[301] Das ein-und-viertzigste Capitel.

Von einer seltzamen Begebenheit vier verwägener Zauberer, wie sie einander die Köpffe abhieben, und wieder aufsatzten; deren einem aber D. Faustus übel gelohnet.

[329] D. Faustus, als er mit obgedachten Kauffleuten gen Franckfurt kommen und, wie bey solcher Meßzeit allerhand Gauckler und Abentheurer gemeiniglich erscheinen und zusammen kommen, von seinem Geist Mephostophile berichtet worden, wie in einem Wirtshaus bey der Judengassen vier verwägene Gauckler und Schwartzkünstler wären, darunter der eine der Meister, die andere seine Knechte waren. Diese hieben einander die Köpffe ab, liessen den abgeschlagenen Kopff durch einen darzu bestellten Barbierer waschen und säubern, und satzten den dem Leibe wieder auf, mit männigliches Verwundern; welches denn auch diesen Schwartzkünstlern ein grosses Geld verdienen machte, weiln viel Herren und reiche Kauffleute der Stadt sich dahin verfügten, und zuschaueten.

Solches nun verdrosse den D. Faustum nicht wenig, vermeinende, er wäre allein deß Teuffels Hahn im Korb, name desswegen ihm gleich für, seine Kunst auch allda sehen zu lassen, und gieng dahin, nebens andern dem Handel zuzuschauen. Er sahe aber daselbst bald eine rote Decke auf der Erden ausgebreitet liegen, auf der Seiten des Zimmers stunde auch ein Tisch, und auf dem Tisch stund ein verglaster Hafen, darinnen, wie sie vorgaben, ein distillirtes Wasser ware, in welchem Wasser vier [302] grüne Lilien-Stengel stunden, die sie nenneten die Wurtzeln des Lebens.

Nur war es mit dem Handel also beschaffen, dass wenn einer von diesen Gaucklern niederkniete auf die rothe Decke, gienge bald der ander herbey und hube mit einem breiten Schwerd diesem den Kopff ab, und gabe ihn dem Barbierer, der ihn zwagen und so gar barbieren muste, wenn dieses auch verrichtet, gab alsdenn der Barbirer dem Meister den Kopff, der solchen den Anwesenden zu beschauen darreichte; inzwischen setzte man den Cörper auf einen Stul, und wenn es Zeit [330] ware, so satzte ie einer nach dem andern den Kopff, mit vielen seltzamen Worten und Ceremonien, wieder auf: sobald aber dieses geschehen, sprang eine Lilie, aus den vieren in dem Hafen auf dem Tisch, in die Höhe, und wurde sobald auch der Leib wiederum gantz; und dieses trieben sie immer so fort, bis es auch an den Meister kam.

Diesem nun, ob ihn schon vorhero D. Faustus sein Leben lang nicht gesehen hatte, wolte er eines versetzen, und solchem Gauckelwerk ein Ende machen; name demnach war, als sie zum andern mal das Kopff-abhauen anhebeten, und der Reyen nun an dem Meister ware, welcher Lilien-Stengel in dem Hafen dem Meister zugehörte; und dieser eben niederknien wolte, gehet D. Faustus unsichtbar hin zu dem Tisch, auf welchem der Hafen mit den Lilien-Stengel stunde, und schlitzet mit einem Messer deß Meisters Lilien-Stengel von einander, machte sich hierauf wiederum unsichtbar von dannen, ja gar zur Thür hinaus, welches auch die Anwesenden nicht gewar wurden. Der Knecht schlägt indessen dem [303] Meister, wie vorhin mehr geschehen, das Haupt ab, läst es waschen und barbieren, und will es nun wieder auf den Cörper setzen; aber sihe da fiel es wieder herab: leicht ist zu glauben, daß dieses nicht allein alle Anwesende, vielmehr aber die Knechte und Schwartzkünstler befremdet habe, worüber sie denn noch mehr erschrocken seynd, als sie gesehen, daß deß Meisters Lilie oder Wurtzel deß Lebens, in dem Hafen von einander geschlitzet war, und der Meister tod auf der Erden lage.


Anmerckung.

I. D. Faustus als er an den Ort hingekommen, wo solches Kopffabhauen vorgegangen, hat bald gesehen, daß diese Gauckler nicht seynd solche Leute gewesen, die die Zuschauer mit ihrer Geschwindigkeit allein geäffet, als wie man etwan einem ein Schloß unversehens an das Maul leget, oder allerley anders durch Geschwindigkeit in den Mund bringet, u.s.f. sondern sie waren Fausti rechte Mitbrüder und Schwartzkünstler, denen er aber, als ein von Natur mißgünstiger Mensch, ihre Kunst nicht gönnete. Weiln er denn zugleich gesehen, daß sie sehr vermessen waren, oder vielmehr, daß sie ihre Sache nicht recht in Acht namen, thate er, was sein Geist Mephostophiles, gerne sahe und [331] haben wolte. Ihnen geschahe auch recht, weil sie nicht sorgfältiger waren, wie sie doch solten gewust haben, daß ihr Meister der Teuffel ernstliche Disciplin zu halten pflege: wenn ein Schwartzkünstler den Teuffel im Circkel beschwöret, muß er zu-sehen, daß er nicht einen Fehltritt aus dem Circkel thue, sonst ist er seines Lebens nicht sicher.

Diß alles aber, was von dem Kopff-Abhauen der Schwartzkünstler kan und mag gedacht werden, ist mehrentheils betrügliche Blendung der Augen, wie aus folgendem zu ersehen.

Anno 876. hatte Käiser Ludovicus einen Artzt bey Hofe, der hieß Sedechias, war ein Jud und grosser Schwartzkünstler, der öffentlich vor Fürsten und Herren seine Kunst triebe. Unter andern fraß er einen geharnischten Mann mit Pferd und Waffen: er hieb den Leuten die Köpff, Hände und Füsse ab, und legte sie also blutig in ein Becken, und machte sie denn wieder gantz zusammen.

[304] Anno 1271. war zu Halberstadt ein Thumpfaff gewesen, ein Ausbund aller Schwartzkünstler, Johannes Teutonicus genannt; mit diesem hatten auf eine Zeit etliche gute Zechbrüder, Ordensleute, gezechet, darunter einer so truncken worden, daß man ihn zu Bette führen müssen: als sich nun die Zeit ein wenig verzoge, sagte Teutonicus zu den Gästen, ich muß hinauf und sehen, was unser Campan im Bette macht, erwischet ein breites Beil, und name von der Gesellschafft zween zu sich, die ihm leuchteten.

Als nun Teutonicus den vollen Bruder rüttelte und schüttelte, da wolt er kein Anzeichen geben, noch aufwachen, darauf sagte der Schwartzkünstler, halt! ich will dir den ewigen Schlaff geben, zog den Bruder bey dem Arm heraus über die Bettstelle, daß ihm der Kopff herab hieng, zoge bald das Beil herfür, und hiebe ihm mit einem starcken Streich den Kopff ab, name den Kopff, legte den in eine Schüssel, truge solchen den andern Gästen auf, und sagte: ihr Herren, hie versuchet diesen Kalbskopff. Die Pfaffen sahen bald, wessen der Kopff war, erschracken hefftig darob, giengen sämtlich hinauf den Mord zu sehen, und funden auch also, dass dem Bruder der Kopff recht abgehauen war, und stunde die Kammer voll vom abgeflossenen Blut. Teutonicus schrye von unten auf ihnen zu, sie solten herabgehen, und den Todten liegen lassen, er werde vielleicht dennoch mehr Wein austrincken als sie: sie thäten das und kamen herab, da sass der Pfaff und Teutonicus am Tisch, und brachten einander eines zu; darob sich denn die andern zum höchsten verwunderten, aufs neue wiederum zusammen sas sen, und die gantze Nacht durch bis an den Morgen zecheten.

Anno 1272. ist auch ein Schwartzkünstler und wunderbarlicher Gauckler aus dem Niederland gen Creutzenach kommen, welcher in gedachter [332] Stadt öffentlich vor allen Volck auf dem Markt seinem Knecht den Kopff abgeschlagen und über eine halbe Stund dem auf der Erden liegenden Leibe wiederum aufgesetzet: und was dieser mehr getrieben, nemlich in den Lüfften gejaget, ja gantze Fuder Heu und Holtzwägen gefressen, hievon mag man besehen die Chronic. Doct. Hedion. part. 2.

Eine schröckliche Geschicht erzehlet A. Lerchheimer, im Bedencken von Zaub. f. 14. von einem Edelmann in Hessen, A. V. D. der auch Köpff abhauen und wieder aufsetzen können; der hatte ihm gäntzlich vorgenommen, hinfüro deß teufflischen [305] Dings müssig zu gehen, ehe er dardurch in Unglück käme. Einsmals aber ließ er sich bey einer Gasterey von guten Gesellen überreden, daß er seine Kunst noch ein mal sehen ließ: als aber niemand seinen Kopff gern darzu herleihen wolte, ließ sich der Hauskneckt darzu gebrauchen, mit Bit und Beding, er wolte seinen Kopff wieder aufsetzen: hierauf hiebe er ihm solchen ab, aber er konte ihm nicht wieder aufsetzen.

Er redete den Gästen zu, daß so einer unter ihnen wäre, der ihn etwan daran hindern wolte, den bäte er, er wolte es nicht thun; versuchte es darauf abermal, aber es wolte mit dem Kopffaufsetzen nicht fort. Darauf bate, und drohete er zugleich zum andern mal, man solte ihn nicht ferner hindern. Als es aber nichts halff, und er mit dem Kopffaufsetzen nicht fortkommen kunte, ließ er auf dem Tisch eine Lilie wachsen, daran hieb er das Haupt oder die Blume oben ab. Alsbald fiele einer von den Gä sten hinter sich von der Banck, dem war der Kopff rein ab: dieser war aber der Zauberer, der jenen verhindert hatte. Hierauf setzte er dem Knecht den Kopff wieder auf. Und das war es eben, daß der mörderische Geist mit im Spiel suchte. Und ist hie zu sehen, wie die Teuffel untereinander schertzen, den Menschen zu schaden. Der eine Zauberer, der den geringern Geist hatte, muste dem grössern und stärckern weichen; oder hat es wol gerne gethan, damit ein Mensch umkäme. Der Künstler oder vielmehr Todschläger aber flohe, und machte sich eine Weile aus dem Land, damit man ihm nicht etwan auch nach dem Hals grasen möchte, bis die Sach vertragen ward, und er Verzeihung erlangte.

Eine fast gleichmässige Geschicht wird von dem Christoff Wagner, deß D. Fausti Famulo, gelesen. Dieser kam einsten mit seinem Gesellen, Johanne de Luna, nach Toleto in Hispanien in ein Wirtshaus, da etliche Schwartzkünstler innen waren, und vermeineten, es könte keiner in der Welt die Kunst besser als sie; und da der Vornehmste unter ihnen gesehen, daß Wagner seiner Kunst und Gauckelpossen spottete, gedachte er sich an dem Wagner zu rächen, und ihm eines zu versetzen: nimt demnach ein wächsernes Männlein, welches er im Vorrath bey [333] sich hatte, und sticht es mit einer Nadel in ein Aug, daß es alle so bey Tische sassen, sahen; sobald verdirbt dem Wagner ein Aug im Kopff, daß das Wasser daraus auf dem Tisch tropffet. Darüber denn Wagner sehr ergrimmet, und läst ihm ein starckes Messer langen, mit diesem macht er in den [306] Tisch ein Loch, und fraget darauf den Schwartzkünstler, ob er ihm wolte sein Aug wieder geben. Derselbe sprach nein, er könte es nicht thun, wenn er schon gerne wolte, es war gar heraus: da ließ Wagner ein Höltzlein bringen, und steckt es in den Tisch, da wuchs eine schöne Rose darauf, die war gantz blutrot.

Da fragte Wagner noch einmal, ob er denn auch wolte sein Aug wieder gut machen, wenn er könte? der Schwartzkünstler sagt nein. Hierauf zuckt Wagner das Messer, und hieb die Rose vom Stengel: bald fiele demselben Künstler der Kopff auf den Tisch, und sprützte das Blut bis auf die Decke. Die so darbey sassen, meineten erstlich es wäre nur Schimpff, und baten den Wagner, er wolle ihm den Kopff wieder aufsetzen, ehe er erkalte und verblute; aber Wagner sagte: Es ist geschehen, um mein Aug und um seinen Kopff.

Also muste dieser Schwartzkünstler in seinen greulichen Sünden sterben und zum Teuffel fahren, Wagner aber zog aus der Herberg, und ließ den Kerl liegen. Seine Gesellen und Mitkünstler bemüheten sich zwar, ob sie ihn könten wieder lebendig machen, aber es war umsonst und vergebens.


II. Darnach und zum Andern, mag man bey dem Unsichtbar-machen D. Fausti dieses behalten, daß sich manche gottlose Unmenschen von dem Teuffel also bethören und bereden lassen, daß sie meinen sie können sich unsichtbar machen, und die sichtbare Gegenwart ihrer Gestalt verbergen, und darauf dieses oder jenes thun, was ihnen ihr eigener Mutwill eingibt, und suchen also unter solchem vermeinten Unsichtbar-machen, einen blinden Deckel, unter welchem sie ihre Sünde, Diebs- und Bubenstücke verbergen, und für der Straff sicher bleiben und derselben entgehen mögen, ohnerachtet sie für GOttes Augen nicht unsichtbar seynd, als die alles sehen, und schauen auch in das Heimliche und verborgene Winckel, nach dem Zeugniß Syrach, im 23. v. 28.

Und ist solch Unsichtbar-machen eine eingebildete Kunst und purlauteres Affenspiel deß leidigen Teuffels, der auf viel und mancherley Weise andern Leuten ein Geplerr und blauen Dunst für die Augen machen kan, daß sie den und den entweder gar nicht sehen, oder aber ihn in einer andern und fremden Gestalt sehen: und ist derentwegen solches alles deß Teuffels Verblendung zuzuschreiben; denn der Teuffel kan den Menschen, oder den Leib der da unsichtbar ist, wider seine natürliche Eigenschaft nicht ändern, aber das kan er thun, dass er anderer[334] Leute [307] Augen durch sein äusserlich Spiegelfechten, als durch Trübmachung der Lufft oder Vorstellung anderer Gestalt und dergleichen, kan hindern, daß sie einen andern nicht sehen können. Wie denn Gyges, der Lydier König, einen solchen Geist in einem Finger-Ring getragen, der ihn zur Verrichtung solcher Thaten unsichtbar gemacht. Wier. de Præstig. Dæmon. l. 2. c. 4.

Zu Magdala in Thüringen hat ein Burger hausgehalten, Namens Hanns Michael, ein Zauberer, und wieder die Wolgebornen Graven zu Gleichen und Blanckenheim sich erhoben, und ihre Unterthanen, wie ein Landsfeind, beschädiget. Man hat auf diesen Abentheurer gehalten, und ihn auffahen wollen, aber er ward im Dornbusch zum Hasen, und konte sich, worein er wolte verändern.

Einstmals begab es sich, daß er in ein Bräuhaus gejagt, und also den Häschern nicht mehr entrinnen konte; da fuhr er in die Feuerglut, und kam darvon. Wie aber sein Spiel aus, und auf das letzte Blat gekartet, ward er betretten, eingefangen, und zu Weymar gerechtfertiget. Nach seinem Tod hat in etlichen Jahren nacheinander kein Scharfrichter auf demselbigen Platz einen armen Sünder recht richten, noch ihm mit dem Schwerd den Kopff abhauen können, also daß mancher Hencker darüber gesteiniget und beschädiget worden. Darum muste dieser Gerichtsplatz abgethan, und an einen andern Ort verleget werden.

Quelle:
Pfitzer, Nikolaus: Das ärgerliche Leben und schreckliche Ende deß viel-berüchtigten Ertz- Schwartzkünstlers Johannis Fausti [...]. Tübingen 1880 [Nachdruck: Hildesheim, New York 1976], S. 329-335.
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