[98] Als nun D. Faustus in dieser seiner vorhabenden teufflischen Kunst so viel erlernet und gestudiret, so viel ihm nemlich zu seinen Sachen, und das jenige zu überkommen dienstlich seyn würde, was er lang zuvor begehret hatte, sihe, da gehet er einsten an einem heitern Tage aus der Stadt Wittenberg, um zu suchen und zu finden einen bequemen und gelegenen Ort, allwo er füglich seine incantationes und Teuffels-Beschwörungen möchte bewähren, und dermaleinst in das Werck setzen: findet auch endlich ungefehr einer halben Meilen Wegs von der Stadt gelegen, einen Wegscheid, welcher fünf Ausfahrten und Gänge hatte, darbey auch groß und breit, und also ein erwünschter Ort war. Bey diesem Wegscheid verbliebe er den gantzen Nachmittag, und nachdeme der Abend herbey kommen, Faustus aber gesehen, daß keine Fuhr mehr, oder jemand anders, durchgienge, nahme er einen Reif, wie die Küfer, Büttner oder Bänder haben, machte daran viel wunderseltzame Characteres, nebens diesem auch setzte er noch zween andere Circkel oder Ründe.
Und da er solches alles nach Ausweisung der Nigromantia bestermassen angestellet und verrichtet hatte, gieng er in den Wald, der allernechst darbey gelegen war, der Spesser-Wald genannt, und erwartet mit Verlangen der Mitternachts-Zeit, zu welcher Zeit er wol wuste, daß der Mond sein volles Liecht und Schein haben würde: kaum aber ist die [44] Zeit herbey kommen, so hat er sich aus dem Wald in den mittlern Reif oder Circkel gemacht; beschwur also gleich Anfangs mit Mißbrauchung Göttliches Namens und Verlästerung, den Teuffel zum ersten, und andern, und dritten mal.
Kaum waren die Wort recht ausgeredet, da sahe er alsobald, alldieweil der Mond schon helle schiene, eine feuerige Kugel anher kommen, die gieng dem Circkel zu mit solchem Knallen, gleich ob eine Musqueten wäre los gebrannt worden, [99] fuhre aber gleich darauf mit einem feuerigen Strahl in die Lufft; ob welchem allen denn der D. Faustus sehr erschrack, so, daß er auch aus dem Circkel lauften wolte, jedoch gedachte er dieses dabey, gehe er gleich aus dem Circkel, so werde er doch nicht mehr lebendig anheim kommen: fassete derwegen wieder einen Mut, beschwure den Teuffel aufs neue auf obige Weise; aber da wolte sich nichts mehr regen, noch ein Teuffel sehen lassen. Nam derhalben eine härter lautende Beschwörung zur Hand; alsbald entstunde im vorerwehnten Wald ein solcher ungestümmer Wind und Winds-Brausen, daß es das Ansehen hätte, als ob alles zu Grund gehen wolte: und kurtz hierauf rannten aus diesem Wald etliche Wägen mit Rossen bespannet, bey dem Circkel in einer Fury vorbey, welche einen solchen Staub machten, daß Faustus bey dem hellen Mondes-Schein nichts nicht sehen kunnte.
Da nun dieses alles ein Ende hatte, dabey aber D. Faustus, wie leichtlich zu glauben, so erschrocken und verzagt ware, daß er schier auf seinen Füssen nimmer stehen kunnte, und wol mehr als hundert mal wünschte, daß er 100 Meilen Wegs von dar [45] wäre, sahe er wider alles Verhoffen, gleich als unter einem Schatten ein Gespenst oder Geist um den Circkel herum wandern: zur Stund fassete er wiederum einen Mut und beschwur den Geist, er solte sich erklären, ob er ihm dienen wolte oder nicht? Er solte nur frey reden. Der Geist gab bald zur Antwort, er wolle ihm dienen, jedoch mit diesem Bedinge, daß so er anderst etlichen Artickuln und Puncten, welche er ihm vorhalten wolle, werde nachkommen, so wolle er die Zeit seines Lebens nicht von ihm scheiden.
D. Faustus vergaß auf dieses alles seines vorigen Leides, und gehabten Schreckens, und war in seinem Gemüte recht frölich, und zu frieden, daß er dermaleinst, nach so vielen ausgestandenen Sorgen, das jenige erlangen und überkommen solte, wornach seinem Hertzen so lange Zeit verlanget hat, und sagte getrost zum Geist: wolan, dieweil du mir dienen wilt, so beschwöre ich dich nochmals zum ersten, andern und dritten mal, daß du morgen in meiner Behausung erscheinen wollest; allwo wir denn von allem dem daß ich und du haben wollen, zur Genüge reden und handeln wollen.
[100] Dieses saget der Geist dem D. Fausto zu: alsobald zertratt er den Circkel mit Füssen, und gienge mit Freuden herausser, erwartete mit sehnlichem Verlangen deß bald ankommenden Tages, nach deme er in die drey Stunden lang mit solchem Beschwörungs-Werck zugebracht hatte.
I. Aus was Ursachen D. Faustus seine Teuffels-Beschwörungen eben an den Wegscheiden und Creutzwegen, und nicht anderswo getrieben, auch solche Weise noch heutiges [46] Tages von den Zauberern in Acht genommen werde, und solte eines wol wissen wollen.
Der Prophet Ezechiel, seiner Weissagung im 21. v. 21. spricht also: Der König zu Babel wird sich an die Wegscheide stellen, fornen an den zweyen Wegen, daß er ihme Wahrsagen lasse, mit den Pfeilen an das Los schiesse, seinen Abgott frage, und schaue die Leber an.
Aus welchen Worten denn abzunemen ist, weiln damaln in Egypten, Chaldæa und Persia die Zauberey sehr im Schwang ging, daß sie ihre Beschwörungen und ande re Zauber-Stücke an den Wegscheiden müssen getrieben haben. Massen denn auch Cardanus saget l. 18. de Subtilit. daß die Zauberer ihre Mittel, mit welchen sie den Leuten Schaden zufügen wollen, zu graben pflegen unter die Thürschwellen, oder an die Wege, welche Creutzweise übereinander gehen, oder in die Regenflüsse: auch treiben solches etliche auf den Todtengräbern, nach den Worten Ovidii:
Per tumulos errat sparsis discincta capillis,
certaque de tepidis colligit ossa rogis.
II. Zum andern, ist bey dem Wörtlein Nigromantiæ allhier zu mercken, daß Nigromantia, Necromantia, die Schwartzekunst zwar insgemein genennet werde, theils weil solche von dem schwartzen Cäsperle, dem Teuffel selbst gelehret und gelernet wird, welcher, weil er ein Fürst der Finsterniß, wie er genennet wird in der Epistel an die Ephesier, im 6. v. 12. gemeiniglich auch in schwartzer scheußlicher Gestalt erscheinet, darneben auch zu den Wercken der Finsterniß Lust hat, und sie treibet, der Schwartze genennet, und gemeiniglich schwartz gemahlet wird: theils weil sie solche Zauberkunst in der Schwärtze oder Finsterniß heimlich und verborgen, durch Hülffe der schwartzen Teuffel, üben und treiben, ita D. Dieterich, Tom. 2. Sap. Conc. 5. p. 1025.
Iedoch schreibet Goldastus, von Confisc. der Hexengüter, p. 77. daß dieses barbarisch geredt sey, und von den Ungelehrten erstlich erdacht worden, die nicht gesehen, daß es kein Lateinisch, sondern ein [101] Griechisches Wort ist, von νεκρὸς, welches einen Todten heisset, und von μαντεία, welches soviel heisset als Divinatio oder Weissa gung. Und kan wol seyn, daß diese Art der Zauberey die älteste sey, denn auch von Alters her die Zauberer Necromantici allein seynd genennet worden: und soll dieser Greuel Anfangs von den Heiden herkommen seyn, von denen gelesen wird, daß sie gewisse Opffer gethan, die Erden [47] und Gräber mit Wein, Wasser und Milch begossen, und ihre zauberische Beschwörung gebraucht, wordurch sie die Todten aus der Erden hervor zu bringen vermeint, von ihnen zukünfftige Ding zu erfahren; welcher Greuel auch bey dem Volck Gottes, den Juden im Alten Testament, eingerissen.
III. Drittens, ist auch in der Histori gedacht und erwehnet worden, daß D. Faustus erstlich den Teuffel mit heiligen Worten und Ruffung GOttes Namens beschworen habe, zu letzt aber, wie auf solche Beschwörung zum andernmal kein Geist mehr erscheinen wollen, (oder vielmehr sich also gestellet) habe er eine hartlautende Beschwörung zur Hand genommen, und gebrauchet.
Solches gehet leider! annoch bey unsern Zeiten im Schwang, und bezeugets die Erfahrung an hohen und niedrigen Stands-Personen, welche ihnen kein Gewissen machen, viel heilige Namen, unter andern den Namen deß Allerhöchsten Tetragrammaton, welcher ist Jehova, (mit welchem die Juden viel Wundereyen getrieben haben) item, Adonai, JEsus CHristus, die Heilige Dreyfaltigkeit, S. Johannis Evangelium abgeschrieben, die Sieben Wort Christi am Creutz gesprochen, und viel anders mehr, auf Papier oder Pergament gezeichnet, bey sich oder am Hals, auch wol auf dem blossen Leib zu tragen, nicht anderst meinende, es könne ihnen alsdenn nicht allein keine Zauberey nichts anhaben, sondern unterstehen sich noch wol unter solchem Schein, es werden ja gute Christliche Wort und heilige Namen darbey gebraucht und ausgesprochen, übernatürliche Sachen zu verrichten; wie denn D. Faustus auch darfür gehalten und gemeinet, daß solche Namen und Wörter so heilig und so kräfftig wären, daß auch die Teuffel und Geister darfür erzittern; und sich fürchten müsten, und gleichsam gezwungen würden, auf derer Meinung, dem Menschen zu erscheinen, u.s.w.
Aber hierauf ist die Antwort, daß sie solche heilige Wort und Namen zu solchem Affenspiel gebrauchen, ist unverantwortlich, ja verdamlich. Denn je heiliger diese Wörter seynd, je grössere Sünde sie begehen, daß sie das Heiligthum so schändlich für die Hunde werffen, und mißbrauchen, ja lästern den heiligen Namen GOttes auf das greulichste, welches doch im andern Gebot mit Ernst und Eifer verboten wird.
[102] Wenn diese und dergleichen Brieflein, darauf gewisse Characteres und Worte, oder wenn gleich solche völlig, ja zum [48] öfftern ausgesprochen werden, solche starcke Würckung haben solten, so würden freilich die jenigen Personen noch mehr für dem Satan, der Zauberey, u.s.f. geschützet seyn, welche täglich mit der H. Schrift umgehen, ja gantz mit sich in Händen und Ermeln herum tragen; da doch dieselbe, wo sie nicht durch wahren Glauben in der Menschen Hertzen eingewurtzelt, und sich durch gute Früchte mercken lässet, nichts denn ein todter Buchstab ist, und bleibet, ob sie gleich tausendmal angehänget, angebunden, umher getragen, oder aufs Papier, Siegel und Ring, gedrücket wird. Wie solches der alte Kirchenlehrer Chrysostomus, Homil. 43. in Matth. bezeuget: Es tragen etliche Priester (sagt er) einen geschrieben Theil deß Evangelii am Hals, aber sage an, du Unver ständiger, wird nicht das Evangelium alle Tage in der Kirchen gelesen, daß es jederman hören kan? so nun einem die Evangelia nicht nutzen, dem sie in die Ohren gelegt seynd, wie sollen sie ihm denn helffen, wenn ers nur um den Hals träget? darnach, Lieber, worinn bestehet die Krafft und Würckung deß Evangelii? ist sie in den äusserlichen Buchstaben, oder in dem innerlichen eigentlichen Verstande? Stehet nun die in dem rechten Verstande, so wäre es viel nützlicher, daß man das Evangelium ins Hertz hinein legete, als daß mans nur ausserlich um den Hals hänget.
Die heiligen Wort betreffendt, die man spricht oder anhänget, sagt unter andern Prætor. im Gründl. Bericht von Zaub. p. m. 65. die haben an ihnen selbst keine Heiligkeit, oder seynd also gebraucht mehr heilig: denn sie werden solcher Gestalt ohne GOttes Befehl, ja wider GOttes Verbot, und wider GOtt geführet. Und der Teuffel weiß und ziehet selbst GOttes Wort an aus dem 91. Psalm vor dem HErrn Christo. Er nennet GOtt, nennet die H. Engel, er bekennet, sie müssen aus GOttes Befehl den HErrn bewahren, beym Evangelisten Matthæo im 4. v. 6. Er nennet auch JEsum den Sohn Gottes, Matth. 8. v. 29. ja er ist in der Predigt zugegen, und nimt das Wort aus vieler Menschen Hertzen hinweg, Lucæ 8. v. 12. darum fürchtet und fliehet er weder GOttes und Christi Namen noch Wort, also, und wie gesagt, gebraucht.
Und wenn er das scheuete, wie solte er denn einigen Christen anlauffen dürffen? denn sie ja alle im Namen GOttes deß Vatters, und deß Sohns und deß H. Geistes getaufft seynd, nach Christi Ordnung und Befehl, Matthæi 29. v. 19. Hilfft derowegen nichts wieder den Teuffel, wenn man auch 10 Bibeln [49] frässe, und zwantzig um sich bündete; will geschweigen, daß ein kleines Zeltlein1 mit wenig Worten, [103] an den Hals gebunden, helffen sollte. Was hierbey geschihet, ist eitel Spiegelfechten und Betrug deß Teuffels, der sich so scheu stellet gegen den Aberglaubischen und Unverständigen, damit er durch solchen Mißbrauch deß Namens GOttes, diesen in seinem Strick behalten, und jenen auch hinein locken und fangen möge.
Sihe aber in der Apostel Geschichten, wie der Teuffel die bezahlet, die ihn also im Namen JEsu vertreiben wolten, Actor. 19. v. 16.
1 ? Zettelein.