, der Jud aber für Ernst aufgenommen hat) und leihet ihm der Jud, nach dem er die andern Anwesenden zu Zeugen hierzu angeruffen, das Geld.
Als aber die Zeit bereits verloffen, und der Jud, den nichts Gutes geahnet, sich in D. Fausti Behausung verfüget, allda sein Geld nebens dem Interesse zu holen, empfinge D. Faustus den Juden aufs freundlichste, und sprach zu ihm: lieber Jud, [263] ich weiß mich gar wol zu entsinnen, daß ich dir nach Verfliessung dieser Zeit dein Geld nebens dem Interesse wieder zu geben versprochen, allein wer kan ihm thun, daß ich anjetzo nicht bey Geld bin? Wilst [228] du nicht länger borgen, magst du hinlauffen; ich wolte dir nicht eher eine Bratwurst wünschen.
Leicht ist zu erachten, daß dieses dem Juden müsse mächtig in die Nasen geschnupffet haben, und weiln er nebens noch zweyen andern Juden mit erschienen, als hat er, gantz entrüstet, sich dieser Drohwort gegen D. Fausto gebrauchet: er soll einmal für allemal anderes Sinnes werden, oder er wolte sich mit Gewalt an sein versprochenes Unterpfand halten, welches da seye einer von seinen Füssen.
D. Faustus stellte sich als wüste er nichts hiervon, und begehrte von ihm ein solches aus seiner Obligation zu lesen, weil ers nicht glauben köndte; welches als ers gelesen sagte er: mein Mosche, es ist wahr, ich hab verlohren, weiß dich auch so bald nicht zu bezahlen, derowegen magst du dich an dein Unterpfand halten, und hiermit hast du deinen Bescheid.
Der Jud gantz rasend, gedachte, ich habe wol ein mehrers als sechtzig Thaler auf einmal verloren, und wolte sich auch kurtzum an sein Unterpfand halten, und den Fuß haben, welches er vielleicht derentwegen gethan, dem D. Fausto einen nicht geringen Schrecken einzujagen.
Aber was geschihet? D. Faustus stellet sich als seye ihm bey der Sach nicht wol, nimt eine Seegen, legt sich auf das Faulbette, gab solche dem Juden und sprach, er solte nun in aller Hencker Namen sein Unterpfand hinnemen, jedoch mit dieser ausdrücklicher Bedingung, daß ihme der Fuß innerhalb solcher Zeit und so bald er die gantze Summa würde entrichten wollen, wiederum alsobald zuhanden möchte gestellet werden: welches nicht allein [229] der Jud dem D. Fausto zu sagte, sondern stracks darauf, als ein rechter Christenfeind, über den Schenckel herwischte, den Fuß darvon unverzüglich ablösete, das Blut mit einer aufgelegten Salben stopffte, den guten Faustum aber halb tod, seiner Meinung nach, hinter sich verliesse.
Der Jud zoge nebens seinen Mitgesellen mit dem Fuß [264] fort, dachte doch unter wegens, und sagte zu den andern, was ihm anjetzo dieser frommen oder nutzen möchte, er dörffte ihm etwan noch theuer genug ankommen, so D. Faustus deßwegen sterben solte: warffe demnach solchen, weil die andern gleiches sagten, als er über eine Brucken anheim nach Hause gieng, in ein fliessendes Wasser, und gienge seinen Weg, nicht anderst denckend, daß er nunmehr bezahlet wäre.
Allein mitler Zeit, da es den D. Faustum Zeit seyn bedauchte, sein Unterpfand zu lösen, citiret er obgedachten seinen Creditorem den Juden durch etliche Studenten, seine gute vertraute Freunde, wie auch zween Gerichts-Bediente in seine Behausung auf einen bestimten Tag, auf welchen Tag er nemlich nebenst Darlegung von dem Juden und Wiedereinantwortung seines Unterpfands, seine Schuld-Summa abstatten wolte. Wer erschracke aber mehr und höher, als der Jud diese unverhoffte Post überkame, als eben er? und noch viel mehr, da er gleichsam mit Gewalt mit zu gehen gezwungen ward?
Immassen denn D. Faustus auf deß Juden Ankunfft sich sehr schmertzhafft und darbey recht ungedultig erwiesen, daß der Jud mit dem Fuß so lange ausgeblieben wäre, da er doch schon vor [230] etlichen Tagen das Geld beysammen gehabt, und nun nichts anders zu haben verlangete, als seyn Unterpfand. Welches, weiln es der Jud nimmer bey handen hatte, auch nicht gewähren kundte (das nun dem D. Fausto nicht unwissend war) stunde er nicht in geringen Sorgen, und erbote sich, er wolte die bey sich habende Obligation und Schuld-Verschreibung wieder einhändigen, und hinfüro von einiger Schuld-Anforderung nichts mehr gedencken, welche er auch also und dergestalt unterschreiben wolte; allein solten sie ihn wegen deß verlornen Unterpfands quittiren, und deßhalben schadlos halten: welches denn dem D. Fausto eine angeneme Zeitung zu hören gewesen; der Jud aber hat sich hierauf bald zur Thüre gemacht, und froh gewesen, daß er also gütlich noch darvon kommen: da indessen D. Faustus vom Bett aufgestanden, mit den Studenten, seiner Weise nach, sich mit deß Juden Geld recht lustig erzeiget, alle deß Bossens, den D. Faustus dem Juden bewiesen, genug gelachet haben.
[265] I. Dieser Jud nun, der wegen etwan zweyer Monat lang, von D. Fausto, wie eine andere Edition hat, über acht Gulden Zins oder Interesse wegen der sechtzig Thaler angefordert hat, gibt allhier gute Anlaß zu fragen, ob man die Juden, weiln sie ja ebenmässig noch heutiges Tages so gesinnet seynd, und man doch nie nichts Gutes sich zu ihnen zu versehen hat, sie stellen sich gleich so gut an als sie immer wollen, dulten und aufnemen solle, oder nicht.
Für das Ja streiten folgende Ursachen: weil sie GOttes Volck, das auch die heilige Schrifft bis auf unsere Zeit verwahret, die sich bekehren können, und wie Paulus zum Römern im 11, v. 25. schreibt, bekehret werden, nachdeme die Fülle [231] der Heiden wieder eingegangen seyn. Stossen wir sie nun von uns, so haben sie keine Gelegenheit das Evangelium anzuhören.
Hierwider wird eingewendet, daß sie ein faules, unsauberes, betrügliches und schändliches Volck, das Christo und allen Christen feina, wider sie täglich bete, von der Armen Schweiß und Blut lebe, sich mit Wucher nähre und nicht arbeite, den Diebstal fordere und alle Nahrung der Christen hindere und hemme.
Etliche gehen nun hierinnen den Mittelweg und sagen, daß man die aufgenommenen Juden ohne erhebliche Ursachen nicht könne aus der Stadt schaffen: wenn aber die Frage, ob man solche Gesellen soll aufnemen, da antwortet man mit nein; weil allezeit in einer Stadt besser ist eine, als zwo widerige Religionen haben.
Im Jahr 1642, den 12. Augusti, hat man in Wien drey der vornemsten Juden, wegen verübten Diebstals in Verhafft genommen: unter diesen war einer ein Rabbi gewesen, hat sich aber in Polen tauffen, und Ferdinand Frantz Engelberger nennen lassen, auch die Zeit seines währenden falschen Christenthums, wider die Juden geschrieben, und etliche Bücher, darinnen er die Juden verdammet, in offentlichen Druck gegeben.
Dieser nun hat den andern zweyen Gelegenheit gemachet, daß sie in ihre Hochfürstliche Durchleuchtigkeit Ertzhertzogen zu Österreich Schatzkammer, dahin er einen Zutritt, vermittelst gebrauchter Diebsschlüssel gebrochen, und viel tausend Thaler daraus entwendet, deßwegen sie alle drey zum Strang verurtheilet worden.
Weiln aber GOtt der Allmächtige nicht zulassen und verhängen wollen, daß ein solcher Ertzböswicht unter dem Namen eines Christen sein Leben enden solte, hat sich zugetragen, daß indem diese drey für [266] das Hals-Gericht gestellet worden, er sich sehr andächtig gestellet und geberdet, verhoffende, weil er ein Christ, sein Leben zu retten; als er aber aus abgelesenem Urtheil verstanden, daß er gleich den andern solte gehencket werden, hat er das Crucifix, welches er in den Händen tragen sollen, auf die Erden geworffen, dasselbe ausgespeyet, mit Füssen getretten, und darauf gesprungen; mit vielen Lästerungen wider die Christen sich erkläret, als ein Jud zu sterben, und solte er gleich in den Abgrund der Höllen fahren, wie Chore, Datan und Abiran, etc.
[232] Als man ihm nun zugesprochen, er solte sich besinnen was er thäte, und daß er das heilige Abendmahl den Tag zuvor empfangen, hat er darauf trotziglich geantwortet, daß er solches nicht genossen, sondern in einem Fatzolet, mit Ehren zu melden, in das heimliche Gemach geworffen, wie es denn auch darinnen besagter Massen in dem Amthaus, da er gefangen gesessen, gefunden worden.
Hier aber hat einer von den H. Jesuiten aus Eifer gesaget, daß es kein Wunder, wenn man alle die Juden zu Boden schlüge und mit Füssen trette, wie dieser das Bildniß unsers Erlösers. Worüber sich denn ein Tumult erhoben, daß etliche Juden erschlagen, und ihre Häuser geplündert worden.
Als nun solches für Käiserliche Majestät gebracht worden, haben sie sich darüber sehr entsetzet, und allergnädigst befohlen, man soll die zween Juden hencken, diesen dritten aber, als den Samaritischen Rabbi, wiederum in Verhafft führen, welches auch, wiewol wegen deß ergrimmten Volcks nach herbey gekommenen Abend geschehen.
Folgenden Tags als der Jud wieder fürgeführet und befragt wurde, warum er gestern so lästerlich mit dem Crucifix verfahren und so viel gottsvergessene Reden ausgestossen, hat er geantwortet, daß er solches den Juden zu Ehren, und den Christen zur Schande gethan, und was er zuvor als ein Christ gethan, sey ihm niemal vom Hertzen gangen, er hätte das Abendmahl nie genossen, sondern allezeit aus dem Mund genommen, und an unsaubere Ort geworffen: ja einen mehrern Abscheu darvor gehabt, als für Schweinen-Fleisch. Kurtz zu sagen, er hat solche Gotteslästerungen hören lassen; daß viel gefürchtet, die Erd thue sich auf, und verschlinge ihn.
Deßwegen wurde diesem Juden eben an dem Sabbat, zu der Zeit, da die andern ihre Abgötterey verrichteten, ein anders Urtheil vorgelesen, welches auch alsobald an ihm vollzogen worden.
Erstlich ist er auf die vier Hauptplätze der Stadt, auf einem hohen Wagen geführet worden, mit einer glüenden Zangen hat man ihm die rechte Brust gezwicket, ferners hat man einen Riemen vom Hals an über den Rücken, aus dem Leibe geschnitten und gerissen, auf der [267] lincken Brust wiederum gezwicket und denn wie zuvor, aus ihm geschnitten.
Bey diesem ist es nicht verblieben, sondern man hat ihn von dem Wagen genommen, auf eine Schleiffe gebunden, da er [233] grausamlich geschryen und geruffen, GOtt, der niemals geboren worden, solte sich seiner erbarmen, u.s.w. An der Richtstatt wurde ihm die Zung heraus geschnitten, die rechte Hand, als einem Bundbrüchigen in der heiligen Tauffe, abgehauen, hernach sein halb todter Leichnam bey den Füssen mit einer Ketten aufgehenckt, und also lebendig gebraten, und samt dem Galgen verbrennet: daß er also wider alle Vermahnung verstockt bis an das Ende verblieben.
Dergleichen erzehlet auch der Trauergeschicht-Schreiber von S. Lazaro, daß zu Bayana Catharina Fernandes, eine Portugesin, die H. Hostien aus dem Munde genommen, und in ihrem Fatzolet verborgen. Ob sie sich nun wol entschuldiget, daß sie gehustet, und die Hostien wieder nemen wollen, hat man ihr doch zu andrer Zeit, als einer Jüdin, keinen Glauben wollen zustellen, sondern es ist solche in dem Sacramenthäuslein mit grosser Ehrerbietung wieder verwahret worden.
Weil aber ein falsches Geschrey auskommen, daß die Ober-Richter deß Orts sich von den andern Juden bestechen lassen, hat der gemeine Pöfel die Jüdin aus der Gefängniß mit Macht genommen, in ein Faß gestecket und lebendig verbrennet; ja ihr nicht die Zeit gelassen, daß sie ihre kostbare Ringe von den Fingern gezogen, welche hernacher unter der Aschen verschmoltzen gefunden worden.
Hierüber haben alle eingeflohene Juden, so aus Hispanien vertrieben worden, inner vier und zwantzig Stunden weichen und die Stadt raumen müssen. Herr Harsdörffer in Schauplatz Jämmerlicher Mordgeschicht, Hist. 135.
II. Anlangend fürs andere die Verblendung D. Fausti, durch welche der Jud allhier vermeinet, er habe Fausti natürlichen Fuß mitgenommen u.s.f. So meldet Augustinus 1. 4. c. de Trinit. daß solches den bösen Geistern leicht seye, den Menschen Gespenst und Geplerr für die Augen zu machen, darüber sich die Leute zu verwundern haben: denn so diese irdische Leiber auf den Schaubünen und Schauspielen mit etlichen Ubungen und Künsten solche Wunder für den Leuten thun, daß die, welche es nicht gesehen haben, kaum glauben, wenn man es ihnen saget und erzehlet: wie groß und wie müglich denn ist es dem Teuffel und seinen Engeln, aus den leiblichen Elementen allerley Gestalten vorstellig zu machen, darüber sich fleischliche Menschen billich verwundern? Oder auch, daß er mit heimlichen Eingeben die äusserlichen Sinne ver[234]blendet, und mahlet ihnen etliche Bilder [268] für in dem Dunckel und Wahn ihres Gemüts, damit er sie wachend und schlaffend betriege, oder machet sie wol gar tobend oder unrichtig.
Aus welchen Worten Augustini wir lernen, daß der Teuffel die Sinne der Menschen könne betriegen, daß sie offt einen Eyd darüber schwüren, sie hätten dieses oder jenes vollbracht, da es doch nicht ist; wie allhie der Jud, der nicht anderst gemeinet, er habe dem Fausto seinen natürlichen Fuß abgeschnitten, item er trage den Fus mit sich, da es doch nicht war.
Glaubwürdig ist von etlichen berichtet worden, wie daß vor etlicher Zeit in dem Würtenberger Land ein grosser Mörder umgegangen sey, der darbey ein überaus grosser Schwartzkünstler gewesen, und kundte sich unsichtbar machen, wenn er wolte, mit Namen Nusch, für welchem sich jederman entsetzte, wenn man nur seinen Namen nennen hörte. Dieser zauberte sich auf eine Zeit bey Schorndorff zu einem alten verdürten abgehauenen Stock oder Trumm von einem Baum; als nun eine gute arme Frau hinaus in den Wald, Holtz aufzulesen gangen war, fande sie ungefehr diesen Block am Wege liegen, dachte bald ich will ihn nemen, und zu Hause schon zerhauen, name ihn auch, lude ihn auf und truge ihn mit sich: als sie aber nahe an das Thor kam, finge der Nusch an zu reden, und sprach, alte Hur stehe still, laß mich gehen, du hast mich lang genug getragen. Die arme Frau erschrack hefftig, und liesse den Stock, unangesehen daß sie so hart und schwer getragen hatte, daß ihr der Schweiß darob ausgegangen, fallen, lieffe darvon; Nusch aber verschwand.
Also kan der Teuffel die Sinne der Menschen sonderlich deren Hertzen nicht mit GOttes Wort verwahret seynd, in mancherley Wahn einführen, wie an den Hexen und blutarmen Unholden zu sehen, daß was sie vornemen und begehen, sie nicht anderst meinen, es geschehe alles natürlich, da es doch nur ein Geplerr und Phantasey ist, und gehet ihnen wie den jenigen, so den Schwindel deß Haupts haben, die vermeinen, es gehe alles um und um, da doch nichts dergleichen geschihet.
Alle der Zauberer Kunst und Macht, sagt Lactantius, 1. 2. c. 15. bestehet in dem Eingeben deß Teuffels, welcher, so er deßwegen angeruffen wird, den Leuten das Gesicht betrieget mit Verblendungen, daß sie nicht sehen was da und zugegen ist, und meinen sie sehen, was doch nicht ist.