[251] Das fünff-und-dreyssigste Capitel.

Wie D. Faustus zu Leipzig mit gar leichter Mühe ein grosses Faß mit Wein aus den Keller brachte und solches durch eine Wettung gewane.

[284] ES studirten damals zu Wittenberg etliche vorneme Polnische von Adel, welche mit D. Fausto viel umgiengen, und seiner gute Kundtschafft hatten; Nun war eben zu der Zeit die Leipziger Messe, verlangten demnach sehr, theils dieselbe einmal zu besuchen, von welcher sie oft viel gehöret, zum Theil, weilen etliche gedachten allda von ihren Landsleuten Geld zu erheben, oder doch eine Weile aufzunemen, dorthin zu kommen: Gelangten derohalben bittlich an D. Faustum, er wolte doch, wie sie wol wüsten daß ers köndte, mit seiner Kunst so viel zu wegen bringen, und verschaffen, daß sie dahin kommen und gelangen möchten.

D. Faustus wolte sie keine Fehlbitte thun lassen, und verwilligte solches, verschaffte durch seine Kunst, daß deß andern Tags vor der Stadt heraus ein mit vier Pferden bespannter Land-Wagen stunde, auf welchen sie getrost aufsassen, und in schnellem Lauff fortfuhren: Kaum aber waren sie etwan bey einer Viertelstund fortgerucket, da sahen sie sämtlich über zwerch Feldes einen Hasen lauffen, welcher denn gleich Anlaß gabe hieraus furchtsame Gedancken zu schöpffen, und daß dieses ein böses Zeichen bey ihrer Reise seyn würde, wie sie denn mit diesen [252] und andern Discursen etliche Stunde zu brachten, daß sie also noch vor Abends mit ihrer grossen Verwunderung in Leipzig ankamen.

Folgendes Tages besahen sie die Stadt, verwunderten sich über die Kostbarkeiten der Kauffmannschafft, verrichteten theils ihre Geschäffte, und als sie nahe zu ihrem Wirtshaus wieder kamen, namen sie war, daß gegen über in einem Weinkeller die so genannten Wein- oder Bier-Schröter allda ein Faß Wein, sieben in acht Aimer haltend, aus dem Keller schroten oder bringen wolten, vermochten aber doch solches nicht, wie sehr sie sich auch deßwegen bemüheten, bis etwan ihrer noch mehr darzu kämen.

[285] D. Faustus und seine Gesellen stunden da still und sahen zu; da sprach D. Faustus (der auch dieses Orts wolte seiner Kunst wegen bekandt seyn) fast hönisch zu den Schrötern: wie stellet ihr euch doch so läppisch darzu, seynd euer so viel, und könnet ein solches Faß nicht zwingen? solte es doch einer wol allein verrichten können, wenn er sich recht darzu schicken wolte!

Die Schröter (wie es denn ein unnützes Gesindlein um sie ist) waren über solcher Rede Fausti recht un willig, wurffen, dieweil sie ihn nicht kandten, mit herben Worten um sich, unter andern: wenn er es denn besser, weder sie, wüste solch Faß zu heben, und aus dem Keller zu bringen, so solte ers in aller Teuffel Namen thun, was er sie viel zu vexiren hätte? unter wärendem diesen Handel kommt der Herr deß Weinkellers darzu, und vernimt bald die Ursach, und sonderlich daß der eine (Faustus) gesaget, es köndte das Faß einer wol [253] allein aus dem Keller bringen, spricht derohalben halb zornig zu ihm, wolan, weil ihr denn so starcke Riesen seyd, welcher unter euch das Faß alleine wird herauf und aus dem Keller bringen, dessen soll es seyn.

D. Faustus war nicht faul, und weiln eben etliche Studenten darzu gekommen, ruffet er diese an zu Zeugen dessen das vom Weinherrn ist versprochen worden, gienge also hinab in den Keller, und satzte sich recht auf das Faß, gleich als auf einen Bock, und ritte, so zu reden, das Faß nicht ohne männigliches Verwundern herauf: darüber denn der Weinherr sehr erschrocken; und ob er wol fürgewendet, daß dieses nicht natürlich zu gienge, muste er doch sein Wort und Versprechen halten, wolte er anderst nicht den Schimpff zusamt dem Schaden haben. Liesse also das Faß mit Wein dem D. Fausto folgen, der es denn seinen Gesellen, zugleich auch denen Zeugen, den Studenten zum Besten gegeben, welche bald Anstalt ge macht, daß das Faß in das Wirtshaus geliefert worden, wohin sie noch mehr andere gute Freunde erbetten, und sich etliche Tage davon lustig gemachet, so lang ein Tropffen Weins im Faß gewesen.


Anmerckung.

[286] I. Diese abermalige Verblendung, die der Teuffel dem D. Fausto zugefallen gethan, bedarff allhier nicht ferners Erinnerns, zumaln bereits an andern Orten darvon ist Meldung gethan worden: gleichwol wollen wir auch aus dieser Histori besehen, was darvon zu halten, daß der Gesellschafft bey ihrer Abreise ein Has über den Weg gelauffen, und sie derwegen dieses für kein gutes Omen oder Zeichen bey ihrer vorhabenden Reise gehalten.

Mit einem Wort zu sagen, wenn etwan einem Früh Morgens zum ersten Schritt und Tritt aus dem Haus, [254] ein alt Weib begegnet, oder bey einer Reise einem ein Has, oder Wolff, über den Weg laufft, und man will dieses für ein böses Omen oder Zeichen halten, so ist das eine zauberische Phantasey, welche von GOtt mit Ernst verboten, und in GOttes Wort unter die Zauberey mitgesetzet wird.

Denn so spricht der HErr im dritten Buch Mosi im 19. v. 31. Ihr solt euch nicht wenden zu den Warsagern, und forschet nicht von den Zeichendeutern. Wenn ein Mann oder Weib ein Zeichendeuter seyn wird, die sollen deß Todes sterben, man soll sie steinigen, ihr Blut sey auf ihnen, Cap. 20. v. 27. und im fünfften Buch Mosi im 18, v. 10. 11. 12. stehet: es soll unter dir (Israel) nicht gefunden werden ein Zeichendeuter, denn wer solches thut, der ist dem HErrn ein Greuel.

Und das auch um deß Aberglaubens willen, der sich darbey befindet; welcher Aberglaub eine gar nahe Verwandschafft hat mit der Zauberey. Darum wenn du einen aberglaubischen Menschen sihest, der so leichtsinnig ist, daß er bald diesem bald jenem Narrenwerck Glauben zustellet, so gedencke, daß es bald um ihn geschehen sey, daß er könne ein Zauberer und Schwartzkünstler werden, sagt der geistreiche Herr Arnd, de Superstit. c. 1.

Und warum solte eben allein deß Hasen, Wolffs, Begegnen etwas Böses bedeuten, und andere Thiere oder Menschen nicht, da sie doch eben vielleicht auf diese Weise begegnen wie diese? Zudem, ists eine grosse Sünde, aus dem Begegnen eines alten Weibs, oder sonst eines Menschen der gebrechlich, einäugig, oder gar blind und lahm ist, etwas Böses bedeuten; weil es ja Christen seynd, und eben sowol nach GOttes Ebenbild erschaffen, und in desselben Namen getaufft. Solte man nun aus deren Begegnen etwas Böses ohne Ursach deuten, würde man sich nicht solcher Gestalt an GOtt dem HErrn, als ihrem Schöpffer, und an Christo, dessen Glieder und Gliedmassen sie seynd, vergreiffen?

Der Mensch, u.s.f. der dir begegnet, machet dir keinen bösen Tag, sondern wenn du in Sünden lebest. Darum wenn du ausgehest, so hab da allein Acht auf, daß dir keine Sünde begegne, denn die ists [287] allein, die dich untertritt; ohne die kan uns der Teuffel selber kein Leid thun, spricht Chrysostomus: zu dessen Zeiten der Teuffel die Menschen auch schon mit diesen aberglaubischen Wahn bethöret hat, Homil. 21. ad Popul. Antioch. T. 5.

[255] Darum lasse man solche teuffelische Deutungen fahren, und traue GOtt dem HErrn und seinem wahren Wort mehr, als dem Teuffel. Der HErr hat seinen Engeln befohlen über uns, daß sie uns behüten sollen auf allen unsern Wegen, daß sie uns auf den Händen tragen, und wir unsern Fuß nicht an einen Stein stossen. Psalm 91. v. 11.

Wenn wir uns darauf verlassen, so dürffen wir uns für keinem Unglück fürchten, sondern können getrost seyn, und diese sichere Deutung machen: Es soll mir ohne GOttes Willen kein Haar von meinem Haupt fallen, Matth. 10. v. 30. darum kan mir auch ohne seinen Willen kein Unglück begegnen. Es begegne mir wer da will, so kan er mir ohne GOttes Willen kein Unglück zufügen. Der Teuffel mag mit seinen aberglaubigen Zeichen und Deutungen schrecken wen er will, mich soll er damit nicht betrüben; denn GOtt der HERR ist mein Heil, ich bin sicher und fürchte mich nicht, denn GOTT der HERR ist meine Stärcke, und mein Psalm, und ist mein Heil, Esaiæ am zwölfften, vers 2.

Hieher und unter diese Frag gehören auch noch andere aberglaubische Zeichen, auf welche ihrer viel Acht haben, und daraus Böses oder Gutes weissagen wollen, das ihnen begegnen werde: als wenn etwan das Saltzfaß auf dem Tisch umfällt, und das Saltz, oder auch sonsten der Wein verschüttet wird, bedeute es dem Verschütter ein Unglück, oder einen Zanck und Streit. Wenn manchem ein Bissen aus dem Mund fällt, sagen sie, dies ist mir entweder nicht gesund, oder nicht gegönnet. Also wenn einer nüchtern und Frühe Morgens, indem er zum Haus ausgehet, nieset, soll es etwas sonderliches bedeuten: item wenn einer sitzet, und ein Bein über das ander schlägt: wenn einer bey seinem ersten Austritt anstösset: wenn Käiser Augustus die Schuhe verwechselte, besorge te er sich eines Unglücks: wenn die Hunde heulen: wenn einem der Ring entfallt, den er der Braut an den Finger stecken wollen; und was deß Dinges mehr seyn mag, daraus manche aberglaubische Leute ihnen nichts Gutes weissagen und propheceyen wollen, u.s.f.

Und gemeiniglich, wie Bodinus sagt, widerfähret aus gerechter Straff GOttes einem das Unglück, welches er ängstiglich sorgend glaubet, der es aber nicht achtet, was nicht zu achten ist, nimmermehr.

[256] Daher lieset man von Julio Cæsare, daß er solcher Zeichendeuterey nie nichts geachtet, ihme auch derentwegen, wie doch seine [288] Deuter vorsageten, nie nichts Ubels begegnet. Denn da er bey seiner ersten Anlendung in Africam, als er aus dem Schiff ans Land springen wollen, aufs Maul gefallen, und dieses von etlichen Warsagern für ein böses Omen gehalten wurde, hat ers ihme zu einer tröstlichen Bedeutung gezogen, denn er in das Gras gebissen und gesagt: En teneo te Africa, nun Africa, habe ich dich, halte ich dich mit meinen Zähnen: seinem Kriegsvolck anzudeuten, daß er das Land ohnzweiffentlich gewinnen wolle, in welches er so leichtlich auf die Nase gefallen wäre; immassen auch erfolget.


II. Zum andern, daß D. Faustus auf dem Weinfaß also herauf gefahren, gleich als sässe er auf einem Bock, (wie eine uralte Edition berichtet) gibt Gelegenheit der Wort Änlichkeit nach, etwas von dem Bock-holen zu gedencken.

Solches Bock-holen nun betreffend, ist es unglaubar, daß der Teuffel auch darmit sein Spiel unter den Kindern deß Unglaubens zu haben pflege; und das geschihet vornemlich in Bulschafften, wenn sich ihrer zwey miteinan der verkoppelt, oder in eine Eheversprechung eingelassen, die Galanen aber hernach davon gezogen, oder ihre Damen gäntzlich verlassen wollen, so lassen alsdenn die erbarn Jungfrauen sie auf dem Bock wieder holen: Immassen dergleichen eine ihren Freyer oder Bulen an einem Ort auf dem Bock hat holen lassen, und als er mit ihm ankommen, hat er mit ihm auf dem Knopff deß Kirchenthurms geruhet, und gefraget: wo er ihn solte hinbringen? Als der Vogel geantwortet, wo seine Liebste wäre, und sie eben im Keller gewesen, und Wein holen wollen, hat er ihn zum Keller-Loch hinein gezwenget und geführet, daß Haut und Haar zum Theil abgangen, und hangen geblieben.

An einem andern Ort ists warhafftig geschehen, daß einer eine Jungfrau mit Versprechung der Ehe, geschwängert, und davon gezogen, den sie hernach, wie sie darnider kommen sollen, auch also gebannet und wieder eingeholet.

Ein Saltzknecht in Pommern hatte eine Zauberin zur Ehe, darum wolte er die verlassen, und sich wieder in Hessen, in sein Vatterland, begeben. Als er nun etliche Tage weg gewesen, kommt auf dem Wege von hinten zu ein Schwartzer Bock, schlupffet ihm zwischen die Beine, und führet ihn durchs Feld und Wald, Morast und Wasser in wenig Stunden an [257] seinen Ort, und setzet in vor dem Thor nieder in grosser Angst, Zittern, Zagen, Schweiß und Ohnmacht. Das Weib hieß ihn mit hönischen Worten willkommen, und saget, bist du wieder da? so muß man dich lernen zu Hause bleiben.

D. Mengering. in informat. Consc. p. 292 gedencket einer Histori, so ihme zu Bitterfeld ist erzehlet worden, daß auf eines E. Raths daselbst [289] Vorberge auf den nahge legenen Dorff ein Schiermeister und Encke zusammen gedienet, und weil sich der Encke fast alle Nacht aus dem Bette verloren, setzet ihn der Schiermeister zu rede, der spricht aber, er sey an einem guten Ort, was es ihn angehe, er finde sich ja zu rechter Zeit wieder ein, und thue das Seine.

Den Schiermeister sticht der Fürwitz, und begehret, er soll ihn doch einmal mitnemen. Ja, spricht der ander, und darauf præsentiren sich folgende Nacht zween Böcke, auf den einen setzet sich der Encke, auf den andern der Schiermeister, doch verwarnet jener diesen, er soll unterwegens kein Wort reden.

Sie kommen mit einander an die See bey Seeburg in der Gravschafft Mannsfeld, und da springt der erste Bock und Vorreuter mit dem Encken in einem Huy über die See, der Schiermeister denckt was will das werden? sein Bock der etwas kleiner als jener gewesen, stellet sich, als ob er sich nicht getrauete hinüber zukommen, mercket und gehet zurücke; endlich holet er aus, und setzet in einem Sprung auch hinüber. Da hebt der Schiermeister an und spricht: je nun war das nicht ein Sprung? Angesichts und alsobald wirfft ihn der Bock in eine Hecke, darinn er sich zimlich zersticht, und mit Mühe und Arbeit sich los wircket, und deß Tags erwartet: da raffet er sich auf, und wandert drauf wieder gen Bitterfeld, berichtet und zeigets an, wie es ihme ergangen, der Encke aber saget sich aus.

Also gedencket Herr Scherertz 1. de Spectr. c. 4. einer Histori, daß ein Handwercksgesell sich mit einem alten Weibe heimlich verlobet, hernach aber anderswo eine Jungfrau gefreyet. Den ersten Hochzeittag Abends spricht er etliche eingeladene Gäste um GOttes Barmhert zigkeit willen an, sie wolten ihm doch die Nacht über Beystand leisten, er befahrete sich einer Angst und Gefahr von dem Teuffel, denn er ward eingedenck seines dem alten Weib gethanen Versprechens. Was geschihet? um Mitternacht kommt ein solcher Bock auf [258] den Bräutigam zugelauffen, und will, er soll aufsitzen, ist aber durch starckes Gebet der Anwesenden dazumal erhalten worden. Die ander Nacht verlieret sich der Bräutigam aus dem Bette, und wird deß Morgens Früh auf dem Dache bey dem Schornstein gefunden, und musten ihn die Seinigen mit Leitern und Ausschlagen der Schindeln vom Dache halb tod herunter nemen, der lieget etliche Monat tödlich kranck, und lebete mit seiner Hausfrauen, nachdem er wieder gesund, in stetem Zanck und Zwietracht, bis er endlich gar von ihr in den Krieg gezogen, und in Ungern blieben.

Dieß alles nun bringet die Leichtfertigkeit und das schändliche Vermessen der unbesonnenen jungen Leute bey Teuffelholen zu wegen, [290] sie vermessen sich nemlich gegen die Mägdigen und Bräute, dieser und der soll sie holen, wenn sie eine andere nemen, u.s.f. Darnach kommt denn Juncker Beltze-Bock, und holet sie, wie sie es gelobet, jedoch vielleicht nicht so gemeinet haben; da ist denn solch Bock-holen nichts anders als ein gerechtes Verhängniß und Gericht GOttes.

Quelle:
Pfitzer, Nikolaus: Das ärgerliche Leben und schreckliche Ende deß viel-berüchtigten Ertz- Schwartzkünstlers Johannis Fausti [...]. Tübingen 1880 [Nachdruck: Hildesheim, New York 1976], S. 284-291.
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