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[107] Stroph. 1.
Wie ein schiff auf meeres wogen/
Wenn die wind' auß norden wehn/
Wenn die wellen höher gehn/
Als zuvor die segel flogen/
Wenn das wasser schäumt und braust/
Wenn der mastbawm knackt und saust
Wenn man glas vnd ruder misset/
Wenn man den compas vergisset/
Wenn der schiffer beten heisst/
Wenn man betend zeter-schreyet
Wenn das schiff mit sincken dräwet
Wenn die fluth den mast befleust:
Antistroph. 1.
Also ist dies schwache leben/
Da sich mancher allzuvest
In der schwacheit auf verlässt.
Eh man oft mit blindem glücke
Auf eim brete daumen dicke
Den gewünschten orth erreicht.
Die im wilden meere schweben/
Trawen durch die wilde fluth
Forch zu bringen gut vnd bluth/
All' jhr förchten/ all jhr bangen
Vnd verlangen ist vergangen/
Wenn der port die segel streicht.
Epodos. 1.
O wol dem/ welcher auch auf diesem sünden-meere
Die klippen böser lust verhütet/ vnd nicht achtt/
Schlägt allen sturm in wind/ vnd dürstet nach der ehre/
Die dem dort wiederfährt/ der hie den port betracht/
Den vielgesuchten port/ den ort der sicherheit.
Er schläfet oder wacht/
Wallt doch sein hertz' vnd lacht/
Achtt weder ort noch zeit/
Da er noch innen ist/
Dieweil er gantz vergisst
Sein nicht-lang-wierig leid/
Welchs jhm der port benimmt/ der ort der seeligkeit.
Stroph. 2.
Wie nun einem dan verlanget/
Nach der winde sturm vnd wehn/
Wieder drucken land zu sehn/
Vor nichts grawet/ vor nichts banget/
Andre mögen schlafen gehn/
Ihn gelüstet zu zusehn.
Wie der wind die segel treibet/
Wo des schiffes spure bleibet/
Andre dencken/ nach der ruh/
Was sie wol im sturm vergessen/
Ihm schmeckt weder tranck noch essen
Er wil nach dem lande zu:
[108] Antistrophe 2:
So war dieser edlen seelen
Fleisches lust nur seelen last/
Seelen lust war jhre mast
Eh sie aus der finstern höhlen
Ihres leibes/ durch den tod/
Wurd' entzücket aller noth.
Alle leibes-last ist nichtig/
Alle leibes-lust ist flüchtig/
Sprach herr Schachmann/ diese zeit/
Die ich hab' allhie zu kämpffen/
Soll mir meine lust nicht dämpffen
Zu der süssen ewigkeit.
Epodos 2:
Nu/ was er hat begehrt/ das hat jhm Gott bescheret/
Sein leiden ist dahin/ sein wvnsch ist nu gestillt/
Gott hat jhn seiner bitt'/ vnd noch viel mehr gewähret:
Sein förchten ist nu trost/ sein hoffen ist erfüllt:
Sein tod ist nu sein schlaff/ sein sterben sein gewinn:
Vnd weil er hat gewust
Die sterbe-konst vnd-lust/
Als ist er ohne tod
Gedrungen durch die noth/
In fried' vnd frewden hin/
Wo nichts als leben ist/ nun vnd von anbeginn.
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