Zweiter Teil

[142] Es ist etwas Wunderbares in der Art, wie die Vorsehung unsere Schicksale aneinanderkettet. Kaum waren wir fünf oder sechs Schritte gegangen, als ein Mann, dessen Gesicht ich nicht einmal sehen konnte, Lescaut erkannte. Offenbar lauerte er schon in der Nähe seiner Wohnung herum in der traurigen Absicht, die er jetzt auch ausführte.

»Das ist Lescaut«, sagte er, indem er eine Pistole auf ihn abfeuerte. »Heute kann er mit den Engeln zu Abend speisen.«

Er entfloh sofort, und Lescaut fiel ohne das mindeste Lebenszeichen zu Boden. Ich drängte Manon, zu fliehen, denn unsere Hilfe wäre bei einer Leiche unnütz gewesen, und ich fürchtete, von der Wache, die bald erscheinen mußte, verhaftet zu werden. Ich machte mich mit ihr und dem Diener durch die erste kleine Seitenstraße davon.

Sie war fast von Sinnen, und ich hatte Mühe, sie zu[143] stützen. Endlich bemerkte ich am Ende der Straße eine Droschke, in die wir einstiegen. Als mich aber der Kutscher fragte, wohin er uns fahren sollte, wußte ich keine Antwort. Ich hatte keinen sicheren Zufluchtsort, keinen vertrauten Freund, an den ich mich wenden durfte. Der Schrecken und die Müdigkeit hatten Manon derart überwältigt, daß sie halb ohnmächtig neben mir saß. Außerdem war mein Denken ganz von der Ermordung Lescauts erfüllt, und ich fürchtete auch noch immer die Wache. Welchen Entschluß sollte ich nur fassen?

Zum Glück erinnerte ich mich an den Gasthof in Chaillot, in dem ich einige Tage mit Manon verbracht hatte, als wir in dieses Dorf gegangen waren, um dort zu wohnen. Ich hoffte hier nicht nur in Sicherheit zu sein, sondern auch einige Zeit wohnen zu können, ohne zum Zahlen gedrängt zu werden.

»Bringe uns nach Chaillot«, sagte ich zum Kutscher.

Er weigerte sich, für weniger als eine Pistole so spät dahin zu fahren, was mich aufs neue in Verlegenheit setzte. Endlich einigten wir uns auf sechs Franken, es war das ganze Geld, das ich in der Tasche hatte.

Ich tröstete unterwegs Manon, aber in Wirklichkeit war ich innerlich selbst verzweifelt. Ich hätte mir auch tausendmal den Tod gegeben, wenn ich nicht das einzige, was mich am Leben festhielt, in meinen Armen gehalten hätte. Nur der Gedanke an sie hielt mich aufrecht.[144]

»Ich habe wenigstens sie«, sagte ich mir. »Sie liebt mich, sie gehört mir an. Tiberge hat gut sagen, daß das nur ein Scheinbild des Glückes sei. Ich könnte ruhig zusehen, wie die ganze Welt unterginge. Warum? Weil mir alles außer ihr gleichgültig ist.«

Mein Gefühl war wirklich so. Trotzdem aber war es mir in demselben Augenblick, da ich mir so wenig aus allen Gütern der Erde machte, doch klar, daß ich wenigstens einen kleinen Teil von diesen Gütern besitzen müßte, um den ganzen Rest um so stolzer zu verachten. Die Liebe ist stärker als der Überfluß, stärker als alle Schätze und Reichtümer, aber sie braucht doch ihre Hilfe, und nichts kann einen zartfühlenden Liebhaber so in Verzweiflung setzen, als wenn er sich dadurch wider Willen zu der Roheit der gewöhnlichsten Menschen herabgezogen sieht.

Es war elf Uhr, als wir in Chaillot ankamen. Wir wurden in dem Gasthof als alte Bekannte aufgenommen. Man war gar nicht erstaunt, Manon in Männerkleidung zu sehen, denn in Paris und in seiner Umgebung ist man daran gewöhnt, daß die Frauen sich auf alle mögliche Weise kostümieren. Ich ließ so reichlich auftischen, als befände ich mich in den besten Vermögensverhältnissen. Sie wußte nicht, daß es mir an Geld mangelte, und ich hütete mich auch wohl, ihr etwas davon zu sagen, denn ich war entschlossen, am nächsten Tag allein nach[145] Paris zurückzukehren, um ein Heilmittel gegen diese abscheuliche Art von Krankheit zu suchen.

Beim Essen sah ich, daß sie bleich und abgemagert war. Ich hatte davon im Arbeitshaus nichts bemerkt, denn das Zimmer, in dem ich sie gesehen, war nicht zum besten beleuchtet. Ich fragte sie, ob das nicht noch eine Folge des Schreckens sei, den sie beim Anblick der Ermordung ihres Bruders empfunden habe. Sie versicherte mir, so sehr sie auch durch dieses Ereignis ergriffen sei, ihre Blässe käme nur von dem, was sie in den drei Monaten meiner Abwesenheit ausgestanden hätte.

»Du liebst mich denn also sehr?« fragte ich.

»Tausendmal mehr, als ich es dir sagen kann«, antwortete sie.

»Und du würdest mich auch nie wieder verlassen?« fügte ich hinzu.

»Nein, niemals«, erwiderte sie.

Diese Versicherung wurde durch so viele Küsse und Beteuerungen bekräftigt, daß es mir wirklich unmöglich erschien, sie könnte sie jemals vergessen. Ich bin immer überzeugt gewesen, daß sie dabei ganz aufrichtig war. Welchen Grund sollte sie auch gehabt haben, sich in einem solchen Maße zu verstellen? Und doch war sie viel flatterhafter, als ich es je gedacht, oder vielmehr sie wurde ganz willenlos und kannte sich selbst nicht mehr, sobald sie, während sie sich selbst in Armut und Not befand,[146] andere Frauen in Überfluß sah. Ich sollte dafür bald einen letzten Beweis erhalten, der alle früheren übertraf und das seltsamste Abenteuer herbeiführte, das jemals einem Manne von meiner Herkunft und meinem Vermögen widerfahren ist.

Da ich diese ihre Gemütsanlage kannte, beeilte ich mich, den nächsten Tag nach Paris zu gehen. Der Tod ihres Bruders und die Notwendigkeit, Wäsche und Kleider für sie und mich zu besorgen, waren so gute Gründe, daß ich nicht erst einen besonderen Vorwand zu suchen brauchte. Ich verließ, wie ich Manon und dem Wirt sagte, den Gasthof in der Absicht, einen Mietswagen zu suchen. Aber das war nur Prahlerei, denn die Not zwang mich, zu Fuß zu gehen. Ich marschierte sehr schnell bis nach Cours-la-Reine, wo ich mich ausruhen wollte. Ich brauchte auch wirklich einen Augenblick der Einsamkeit und Stille, um mir alles zu überlegen, was ich in Paris tun wollte.

Ich setzte mich in das Gras und überließ mich einem Meer von Gedanken und Erwägungen, die sich aber allmählich auf drei Hauptpunkte zusammenzogen. Ich brauchte sofort Geld für eine große Anzahl dringender Bedürfnisse; ich mußte eine Möglichkeit finden, die mir wenigstens Hoffnung für die Zukunft gab; und, was nicht von der geringsten Wichtigkeit war, ich mußte Erkundigungen einziehen und Maßnahmen ergreifen, die zu Manons und meiner Sicherheit dienten. Als ich mich[147] in Plänen und Möglichkeiten über diese drei Punkte erschöpft hatte, hielt ich es für das beste, die beiden letzten noch zurückzustellen. In einem Zimmer in Chaillot waren wir ja auch nicht schlecht versteckt, und was die späteren Bedürfnisse anging, so hatte ich wohl noch Zeit, daran zu denken, wenn erst einmal die augenblicklichen befriedigt waren.

Es handelte sich also um die Frage, sofort meine Börse zu füllen. Herr de T*** hatte mir in edelmütiger Weise die seine angeboten, aber es widerstrebte mir aufs stärkste, ihn selbst noch einmal daran zu erinnern. Welche klägliche Rolle spielt man doch, wenn man einem Fremden seine Armut schildern und ihn bitten muß, uns Geld zu geben! Nur eine schamlose Seele, die zu niedrig ist, um diese Entwürdigung zu empfinden, ist dazu fähig; oder auch eine demütig christliche Seele, die aus einem Übermaß von Tugend eine solche Schande auf sich nimmt. Aber ich war weder schamlos noch ein guter Christ, und ich hätte die Hälfte meines Blutes hingegeben, um diese Erniedrigung zu vermeiden.

»Tiberge,« sagte ich mir, »der gute Tiberge – wird er sich wohl weigern, mir nach seinen Kräften zu helfen? Nein, mein Elend wird ihn rühren, aber er wird mich mit seinen Moralpredigten umbringen. Ich müßte seine Vorwürfe, seine Beschwörungen und Drohungen aushalten. Er würde mich für seine Hilfe so teuer bezahlen[148] lassen, daß ich lieber noch einmal einen Teil meines Blutes dahingäbe, um mich nicht länger diesen unerträglichen Auftritten auszusetzen, die mir nur Verwirrung und Gewissensbisse hinterlassen konnten. Gut!« fuhr ich fort, »ich muß dann auf jede Hoffnung verzichten, denn es bleibt mir kein anderer Weg, und diese beiden will ich ja so wenig einschlagen, daß ich lieber die Hälfte meines Blutes vergösse, ehe ich einen davon wählte, das heißt, lieber mein ganzes Blut, ehe ich sie beide wählte. Ja, all mein Blut,« fügte ich nach kurzem Nachdenken hinzu, »das gäbe ich lieber hin, als daß ich mich auf erniedrigendes Betteln einlasse.«

»Aber gerade um mein Blut handelt es sich ja hier! Es handelt sich um Manons Leben und Unterhalt, es handelt sich um meine Liebe und ihre Treue. Was habe ich dagegen in die Wagschale zu werfen? Bis jetzt nichts, und sie ist für mich Ehre, Glück und Reichtum. Sicherlich gibt es Dinge, die zu erlangen oder zu vermeiden ich mein Leben opfern würde, aber wenn es eine Sache gibt, die ich höher schätze als mein Leben, dann schätze ich sie doch noch nicht so hoch wie Manon selbst.«

Ich brauchte nicht lange, um nach dieser Überlegung zu einem Entschluß zu kommen. Ich machte mich wieder auf den Weg und nahm mir vor, zuerst zu Tiberge und dann zu Herrn de T*** zu gehen.

Als ich in Paris ankam, nahm ich eine Droschke, obgleich[149] ich kein Geld hatte, sie zu bezahlen. Ich rechnete eben auf die Hilfe, die ich mir erbitten wollte. Ich ließ mich zum Luxembourg fahren und schickte jemand zu Tiberge mit der Nachricht, daß ich ihn dort erwartete. Er befriedigte meine Ungeduld durch sein schnelles Erscheinen, und ich teilte ihm ohne Umschweife mit, in welcher äußersten Not ich mich befände. Er fragte mich, ob die hundert Pistolen, die ich ihm zurückgegeben hatte, mir genügen würden, und, ohne mir auch nur ein Wort des Bedenkens entgegenzusetzen, holte er sie mir sofort mit jenem offenen Gesicht und der Freude des Gebens, wie man sie nur in der Liebe und in der wahren Freundschaft kennt.

Obgleich ich nun nicht im geringsten an dem Erfolg meiner Bitte gezweifelt hatte, war ich erstaunt, sie so leichten Kaufs, das heißt ohne Vorwürfe wegen meiner Unbußfertigkeit erhalten zu haben. Aber ich täuschte mich, als ich glaubte, ganz ohne Vorwürfe davonzukommen. Denn als er mir sein Geld aufgezählt hatte, und ich mich anschickte, ihn zu verlassen, bat er mich, mit ihm einen Gang durch die Anlagen zu machen. Ich hatte ihm noch nichts von Manon gesagt, und er wußte nicht, daß sie sich in der Freiheit befand. Darum richtete sich seine Strafpredigt auch nur gegen meine waghalsige Flucht, und er gab seiner Furcht Ausdruck, daß ich, statt die empfangenen Ermahnungen zur Tugend zu beherzigen, von neuem mein zügelloses Leben beginnen würde.[150]

Er erzählte mir, daß er am Tage nach meiner Entweichung mich in Saint-Lazare hatte besuchen wollen und dort zu seiner unbeschreiblichen Bestürzung erfuhr, in welcher Weise ich hinausgelangt sei. Er habe dann über die Angelegenheit mit dem Prior eine Besprechung gehabt, und dieser gute Vater sei, trotzdem er sich noch nicht von seinem Schrecken erholt hatte, so edelmütig gewesen, dem Polizeipräsidenten die näheren Umstände meines Entweichens nicht zu verraten. Er habe überhaupt verhindert, daß etwas über den Tod des Pförtners nach außen gedrungen sei, so daß ich mich also in dieser Hinsicht nicht zu beunruhigen brauchte. Wenn ich aber noch das geringste Gefühl von Gottesfurcht besäße, dann müßte ich jetzt die glückliche Wendung, die der Himmel meinem Schicksal gegeben habe, benutzen. Vor allem müßte ich nunmehr an meinen Vater schreiben und mich mit ihm aussöhnen, und, wenn ich nur einmal seinem Rate folgen wollte, dann sollte ich auch Paris verlassen und in den Schoß meiner Familie zurückkehren.

Ich hörte seine Worte bis zum Ende an, es waren viele Dinge darin, die mich beruhigten. Vor allem war ich entzückt, nichts von Saint-Lazare aus befürchten zu brauchen, denn nun konnte ich mich wieder frei in den Straßen von Paris bewegen. Zum zweiten wünschte ich mir Glück, daß Tiberge nicht die geringste Ahnung von Manons Befreiung und ihrer Rückkehr zu mir hatte. Mir fiel sogar[151] auf, daß er es vermied, mit mir über sie zu sprechen, offenbar in der Meinung, mein Herz hinge nicht mehr so stark an ihr, da ich so ruhig wegen ihres Schicksals zu sein schien.

Ich beschloß, wenn auch nicht zu meiner Familie zurückzukehren, so doch, wie er es mir riet, meinem Vater zu schreiben und ihm meine Bereitwilligkeit mitzuteilen, zur Pflicht zurückzukehren und seinen Befehlen zu gehorchen. Meine Hoffnung war, ihn unter dem Vorwande, ich wollte an der Ritterakademie studieren, zu veranlassen, mir Geld zu schicken, denn ich hätte ihn schwerlich überzeugen können, daß ich geneigt sei, zum geistlichen Stande zurückzukehren. Im Grunde war ich auch gar nicht so abgeneigt, das auszuführen, was ich ihm versprechen wollte. Im Gegenteil, es wäre mir sehr lieb gewesen, etwas Ehrenhaftes und Vernünftiges zu beginnen, vorausgesetzt, daß dieser Plan meiner Liebe kein Hindernis entgegenstellte. Ich rechnete darauf, weiter mit meiner Geliebten zusammenzuleben und zu gleicher Zeit meine Studien zu betreiben. Dieses ließ sich gut miteinander vereinigen.

Ich war so befriedigt von diesem Gedanken, daß ich Tiberge versprach, noch am selben Tag einen Brief an meinen Vater abzusenden. Sobald ich ihn verlassen hatte, ging ich in eine Schreibstube und schrieb in einer so zärtlichen und unterwürfigen Art, daß, als ich den[152] Brief noch einmal durchlas, ich mir schmeichelte, ich würde schon etwas von der Güte meines Vaters erlangen.

Obgleich ich jetzt durchaus in der Lage war, einen Wagen zu nehmen und ihn zu bezahlen, machte ich mir ein Vergnügen daraus, den Weg zum Herrn de T*** stolz zu Fuß zurückzulegen. Es erfüllte mich mit Freude, von meiner Freiheit Gebrauch zu machen, für die ich nach der Versicherung meines Freundes nichts mehr zu befürchten hatte. Aber plötzlich fiel es mir ein, daß diese Zusicherung sich ja nur auf Saint-Lazare bezog, und daß ich außerdem noch die Sache mit dem Arbeitshaus auf dem Kerbholz hatte, ganz abgesehen von der Ermordung Lescauts, in die ich zum wenigsten als Zeuge verwickelt war.

Diese Erinnerung versetzte mich in einen solchen Schrecken, daß ich mich in den nächsten Hausflur begab und eine Droschke dorthin kommen ließ. Ich fuhr nun sofort zu Herrn de T***, der mich wegen meiner Angst auslachte. Sie erschien mir selber lächerlich, als er mir mitgeteilt hatte, daß ich weder wegen des Arbeitshauses noch wegen Lescaut etwas zu befürchten hätte. Er sagte mir, er sei schon am Morgen zum Arbeitshaus gegangen in dem Gedanken, man könnte vielleicht vermuten, daß er etwas mit der Entführung Manons zu tun gehabt hätte. Er habe getan, als wüßte er noch nichts von dem Geschehenen, und gefragt, ob er sie sprechen könne. Aber weit entfernt, ihn oder mich zu beschuldigen, habe man[153] sich im Gegenteil beeilt, ihm dieses Abenteuer als eine kaum begreifliche Geschichte zu erzählen, und sich gewundert, daß ein so hübsches Mädchen wie Manon mit einem Knecht davongelaufen sei. Er habe darauf kühl erwidert, daß es ihn eigentlich nicht wundere, denn man täte schließlich alles für die Freiheit.

Herr de T*** erzählte mir nun weiter, wie er von da zu Lescaut gegangen sei in der Hoffnung, mich dort mit meiner reizenden Geliebten zu treffen. Der Hauswirt, ein Wagenbauer, habe ihm versichert, daß er weder sie noch mich gesehen hätte. Aber es sei auch kein Wunder, wenn wir nicht bei ihm angelangt seien, denn, als wir zu Lescaut gewollt hätten, hätten wir sicherlich erfahren, daß er fast um dieselbe Zeit getötet worden wäre. Darauf teilte er mir auch mit, was er über die Ursache und die näheren Umstände dieses Todes wußte.

Ungefähr zwei Stunden vorher war ein mit Lescaut befreundeter Gardist zu ihm gekommen und hatte ihn zum Spiel aufgefordert. Lescaut hatte so schnell gewonnen, daß der andere in weniger als einer Stunde sein ganzes Geld, nämlich hundert Taler verloren hatte. Der Unglückliche, der sich nun ohne einen Sou sah, bat Lescaut, ihm die Hälfte der verlorenen Summe zu leihen, und darüber kamen sie zu einer Auseinandersetzung, die in einen äußerst heftigen Streit auslief. Lescaut weigerte sich, herauszukommen und die Sache mit dem Degen[154] auszutragen, worauf der andere fortging und schwur, ihm den Schädel zu zerschmettern, was er dann auch noch an demselben Abend tat.

Herr de T*** fügte noch in liebenswürdiger Weise hinzu, daß er infolge dieses Berichts sich sehr über uns beunruhigt habe, und bot mir noch einmal seine Dienste an. Ich hatte kein Bedenken, ihm unsern Zufluchtsort zu nennen, und er bat mich, ihm zu gestatten, das Souper mit uns einzunehmen.

Da mir nur noch übrigblieb, die Wäsche und die Kleider für Manon zu kaufen, so sagte ich ihm, wir könnten sogleich hinfahren, wenn er so gütig sein wollte, einen Augenblick mit mir an einigen Geschäften zu halten. Ich weiß nicht, ob er in meinem Vorschlag eine Absicht sah, seine Großmut zu erregen, oder ob es nur eine einfache Regung seiner edlen Seele war, jedenfalls stimmte er mir sofort zu und fuhr mit mir zu Geschäften hin, die auch für seine Familie lieferten. Er veranlaßte mich, mehrere Stoffe zu einem viel höheren Preis, als ich es mir vorgenommen hatte, auszusuchen, und als ich mich anschickte, sie zu bezahlen, verbot er den Händlern unbedingt, von mir auch nur einen Sou anzunehmen. Diese Zuvorkommenheit brachte er in einer so artigen Weise an, daß ich sie, ohne mich schämen zu müssen, glaubte annehmen zu dürfen. Wir schlugen dann gemeinsam den Weg nach Chaillot ein, wo ich mit weniger Unruhe ankam, als ich beim Fortgehen empfunden hatte.[155]

Meine Gegenwart und die Liebenswürdigkeiten des Herrn de T*** zerstreuten bei Manon allen Kummer, den sie vielleicht noch gehegt haben mochte.

»Vergessen wir, meine liebe Seele,« sagte ich ihr, als ich kam, »die Schrecken der Vergangenheit, und beginnen wir wieder glücklicher als jemals zu leben. Schließlich ist doch die Liebe ein guter Lehrmeister, und das Schicksal könnte uns nicht so viele Schmerzen bereiten, wie es uns Freuden zu kosten gibt.«

Unser Souper war ein wahres Schauspiel der Freude. Mit Manon und meinen hundert Pistolen war ich stolzer und zufriedener als der reichste Pariser Finanzpächter mit allen seinen aufgehäuften Schätzen. Man muß die Reichtümer danach abschätzen, wie weit man damit seine Wünsche befriedigen kann. Mir blieb jetzt gar nichts mehr zu wünschen übrig, selbst die Zukunft machte mir wenig Sorgen. Ich war fast sicher, daß mein Vater mir ohne Widerstreben so viel geben würde, um davon anständig in Paris leben zu können, denn ich befand mich in meinem zwanzigsten Jahr, und die Zeit nahte heran, wo ich das Recht hatte, den mir gehörigen Anteil meines mütterlichen Erbes zu verlangen. Ich verschwieg Manon nicht, daß mein ganzes Geld nicht mehr als hundert Pistolen betrug. Das war aber genug, um ruhig auf besseres Glück zu warten, das mir auf keinem Fall ausbleiben konnte, sei es infolge meiner natürlichen Rechte, sei es durch das Spiel.[156]

So dachte ich also während der ersten Wochen an nichts, als ruhig mein Leben zu genießen, und mein Ehrgefühl sowie die Furcht vor der Polizei veranlaßten mich, die Erneuerung meiner Bekanntschaft mit den Genossen aus dem Hotel de Transsylvanie von Tag zu Tag hinauszuschieben. Ich begnügte mich, in einigen weniger verrufenen Gesellschaften zu spielen, und die Gunst des Glücks ersparte mir die Erniedrigung, nach dem Falschspiel greifen zu müssen. Einen Teil des Nachmittags verbrachte ich so in der Stadt, und wenn ich zum Souper nach Chaillot zurückkam, brachte ich oft Herrn de T*** mit, dessen Freundschaft für uns von Tag zu Tag wuchs.

Auch Manon fand Mittel gegen die Langeweile. Sie schloß sich in der Nachbarschaft einigen jungen Damen an, die der Frühling dort versammelt hatte. Spaziergänge und leichte weibliche Arbeiten bildeten abwechselnd ihre Beschäftigung. Eine Spielpartie mit beschränkten Höchstsätzen bestritt die Kosten eines Fuhrwerks. Sie fuhren, um die Luft zu genießen, zum Boulogner Wäldchen, und wenn ich des Abends zurückkam, dann fand ich Manon hübscher, zufriedener und verliebter als je.

Zwar erhoben sich dann und wann einige Wölkchen, die den Himmel meines Glücks zu trüben drohten, aber sie wurden schnell wieder zerstreut, und die fröhliche Laune Manons machte die Lösung so komisch, daß ich ihre Süßigkeit noch in einer Erinnerung finde, die die ganze[157] Zärtlichkeit und Liebenswürdigkeit ihres Charakters zeigten.

Der einzige Diener, den wir hatten, nahm mich eines Tages beiseite und sagte mir sehr verwirrt, er habe mir ein wichtiges Geheimnis mitzuteilen. Ich forderte ihn auf, sich offen auszusprechen. Nach einigen Umschweifen gab er mir zu verstehen, daß ein fremder, vornehmer Herr sich heftig in Fräulein Manon verliebt habe.

Ich fühlte, wie mir mein Blut wild durch alle Adern schoß. »Liebt sie ihn auch?« unterbrach ich ihn heftiger, als es vielleicht klug war, wenn ich weitere Aufschlüsse erhalten wollte.

Meine Aufregung erschreckte ihn. Er antwortete mit unruhiger Miene, soweit könne er die Sache nicht beurteilen. Er habe aber bemerkt, daß dieser Fremde seit mehreren Tagen beharrlich in das Boulogner Wäldchen komme, daß er dort aus seinem Wagen steige, und da er allein durch die Nebenwege streife, so scheine er eine Gelegenheit zu suchen, das Fräulein zu sehen oder zu sprechen. Ihm sei nun der Gedanke gekommen, sich mit dem Diener des Fremden bekannt zu machen, um so dessen Namen zu erfahren. Sie hielten ihn für einen italienischen Fürsten und schrieben ihm selbst allerlei galante Abenteuer zu. Weitere Aufschlüsse habe er aber nicht erlangen können, denn eben jetzt sei der Fürst aus dem Wäldchen herausgetreten und vertraulich auf ihn zugegangen,[158] wobei er ihn nach seinem Namen gefragt hätte. Dann, als ob er erraten hätte, in welchem Dienste er stand, habe er ihm Glück gewünscht, der reizendsten Dame der Welt anzugehören.

Ungeduldig wartete ich auf die Fortsetzung seines Berichts. Er beendigte ihn mit ängstlichen Entschuldigungsworten, die ich als Folgen meiner unklugen Erregtheit ansah. Vergebens drängte ich ihn, ohne Bedenken fortzufahren. Er beteuerte mir, er wüßte weiter nichts, denn das eben erzählte Erlebnis sei erst gestern vorgefallen, und seitdem habe er die Leute des Fürsten nicht mehr gesehen. Ich beruhigte ihn nicht nur durch Lobsprüche, sondern auch durch eine anständige Belohnung, und ohne ihm das geringste Mißtrauen gegen Manon zu zeigen, gebot ich ihm in einem ruhigeren Ton, alle Schritte dieses Fremden zu überwachen.

Im Grunde hinterließ seine Furcht in mir quälende Zweifel, denn sie konnte ihn veranlaßt haben, einen Teil der Wahrheit zu unterdrücken. Nach einigem Nachdenken verlor sich aber doch meine Unruhe, und ich bedauerte, mich so erregt gezeigt zu haben. Schließlich konnte ich es doch Manon nicht zu einem Verbrechen anrechnen, wenn sie von jemand geliebt wurde. Die Wahrscheinlichkeit sprach in hohem Maße dafür, daß sie von ihrer Eroberung gar nichts wußte, und was sollte das auch für mich für ein Leben werden, wenn ich die Eifersucht so leicht in mein Herz hereinließ?[159]

Am nächsten Tage fuhr ich wieder nach Paris, ohne eine andere Absicht, als durch höheres Spielen das Anwachsen meines Vermögens zu beschleunigen. Denn ich wollte mich in den Stand setzen, Chaillot beim ersten Anlaß zur Besorgtheit verlassen zu können. Des Abends erfuhr ich nichts, was mich hätte beunruhigen können. Der Fremde war wieder im Boulogner Wäldchen erschienen und hatte sich auf Grund des am Tage vorher Geschehenen von neuem meinem Vertrauten genähert. Er hatte zu ihm von seiner Liebe gesprochen, aber in Ausdrücken, die auf kein Einvernehmen mit Manon schließen ließen. Er hatte ihn nach tausend Einzelheiten gefragt und endlich durch große Versprechungen versucht, ihn für seine Interessen zu gewinnen, indem er einen bereitgehaltenen Brief hervorzog und ihm vergebens einige Louisdore anbot, wenn er ihn seiner Herrin übermitteln würde.

Zwei Tage verflossen ohne Zwischenfall, der dritte aber wurde stürmisch. Ich erfuhr, als ich ziemlich spät aus der Stadt zurückkam, daß sich Manon während des Spazierganges einen Augenblick von ihren Gefährtinnen getrennt hatte, worauf der Fremde, der ihr in einiger Entfernung gefolgt war, sich ihr auf ein Zeichen von ihr genähert und von ihr einen Brief erhalten hatte, den er mit überschwenglicher Freude in die Hand nahm. Er konnte aber nur in verliebter Weise die Schriftzeichen küssen, denn sie hatte sich sofort wieder entfernt. Sie befand sich übrigens[160] während des ganzen Tages in ungewöhnlich froher Stimmung, und auch nach ihrer Rückkehr in die Wohnung hatte diese Fröhlichkeit sie nicht verlassen.

Ich muß bei jedem Wort, das mein Diener sagte, gezittert haben. »Bist du sicher,« sagte ich traurig zu ihm, »daß dich deine Augen nicht getäuscht haben?« Worauf er den Himmel als Zeugen seiner Aufrichtigkeit anrief.

Ich weiß nicht, wohin mich die Folterqualen meines Herzens noch gebracht hätten, wenn nicht Manon, die mich hatte ankommen hören, mit ungeduldiger Miene und Vorwürfen wegen meines langen Ausbleibens vor mir erschienen wäre. Sie wartete erst gar nicht meine Antwort ab, sondern überschüttete mich mit Zärtlichkeiten, und als sie sich allein mit mir sah, machte sie mir sehr lebhafte Vorwürfe wegen meiner Gewohnheit, jetzt immer so spät zurückzukommen. Da ich schwieg, konnte sie ruhig weiterreden, und sie sagte mir, daß ich schon seit drei Wochen ihr auch nicht einen einzigen Tag völlig geopfert hätte. Sie könnte aber dieses lange Fortsein nicht ertragen und wollte wenigstens dann und wann einmal einen ganzen Tag haben. Jedenfalls bat sie mich, den nächsten Tag vom Morgen bis zum Abend in ihrer Gesellschaft zu verbringen.

»Ich werde schon hierbleiben, sei unbesorgt«, antwortete ich in einem ziemlich barschen Ton. Sie achtete wenig auf meine Verdrossenheit, und in dem Überschwang ihrer[161] Freude, die mir tatsächlich auffallend lebhaft zu sein schien, plauderte sie in gefälliger Weise über die Art, wie sie den Tag verbracht hatte.

»Seltsames Mädchen!« sagte ich im stillen. »Wohin wird dieses Vorspiel führen?« Das Ereignis unserer ersten Trennung trat vor meine Erinnerung. Trotzdem glaubte ich hinter ihrer Freude und Zärtlichkeit etwas Aufrichtiges zu sehen, das mit dem äußeren Anschein in Einklang stand.

Es war mir nicht schwierig, die Traurigkeit, gegen die ich vergebens während unseres Essens ankämpfte, auf einen Spielverlust zu schieben, den ich angeblich am Nachmittag gehabt hätte. Es erschien mir schon als ein großer Vorteil, daß sie selbst den Vorschlag gemacht hatte, Chaillot am nächsten Tag nicht zu verlassen. Hierdurch gewann ich Zeit zum Nachdenken, und meine Anwesenheit beseitigte für den morgigen Tag alle Arten von Befürchtungen. Ich war sogar entschlossen, wenn ich nichts bemerkte, was mich zwang, meine Entdeckungen laut werden zu lassen, den nächstfolgenden Tag nach der Stadt zu übersiedeln, und zwar in ein Viertel, wo ich nichts von italienischen Fürsten zu befürchten hatte. Infolge dieses Planes verbrachte ich die Nacht in ruhigerer Stimmung, aber der Schmerz, vor einer neuen Treulosigkeit zittern zu müssen, blieb doch zurück.

Als ich erwachte, erklärte mir Manon, wenn ich auch[162] den Tag in unserer Wohnung verbrächte, so wolle sie doch nicht, daß ich deshalb nachlässiger aussehe. Und sie schlug mir vor, mir mit eigenen Händen die Haare zu machen. Ich besaß sehr schönes Haar, und sie hatte sich schon öfter dieses Vergnügen gemacht. An diesem Tage aber schien sie ganz besondere Sorgfalt darauf zu verwenden. Um sie zufriedenzustellen, mußte ich mich vor ihren Toilettentisch setzen und alle die kleinen Mittel versuchen, die sie sich ausdachte, um mich schön zu machen. Im Verlauf ihrer Arbeit veranlaßte sie mich öfters, mein Gesicht ihr zuzuwenden, und, indem sie sich mit beiden Händen auf meine Schultern stützte, betrachtete sie mich mit verlangender Neugierde. Wenn sie dann durch einen oder zwei Küsse ihrer Befriedigung Ausdruck gegeben hatte, mußte ich mich wieder hinsetzen, damit sie ihr Werk fortsetzen konnte.

Mit dieser Tändelei verbrachten wir die Zeit bis zum Diner. Die Lust, die ihr diese Beschäftigung gewährte, erschien mir so natürlich, und in ihrer Fröhlichkeit lag so wenig Verstellung, daß ich solche Anzeichen der Zuneigung in keiner Weise mit der Absicht eines schwarzen Verrats in Übereinstimmung bringen konnte und ein paarmal geneigt war, ihr mein Herz auszuschütten, um mich der Bürde zu entlasten, die mir allmählich zu schwer wurde. Aber ich hoffte immerzu, sie würde mir selbst alles erzählen, und genoß das im voraus wie einen köstlichen Triumph.[163]

Wir kehrten in ihr Kabinett zurück. Sie begann sich wieder mit meinen Haaren zu beschäftigen, und ich fügte mich bereitwillig allen ihren Wünschen, als man ihr meldete, daß der Fürst de *** sie zu sprechen wünschte. Dieser Name erhitzte mich zu einer wahnsinnigen Wut.

»Was soll das heißen?« schrie ich, indem ich sie zurückstieß. »Wer? Was für ein Fürst?«

Sie antwortete mir nicht auf meine Fragen. »Führen Sie ihn herauf!« sagte sie kühl zu dem Diener. Dann wandte sie sich zu mir. »Teurer Geliebter,« flehte sie in bezauberndem Ton, »ich bete dich an, ich bitte dich nur für einen Augenblick um einen Gefallen. Nur für einen einzigen Augenblick! Dafür werde ich dich tausendmal mehr lieben und dir mein ganzes Leben dankbar sein.«

Unwille und Überraschung banden mir die Zunge. Sie wiederholte ihre Bitten, und ich suchte nach Ausdrücken, um sie mit Verachtung zurückzuweisen. Da sie aber hörte, wie die Tür zum Vorzimmer geöffnet wurde, ergriff sie mit einer Hand meine Haare, die über meine Schultern flossen, und nahm in die andere ihren Toilettenspiegel. Sie wandte alle ihre Kraft an, mich in diesem Zustand bis zur Tür des Kabinetts zu ziehen, und, indem sie sie mit dem Knie aufstieß, bot sie dem Fremden, den das Geräusch mitten im Zimmer festgehalten hatte, ein Schauspiel, das ihm sicherlich etwas erstaunlich vorkommen[164] mußte. Ich erblickte einen sehr gut gekleideten, aber ziemlich häßlichen Mann.

Trotz der Verwirrung, in die ihn die Szene versetzte, unterließ er es nicht, eine tiefe Verbeugung zu machen. Manon gab ihm nicht die Zeit, seinen Mund zu öffnen, sie hielt ihm ihren Spiegel vor.

»Sehen Sie, mein Herr,« sagte sie zu ihm, »betrachten Sie sich gut, und antworten Sie mir ehrlich. Sie bitten mich um meine Liebe. Hier aber ist der Mann, den ich liebe, und dem ich Liebe für mein ganzes Leben geschworen habe. Machen Sie selbst den Vergleich. Wenn Sie glauben, ihm mein Herz abspenstig machen zu können, dann sagen Sie mir, auf welcher Grundlage das geschehen soll, denn ich erkläre Ihnen, daß in den Augen Ihrer sehr ergebenen Dienerin alle Fürsten aus Italien nicht so viel gelten als eins dieser Haare, die ich in der Hand halte.«

Während dieser tollen Rede, die sie sich offenbar vorher überlegt hatte, bemühte ich mich vergebens, mich frei zu machen, und da ich mit diesem vornehmen Mann Mitleid empfand, fühlte ich mich veranlaßt, ihre Beleidigung durch meine Höflichkeit gutzumachen. Aber er hatte sich schnell gefaßt, und seine Antwort, die ich ein wenig grob fand, veranlaßte mich, meine Absicht aufzugeben.

»Mein liebes Fräulein,« sagte er mit gezwungenem[165] Lächeln, »ich mache in der Tat meine Augen auf und finde, daß Sie weniger unerfahren sind, als ich gedacht habe.«

Ohne noch einen Blick auf sie zu werfen, zog er sich sofort zurück, indem er mit halber Stimme hinzufügte, daß die französischen Frauen nicht mehr taugten als die italienischen. Es veranlaßte mich nichts bei dieser Gelegenheit, ihm eine bessere Meinung über das schöne Geschlecht beizubringen.

Manon, die jetzt meine Haare losließ, warf sich in einen Sessel, und das ganze Zimmer hallte von ihrem lustigen Lachen wider. Ich kann nicht verhehlen, daß mich ihr Opfer, das ich nur ihrer Liebe zuschreiben konnte, bis ins innerste Herz gerührt hatte. Trotzdem erschien mir ihr Scherz etwas zu weit getrieben, und ich machte ihr deswegen Vorhaltungen.

Sie erzählte mir nun, daß mein Rivale, nachdem er sie mehrere Tage lang im Boulogner Wäldchen verfolgt und ihr durch Gesichterschneiden seine Gefühle gezeigt hatte, den Entschluß gefaßt habe, sich in einem Briefe mit seinem Namen und allen seinen Titeln offen zu erklären. Den Brief ließ er ihr durch den Kutscher des Wagens, in dem sie mit ihren Gefährtinnen saß, überreichen, und er versprach ihr darin jenseits der Alpen glänzende Reichtümer und seine ewige Anbetung. Anfangs war sie mit der Absicht nach Chaillot zurückgekehrt,[166] mir das Abenteuer zu erzählen, dann aber fiel ihr ein, wir könnten uns einen Spaß daraus machen, und sie konnte diesem Gedanken nicht mehr widerstehen. Sie erteilte daher dem italienischen Fürsten in einer sehr liebenswürdigen Antwort die Erlaubnis, sie in ihrer Wohnung zu besuchen, und machte sich zugleich ein zweites Vergnügen daraus, mich in ihren Plan hineinzuziehen, ohne daß ich das mindeste davon ahnte. Ich sagte ihr natürlich von den Mitteilungen, die ich auf anderem Wege über die Sache erhalten hatte, kein Wort, und im Rausch meiner triumphierenden Liebe war ich mit allem einverstanden.

Ich habe immer in meinem Leben bemerkt, daß der Himmel jedesmal, wenn er mich mit seinen schwersten Züchtigungen treffen wollte, gerade die Zeit wählte, in der mein Glück am meisten gesichert erschien. Ich hielt mich in der Freundschaft des Herrn de T*** und der Liebe Manons für so glücklich, daß mich niemand davon hätte überzeugen können, ich brauchte irgendein neues Unglück zu befürchten. Und doch bereitete sich schon ein ganz unheimliches vor. Es brachte mich in den Zustand, in dem Sie mich in Passy sahen, und dann allmählich in so entsetzliche Nöte, daß Sie nur mit Mühe meinem wahrheitsgemäßen Bericht werden Glauben schenken.

Eines Abends hatten wir Herrn de T*** zu Gast, als wir das Geräusch eines Wagens hörten, der am Tor[167] unseres Gasthofes anhielt. Aus Neugierde erkundigten wir uns, wer wohl noch zu dieser Stunde ankommen mochte, und erfuhren dann, es sei der junge G*** M***, das heißt der Sohn meines grausamsten Feindes, dieses alten Wüstlings, der mich in Saint-Lazare und Manon ins Arbeitshaus hatte einsperren lassen. Bei der Erwähnung seines Namens stieg mir das Blut ins Gesicht.

»Der Himmel hat ihn hierhergeführt,« sagte ich zu Herrn de T***, »um an ihm die Gemeinheiten seines Vaters zu bestrafen. Er wird mir nicht entgehen, ohne daß wir die Degen miteinander gekreuzt haben.«

Herr de T***, der ihn kannte und sogar einer seiner besten Freunde war, bemühte sich, mir andere Gefühle gegen ihn einzuflößen. Er versicherte mir, er sei ein junger, sehr liebenswürdiger Mensch und so wenig imstande, an dem Handeln seines Vaters teilzunehmen, daß ich ihn nur einen Augenblick zu sehen brauchte, um ihm meine Achtung zu erweisen und die seinige für mich zu wünschen. Nachdem er noch tausend Dinge zu seinen Gunsten hinzugefügt hatte, bat er mich, ihn einladen zu dürfen, zu uns zu kommen und den Rest des Soupers mit uns zu genießen.

Auf meinen Einwand, daß wir doch Manon einer Gefahr aussetzen würden, wenn wir dem Sohn unseres Feindes ihren Aufenthalt verrieten, beteuerte er auf seine Ehre und seine Seligkeit, daß wir, sobald der junge Mann[168] uns erst kennte, keinen glühenderen Verteidiger haben würden. Natürlich erhob ich nach solchen Versicherungen keine Schwierigkeiten mehr.

Herr de T*** brachte ihn nicht zu uns herein, ohne ihm gesagt zu haben, wer wir seien. Als er unser Zimmer betrat, zeigte er eine Miene, die uns sofort für ihn einnahm. Er umarmte mich, und wir setzten uns hin. Er bewunderte Manon, mich und alles, was uns gehörte. Auch aß er mit einem Appetit, der unserem Souper Ehre erwies.

Nachdem dann abgedeckt war, lenkte sich unsere Unterhaltung in ernsthaftere Bahnen ein. Er schlug die Augen nieder und sprach von der Untat, die sein Vater gegen uns begangen hatte. Dabei äußerte er seine demütigsten Entschuldigungen.

»Ich will mich nicht länger dabei aufhalten,« sagte er zu uns, »um nicht eine Erinnerung wieder aufzufrischen, die mich mit zu großer Scham erfüllt.«

Wenn seine Worte schon von Beginn an aufrichtig waren, so wurden sie es im Verlauf des Abends noch viel mehr, denn er hatte sich noch keine halbe Stunde mit uns unterhalten, als ich schon bemerkte, welchen starken Eindruck die Reize Manons auf ihn machten. Seine Blicke und sein ganzes Benehmen wurden immer gerührter. Zwar ließ er sich nichts davon in seiner Unterhaltung entschlüpfen, aber ich besaß, ohne daß mich die Eifersucht[169] dazu führte, schon zu viel Erfahrung in der Liebe, um nicht alles zu bemerken, was aus dieser Quelle entsprang.

Er leistete uns noch bis zu später Stunde Gesellschaft und verließ uns erst, nachdem er sich wegen unserer Bekanntschaft Glück gewünscht hatte. Auch bat er um die Erlaubnis, dann und wann uns mit seinem Besuch und seinen guten Diensten aufwarten zu dürfen. Des Morgens fuhr er mit Herrn de T***, den er mit in seinen Wagen nahm, wieder ab.

Wie ich schon sagte, hegte ich nicht die geringste Eifersucht, besonders da ich mehr als je den Schwüren Manons Glauben schenkte. Dieses wundervolle Geschöpf war so vollständig Herrin meiner Seele, daß ich für sie nichts anderes als Achtung und Liebe empfinden konnte. Weit entfernt also, ihr daraus ein Verbrechen zu machen, daß sie dem jungen G*** M*** gefallen hatte, war ich entzückt von der Macht ihrer Reize und beglückwünschte mich, von einem Mädchen geliebt zu werden, das alle Menschen liebenswürdig fanden.

Ich hielt es deshalb auch gar nicht für angebracht, ihr meine Vermutungen mitzuteilen. Wir waren ein paar Tage lang damit beschäftigt, neue Kleider für sie herrichten zu lassen und uns zu überlegen, ob wir wohl ins Theater gehen dürften, ohne befürchten zu müssen, daß uns jemand erkennen würde. Herr de T*** besuchte uns gegen Ende der Woche, und wir berieten uns mit ihm[170] darüber. Er erklärte sofort, daß wir es Manon zu Gefallen wagen müßten, und wir beschlossen, noch am gleichen Abend mit ihm hinzugehen.

Aber dieser Entschluß konnte nicht ausgeführt werden, denn er zog mich beiseite, um mir eine Mitteilung zu machen. »Ich befinde mich«, sagte er, »seit meinem letzten Besuch bei Ihnen in der größten Verlegenheit, und auch mein heutiges Kommen ist eine Folge davon. G*** M*** liebt Ihre Geliebte, er hat es mir gestanden. Ich bin sein vertrauter Freund und stehe ihm in allem zur Verfügung, aber ich bin nicht minder auch der Ihrige. Ich bin zu der Überzeugung gekommen, daß seine Absichten ein Unrecht sind, und mißbillige sie. Ich würde nun sein Geheimnis nicht verraten haben, wenn er die Absicht hätte, die gewöhnlichen Wege einzuschlagen, um ihre Neigung zu erringen. Aber er ist sehr gut über den Charakter Manons unterrichtet. Er hat, ich weiß nicht auf welche Weise, in Erfahrung gebracht, daß sie sehr den Überfluß und die Vergnügungen liebt, und da er sich schon im Besitz eines beträchtlichen Vermögens befindet, erklärte er mir, er wolle zuerst einen Versuch mit einem sehr wertvollen Geschenk und dem Anerbieten von zehntausend Franken Rente machen. Wenn Ihre beiderseitige Lage die gleiche wäre, so hätte es mich vielleicht eine größere Überwindung gekostet, ihn zu verraten. Aber neben meiner Freundschaft sprach auch mein[171] Rechtsgefühl zu Ihren Gunsten, um so mehr, da ich ja eigentlich dadurch, daß ich ihn hier eingeführt habe, die unfreiwillige Ursache seiner Leidenschaft bin. Ich halte mich deshalb für verpflichtet, die Folgen des von mir herbeigeführten Übels zu verhindern.«

Ich dankte Herrn de T*** für seinen so wichtigen Dienst und gestand ihm in aufrichtiger Erwiderung seines Vertrauens, daß der Charakter Manons wirklich so sei, wie ihn G*** M*** sich vorstellte, das heißt, daß sie die Vorstellung der Armut nicht ertragen könnte.

»Da es sich aber«, fuhr ich dann fort, »nur um die Frage von etwas mehr oder weniger Reichtum handelt, so glaube ich nicht, daß sie mich um eines anderen willen verlassen könnte. Ich bin imstande, es ihr an nichts fehlen zu lassen, und rechne damit, daß sich mein Vermögen von Tag zu Tag vermehrt. Ich fürchte nur eins,« fügte ich hinzu, »daß G*** M*** seine Kenntnis unseres Aufenthalts benutzt, um uns einen bösen Streich zu spielen.«

Herr de T*** versicherte mir, daß ich in dieser Hinsicht keine Befürchtungen zu hegen brauchte, daß G*** M*** zwar einer verliebten Torheit, aber keiner Schurkerei fähig sei. Wenn er aber wirklich die Niedrigkeit besäße, eine solche zu begehen, so würde er, de T***, der erste sein, ihn deshalb zur Rechenschaft zu ziehen und so das Unglück, das er ermöglicht habe, wieder gutzumachen.[172]

»Ich bin Ihnen sehr für Ihre Gesinnung verbunden«, sagte ich. »Aber wenn das Unglück einmal geschehen sei, dann würde die Wiedergutmachung sehr ungewiß sein. Darum ist es das klügste, dem zuvor zu kommen, indem ich Chaillot verlasse und eine andere Wohnung suche.«

»Nun ja,« erwiderte Herr de T***, »aber Sie würden das kaum so schnell tun können, wie es nötig wäre, denn G*** M*** wird wohl gegen Mittag hier sein. Er hat es mir gestern gesagt, und um Ihnen diese seine Absicht mitzuteilen, bin ich ja gerade so früh schon zu Ihnen hergekommen. Er kann jeden Augenblick eintreffen.«

Ein so dringender Rat machte doch, daß ich die ganze Sache viel ernsthafter nahm. Da es mir unmöglich erschien, den Besuch des G*** M*** zu verhindern, und zweifellos auch ebenso unmöglich, ihn von einer Aussprache mit Manon abzuhalten, beschloß ich, sie selbst von der Absicht dieses neuen Nebenbuhlers zu benachrichtigen. Ich dachte mir, wenn sie über die Anerbietungen, die er ihr machen wollte, unterrichtet sei und sie mit meinen Augen sähe, daß sie dann genügend Kraft haben würde, sie zurückzuweisen. Ich teilte Herrn de T*** meinen Gedanken mit, worauf er mir antwortete, daß das eine sehr heikle Sache sei.

»Ich gebe das zu«, sagte ich. »Aber, wenn es irgendwelche Gründe gibt, einer Geliebten sicher zu sein, so habe ich sie, um auf die Zuneigung der meinigen zu rechnen.[173] Es könnte sie hier nichts als die Größe des Anerbietens verblenden, und ich sagte Ihnen doch schon, daß sie gar nicht nach Geld begierig ist. Sie liebt ein bequemes Leben, aber sie liebt auch mich, und so wie meine Verhältnisse jetzt liegen, möchte ich nicht glauben, daß sie mir den Sohn eines Mannes, der sie ins Arbeitshaus gebracht hat, vorzieht.«

Kurz gesagt, ich blieb bei meiner Absicht, und indem ich Manon zur Seite nahm, setzte ich ihr offen alles, was ich erfahren hatte, auseinander.

Sie dankte mir wegen der guten Meinung, die ich von ihr hätte, und versprach mir, die Anerbietungen des G*** M*** in einer Weise aufzunehmen, die ihm die Lust vertreiben würde, sie noch einmal zu wiederholen.

»Nein,« sagte ich zu ihr, »du darfst ihn nicht durch ein Schroffes Benehmen vor den Kopf stoßen, er kann uns schaden. Aber du weißt ja sehr gut, du Schelm,« fügte ich lachend hinzu, »wie man sich einen unangenehmen oder unbequemen Liebhaber vom Halse hält.«

»Mir kommt da ein wundervoller Einfall«, sagte sie, nachdem sie etwas nachgedacht hatte. »G*** M*** ist der Sohn unseres grausamsten Feindes. Wir wollen uns an dem Vater rächen, aber nicht, indem wir den Sohn, sondern indem wir seine Börse treffen. Ich will ihn anhören, seine Geschenke annehmen und mich über ihn lustig machen.«[174]

»Der Plan ist hübsch«, antwortete ich. »Aber du bedenkst nicht, mein armes Kind, daß das der Weg ist, der uns schon einmal ins Gefängnis geführt hat.«

Ich mochte ihr nun die Gefahren des Unternehmens noch so klar auseinandersetzen, sie sagte mir, es handele sich nur darum, unsere Maßnahmen geschickt zu treffen, und sie fand auf alle meine Einwürfe eine Antwort. Bringen Sie mir einen Liebhaber, der nicht blind auf alle Launen einer angebeteten Geliebten eingeht, dann will ich gestehen, daß es unrecht von mir war, so leicht nachzugeben. Der Entschluß wurde also gefaßt, de G*** M*** zum Narren zu halten, und durch eine tolle Laune des Schicksals geschah es, daß er mich zum Narren hielt.

Gegen elf Uhr sahen wir seinen Wagen ankommen. Er machte uns die liebenswürdigsten Entschuldigungen, weil er sich die Freiheit nehme, sich bei uns zum Diner einzuladen. Er war gar nicht erstaunt, Herrn de T*** anwesend zu finden, denn dieser hatte ihm den Abend vorher versprochen, ebenfalls hinzukommen, und Geschäfte vorgeschützt, um sich davon frei zu machen, denselben Wagen benützen zu müssen. Obgleich sich nun nicht einer unter uns befand, der nicht im Herzen Verrat hegte, setzten wir uns mit vertrauten und freundlichen Gesichtern zu Tisch. G*** M*** fand leicht Gelegenheit, Manon seine Gefühle zu gestehen. Ich konnte ihm kaum störend erscheinen, denn ich entfernte mich absichtlich einige Minuten.[175]

Bei meiner Rückkehr bemerkte ich, daß sie ihn nicht durch ein Übermaß von Kälte zur Verzweiflung gebracht hatte. Er befand sich in der allerbesten Laune, und ich bemühte mich, ebenso zu erscheinen. Innerlich lachte er über meine Einfalt, und ich über die seine. So gaben wir den ganzen Nachmittag hindurch einer für den anderen ein höchst ergötzliches Schauspiel ab. Vor seiner Abreise ermöglichte ich es ihm noch, sich einen Augenblick allein mit Manon zu unterhalten, so daß er mit meiner Gefälligkeit ebenso zufrieden sein durfte wie mit der guten Bewirtung.

Sobald er mit Herrn de T*** in den Wagen gestiegen war, lief mir Manon in die ausgebreiteten Arme und umarmte mich laut lachend. Sie wiederholte mir seine Erklärungen und Vorschläge, ohne ein Wort daran zu ändern. Sie liefen auf folgendes hinaus: Er wollte mit ihr die vierzigtausend Franken Rente teilen, die er, ohne das zu rechnen, was ihn nach dem Tode seines Vaters erwartete, jetzt schon genoß. Sie sollte die Herrin seines Herzens und seines Vermögens sein, und als Liebespfand wollte er ihr einen eigenen Wagen, ein wohleingerichtetes Haus, eine Kammerzofe, drei Diener und einen Koch halten.

»Der Sohn ist doch«, sagte ich zu Manon, »unendlich anständiger als sein Vater. Sage mir einmal ehrlich, reizt dich dieses Anerbieten nicht?«[176]

»Mich?« erwiderte sie und parodierte zur Erläuterung ihrer Gedanken ein paar Verse von Racine:


»Ich könnte dich so sehr betrüben?

Ich ein verhaßtes Antlitz lieben,

Das an das Arbeitshaus mich stets erinnert?«


»Nein«, erwiderte ich und setzte die Parodie fort:


»Nein, die Erinnerung kann nie verblassen,

Du müßtest diesen Menschen immer hassen.«


»Aber trotzdem,« fuhr ich dann fort, »es ist eine starke Verführung, ein eigenes Haus mit einer Kammerzofe, einem Koch, einem Wagen und drei Dienern zu besitzen. Die Liebe allein hat dagegen wenig zu bieten.«

Sie schwur mir zu, daß ihr Herz mir immer gehören, und daß sie niemals andere Geschenke als die meinen annehmen werde.

»Die Versprechungen, die er mir gemacht hat,« sagte sie zu mir, »sind für mich mehr ein Anreiz zur Rache als eine Verführung zur Liebe.«

Ich fragte sie, ob sie die Absicht hätte, das Haus und den Wagen anzunehmen. Sie antwortete mir, sie wollte nur sein Geld.

Die Schwierigkeit bestand nur darin, das eine ohne das andere zu bekommen, und wir beschlossen, zunächst die völlige Enthüllung der Pläne des G*** M*** abzuwarten, die er in einem Brief, du er ihr versprochen hatte, ihr geben wollte. Am folgenden Tag erhielt sie tatsächlich[177] diesen Brief durch einen Lakaien ohne Livree, der sich in sehr geschickter Weise die Gelegenheit verschaffte, sie ohne Zeugen sprechen zu können. Sie sagte ihm, er möchte auf ihre Antwort warten, und brachte mir dann sofort den Brief. Wir öffneten ihn gemeinsam.

Außer den gewöhnlichen Ausdrücken der Zärtlichkeit enthielt er im einzelnen die Vorschläge meines Nebenbuhlers. Er beschränkte in keiner Weise ihre Ausgaben und verpflichtete sich, ihr zehntausend Franken auszuzahlen, sobald sie das Haus übernahm. Außerdem wollte er ihr immer entsprechend Geld hinzugeben, so daß die ersterhaltene Summe sich nicht verminderte. Das Datum dieser Übergabe war nicht weit hinausgeschoben. Er verlangte nur zwei Tage zu seinen Vorbereitungen und nannte ihr den Namen der Straße und des Hauses, in dem er sie am Nachmittag des zweiten Tages erwarten wollte, falls sie sich aus meinen Händen frei machen könnte. Das war der einzige Punkt, über den er sie beschwor, ihn zu beruhigen. Alles andere schien ihm keine Sorge zu machen. Er fügte aber hinzu, wenn sie Schwierigkeiten erwarte, mir zu entkommen, dann würde er Mittel finden, ihr die Flucht leicht zu machen.

G*** M*** war schlauer als sein Vater. Er wollte erst seine Beute in den Händen haben, bevor er sein Geld bezahlte. Wir berieten nun, welche Schritte Manon tun sollte. Noch einmal bemühte ich mich, ihr das ganze[178] Unternehmen aus dem Kopf zu schlagen, und stellte ihr alle Gefahren vor. Aber nichts war imstande, ihren Entschluß zu erschüttern.

In einer kurzen Antwort versicherte sie G*** M***, daß es ihr nicht schwer sein würde, sich an dem festgesetzten Tag nach Paris zu begeben, und daß er sie bestimmt erwarten könnte.

Wir kamen nun noch überein, daß ich sofort eine andere Wohnung in einem am entgegengesetzten Ende von Paris gelegenen Dorfe mieten und unser kleines Gepäck mit mir nehmen sollte. Am folgenden Nachmittag wollte sie sich, wie verabredet, rechtzeitig nach Paris begeben und G*** M***, sobald sie seine Geschenke empfangen hatte, bitten, sie zum Theater zu führen. Alles, was sie von dem erhaltenen Geld tragen konnte, wollte sie einstecken und den Rest dem Bedienten anvertrauen, den sie mitnahm. Es war das noch immer derselbe, der sie aus dem Arbeitshaus befreit hatte, und der uns äußerst ergeben war.

Ich selbst sollte mich mit einem Wagen am Eingang der Rue Saint-André-des-Arts einfinden und ihn bis sieben Uhr dort stehen lassen, um ihn nach Eintritt der Dunkelheit langsam bis zum Eingang des Theaters vorfahren zu lassen. Manon versprach, einen Vorwand zu erfinden, um einen Augenblick die Loge zu verlassen und dann hinabzueilen, um mich zu treffen. Das übrige erschien uns[179] leicht. Wir wären in einem Augenblick in unserer Droschke gewesen und darauf über den Faubourg Saint-Antoine nach unserer neuen Wohnung gefahren.

So toll nun auch unser ganzer Plan war, so erschien er uns doch sehr gut durchdacht. Aber im Grunde war es doch eine wahnsinnige Torheit, nicht daran zu denken, daß, wenn er auch noch glücklich gelang, wir uns später niemals wieder offen vor unseren Verfolgern zeigen konnten. Aber wir setzten uns dem allen mit dem tollkühnsten Selbstvertrauen aus. Manon reiste also mit Marcel, denn so hieß unser Diener, ab. Ich sah sie mit Schmerz fortgehen.

»Manon,« sagte ich zu ihr, indem ich sie küßte, »täuschst du mich auch nicht? Wirst du mir treu bleiben?«

Sie beklagte sich liebevoll wegen meines Mißtrauens und wiederholte noch einmal alle ihre Schwüre.

Sie rechnete darauf, gegen drei in Paris anzukommen. Ich fuhr erst nach ihr ab und verbrachte in höchster Unruhe den Rest des Nachmittags im Café de Feré am Pont Saint-Michel. Ich blieb dort bis zur Dunkelheit und ging dann aus, um einen Wagen zu nehmen, den ich nach unserer Abmachung am Eingang zur Rue Saint-André-des-Arts halten ließ. Darauf ging ich selbst zu Fuß zum Eingang des Theaters.

Ich wunderte mich, hier Marcel nicht zu finden, der mich doch erwarten sollte. Trotzdem verharrte ich inmitten[180] von Lakaien geduldig eine Stunde und beobachtete alle Vorübergehenden. Als es schließlich sieben schlug, ohne daß ich etwas bemerkt hatte, was zu unseren Plänen stimmte, nahm ich ein Parterrebillett, um zu sehen, ob Manon und G*** M*** irgendwo in den Logen säßen. Sie waren aber beide nicht da. Ich kehrte wieder zum Eingang zurück, wo ich noch eine Viertelstunde, fast wahnsinnig vor Ungeduld und Unruhe, wartete. Als niemand erschien, ging ich wieder zu meinem Wagen, ohne daß ich mich zu irgendeinem Entschluß aufraffen konnte.

Der Kutscher, der mich bemerkt hatte, kam mir einige Schritte entgegen, um mir in geheimnisvollem Ton zu sagen, daß eine hübsche Dame mich seit einer Stunde in dem Wagen erwarte. An ihrem ganzen Wesen habe er gleich erkannt, daß sie nach mir suchte, und sie habe auch, als sie erfuhr, daß ich zurückkäme, gesagt, sie wollte geduldig auf mich warten.

Ich bildete mir sofort ein, es sei Manon, und näherte mich ihr. Doch ich sah ein hübsches junges Gesicht, das aber nicht das ihrige war. Die Fremde fragte mich zunächst, ob sie nicht die Ehre hätte, mit dem Herrn Chevalier des Grieux zu sprechen. Ich antwortete ihr, das wäre mein Name.

»Ich habe hier einen Brief für Sie,« fuhr sie fort, »der Ihnen den Grund meines Hierherkommens und die Ursache, warum ich Ihren Namen kenne, mitteilt.«[181]

Ich bat sie, mir die Zeit zu lassen, ihn in einem benachbarten Restaurant zu lesen. Sie folgte mir und riet mir, ein reserviertes Zimmer zu nehmen.

»Von wem kommt der Brief?« fragte ich sie beim Hinaufsteigen. Sie bat mich, ihn zu lesen.

Ich erkannte die Handschrift Manons, der Inhalt war etwa der folgende: G*** M*** hatte sie mit einer Höflichkeit und Freigebigkeit empfangen, die alle ihre Erwartungen überstiegen. Er hatte sie mit Geschenken überhäuft und ihr das Leben einer Königin in Aussicht gestellt. Trotzdem versicherte sie mir, sie würde mich nicht in diesem neuen Glanze vergessen, da sie aber G*** M*** nicht habe überreden können, sie heute abend zum Theater zu führen, so verschöbe sie das Vergnügen, mich zu sehen, auf einen anderen Tag. Um mich aber etwas über den Schmerz zu trösten, den, wie sie voraussähe, diese Nachricht mir bereiten müßte, hätte sie ein Mittel gefunden, mir eins der schönsten Mädchen von Paris zu verschaffen, es sei die Überbringerin des Briefes. Unterzeichnet war der Brief: »Deine getreue Geliebte, Manon Lescaut.«

Es lag etwas so Grausames und so für mich Beleidigendes in dem Schreiben, daß ich, eine ganze Zeit zwischen Zorn und Schmerz schwankend, mir vornahm, für ewig meine undankbare und eidbrüchige Geliebte zu vergessen. Ich warf einen Blick auf das Mädchen, das vor mir saß.[182] Sie war außerordentlich hübsch, und ich hätte gewünscht, sie wäre hübsch genug gewesen, um auch mich eidbrüchig und ungetreu zu machen. Aber ich fand bei ihr nicht die zarten und schmachtenden Augen, den göttlichen Wuchs, die von Amor selbst geschaffene rosige Haut, endlich die ganze unerschöpfliche Fülle von Reizen, die die Natur an die treulose Manon verschwendet hatte.

»Nein, nein«, rief ich aus, indem ich aufhörte, sie zu betrachten. »Die Ungetreue, die Sie herschickte, wußte recht gut, daß sie Sie einen unnützen Weg machen ließ. Kehren Sie zu ihr zurück, und sagen Sie ihr, sie möge ihr Verbrechen genießen, und wenn es ihr möglich sei, dann möge sie es ohne Gewissensbisse tun. Ich verlasse sie für immer, und ich entsage zu gleicher Zeit allen Frauen, die nicht so liebenswürdig sein würden, wie sie es war, wohl aber zweifellos ebenso niederträchtig und ebenso treulos.«

Ich war darauf im Begriff, hinabzusteigen und meiner Wege zu gehen, ohne noch weiter einen Anspruch auf Manon zu erheben. Und da die tödliche Eifersucht, die mir das Herz zerfleischte, sich in eine traurige und düstere Ruhe auflöste, so glaubte ich um so mehr meiner Heilung nahe zu sein, als ich nichts von jener heftigen Erregung spürte, die ich sonst bei gleichen Gelegenheiten gespürt hatte. Ach, ich war ebenso ein Narr der Liebe, wie ich ein Narr des G*** M*** und der Manon zu sein glaubte![183]

Als das Mädchen, das mir den Brief gebracht hatte, sah, daß ich die Treppe hinabsteigen wollte, fragte sie mich, was sie denn nun dem Herrn de G*** M*** und der Dame, die bei ihm war, ausrichten sollte. Auf diese Frage ging ich noch einmal in das Zimmer zurück, und infolge einer Veränderung, die jedem, der nicht ähnliche Leidenschaften empfunden hat, unglaublich vorkommen wird, fühlte ich mich plötzlich aus der Ruhe, in der ich mich zu befinden glaubte, in einen schrecklichen Wahnsinn von Wut versetzt.

»Geh,« sagte ich zu ihr, »schildere dem Verräter G*** M*** und seiner treulosen Geliebten die Verzweiflung, in die mich der verfluchte Brief versetzt hat. Aber teile ihnen auch mit, daß sie nicht lange lachen werden, und daß ich sie alle beide mit eigener Hand erdolchen will.«

Ich ließ mich auf einen Stuhl sinken, mein Hut fiel nach einer Seite, mein Stock nach der anderen. Zwei Ströme von bitteren Tränen begannen aus meinen Augen zu fließen. Der Wutausbruch, der mich überfallen hatte, ging in einen tiefen Schmerz über. Ich weinte immerfort, wobei ich schluchzte und seufzte.

»Komm zu mir, mein Kind, komm zu mir!« schrie ich, indem ich mich an das junge Mädchen wandte. »Komm zu mir, denn dich hat sie ja geschickt, mich zu trösten. Sage mir, ob du einen Trost weißt gegen die Wut und die Verzweiflung, gegen das Verlangen, sich[184] selbst den Tod zu geben, nachdem man die bei den Treulosen getötet hat, die nicht verdienen, zu leben. Ja, komm zu mir«, fuhr ich fort, als ich sah, daß sie einige ängstliche und unsichere Schritte auf mich zu machte. »Komm und trockne meine Tränen. Komm, um mir den Frieden zu bringen, um mir zu sagen, daß du mich liebst, auf daß ich mich gewöhne, zu jemand anderem zu gehen als meiner Ungetreuen. Du bist hübsch, vielleicht könnte ich jetzt dich lieben.«

Das arme Kind, das keine sechzehn oder siebzehn Jahre alt war und schamhafter zu sein schien, als es sonst Mädchen ihrer Art sind, war außerordentlich erstaunt über ein so seltsames Schauspiel. Trotzdem näherte sie sich mir, um mir einige Liebkosungen zu erweisen. Aber ich wich ihnen aus und stieß das Mädchen mit den Händen zurück.

»Was willst du von mir?« sagte ich zu ihr. »Ach, du bist ein Weib, du gehörst zu einem Geschlecht, das ich verachte und das ich nicht mehr ertragen kann. Dein süßes Gesicht bedroht mich nur mit baldigem Verrat. Geh fort und laß mich hier allein.«

Sie machte mir eine Verneigung, ohne es zu wagen, ein Wort zu sprechen, und wandte sich dann zur Tür. Aber ich rief ihr zu, noch zu bleiben.

»Wenigstens mußt du mir noch mitteilen,« sagte ich, »warum, wie und zu welchem Zweck man dich hierhergeschickt[185] hat. Wie hast du meinen Namen und den Ort, wo du mich finden konntest, erfahren?«

Sie erzählte mir, daß sie Herrn de G*** M*** schon seit langem kenne. Um fünf Uhr habe er nach ihr geschickt, und sie sei dem Lakaien, der mit der Nachricht kam, in ein großes Haus gefolgt, wo sie ihn fand, wie er mit einer hübschen Dame Pikett spielte. Alle beide hätten sie dann beauftragt, mir den Brief zu geben, den sie mir auch brachte, und sie hätten ihr gesagt, daß sie mich in einem Wagen am Ende der Rue Saint-André finden würde.

Ich fragte sie, ob sie ihr sonst nichts gesagt hätten. Sie antwortete errötend, sie hätten ihr Hoffnung gemacht, daß ich sie zur Gesellschaft behalten würde.

»Man hat dich getäuscht, du armes Mädchen«, sagte ich zu ihr. »Man hat dich getäuscht. Du bist eine Frau und brauchst einen Mann. Aber du brauchst einen, der reich und glücklich ist, und den kannst du hier nicht finden. Kehre zu Herrn de G*** M*** zurück. Er hat alles, was man haben muß, um von schönen Frauen geliebt zu werden. Er kann elegant eingerichtete Häuser und Equipagen verschenken. Mich, der ich nur meine Liebe und Treue anbieten kann, verachten die Frauen wegen meiner Armut, und sie machen sich über mich lustig, weil ich ihnen vertraue.«

Ich sagte noch tausend Dinge, bald traurige, bald[186] wütende, je nachdem die Erregungen, die mich immer wieder befielen, schwächer oder stärker wurden. In dessen ließen meine Wutausbrüche, nachdem sie mich genug gequält hatten, allmählich doch so viel nach, daß sie einer gewissen Überlegung Platz machten. Ich verglich dieses neue Unglück mit den ähnlich gearteten, die ich schon durchgemacht hatte, und ich fand, daß ich keinen größeren Grund zur Verzweiflung hätte als früher auch. Ich kannte Manon; warum sollte ich mich so durch ein Unglück niederdrücken lassen, das ich hätte voraussehen müssen? Warum sollte ich nicht lieber nach einem Mittel zur Abhilfe suchen? Noch war es Zeit, und ich durfte keinesfalls irgendeine Mühe sparen, wenn ich mir nicht später vorwerfen wollte, durch meine Gleichgültigkeit selbst zu meinen Schmerzen beigetragen zu haben. Ich begann nun darüber nachzudenken, ob nicht irgendein Mittel mir einen Ausweg zur Hoffnung bieten könnte.

Es wäre ein verzweifelter Entschluß gewesen, wenn ich versuchen wollte, sie mit Gewalt den Händen des G*** M*** zu entreißen. Ich hätte mich dabei nur selbst in Gefahr gebracht und auch nicht die geringste Aussicht auf Erfolg gehabt. Aber es schien mir, wenn ich nur die kürzeste Aussprache mit ihr erreichen könnte, dann würde ich sicherlich einen starken Eindruck auf ihr Herz machen. Ich kannte ja so gut alle empfindlichen Stellen darin![187] Ich war so sicher, daß sie mich dennoch liebte! Selbst der seltsame Einfall, mir zum Trost ein hübsches Mädchen zu schicken, war gewiß nur von ihrer Seite gekommen und eine Folge ihres Mitleids mit meinem Kummer.

Ich beschloß deshalb, alle List anzuwenden, um sie zu sehen. Unter den vielen Wegen dahin, die ich einen nach dem anderen erwog, blieb ich schließlich bei folgendem stehen. Herr de T*** hatte begonnen, mir mit solcher Zuneigung zu Diensten zu sein, daß ich nicht im geringsten an seiner Aufrichtigkeit und Freundschaft zweifeln konnte. Ich nahm mir daher vor, sofort zu ihm zu gehen und ihn zu veranlassen, G*** M*** unter dem Vorwand einer wichtigen Angelegenheit rufen zu lassen. Ich brauchte nur eine halbe Stunde, um mit Manon zu sprechen. Meine Absicht war, mich in Manons Zimmer führen zu lassen, und ich glaubte, daß mir das in der Abwesenheit des G*** M*** nicht schwerfallen würde.

Da dieser Entschluß mich sehr beruhigte, bezahlte ich das junge Mädchen, das noch immer bei mir war, sehr freigebig, und um ihr den Gedanken auszutreiben, zu denen zurückzukehren, die sie geschickt hatten, bat ich sie um ihre Adresse und machte ihr Hoffnung, ich würde die Nacht bei ihr verbringen. Ich stieg in meinen Wagen und ließ mich in schnellster Fahrt zu Herrn de T*** bringen. Ich war sehr froh, ihn zu Hause anzutreffen, denn ich hatte mir darüber unterwegs ziemliche Unruhe gemacht.[188] Mit einigen Worten unterrichtete ich ihn über mein Unglück und über den Dienst, den ich von ihm erwartete.

Er war sehr erstaunt, als er erfuhr, daß G*** M*** Manon hatte verführen können. Und da er nichts davon wußte, wie sehr ich selbst an meinem Unglück schuld war, bot er mir in edelmütiger Weise an, alle seine Freunde herbeizurufen, damit sie mit ihren Armen und ihren Degen mir hülfen, meine Geliebte zu befreien. Ich machte ihm begreiflich, daß ein solcher Überfall für Manon und mich verderblich sein könnte.

»Versparen wir unser Blut«, sagte ich zu ihm, »für den äußersten Fall. Ich habe einen stilleren Weg erwogen, von dem ich nicht geringeren Erfolg erwarte.«

Er verpflichtete sich rückhaltlos, alles zu tun, was ich von ihm verlangte, und als ich ihm gesagt hatte, daß es sich nur darum handele, G*** M*** zu benachrichtigen, daß er mit ihm zu sprechen habe, und ihn dann eine oder zwei Stunden festzuhalten, brach er sofort mit mir auf, um meinem Wunsch zu willfahren.

Wir suchten nun nach einem Mittel, das dazu dienen konnte, ihn solange zu beschäftigen. Ich riet ihm, zunächst aus einer Wirtschaft einen kurzen Brief zu schreiben und ihn darin zu bitten, in einer Angelegenheit, die dringend sei, daß sie keinen Aufschub vertrüge, sofort dorthin zu kommen.

»Ich werde dann«, fügte ich hinzu, »den Augen blick[189] seines Fortgehens beobachten und ohne Mühe in das Haus hineinkommen, da mich dort niemand kennt außer Manon und Marcel, der mein Diener ist. Was Sie nun angeht, der Sie inzwischen mit G*** M*** zusammen sind, so können Sie ihm sagen, daß die wichtige Sache, wegen der Sie ihn sprechen wollten, eine Geldangelegenheit ist. Sie hätten das Ihrige im Spiel verloren und dann hoch auf Ehrenwort gespielt mit demselben unglücklichen Ergebnis. Er wird Zeit gebrauchen, um Sie zu seinem Geldschrank zu führen, und ich kann inzwischen in Ruhe meine Absicht ausführen.«

Herr de T*** befolgte diesen Plan genau. Ich ließ ihn in einer Wirtschaft, wo er sofort seinen Brief schrieb, während ich mich inzwischen einige Schritte von Manons Hause aufstellte. Ich sah den Boten mit dem Brief ankommen und G*** M*** einen Augenblick später, gefolgt von einem Lakaien, zu Fuß das Haus verlassen. Ich wartete noch, bis er sich aus der Straße entfernt hatte, worauf ich mich der Türe meiner Ungetreuen näherte und trotz meines großen Zorns mit einer Ehrfurcht anklopfte, als sei es die Tür zu einem Heiligtum.

Zum Glück war es Marcel, der mir öffnete, und ich machte ihm ein Zeichen, daß er schweigen sollte. Obgleich ich nun nichts von den anderen Dienern zu fürchten hatte, fragte ich ihn ganz leise, ob er mich, ohne daß es jemand bemerkte, in das Zimmer führen könnte, in dem sich[190] Manon befand. Er antwortete mir, daß das leicht sei, wenn ich vorsichtig die Haupttreppe hinaufginge.

»Also gehen wir sofort«, sagte ich zu ihm. »Und sorge dafür, daß, während ich da bin, niemand sonst hinaufgeht.«

Ich gelangte auch ohne Hindernis bis zu Manons Zimmer.

Sie war damit beschäftigt, in einem Buch zu lesen, und ich hatte jetzt wieder einmal Gelegenheit, den Charakter dieses merkwürdigen Mädchens zu bewundern. Weit davon entfernt, bei meinem Anblick erschreckt oder furchtsam zu erscheinen, zeigte sie nur jenes leichte Erstaunen, das uns unwillkürlich beim Erscheinen eines Menschen überkommt, den wir weit entfernt glauben.

»Ach, das bist du, mein Herz«, sagte sie und kam auf mich zu, um mich mit gewohnter Zärtlichkeit zu umarmen. »Du lieber Himmel, wie kühn du bist! Wer hätte dich heute gerade hier erwartet?«

Ich befreite mich aus ihren Armen, und anstatt ihre Liebkosungen zu erwidern, stieß ich sie verächtlich von mir und trat zwei oder drei Schritte zurück, um sie mir vom Leibe zu halten. Mein Verhalten verfehlte natürlich nicht, sie aus der Fassung zu bringen. Sie blieb bewegungslos stehen und schaute mich an, wobei sie die Farbe wechselte.

Ich war im Grunde so entzückt, sie wiederzusehen,[191] daß ich bei allem Grund, sehr zornig zu sein, nur mit Mühe den Mund öffnen konnte, um ihr Vorwürfe zu machen. Aber mein Herz blutete von der grausamen Wunde, die sie mir zugefügt hatte, und ich stellte mir das recht lebhaft vor, um meine Wut anzustacheln. Dabei versuchte ich, in meinen Augen eine andere Glut funkeln zu lassen als die der Liebe. Da ich eine Zeitlang schweigend so verharrte, und sie meine Erregung bemerkte, begann sie, offenbar vor Furcht, zu zittern.

Diesen Anblick konnte ich nicht ertragen.

»Ach, Manon,« sagte ich zu ihr in zärtlichem Ton, »du ungetreue und eidbrüchige Manon! Womit soll ich meine Klagen beginnen? Ich sehe dich bleich und zitternd, und bin noch immer so empfindlich gegen deine geringsten Schmerzen, daß ich fürchte, dich mit meinen Vorwürfen zu sehr zu betrüben. Aber, du kannst mir glauben, Manon, der Schmerz über deinen Verrat hat mein Herz durchbohrt, solche Schläge fügt man nur einem Liebhaber zu, wenn man seinen Tod beschlossen hat. Es geschieht nun zum drittenmal, Manon. Ich habe es wohl gezählt, und man kann es unmöglich vergessen. Du mußt nun in dieser Stunde noch dir klar werden, welchen Entschluß du fassen willst, denn mein betrübtes Herz hält die Prüfungen einer so grausamen Behandlung nicht mehr aus. Ich fühle, wie es sich zusammenzieht und nahe daran ist, vor Schmerz zu brechen. Ich ertrage[192] es nicht mehr«, fügte ich hinzu, indem ich mich auf einen Stuhl setzte. »Ich habe kaum noch die Kraft, zu sprechen und mich aufrecht zu erhalten.«

Sie gab mir keine Antwort, aber, als ich mich hingesetzt hatte, ließ sie sich auf die Knie fallen und neigte ihren Kopf über den meinigen, indem sie ihr Gesicht in meinen Händen verbarg. Ich fühlte sofort, wie sie sie mit ihren Tränen benetzte. Mein Gott, welche Empfindungen durchströmten mein Herz!

»Ach, Manon, Manon,« fuhr ich seufzend fort, »deine Tränen kommen sehr spät, nachdem du mir vorher den Tod gegeben hast. Du heuchelst eine Traurigkeit, die du ja unmöglich fühlen kannst. Der größte deiner Schmerzen ist ja sicherlich meine Gegenwart, die dir immer für deine Vergnügungen lästig war. Öffne die Augen, sieh, wer ich bin. Man vergießt nicht so zarte Tränen eines Unglücklichen willen, den man verraten hat, und den man auf so grausame Weise im Stiche läßt.«

Sie küßte meine Hände, ohne ihre Stellung zu verändern.

»Unbeständige Manon,« fuhr ich weiter fort, »undankbares und treuloses Mädchen! Wo sind deine Versprechungen und Schwüre? Du unendlich flatterhafte und grausame Geliebte, was hast du dieser Liebe angetan, die du mir heute noch geschworen hast? Gerechter Himmel!«[193] fügte ich hinzu, »darf eine Ungetreue so über dich lachen, nachdem sie dich so feierlich zum Zeugen angerufen hat? Wird denn der Eidbruch noch belohnt? Bleiben die Verzweiflung und die Verlassenheit für den, der anhänglich und treu gewesen ist?«

Diese Worte waren von so bitteren Gefühlen begleitet, daß ich unwillkürlich einige Tränen vergoß. Manon bemerkte das am veränderten Ton meiner Stimme, und sie brach endlich ihr Schweigen.

»Ich muß wohl sehr schuldig sein,« sagte sie traurig zu mir, »weil ich dir so viel Schmerz und Aufregung verursacht habe. Aber der Himmel möge mich bestrafen, wenn ich davon etwas gewußt habe oder überhaupt nur an diese Möglichkeit dachte.«

Diese Bemerkung schien mir in einem solchen Maße sinnlos und unehrlich zu sein, daß ich mich nicht gegen einen heftigen Zornesausbruch wehren konnte.

»Abscheuliche Verstellung!« schrie ich. »Ich sehe mehr als je, daß du nichts als eine verworfene und ruchlose Verräterin bist. Ich kenne jetzt deinen gemeinen Charakter. Lebe wohl, feiges Geschöpf«, fuhr ich fort, indem ich mich erhob. »Lieber will ich tausend Tode sterben, als mit dir in Zukunft noch einmal das geringste zu tun haben. Der Himmel möge mich selber strafen, wenn ich dich jemals wieder auch nur eines Blickes würdige! Bleibe bei deinem neuen Geliebten, liebe ihn, verachte mich, entsage[194] jedem Ehrgefühl und Anstand. Ich lache darüber, es ist mir völlig gleichgültig.«

Mein Zornesausbruch hatte sie in einen solchen Schrecken versetzt, daß sie noch immer neben dem Stuhl, von dem ich mich erhoben hatte, auf den Knien lag und mich zitternd ansah, ohne daß sie auch nur zu atmen wagte. Ich machte noch einige Schritte nach der Tür hin, wobei ich mein Gesicht zurückwandte und meine Augen starr auf sie gerichtet hielt. Aber ich hätte kein menschliches Gefühl mehr haben müssen, um solchen Reizen gegenüber kalt zu bleiben.

Ich war so weit davon entfernt, eine solche barbarische Kraft zu besitzen, daß ich plötzlich in das ganz entgegengesetzte Gefühl umschlug. Ich wandte mich wieder zu ihr hin, oder vielmehr ich stürzte besinnungslos auf sie zu. Ich nahm sie in meine Arme und gab ihr tausend zärtliche Küsse. Ich bat sie um Verzeihung wegen meiner Heftigkeit, ich klagte mich an, ich sei ein roher Mensch und verdiene nicht, von einem Mädchen wie sie geliebt zu werden.

Ich ließ sie sich hinsetzen, und indem ich jetzt nun selbst vor ihr niederkniete, beschwor ich sie, mich in dieser Stellung anzuhören. Und alles, was ein unterwürfiger und leidenschaftlicher Liebhaber sich nur an Worten der Verehrung und Zärtlichkeit ausdenken konnte, das legte ich jetzt in meine Entschuldigungen hinein. Ich erbat es mir[195] von ihr als eine Gnade, daß sie mir selbst ihre Verzeihung aussprechen sollte. Sie ließ ihre Arme auf meinen Hals sinken und sagte, sie selbst sei meiner Güte bedürftig, um mich all den Kummer, den sie mir bereitet hätte, vergessen zu lassen. Auch fange sie mit gutem Grund an zu fürchten, daß das, was sie zu ihrer Rechtfertigung zu sagen habe, von mir nicht gebilligt würde.

»Ich sollte das nicht billigen!« unterbrach ich sie schnell. »Ach, ich verlange von dir keine Rechtfertigung, ich billige alles, was du getan hast. Nicht ich habe nach den Gründen deines Handelns zu fragen. Ich bin ja schon zufrieden und glücklich, wenn meine teure Manon mir nicht die Liebe ihres Herzens versagt! Aber«, fuhr ich fort, ohne noch weiter an die Lage meines Schicksals zu denken, »allmächtige Manon, du, die mir nach Laune Lust und Leid zufügt, nachdem du nun genugsam meine Unterwürfigkeit und die Zeichen meiner Reue genossen hast, dürfte ich dir jetzt nicht von meiner Traurigkeit und von meinen Schmerzen reden? Werde ich erfahren, was heute aus mir werden soll, und ob du unwiderruflich mein Todesurteil unterzeichnest, indem du diese Nacht mit meinem Nebenbuhler verbringst?«

Sie nahm sich einige Zeit, um ihre Antwort zu überlegen.

»Mein Chevalier,« sagte sie, indem sie wieder ein ruhiges Gesicht annahm, »hättest du dich gleich so ruhig[196] ausgedrückt, so hättest du dir viel Kummer und mir eine schmerzliche Szene erspart. Da deine Schmerzen nur aus deiner Eifersucht kommen, so hätte ich sie mit meinem Anerbieten, dir sofort bis ans Ende der Welt zu folgen, leicht geheilt. Aber ich glaubte, der Brief, den ich dir unter den Augen des Herrn G*** M*** geschrieben, und das Mädchen, das wir dir zugeschickt, hätten deinen Kummer verursacht. Ich nahm an, du hieltest meinen Brief für eine Verspottung, und du sähest in der Absendung des Mädchens eine Erklärung, daß ich dich verließe, um mich mit G*** M*** zu verbinden. Dieser Gedanke hat mich dann ganz verwirrt gemacht, denn so unschuldig ich war, so mußte ich doch, wenn ich darüber nachdachte, zugeben, daß der Schein gegen mich sprach. Aber du sollst nun selbst mein Richter sein, nachdem ich dir den wahren Zusammenhang der Dinge auseinandergesetzt habe.«

Sie erzählte mir nun alles, was ihr geschehen war, seit sie G*** M*** getroffen hatte, der sie an dem Ort, wo wir uns jetzt befinden, erwartete. Er empfing sie wirklich wie die erste Prinzessin der Welt und zeigte ihr alle Zimmer, die von einer wunderbaren Vornehmheit und Sauberkeit waren. Er gab ihr in ihrem Kabinett zehntausend Franken und fügte einige Schmuckstücke hinzu, unter denen sich auch der Halsschmuck und die Armbänder befanden, die sie schon einmal von seinem Vater erhalten hatte.

Darauf führte er sie in einen Salon, den sie noch nicht[197] gesehen hatte, und wo ein ausgesuchter Imbiß auf sie wartete. Er ließ sie durch neue Lakaien bedienen, die er eigens für sie angeworben hatte mit dem Befehl, sie in Zukunft ganz als ihre Herrin zu betrachten. Schließlich zeigte er ihr den Wagen, die Pferde und seine übrigen Geschenke, worauf er ihr vorschlug, die Zeit bis zum Souper mit einer Partie Karten zu verbringen.

»Ich gestehe dir,« fuhr sie fort, »daß ich von dieser Freigebigkeit doch ergriffen wurde. Ich überlegte, daß es schade sein würde, uns auf einmal aller dieser Reichtümer zu berauben und damit zufrieden zu sein, die zehntausend Franken und den Schmuck mitzunehmen. Hier lag ja ein ganzes Vermögen für mich und für dich bereit, und wir konnten auf kosten des G*** M*** davon recht angenehm leben.

Anstatt ihm also den Theaterbesuch vorzuschlagen, setzte ich es mir in den Kopf, ihn über dich auszuforschen, um zu wissen, ob wir es bei der Durchführung meiner Absicht leicht hätten, uns zu sehen. Ich fand, daß er einen sehr lenksamen Charakter hatte. Er fragte mich, was ich von dir halte, und ob ich nicht ein wenig Bedauern empfände, dich zu verlassen. Ich antwortete ihm, du wärest so liebenswürdig und hättest dich immer so anständig gegen mich benommen, daß es nicht natürlich wäre, wenn ich dich haßte. Er gestand, daß du sicherlich Vorzüge besäßest, und daß er selbst den Wunsch empfunden hätte, deine Freundschaft zu erwerben.[198]

Er wollte dann wissen, wie du wohl meine Flucht aufnehmen würdest, besonders, wenn du erst wüßtest, daß ich in seinen Händen sei. Ich antwortete ihm, unsere Liebe wäre schon so alten Datums, daß sie Zeit gehabt hätte, sich etwas abzukühlen. Im übrigen befändest du dich in ziemlich schlechten Vermögensverhältnissen und sähest deshalb vielleicht meine Flucht gar nicht als ein so großes Unglück an, da sie dich von einer ziemlich drückenden Last befreie. Ich fügte noch hinzu, ich sei überzeugt, daß du dich friedlich verhalten würdest. Ich hätte auch keine Schwierigkeiten gehabt, als ich dir sagte, ich ginge wegen einiger Besorgungen nach Paris. Du hättest dem zugestimmt und mich selbst begleitet, und du wärest, als ich dich verließ, durchaus nicht unruhig gewesen.

›Wenn ich glaubte,‹ sagte er zu mir, ›daß er geneigt wäre, mit mir in gutem Einvernehmen zu leben, so würde ich der erste sein, ihm meine Dienste und Gefälligkeiten anzubieten.‹

Ich versicherte ihm, daß, soweit ich deinen Charakter kännte, du zweifellos in höflicher Weise darauf eingehen würdest, besonders wenn er dir in deinen Vermögensverhältnissen helfen könnte, die seit deinem Bruch mit deiner Familie sehr ungeordnet seien. Er unterbrach mich mit der Versicherung, daß er dir, soweit es an ihm liege, alle Dienste erweisen würde, und wenn du Lust zu einem anderen Liebesverhältnis hättest, so würde er dir ein[199] hübsches Mädchen verschaffen, das er verlassen habe, um sich mit mir zu verbinden.

Ich billigte seine Idee,« fügte sie hinzu, »um in jeder Weise seinem Mißtrauen zuvorzukommen, und da ich mich immer stärker in meinen Plan verstrickte, so wünschte ich mir nur, ein Mittel zu finden, dich aufzuklären, denn ich fürchtete, du möchtest dich zu sehr beunruhigen, wenn ich an unserer Verabredung nicht festhielte. Nur in dieser Absicht habe ich ihm vorgeschlagen, dir diese neue Geliebte noch am gleichen Abend zuzuschicken, denn so fand ich eine Gelegenheit, dir zu schreiben. Ich mußte mich dieser List bedienen, denn ich sah keine Hoffnung, daß er mich auch nur einen Augenblick allein lassen würde.

Er lachte über meinen Vorschlag und rief seinen Lakaien, den er fragte, ob er wohl sofort seine frühere Geliebte auffinden könnte. Dann schickte er ihn los, sie zu suchen. Er glaubte, er müßte dich nachher in Chaillot aufsuchen lassen, aber ich erzählte ihm, wir hätten uns, als wir uns trennten, verabredet, uns am Theater zu treffen, wo du mich, falls ich irgendwie verhindert sein sollte, hinzugehen, in einem Wagen am Ende der Rue Saint-André erwarten wolltest. Daher sei es besser, dir dorthin die neue Geliebte zu senden, damit du nicht gezwungen seist, die ganze Nacht durch zu warten. Ich habe ihm dann noch gesagt, ich hielte es für angebracht, dir in einem Briefe[200] diese Veränderung zu erklären, die du sonst wohl kaum begreifen würdest.

Auf diese Art,« fügte Manon hinzu, »ist alles so gekommen. Ich verhehle dir nichts, weder über meine Taten noch über meine Absichten. Das junge Mädchen kam, und ich fand sie hübsch. Und, da ich nicht daran zweifelte, daß mein Ausbleiben dir Schmerz verursachen würde, so hoffte ich aufrichtig, sie möchte dir einige Augenblicke Zerstreuung geben. Denn die Treue, die ich von dir wünsche, ist die des Herzens. Ich wäre entzückt gewesen, wenn ich dir Marcel hätte schicken können, aber ich fand auch nicht eine Minute, um ihm das klarzulegen, was ich dir gern mitgeteilt hätte.«

Sie schloß ihren Bericht damit, daß sie mir erzählte, in welche Verlegenheit G*** M*** durch den Brief des Herrn de T*** versetzt wurde.

»Er hat geschwankt,« sagte sie zu mir, »ob er mich verlassen dürfte, und mir versichert, daß er bald wieder zurück sein würde. Das ist auch der Grund, weshalb ich dich hier nicht ohne Unruhe sehe, und warum ich so erstaunt über deine Ankunft war.«

Ich hörte diesen Bericht mit großer Geduld an, obgleich er für mich manches Quälende und Demütigende enthielt, denn ihre Absicht, mir untreu zu sein, war so klar, daß sie sich nicht einmal die Mühe gab, sie zu verbergen. Sie konnte nicht hoffen, daß G*** M*** sie die ganze[201] Nacht wie eine Vestalin behandeln würde. Sie rechnete also damit, diese Nacht mit ihm zu verbringen. Welch ein Geständnis für einen Liebhaber!

Trotzdem schrieb ich mir auch einen Teil der Schuld zu, denn ich hatte ihr selbst von den Gefühlen des G*** M*** gegen sie Mitteilung gemacht und war dann blindlings auf ihren verwegenen und abenteuerlichen Plan eingegangen. Im übrigen rührte mich infolge meiner eigenartigen Veranlagung die Aufrichtigkeit ihres Berichts und die treuherzige, offene Art, mit der sie mir selbst die für mich am meisten kränkenden Einzelheiten erzählte.

»Sie sündigt ohne böse Absicht,« sagte ich zu mir. »Sie ist leichtsinnig und unklug, aber sie ist auch offen und ehrlich.«

Dazu kam, daß schon meine Liebe allein genügte, um mir über alle ihre Fehler die Augen zu verschließen. Ich war zu sehr befriedigt durch die Hoffnung, sie noch an diesem Abend meinem Nebenbuhler wieder abzunehmen.

Trotzdem sagte ich zu ihr: »Und die Nacht, mit wem hättest du sie verbracht?«

Diese Frage, die ich in traurigem Ton an sie richtete, brachte sie in Verwirrung. Sie antwortete mir nur mit abgebrochenen Sätzen. Schließlich empfand ich Mitleid mit ihrem Schmerz, und, indem ich diesen Gegenstand fallen ließ, erklärte ich ihr kurz, ich erwartete, daß sie mir unverzüglich folgen würde.[202]

»Ich bin schon damit einverstanden«, sagte sie zu mir. »Aber billigst du denn nicht meinen Plan?«

»Ach,« erwiderte ich, »ist es denn noch nicht genug, daß ich alles billige, was du bis jetzt getan hast?«

»Wie? Und die zehntausend Franken sollen wir auch nicht mitnehmen?« fragte sie. »Er hat sie mir doch gegeben, sie gehören mir.«

Ich riet ihr, alles im Stich zu lassen und an nichts zu denken als an unsere schleunige Flucht, denn obgleich ich jetzt kaum eine halbe Stunde mit ihr zusammen war, so fürchtete ich doch die Rückkehr des G*** M***. Sie bat mich aber so dringend, sie doch nicht mit leeren Händen hinausgehen zu lassen, daß ich glaubte, ihr auch etwas bewilligen zu müssen, nachdem ich schon so viel von ihr erlangt hatte.

Gerade während wir beide dabei waren, uns zur Flucht fertigzumachen, hörte ich, wie an der Straßentüre geklopft wurde. Ich zweifelte durchaus nicht daran, daß es G*** M*** sei, und in dem Ärger, der mich bei dem Gedanken überkam, sagte ich zu Manon, er würde ein toter Mann sein, wenn er sich sehen ließ. Ich befand mich auch tatsächlich noch immer in einer so aufgeregten Stimmung, daß ich mich bei seinem Anblick nicht hätte mäßigen können. Marcel machte meiner Unruhe ein Ende, indem er mir einen Brief überreichte, den er an der Tür für mich empfangen hatte. Er kam von Herrn de T***.[203]

Herr de T*** schrieb mir in dem Brief, er wolle, da G*** M*** fortgegangen sei, um in seinem Hause das Geld für mich zu holen, seine Abwesenheit benutzen, um mir einen recht hübschen Gedanken mitzuteilen. Es schiene ihm nämlich, daß ich mich nicht schöner an meinem Nebenbuhler rächen könnte, als indem ich sein Souper verzehrte und diese selbe Nacht in dem Bette verbrächte, in dem er mit meiner Geliebten zu schlafen gedacht hatte. Dieser Plan erschiene ihm leicht ausführbar. Ich brauchte mir nur drei oder vier Mann zu nehmen, die den Mut hätten, ihn auf der Straße festzunehmen, und zuverlässig genug wären, ihn bis zum kommenden Morgen festzuhalten. Was ihn, Herrn de T***, anginge, so verspräche er, ihn noch eine Stunde mit allerlei Gründe, die er schon für seine Rückkehr vorbereitet habe, festzuhalten.

Ich zeigte den Brief Manon und erzählte ihr, welche List ich angewendet hätte, um freien Zutritt zu ihr zu bekommen. Mein Einfall und auch der des Herrn de T*** erschienen ihr wundervoll. Wir lachten eine Weile vergnügt darüber, als ich aber über den Vorschlag des de T*** wie über einen Scherz sprach, war ich erstaunt, mit welchem Ernst sie darauf einging wie auf eine Sache, deren Idee sie entzückte. Vergebens fragte ich sie, auf welche Art ich denn jetzt plötzlich Leute auftreiben könnte, die imstande wären, den G*** M*** festzunehmen und ihn sicher zu bewachen. Sie antwortete mir, ich müßte[204] es zum wenigsten versuchen, da uns ja Herr de T*** noch für eine Stunde gutsagte. Und auf meine übrigen Einwände erwiderte sie nur, ich spiele mich als einen Tyrannen auf und sei sehr ungefällig gegen sie. Sie fände überhaupt den ganzen Plan wunderhübsch.

»Du wirst zum Souper sein Gedeck haben«, wiederholte sie mir. »Du wirst in seinem Bette schlafen, und morgen in aller Frühe wirst du seine Geliebte und sein Geld davonführen. Du wirst aufs beste gerächt sein, sowohl an dem Vater wie an dem Sohn.«

Ich gab ihren dringenden Bitten nach, trotz einer geheimen Unruhe meines Herzens, die mir einen schlimmen Zusammenbruch zu prophezeien schien. Ich ging nun aus in der Absicht, zwei oder drei Gardesoldaten, mit denen mich Lescaut in Verbindung gebracht hatte, damit zu beauftragen, G*** M*** festzunehmen. Ich fand nur einen in seiner Wohnung, aber er war ein unternehmungslustiger Mensch, der mir, sowie er erfuhr, worum es sich handelte, guten Erfolg versicherte. Er verlangte nur zehn Pistolen von mir, um drei Soldaten anzuwerben, an deren Spitze er sich stellen wollte.

Ich bat ihn, keine Zeit zu verlieren, und er versammelte sie in weniger als einer Viertelstunde. Ich wartete auf ihn vor seiner Wohnung, und als er mit seinen Spießgesellen erschien, führte ich sie selbst in einen Winkel einer Straße, durch die G*** M*** bei seiner Rückkehr[205] nach der Wohnung Manons notwendigerweise kommen mußte. Ich wies ihn an, ihn nicht zu mißhandeln, ihn aber bis sieben Uhr morgens sorgfältig zu bewachen, damit ich sicher sein konnte, daß er nicht entwich. Er sagte mir, er wolle ihn auf sein Zimmer führen und ihn zwingen, sich auszuziehen oder sogar in seinem Bett zu schlafen, während er und seine drei Haudegen die Nacht mit Trinken und Spielen verbringen würden.

Ich blieb bei ihnen bis zu dem Augenblick, als ich G*** M*** erscheinen sah, und verbarg mich dann in geringer Entfernung in einer dunklen Ecke. Der Gardist redete ihn mit der Pistole in der Hand an und erklärte ihm höflich, er wolle weder sein Leben noch sein Geld. Wenn er aber die geringste Schwierigkeit machen würde, ihm zu folgen, oder den leisesten Schrei ausstoßen würde, so sei er gezwungen, ihm eine Kugel durch den Kopf zu jagen. G*** M***, der sah, daß sein Gegner durch drei Soldaten unterstützt wurde, und auch ohne Zweifel die Ladung der Pistole fürchtete, leistete keinen Widerstand. Ich sah, wie sie ihn wie einen Hammel davonführten.

Ich kehrte nun sofort zu Manon zurück, und um den Dienern jeden Verdacht zu nehmen, sagte ich ihr beim Eintreten, sie brauchte Herrn de G*** M*** nicht mehr zum Souper zu erwarten. Er sei durch Geschäfte überrascht worden, die ihn wider Willen zurückhielten, und habe mich gebeten, ihr seine Entschuldigung auszurichten[206] und mit ihr zu soupieren. Bei einer so schönen Dame betrachte ich das als eine große Gunst.

Sie unterstützte sehr geschickt meine Absicht. Wir nahmen an der Tafel Platz und machten ein ernstes Gesicht, solange die uns aufwartenden Diener anwesend waren. Als wir sie endlich entlassen hatten, verbrachten wir einen der schönsten Abende unseres Lebens. Ich befahl heimlich Marcel einen Wagen zu suchen, der am nächsten Morgen vor sechs Uhr vor der Tür stehen sollte. Ich tat so, als verließ ich Manon gegen Mitternacht, aber, nachdem ich mich heimlich mit Marcels Hilfe wieder hereingeschlichen hatte, schickte ich mich an, mich in das Bett des G*** M*** zu legen, gerade wie ich seinen Platz bei Tisch eingenommen hatte.

Während dieser Zeit arbeitete aber unser böses Geschick daran, uns zu verderben. Wir befanden uns in einem Taumel des Vergnügens, und dabei hing das Schwert über unseren Häuptern. Der Faden, der es hielt, begann zu reißen, aber, damit Sie alle Umstände unseres Zusammenbruchs begreifen, muß ich Ihnen die Ursache davon erzählen.

G*** M*** wurde, als ihn der Gardist festnahm, von einem Lakaien begleitet. Dieser eile, als er das Abenteuer seines Herrn sah, erschreckt zurück, und das erste, was er tat, um Hilfe herbeizuholen, war, daß er dem alten G*** M*** von dem Geschehenen Mitteilung machte.[207]

Eine so schlimme Nachricht mußte ihn natürlich aufs äußerste beunruhigen, denn er hatte nur diesen einen Sohn. Für sein Alter war er aber noch sehr rührig. Zunächst wollte er von dem Diener alles wissen, was sein Sohn den Nachmittag über getan, ob er mit jemand einen Streit gehabt oder sich an dem Streit eines anderen beteiligt, oder ob er sich in einem berüchtigten Haus aufgehalten hätte. Der Diener, der seinen Herrn in der größten Lebensgefahr glaubte und nichts mehr verschweigen wollte, um ihm nur Hilfe zu verschaffen, entdeckte alles, was er wußte über die Liebesgeschichte mit Manon und die großen Ausgaben, die für sie gemacht worden waren. Er erzählte, wie er den Nachmittag bis etwa gegen neun Uhr zu Hause verbracht habe und dann ausgegangen sei, bis ihm auf dem Heimweg dieses Unglück zustieß.

Dieses war genug, um den Alten auf die Vermutung zu bringen, sein Sohn habe einen Streit in einer Liebesangelegenheit gehabt. Obgleich es nun nach halb elf war, zauderte er nicht, sich sofort zum Herrn Polizeihauptmann zu begeben. Er bat ihn, allen Wachtpatrouillen besondere Befehle zu geben. Dann ließ er sich selbst eine Patrouille zur Begleitung zuteilen und eilte nach der Straße, wo man seinen Sohn festgenommen hatte. Er durchforschte alle Winkel der Stadt, in denen er hoffen konnte, ihn zu finden, und als er keine Spur entdeckt hatte, ließ er sich[208] endlich nach dem Haus seiner Geliebten führen, weil er glaubte, er wäre vielleicht dorthin zurückgekehrt.

Ich war gerade dabei, mich zu Bett zu begeben, als er ankam. Die Tür zu dem Zimmer war verschlossen, und von dem Klopfen an der Haustüre hatte ich nichts gehört. Aber er trat in Begleitung von zwei Polizisten ins Haus, und nachdem er sich erfolglos nach dem Schicksal seines Sohnes erkundigt hatte, kam ihm der Gedanke, diese Geliebte zu sehen, um vielleicht von ihr eine Aufklärung zu erhalten. Er stieg also, noch immer von seinen Polizisten begleitet, zum Schlafzimmer hinauf. Wir waren dabei, uns ins Bett zu legen, und als er die Tür öffnete, erstarrte uns das Blut in den Adern.

»Oh, mein Gott, das ist der alte G*** M***«, sagte ich zu Manon.

Ich sprang nach meinem Degen, er war aber unglücklicherweise in meinen Gurt verwickelt. Die Polizisten, die meine Bewegung bemerkten, sprangen auch sofort vor, um danach zu greifen. Ein Mann im Hemd ist gänzlich wehrlos, und so entrissen sie mir jedes Mittel zum Widerstand.

Obgleich G*** M*** durch diese Szene verwirrt war, erkannte er mich doch sofort. Und noch leichter erkannte er Manon.

»Ist das eine Sinnestäuschung?« sagte er ernst zu uns. »Sehe ich hier wirklich den Chevalier des Grieux und Manon Lescaut?«[209]

Ich war so wütend vor Scham und Schmerz, daß ich ihm keine Antwort gab. Er schien eine Zeitlang alle möglichen Gedanken zu erwägen, und als ob diese plötzlich seinen Zorn angefacht hätten, schrie er, indem er sich mir zuwendete: »Unglücklicher, du hast sicher meinen Sohn getötet!«

Diese Beschuldigung ärgerte mich sehr. »Alter Wüstling«, antwortete ich ihm stolz, »wenn ich die Absicht hätte, jemand aus deiner Familie zu töten, dann würde ich bei dir anfangen.«

»Bewahrt ihn gut«, sagte er zu den Polizisten. »Er soll mir Nachrichten über meinen Sohn geben. Wenn er mir nicht sofort gesteht, was er mit ihm gemacht hat, lasse ich ihn morgen früh aufhängen.«

»Du willst mich hängen lassen?« erwiderte ich. »Elender, es sind deinesgleichen, die man zum Galgen schicken müßte. Merke dir, daß ich von edlerem und reinerem Blute bin als du. Ja,« fügte ich hinzu, »ich weiß, was deinem Sohne widerfahren ist, und wenn du mich weiter reizest, lasse ich ihn vor Tagesanbruch erdrosseln und verspreche dir nach ihm dasselbe Schicksal.«

Es war eine Unklugheit von mir, ihm zu gestehen, daß ich den Aufenthalt seines Sohnes kannte. Aber das Übermaß meines Zornes verleitete mich zu diesem Bekenntnis. Sofort rief er fünf oder sechs andere Polizisten, die vor der Haustüre warteten und ließ durch sie sämtliche Diener des Hauses festnehmen.[210]

»Ach so, Herr Chevalier,« fuhr er in spöttischem Tone fort, »Sie wissen also, wo mein Sohn ist, und Sie sagten, Sie wollten ihn erdrosseln lassen? Verlassen Sie sich darauf, daß wir das schon verhindern werden.«

Ich merkte jetzt gründlich, welchen Fehler ich begangen hatte.

Er näherte sich Manon, die weinend auf dem Bette saß. Er machte ihr einige ironische Komplimente über den Einfluß, den sie auf den Vater und den Sohn ausübe, und die kluge Art, wie sie diesen Einfluß ausnütze. Dieses alte, unzüchtige Tier wollte sich sogar einige Vertraulichkeiten mit ihr erlauben.

»Hüte dich, sie anzurühren,« schrie ich, »Gott selbst könnte dich dann nicht mehr vor meinen Händen retten!«

Er ging hinaus und ließ drei Polizisten im Zimmer, denen er befahl, sie sollten uns sofort zum Ankleiden veranlassen.

Ich weiß nicht, welche Absichten er in diesem Augenblick mit uns hatte. Vielleicht hätten wir die Freiheit erlangt, wenn wir ihm mitgeteilt hätten, wo sich sein Sohn befand. Ich überlegte, während ich mich anzog, ob das nicht schließlich das beste wäre. Aber wenn G*** M*** auch beim Verlassen des Zimmers dazu geneigt gewesen wäre, so war er ganz verändert, als er wiederkam. Er hatte alle Diener der Manon, die von den Polizisten festgenommen waren, ausgefragt. Von den Dienern, die[211] sein Sohn ihr gegeben hatte, konnte er nichts erfahren, aber, sobald er hörte, daß Marcel uns schon vorher gedient hatte, beschloß er, ihn durch Drohungen zum Sprechen zu bringen.

Er war eigentlich ein treuer Mensch, aber einfältig und plump. Die Erinnerung an seine Teilnahme bei der Befreiung Manons aus dem Arbeitshaus vereinigte sich mit dem Schrecken, den ihm G*** M*** einflößte, und das machte einen solchen Eindruck auf seinen schwachen Kopf, daß er sich einbildete, man würde ihn zum Galgen führen oder auf das Rad binden. Er versprach, alles zu verraten, was ihm bekanntgeworden sei, wenn man ihm nur das Leben ließe. Dies brachte G*** M*** zu der Überzeugung, es müßte hinter unseren Angelegenheiten noch etwas Schlimmeres und Strafwürdigeres stecken, als er es sich bisher hatte vorstellen können. Darum bot er Marcel für sein Geständnis nicht nur die Freiheit an, sondern auch noch eine Belohnung.

Der Unglückliche erzählte ihm nun einen Teil von unseren Plänen, denn wir hatten uns nicht gescheut, in seiner Gegenwart davon zu sprechen, da er ja selbst dabei eine Rolle spielen sollte. Zwar wußte er nichts von den Veränderungen, die wir in Paris beschlossen hatten, aber er war bei der Abreise aus Chaillot über unseren Plan und, wie er sich dabei verhalten sollte, unterrichtet worden. Er erklärte jetzt also dem G*** M***, wir hätten beabsichtigt,[212] seinen Sohn zu betrügen. Manon sollte zehntausend Franken erhalten, oder hätte sie schon bekommen, und nach unserem Vorhaben sollte dieses Geld niemals wieder in den Besitz der Familie de G*** M*** zurückkehren.

Nach dieser Entdeckung stieg der wütende Alte plötzlich wieder in unser Zimmer hinauf. Er trat, ohne etwas zu sagen, in das Kabinett, wo er auch ohne Mühe das Geld und die Schmuckgegenstände fand. Mit zornrotem Gesicht kehrte er zu uns zurück und, indem er uns das zeigte, was er unseren Raub nannte, überschüttete er uns mit den schmählichsten Vorwürfen. Er hielt das Perlenhalsband und die Armbänder Manon dicht vor die Augen.

»Erkennen Sie sie wieder?« fragte er sie mit spöttischem Lächeln. »Es ist ja nicht das erstemal, daß Sie sie sehen. Wahrhaftig, es sind dieselben! Sie waren nach Ihrem Geschmack, meine Schöne, das ist leicht zu sehen! Die armen Kinder!« fügte er hinzu, »sie sind wirklich ganz reizend, der eine wie die andere, aber sie stehlen gern.«

Mein Herz zerbrach fast vor Wut bei diesen beschimpfenden Worten. Um einen Augenblick frei zu sein, barmherziger Himmel, was hätte ich nicht dafür gegeben! Endlich zwang ich mich gewaltsam, ihm mit einer Mäßigung, hinter der sich nur meine äußerste Erregung verbarg, zu antworten.

»Mein Herr,« sagte ich, »lassen Sie endlich diesen unverschämten[213] Hohn! Worum handelt es sich eigentlich? Was beabsichtigen Sie mit uns?«

»Es handelt sich darum, Herr Chevalier,« antwortete er mir, »daß Sie von hier sofort nach dem Schloßgefängnis gehen. Wenn es morgen Tag geworden ist, dann werden wir einen klaren Einblick in unsere Angelegenheiten haben, und ich hoffe, daß Sie dann auch schließlich so gütig sein werden, mir zu sagen, wo mein Sohn ist.«

Ich begriff ohne viel Nachdenken, daß es für uns schreckliche Folgen haben müßte, wenn wir einmal im Schloßgefängnis eingeschlossen wären. Mit Zittern stellte ich mir alle diese Gefahren vor, und trotz meines Stolzes erkannte ich, daß ich mich unter der Last meines Schicksals beugen, ja, daß ich meinem grausamsten Feind schmeicheln müßte, um durch meine Unterwürfigkeit etwas zu erreichen. Darum bat ich ihn in höflichem Ton, uns einen Augenblick Gehör zu schenken.

»Mein Herr,« sagte ich zu ihm, »ich sehe meine Schuld ein. Ich gestehe, daß mich meine Jugend veranlaßt hat, schweres Unrecht zu begehen, und daß Sie ein Recht haben, sich über mich zu beklagen. Aber wenn Sie die Gewalt der Liebe kennen, wenn Sie beurteilen können, was ein armer, unglücklicher junger Mensch leidet, dem man alles nimmt, was er liebt, dann werden Sie es vielleicht verzeihlich finden, wenn ich das Vergnügen einer kleinen Rache gesucht habe, oder Sie werden wenigstens[214] glauben, daß ich genug bestraft bin durch die Schande, die ich erlitten habe. Sie brauchen weder mit Gefängnis noch mit Todesstrafe zu drohen, um mich zu zwingen, Ihnen den Aufenthaltsort Ihres Sohnes zu sagen. Er befindet sich in Sicherheit. Meine Absicht war weder, ihm etwas anzutun, noch Sie zu beleidigen. Ich bin bereit, Ihnen den Ort zu nennen, wo er in Ruhe die Nacht verbringt, wenn Sie mir die Gunst erweisen, mir die Freiheit zu schenken.«

Weit entfernt, von meiner Bitte gerührt zu sein, wandte mir der alte Tiger lachend den Rücken. Er ließ nur ein paar Worte fallen, um mir anzudeuten, daß er unsere Pläne bis auf seine ersten Anfänge kenne. Was seinen Sohn anginge, fügte er schroff hinzu, so würde der sich schon wieder einfinden, da ich ihn ja nicht ermordet hätte.

»Führen Sie sie zum Schloßgefängnis,« sagte er zu den Polizeileuten, »und sehen Sie sich vor, daß Ihnen der Chevalier nicht entkommt. Er ist ein Schlaukopf, denn er ist schon aus Saint-Lazare entkommen.«

Er ging hinaus und ließ mich in einem Zustand zurück, den Sie sich wohl vorstellen können.

»O Himmel,« rief ich aus, »ich will mich allen Schicksalsschlägen, die deine Hand mir schickt, unterwerfen. Aber daß ein elender Schuft wie er die Macht hat, mich so tyrannisch zu behandeln, das führt mich bis zur äußersten Verzweiflung.«[215]

Die Polizeibeamten ersuchten uns, sie nicht mehr länger warten zu lassen. Sie hatten einen Wagen an der Tür. Ich reichte Manon die Hand, als wir hinabgingen.

»Komm, meine geliebte Königin«, sagte ich zu ihr. »Komm und unterwirf dich der ganzen Härte unseres Schicksals. Vielleicht gefällt es dem Himmel, uns eines Tages glücklicher zu machen.«

Wir fuhren gemeinsam in einem Wagen, und sie warf sich in meine Arme. Ich hatte sie seit der Ankunft des G*** M*** kein Wort sprechen hören, aber jetzt, als sie mit mir allein war, sagte sie mir tausend Zärtlichkeiten und beschuldigte sich, die Ursache meines Unglücks zu sein. Ich versicherte ihr, ich würde mich niemals über mein Schicksal beschweren, solange sie nur nicht aufhörte, mich zu lieben.

»Nicht ich bin zu beklagen«, fuhr ich fort. »Ein paar Monate Gefängnis erschrecken mich nicht, und ich ziehe noch immer das Schloßgefängnis dem Aufenthalt in Saint-Lazare vor. Aber für dich, du liebe Seele, zittert mein Herz. Welch ein Schicksal für ein so zartes Geschöpf! Himmel, wie kannst du so grausam mit deinem vollendetsten Werk umgehen! Warum sind wir nicht alle beide mit Eigenschaften geboren, die unserem Elend entsprechen? Wir besitzen Geist, Geschmack und Gefühl. Ach, welchen armseligen Gebrauch machen wir davon, während so viele niedrige Seelen, die unser Geschick verdienten, jede Gunst des Glücks genießen!«[216]

Diese Erwägungen erfüllten mich mit Schmerz, aber noch viel schmerzlicher waren mein Gedanken an die Zukunft, denn ich verzehrte mich fast vor Angst um Manon. Sie war schon im Arbeitshaus gewesen, und wenn sie auch auf gute Art daraus entkommen war, so wußte ich doch, daß man gegen Rückfällige ihrer Art äußerst scharf vorging. Gerne hätte ich ihr meine Besorgnisse mitgeteilt, aber ich fürchtete, sie noch ängstlicher als mich selbst zu machen. Ich zitterte für sie, ohne daß ich es wagte, sie von der Gefahr zu unterrichten, und ich umarmte sie seufzend, um sie wenigstens meiner Liebe zu versichern, die vielleicht das einzige Gefühl war, dem ich Ausdruck zu geben wagte.

»Manon,« sagte ich zu ihr, »sprich ganz offen zu mir. Wirst du mich auch immer lieben?«

Sie antwortete mir, es schmerze sie tief, daß ich daran auch nur zweifeln könnte.

»Nun ja,« fuhr ich fort, »ich zweifle durchaus nicht daran, und mit dieser Gewißheit will ich allen unseren Feinden entgegentreten. Ich werde mich an meine Familie wenden, um aus dem Schloßgefängnis herauszukommen, und mein Leben soll keinen Wert mehr haben, wenn ich dich nicht auch herausbekomme, sobald ich frei bin.«

Wir kamen im Gefängnis an, und man trennte uns voneinander. Dieser Schlag schmerzte mich weniger stark, weil ich ihn vorausgesehen hatte. Ich empfahl Manon[217] dem Schließer, indem ich ihm mitteilte, daß ich ein Mann von Stande sei, und ihm eine beträchtliche Belohnung versprach. Ich umarmte meine teure Geliebte, bevor ich sie verließ. Ich beschwor sie, sich nicht zu übermäßig zu betrüben und vor nichts Furcht zu haben, solange ich am Leben sei.

Ich war nicht ohne Geld. Ich gab ihr einen Teil, und von dem, was mir blieb, bezahlte ich dem Schließer sowohl für sie wie für mich einen Monat reichlicher Pension im voraus. Meine Freigebigkeit hatte eine gute Wirkung. Man gab mir ein anständig eingerichtetes Zimmer und versicherte mir, Manon würde ein gleiches haben.

Ich befaßte mich sofort mit den Mitteln, meine Freilassung zu beschleunigen. Es war klar, daß es durchaus nichts Strafbares bei meiner Angelegenheit gab, und auch angenommen, daß der Plan unseres Diebstahls durch die Angaben Marcels bewiesen würde, so wußte ich doch recht gut, daß man die einfache Absicht nicht bestrafen konnte. Ich beschloß, sofort an meinen Vater zu schreiben und ihn zu bitten, persönlich nach Paris zu kommen. Ich schämte mich, wie gesagt, weniger, im Schloßgefängnis zu sein als in Saint-Lazare. Im übrigen hatten, wenn ich auch die gebührende Achtung vor der väterlichen Autorität bewahrte, doch schon Alter und Erfahrung meine Schüchternheit sehr vermindert. Ich schrieb also,[218] und man machte auch vom Gefängnis aus keine Schwierigkeiten, meinen Brief abgehen zu lassen. Aber ich hätte mir die ganze Mühe spären können, wenn ich gewußt hätte, daß mein Vater schon am nächsten Tag in Paris ankam.

Er hatte meinen Brief erhalten, den ich ihm acht Tage früher geschrieben, und darüber eine unendliche Freude empfunden. Aber wie große Hoffnung ich darin auch auf meine Bekehrung erweckt hatte, so hielt er es doch nicht für angebracht, sich ganz auf meine Versprechungen zu verlassen. Er beschloß, sich von meiner Besserung persönlich zu überzeugen und sein Verhalten nach der Aufrichtigkeit meiner Reue zu richten. So langte er einen Tag nach meiner Verhaftung an.

Zunächst besuchte er Tiberge, an den ich ihn gebeten hatte, seine Antwort zu richten. Mein Freund konnte ihm aber weder meine Wohnung noch meine augenblicklichen Verhältnisse mitteilen. Er erzählte ihm nur meine hauptsächlichen Abenteuer, die ich nach meiner Entweichung aus Saint-Sulpice erlebt hatte. Er sprach dabei in sehr günstigem Sinne über meine guten Vorsätze, die ich ihm bei unserem letzten Zusammensein ausgedrückt hatte. Er fügte hinzu, daß ich mich, wie er glaubte, gänzlich von Manon getrennt hätte, doch sei er erstaunt, weil ich ihn seit acht Tagen ohne Nachricht gelassen.

Mein Vater war nicht dumm. Er ahnte, daß da hinter dem Schweigen, über das sich Tiberge beklagte, etwas[219] steckte, das sich dessen Scharfsinn entzog, und bemühte sich so eifrig, meine Spuren zu entdecken, daß er zwei Tage nach seiner Ankunft erfuhr, daß ich mich im Schloßgefängnis befände.

Bevor ich aber seinen Besuch empfing, den ich keineswegs so schnell erwartete, erhielt ich den Besuch des Herrn Polizeipräfekten, oder um die Dinge beim richtigen Namen zu nennen, ich wurde einem Verhör unterzogen. Er machte mir einige Vorwürfe, die aber weder hart noch unfreundlich waren. In mildem Tone sagte er mir, daß er meine schlechte Aufführung beklage, daß es unklug von mir gewesen sei, mir einen Mann wie den Herrn de G*** M*** zum Feinde zu machen. Natürlich könnte man leicht sehen, daß ich mehr aus Unerfahrenheit und Leichtsinn als aus Schlechtigkeit so gehandelt hätte, doch sei es immerhin schon das zweitemal, daß ich mich vor seinem Richterstuhl befände, und er hätte gehofft, ich wäre durch die zwei oder drei Monate in Saint-Lazare klüger geworden.

Ich war sehr erfreut, daß ich es mit einem so vernünftigen Richter zu tun hatte, und erklärte mich ihm in einer so ehrerbietigen und ruhigen Art, daß er mit meinen Antworten außerordentlich zufrieden zu sein schien. Er sagte mir, ich sollte mich nicht zu sehr dem Kummer überlassen, und er sei geneigt, in Rücksicht auf meinen Stand und meine Jugend mir behilflich zu sein.[220]

Ich wagte es nunmehr, ihm Manon zu empfehlen, indem ich ihre Milde und ihren guten Charakter pries. Er antwortete mir lachend, er habe sie noch nicht gesehen, sie sei ihm aber als eine gefährliche Person geschildert worden. Diese Worte kränkten so sehr meine Liebe, daß ich ihm tausend leidenschaftliche Worte zur Verteidigung meiner armen Geliebten sagte und mich sogar nicht enthalten konnte, einige Tränen zu vergießen. Er gab Befehl, mich wieder in mein Zimmer zu führen.

»O Liebe, Liebe!« rief dieser ernste Beamte aus, als er mich hinausgehen sah. »Wirst du dich denn nie mit der Vernunft verbinden können?«

Ich hing gerade meinen traurigen Gedanken nach und grübelte über die Unterredung, die ich mit dem Herrn Polizeipräfekten gehabt hatte, als ich hörte, wie meine Zimmertür geöffnet wurde. Min Vater trat herein. Obgleich ich auf seinen Anblick hätte vorbereitet sein müssen, denn ich erwartete ihn ja ein paar Tage später, so wurde ich doch dadurch so stark betroffen, daß ich mich in den Abgrund der Erde gestürzt hätte, wenn er sich zu meinen Füßen aufgetan hätte. Ich eilte auf ihn zu, um ihn mit Zeichen der äußersten Verwirrung zu umarmen. Er setzte sich hin, ohne daß weder ich noch er ein Wort sagte.

Da ich mit niedergeschlagenen Augen und gesenktem Kopfe stehenblieb, brach er endlich das Schweigen.

»Setze dich,« sprach er in strengem Ton, »setze dich hin![221] Dank dem skandalösen Aufsehen, das deine Ausschweifungen und Betrügereien erregt haben, habe ich deinen Aufenthaltsort entdeckt. Es ist der Vorzug solcher Verdienste, wie du sie erworben hast, daß sie nicht verborgen bleiben können. Du bist auf dem sichersten Wege, berühmt zu werden, und ich darf hoffen, daß das Schafott auf dem Grèveplatz das Ende sein wird, wo du dann tatsächlich den Ruhm genießen kannst, von aller Welt bewundert zu werden.«

Ich schwieg, und er fuhr fort, auf mich einzusprechen.

»Wie unglücklich ist doch ein Vater,« sagte er, »der seinen Sohn zärtlich geliebt und nichts gespart hat, um aus ihm einen tüchtigen Menschen zu machen, wenn dieser dann schließlich zu einem Spitzbuben wird, der ihn entehrt! Über einen Vermögensverlust kann man sich trösten. Die Zeit löscht ihn aus, und der Schmerz verschwindet. Aber welch ein Mittel gibt es gegen ein Übel, das täglich schlimmer wird, wie es die Ausschweifungen eines lasterhaften Sohnes sind, der jedes Ehrgefühl verloren hat! Du antwortest nichts, Unglücklicher? Sieh einer diese gemachte Bescheidenheit und diese heuchlerische Milde an: sollte man ihn nicht für den anständigsten Menschen seines Geschlechts halten?«

Obgleich ich einsehen mußte, daß ich einen Teil dieser Beschimpfungen verdient hatte, schien es mir doch, als ob er darin zu weit ginge. Ich glaubte, ich dürfte ihm das schon offen erklären.[222]

»Ich versichere Ihnen, mein Vater,« sagte ich zu ihm, »daß die Bescheidenheit, in der Sie mich hier vor Ihnen stehen sehen, in keiner Weise geheuchelt ist. Sie ist das ganz natürliche Verhalten eines gutgearteten Sohnes, der vor seinem Vater, besonders vor seinem gekränkten Vater, eine unendliche Ehrfurcht hat. Ich behaupte auch nicht, daß ich für den ordentlichsten Menschen unseres Geschlechts gelten kann. Ich bekenne, daß ich Ihre Vorwürfe verdient habe. Aber ich beschwöre Sie doch, dabei etwas mehr Güte walten zu lassen und mich nicht als den schändlichsten aller Menschen zu behandeln. So harte Namen verdiene ich doch nicht! Sie wissen, daß es die Liebe ist, die mich zu allen meinen Vergehen verführt hat. Unselige Leidenschaft! Ach, kennen Sie denn gar nicht ihre Macht, und ist es möglich, daß Sie, dessen Blut doch in meinen Adern fließt, niemals die gleiche Glut gefühlt haben? Die Liebe hat mich zu zärtlich, zu leidenschaftlich, zu treu und vielleicht auch zu nachgiebig gegen die Wünsche einer unendlich reizenden Geliebten gemacht – das sind alle meine Verbrechen. Sehen Sie nun darunter eins, das Sie entehrt? Wohlan, teurer Vater,« fügte ich zärtlich hinzu, »haben Sie etwas Mitleid für einen Sohn, der immer voll von Ehrfurcht und Zuneigung zu Ihnen gewesen ist, der nicht, wie Sie denken, der Ehre und der Pflicht entsagt hat, und der tausendmal mehr zu beklagen ist, als Sie sich vorstellen können.«[223]

Ich ließ, als ich diese Worte gesprochen hatte, einige Tränen fallen.

Ein Vaterherz ist das Meisterstück der Natur. Sie leitet es, um mich so auszudrücken, mit besonderem Wohlgefallen und ordnet selbst alle seine Triebkräfte. Mein Vater, der dazu noch ein Mann von Geist und Geschmack war, wurde durch die Art, wie ich meine Entschuldigung vorgebracht hatte, so gerührt, daß er diese Gefühlsänderung nicht vor mir verbergen konnte.

»Komm, mein armer Chevalier,« sagte er zu mir, »komm und umarme mich. Ich habe Mitleid mit dir.«

Ich umarmte ihn, und er drückte mich so innig an sich, daß ich wohl beurteilen konnte, was in seinem Herzen vor sich ging.

»Aber welche Maßnahmen soll ich denn nun ergreifen,« fuhr er fort, »dich von hier fortzubringen? Erzähle mir einmal offen alle deine Erlebnisse.«

Da es schließlich in meinem ganzen Handeln nichts gab, was mich unbedingt entehren mußte, wenigstens wenn man es an dem Handeln der jungen Leute eines gewissen Kreises maß, und da eine Geliebte in einem Jahrhundert wie dem unserigen nicht für eine Schande gilt, ebensowenig wie eine kleine Nachhilfe beim Spiel, so beichtete ich aufrichtig meinem Vater jede Einzelheit des Lebens, das ich geführt hatte. Bei jeder Sünde, die ich[224] eingestand, trug ich Sorge, berühmte Beispiele anzufügen, um meine Schande zu mildern.

»Ich lebte mit einer Geliebten zusammen,« sagte ich, »ohne daß ich mit ihr ehelich verbunden war. Der Herzog de *** unterhält zwei vor den Augen von ganz Paris, und Herr de *** hat eine seit zehn Jahren, die er mit einer Treue liebt, wie er sie seiner Gattin nie erwiesen hat. Zwei Drittel aller vornehmen Leute von Frankreich rechnen es sich zur Ehre an, eine zu besitzen. Ich habe ein wenig beim Spiel betrogen: der Marquis de *** und der Graf de *** haben überhaupt keine anderen Einnahmen; der Fürst de *** und der Herzog de *** sind Anführer einer Bande von Edelleuten gleicher Art.«

Was meine Absichten auf die Börsen der beiden G*** M*** anging, so hätte ich ihm mit Leichtigkeit beweisen können, daß ich auch darin nicht ohne Vorbilder war, aber ich besaß doch noch zu viel Ehrgefühl, um mich nicht selbst mit allen denen zu verurteilen, die ich als Beispiel hätte anführen können. Deshalb bat ich meinen Vater, mir diese Schwäche zu verzeihen, weil mich zwei heftige Leidenschaften dazu getrieben hatten, das Rachegefühl und die Liebe.

Er fragte mich, ob ich ihm nicht einen Rat geben könnte über den kürzesten Weg, meine Freiheit zu gewinnen, und über eine Möglichkeit, jedes Aufsehen zu vermeiden. Ich erzählte ihm, welche freundlichen Empfindungen mir der Polizeipräfekt gezeigt hatte.[225]

»Wenn Sie irgendwelche Schwierigkeiten finden,« sagte ich zu ihm, »so können Sie nur von der Seite des G*** M*** kommen. Deshalb glaube ich, daß es angebracht wäre, wenn Sie sich die Mühe machten, ihn zu besuchen.« Er versprach es mir.

Ich wagte nicht, ihn zu bitten, sich für Manon zu verwenden. Es geschah dies nicht aus Mangel an Mut, sondern aus Besorgnis, ich möchte ihn durch meinen Vorschlag erzürnen und zu einem für sie und für mich unheilvollen Plane aufreizen. Ich weiß heute noch nicht, ob diese Besorgnis nicht gerade mein größtes Unglück herbeigeführt hat. Denn es verhinderte mich, die Absichten meines Vaters auszuforschen und mich zu bemühen, ihn für meine arme Geliebte günstig zu stimmen. Vielleicht hätte ich auch hierin sein Mitleid erregt und ihn gegen die schlechte Meinung geschützt, die er nur allzu leicht durch den alten G*** M*** empfangen mußte. Aber wer kann das wissen? Mein böses Geschick hätte vielleicht doch über alle meine Bemühungen gesiegt, aber dann hätte ich vielleicht nur dieses Geschick und die Grausamkeit meiner Feinde als die Urheber meines Unglücks beschuldigen können.

Mein Vater besuchte, als er mich verlassen hatte, den Herrn de G*** M***. Er traf ihn in Gesellschaft seines Sohnes, dem der Gardist redlich die Freiheit zurückgegeben hatte. Ich habe niemals die Einzelheiten ihrer[226] Unterredung erfahren, aber ich konnte sie mir nach ihren tödlichen Folgen leicht ausmalen. Sie gingen zusammen (ich meine die beiden Väter) zum Herrn Polizeipräfekten, den sie um zwei Vergünstigungen baten: einmal, mich sofort aus dem Gefängnis freizulassen, dann aber Manon für immer einzusperren oder sie nach Amerika zu schicken. Man begann zu jener Zeit, zahlreiche dunkle Existenzen nach dem Mississippi einzuschiffen, und der Herr Polizeipräfekt gab den beiden sein Wort, Manon mit dem ersten Schiff abreisen zu lassen.

Herr de G*** M*** und mein Vater kamen sofort, um mir die Nachricht von meiner Freilassung zu überbringen. Herr de G*** M*** sagte mir ein paar höfliche Verbindlichkeiten über das Vorgefallene, und nachdem er mir Glück gewünscht hatte, einen solchen Vater zu besitzen, ermahnte er mich, in Zukunft aus seinen Lehren und seinem Beispiel Nutzen zu ziehen. Mein Vater gebot mir, mich bei ihm wegen der angeblichen Beleidigung, die ich seiner Familie zugefügt hatte, zu entschuldigen und ihm zu danken, weil er sich zugleich mit ihm für meine Befreiung eingesetzt hatte.

Wir gingen zusammen hinaus, ohne ein Wort über meine Geliebte gesprochen zu haben. Ich wagte in ihrer Gegenwart nicht einmal mit den Aufsehern über sie zu sprechen. Ach, meine armseligen Empfehlungen hätten auch keinen Zweck gehabt, denn der grausame Befehl war[227] zu gleicher Zeit wie meine Befreiung gekommen. Das unglückliche Mädchen wurde eine Stunde später nach dem Arbeitshaus gebracht und dort mit einigen armen Geschöpfen, die zum gleichen Schicksal verurteilt waren, zusammengesteckt.

Mein Vater hatte mich gezwungen, ihm nach dem Hause zu folgen, in welchem er abgestiegen war, und es wurde fast sechs Uhr abends, ehe ich eine Gelegenheit fand, mich seinen Blicken zu entziehen und nach dem Schloßgefängnis zurückzukehren. Ich hatte keine andere Absicht, als Manon einige Erfrischungen zu übersenden und sie dem Schließer zu empfehlen, denn ich erhoffte nicht, daß man mir Erlaubnis geben würde, sie zu sehen. Ich hatte übrigens noch gar nicht die Zeit gehabt, einen Befreiungsplan zu erwägen.

Ich verlangte, den Schließer zu sprechen. Er war sehr zufrieden gewesen mit meiner Freigebigkeit und Freundlichkeit, so daß er in der Absicht, mir dadurch etwas Gutes zu erweisen, mit mir über das Schicksal Manons wie über ein Unglück sprach, das ihm sehr leid täte, besonders da es mich so hart treffen müßte. Ich begriff nicht, was er sagen wollte, und wir unterhielten uns eine Weile, ohne uns zu verstehen. Schließlich merkte er, daß ich noch gar nicht über die Sache aufgeklärt sei, und erzählte mir das, was ich Ihnen schon mit Entsetzen gesagt habe, denn ich fühle dieses Entsetzen noch heute.[228]

Noch nie hat ein plötzlicher Schlag eine jähere und schrecklichere Folge gehabt. Ich fiel mit einem so schmerzlichen Zucken des Herzens zu Boden, daß ich im Augenblick, als ich mein Bewußtsein verlor, glaubte, mein Leben sei für immer zu Ende. Etwas von diesen Gedanken schwebte mir sogar noch vor, als ich wieder zu mir kam. Ich richtete meine Blicke auf alle Teile des Zimmers und auf mich selbst, als wollte ich mich vergewissern, daß ich noch immer in diesem elenden Zustand eines lebenden Menschen wäre.

Wäre ich nur einem natürlichen Gefühl gefolgt, das mich antrieb, Befreiung von meinen Schmerzen zu suchen, so wäre mir in diesem Augenblick der Verzweiflung und Niedergeschlagenheit nichts süßer erschienen als der Tod. Selbst die Religion konnte mir nichts Unerträglicheres für das Jenseits androhen als die grausamen Kämpfe, von denen ich gequält wurde. Indessen fand ich durch ein Wunder, das nur der Liebe vergleichbar ist, bald wieder so viel Kraft, dem Himmel dafür zu danken, daß er mir Bewußtsein und Vernunft gelassen hatte. Mein Tod hätte nur mir selbst genützt, es war Manon, die mein Leben brauchte, um sie zu befreien, um ihr zu helfen, um sie zu rächen. Ich schwur, mich ohne Rücksicht diesem Ziel zu widmen.

Der Schließer erwies mir allen Beistand, wie ich ihn nur von meinem besten Freund hätte erwarten dürfen.[229] Ich nahm sein Mitleid mit der lebhaftesten Erkenntlichkeit auf.

»Ach,« sagte ich zu ihm, »Sie sind also von meinem Elend gerührt! Alle Welt verläßt mich, sogar mein Vater ist zweifellos einer meiner grausamsten Verfolger, niemand hat Mitleid mit mir. Sie allein an diesem Orte der Härte und Unmenschlichkeit, Sie zeigen Mitgefühl für den elendesten aller Sterblichen!«

Er riet mir, mich nicht auf der Straße zu zeigen, ohne die Spuren meiner Erregung etwas beseitigt zu haben.

»Lassen Sie alles«, rief ich aus, indem ich hinausging. »Ich werde Sie vielleicht eher wiedersehen, als Sie denken. Bereiten Sie das dunkelste aller Verließe für mich vor, ich gehe jetzt daran, es zu verdienen.«

Tatsächlich richteten sich meine ersten Gedanken auf nichts Geringeres, als mich der beiden G*** M*** und des Polizeipräfekten zu entledigen und mit gewaffneter Hand an der Spitze einer Bande, die ich anwerben wollte, in das Arbeitshaus einzudringen. Meinen eigenen Vater hätte ich kaum geschont bei einer Rache, die mir so gerecht erschien, denn der Schließer hatte mir nicht verschwiegen, daß er und G*** M*** die Urheber meines Unglücks waren.

Als ich aber einige Schritte über die Straße gemacht, und die kalte Luft mein Blut und meine Stimmung etwas abgekühlt hatte, machte meine Wut allmählich vernünftigeren[230] Empfindungen Platz. Der Tod unserer Feinde hätte Manon nur wenig genützt, aber er hätte mir zweifellos alle Möglichkeiten genommen, ihr zu helfen. Übrigens, durfte ich mir wirklich mit einem feigen Meuchelmord helfen? Gab es keinen anderen Weg, mich zu rächen? Besser war es, zunächst mit allen Kräften und Gedanken an der Befreiung Manons zu arbeiten und alles übrige zu verschieben, bis mein wichtiges Unternehmen geglückt war.

Es blieb mir nur wenig Geld, und doch war dies eine notwendige Grundlage, um überhaupt mit der Sache anzufangen. Ich sah nur drei Personen, an die ich mich hätte wenden können: Herrn de T***, meinen Vater und Tiberge. Es war nicht wahrscheinlich, von den beiden letzteren etwas zu erhalten, und den ersteren mit meinen Zudringlichkeiten zu belästigen, schämte ich mich. Aber in der Verzweiflung läßt man jede Rücksicht fahren.

Ich ging sofort zum Seminar von Saint-Sulpice, ohne mich darum zu kümmern, ob man mich erkannte. Ich ließ Tiberge rufen und merkte an seinen ersten Worten, daß er von meinen letzten Abenteuern noch nichts wußte. Deshalb beschloß ich, meine ursprüngliche Absicht, sein Mitleid zu erregen, fallen zu lassen. Ich erzählte ihm flüchtig von dem Vergnügen, das es mir bereitet hätte, meinen Vater wiederzusehen, und bat ihn darauf, mir einiges Geld zu leihen, wobei ich vorgab, ich müßte vor meiner[231] Abreise aus Paris noch einige Schulden bezahlen, die ich geheimzuhalten wünschte. Er reichte mir sofort seine Börse, und ich nahm fünfhundert Franken von den sechshundert, die ich darin fand. Ich bot ihm einen Schuldschein an, er war aber zu edelmütig, ihn anzunehmen.

Von da eilte ich zu Herrn de T*** und erzählte ihm rückhaltlos mein ganzes Unglück und meine Verlegenheit. Er kannte meine Lage schon bis auf die kleinsten Umstände, da er Sorge getragen, die Abenteuer des G*** M*** zu verfolgen. Trotzdem hörte er mich an und beklagte mich sehr.

Als ich ihn um seinen Rat bat, auf welche Weise man Manon befreien könnte, antwortete er mir traurig, er sehe so wenig Aussichten auf eine solche Befreiung, daß, wenn der Himmel kein Wunder tue, man jede Hoffnung aufgeben müßte. Er sei absichtlich zum Arbeitshaus gegangen, wo man sie eingeschlossen habe, und sogar ihm habe man die Erlaubnis verweigert, sie zu sprechen. Die Befehle des Polizeipräfekten wären äußerst streng, und um das Unglück voll zu machen, sei die Abreise der unglückseligen Gesellschaft, zu der man sie gesteckt hatte, schon für den zweitfolgenden Tag festgesetzt worden.

Ich war von seiner Mitteilung so bestürzt, daß er noch eine Stunde hätte weitersprechen können, ohne daß es mir eingefallen wäre, ihn zu unterbrechen. Er sagte mir dann noch, er habe mich absichtlich nicht im Schloßgefängnis[232] besucht, um mir leichter helfen zu können, da man so annehmen konnte, daß er keine Verbindung mit mir hätte. Aber seit den paar Stunden meiner Freilassung habe es ihn sehr bekümmert, nicht zu wissen, wohin ich gegangen sei. Er habe den Wunsch gehegt, mich bald zu sehen, um mir den einzigen Rat zu geben, durch den ich noch hoffen könnte, das Schicksal Manons zu wenden. Aber es sei ein gefährlicher Rat, und er bäte mich, für alle Zeiten darüber zu schweigen, daß er irgendeinen Anteil daran gehabt hätte. Ich sollte nämlich ein paar Strolche anwerben, die den Mut besäßen, Manons Bedeckung, nachdem sie Paris verlassen hätte, anzugreifen. Herr de T*** wartete nicht ab, bis ich ihm von meinem Geldmangel sprach.

»Hier sind hundert Pistolen«, sagte er, indem er mir eine Börse reichte. »Sie dürften Ihnen von einigem Nutzen sein. Wenn sich Ihre Verhältnisse wieder zum Besseren gestaltet haben, können Sie sie mir zurückgeben.«

Er fügte noch hinzu, wenn die Sorge um seinen Ruf es ihm erlaubte, selbst ihre Befreiung zu unternehmen, so würde er mir seinen Arm und seinen Degen zur Verfügung gestellt haben.

Das Übermaß seines Edelmuts rührte mich bis zu Tränen. Ich sprach ihm mit aller Wärme, die mir in meinem bedrückten Zustand noch geblieben war, meine Erkenntlichkeit aus. Ich fragte ihn, ob durch ein Gesuch[233] an den Polizeipräfekten nichts zu hoffen sei. Er antwortete mir, er habe daran gedacht, halte aber einen solchen Versuch für zwecklos, denn eine solche Vergünstigung könnte man nicht ohne besondere Gründe erbitten, und er sehe nicht ein, welchen Grund ich angeben wollte, um eine so ernste und mächtige Persönlichkeit zu einem solchen Schritt zu veranlassen. Die einzige Art, etwas von dieser Seite zu hoffen, wäre die, den Herrn de G*** M*** und meinen Vater umzustimmen und sie zu veranlassen, selbst den Herrn Polizeipräfekten um eine Aufhebung seines Befehls zu bitten. Er erbot sich, alles zu versuchen, um den jungen G*** M*** zu gewinnen, obgleich dieser, wie er glaubte, ihm gegenüber etwas kühler geworden sei, da er doch wegen des Vorgefallenen einen gewissen Verdacht geschöpft habe. Gleichzeitig beschwor er mich, keine Mühe zu sparen, um den Sinn meines Vaters umzustimmen.

Dieses war für mich kein so leichtes Unternehmen, und zwar nicht nur wegen der Widerstände, die ich natürlich dabei zu überwinden hatte, sondern auch aus einem anderen Grunde, der mich schon vor einem bloßen Zusammensein mit meinem Vater zurückschrecken ließ. Ich hatte seine Wohnung gegen seinen Befehl verlassen und war fest entschlossen, als ich das traurige Geschick Manons erfuhr, nicht mehr dorthin zurückzukehren. Ich hatte allen Grund zur Befürchtung, er möchte mich gegen meinen[234] Willen festhalten und sogar in die Provinz führen. Mein älterer Bruder hatte das ja schon einmal getan. Zwar war ich jetzt älter geworden, aber mein Alter half mir wenig gegen die Gewalt.

Trotzdem fand ich ein Mittel, mich gegen diese Gefahr zu schützen, nämlich ihn an einen öffentlichen Ort rufen zu lassen und dabei nicht meinen, sondern einen anderen Namen anzugeben. Ich faßte sofort diesen Entschluß.

Herr de T*** ging zu G*** M*** und ich ins Luxembourg, von wo ich meinen Vater benachrichtigte, daß ein ihm ergebener Edelmann ihn dort erwarte. Ich fürchtete, es könnte ihm schwierig sein, zu kommen, weil die Nacht schon heranrückte. Trotzdem erschien er nach kurzer Zeit, gefolgt von seinem Diener, und ich bat ihn, einen Seitenweg einzuschlagen, wo wir allein sein könnten. Wir machten mindestens hundert Schritte, ohne zu sprechen. Zweifellos begriff er, daß ich nicht ohne gewichtige Gründe so große Vorsicht anwandte. Er wartete auf meine Mitteilung, und ich überlegte.

Endlich öffnete ich den Mund. »Sie sind ein guter Vater«, begann ich zitternd. »Sie haben mich mit Guttaten überschüttet und mir eine unendliche Zahl von Vergehen verziehen. Darum möge auch der Himmel mein Zeuge sein, daß ich für Sie alle Gefühle eines respektvollen und liebenden Sohnes hege. Aber es scheint mir ... daß Ihre Strenge ...«[235]

»Was? Meine Strenge?« unterbrach mich mein Vater, für dessen Ungeduld ich offenbar viel zu langsam sprach.

»Ja, mein Vater,« fuhr ich fort, »es scheint mir, daß Ihre Strenge außerordentlich scharf ist in der Behandlung, die Sie der armen Manon haben angedeihen lassen. Sie haben sich über sie mit Herrn G*** M*** ins Einvernehmen gesetzt. Sein Haß hat sie Ihnen in den schwärzesten Farben geschildert, daß Sie sich über sie eine so abscheuliche Ansicht bilden mußten. In Wirklichkeit aber ist sie das sanfteste und liebenswürdigste Geschöpf, das jemals gelebt hat. Warum gefiel es nicht dem Himmel, Ihnen den Gedanken einzuflößen, sie einen Augenblick zu sehen! Ich weiß ebenso bestimmt, daß sie Ihnen gefallen hätte, wie ich weiß, daß sie reizend ist. Sie hätten für sie Partei ergriffen, Sie hätten die schwarzen Ränke des G*** M*** verachtet, Sie hätten mit ihr und mit mir Mitleid gehabt. Ach, ich bin dessen sicher! Ihr Herz ist nicht unempfindlich, Sie hätten sich rühren lassen.«

Er unterbrach mich noch einmal, als er sah, daß ich mit einer Glut sprach, die mir nicht so bald erlaubt hätte, zu Ende zu kommen. Er verlangte zu wissen, worauf ich mit meiner leidenschaftlichen Rede hinaus wollte.

»Mein Leben will ich von Ihnen erbitten,« antwortete ich, »denn ich kann es nicht einen Augenblick bewahren, wenn Manon erst nach Amerika abgereist ist.«

»Nein, nein«, sagte er zu mir in strengem Ton. »Lieber[236] will ich dich ohne Leben, als ohne Vernunft und ohne Ehre sehen.«

»Dann wollen wir nicht weiter gehen«, schrie ich, indem ich ihn am Arm zurückhielt. »Nehmen Sie es mir, dieses verhaßte und unerträgliche Leben, denn in der Verzweiflung, in die Sie mich hinabstürzen, wird der Tod für mich eine Gnade sein. Er ist ein Geschenk, das der Hand eines Vaters würdig ist.«

»Ich würde dir nur geben, was du verdienst«, erwiderte er. »Ich kenne genug Väter, die nicht solange gezaudert hätten, selbst der Henker zu sein. Aber gerade meine übermäßige Güte hat dich ins Unglück gestürzt.«

Ich warf mich vor ihm auf die Knie. »Ach, wenn Sie noch ein wenig davon bewahrt haben,« flehte ich, indem ich seine Knie umschlang, »dann verhärten Sie sich nicht gegen meine Tränen. Bedenken Sie, daß ich Ihr Sohn bin ... Ach, und erinnern Sie sich meiner Mutter. Sie liebten sie so zärtlich! Hätten Sie es gelitten, wenn man sie Ihren Armen entrissen hätte? Sie würden sie bis zum Tode verteidigt haben. Haben nicht andere Menschen auch ein Herz wie Sie? Kann man von Stein sein, wenn man einmal empfunden hat, was Liebe und Schmerz ist?«

»Sprich mir nicht mehr von deiner Mutter«, entgegnete er mit gereizter Stimme. »Diese Erinnerung erregt meinen Unwillen. Sie wäre sicher vor Schmerz gestorben, wenn sie deine Ausschweifungen noch erlebt hätte. Beenden[237] wir diese Unterredung«, fügte er hinzu. »Sie ist mir lästig und wird mich nicht in meinem Entschluß wankend machen. Ich kehre in meine Wohnung zurück und befehle dir, mir zu folgen.«

Der harte und trockene Ton, in dem er diesen Befehl aussprach, zeigte mir, daß sein Herz unbeugsam war. Ich wich einige Schritte zurück, aus Besorgnis, er möchte Lust bekommen, mich mit eigener Hand festzuhalten.

»Vermehren Sie nicht meine Verzweiflung«, sagte ich, »indem Sie mich zwingen, Ihnen ungehorsam zu sein. Es ist mir unmöglich, Ihnen zu folgen. Ebensowenig kann ich weiterleben, nachdem Sie mich so hart behandelt haben. Darum sage ich Ihnen auf ewig Lebewohl. Vielleicht werden Sie«, fügte ich traurig hinzu, »wieder für mich die Gefühle eines Vaters empfinden, wenn Sie, wie es bald geschehen wird, meinen Tod erfahren.«

»Du weigerst dich also, mir zu folgen?« schrie er in hellem Zorne, als er sah, wie ich mich umwandte, um zu gehen. »Geh, renne in dein Verderben! Geh, du undankbarer und ungehorsamer Sohn!«

»Lebe wohl«, rief ich in meiner Erregung. »Lebe wohl, unmenschlicher und unnatürlicher Vater!«

Ich verließ sofort das Luxembourg und ging wie ein Wütender durch die Straßen, bis ich an das Haus des Herrn de T*** kam. Unterwegs hob ich die Augen und Arme empor, als wollte ich alle Mächte des Himmels[238] anrufen. »O Himmel,« schrie ich, »bist du denn ebenso unbarmherzig wie die Menschen? Jetzt kann ich mich nur noch auf deine Hilfe verlassen.«

Herr de T*** war noch nicht nach Hause zurückgekommen, aber er erschien, nachdem ich einige Minuten gewartet hatte. Seine Bemühungen waren ebenso erfolglos geblieben wie die meinigen. Er erzählte es mir mit bekümmertem Gesicht. Obgleich der junge G*** M*** weniger wütend auf mich und Manon war als sein Vater, hatte er sich doch geweigert, mit diesem zu unseren Gunsten zu sprechen. Er hatte sich damit verteidigt, daß er selbst vor diesem rachsüchtigen Alten Angst empfände, da dieser ihm schon mit großer Wut die Abmachungen mit Manon vorgeworfen hätte.

So blieb mir also nur die Möglichkeit eines gewaltsamen Vorgehens, wie es mir Herr de T*** vorgeschlagen hatte. Ich setzte meine ganzen Hoffnungen darauf.

»Die Aussichten sind allerdings noch ungewiß«, sagte ich zu ihm. »Aber etwas ist sicher und tröstend, daß ich nämlich, wenn mir das Unternehmen mißlingt, meinen Tod dabei finden werde.«

Ich verließ ihn mit der Bitte, mir mit seinen guten Wünschen zu helfen, und ich verlegte mich jetzt nur noch darauf, Kameraden zu finden, denen ich einen Funken meines Mutes und meiner Entschlossenheit einflößen konnte.[239]

Der erste, an dem ich dabei dachte, war der nämliche Gardist, der mir auch geholfen hatte, G*** M*** festzunehmen. Ich hatte auch die Absicht, die Nacht in seinem Zimmer zu verbringen, da mein Kopf während des Nachmittags zu sehr mit anderen Dingen angefüllt gewesen war, um daran zu denken, mir eine Wohnung zu verschaffen. Ich traf ihn allein, und er freute sich, weil ich wieder aus dem Schloßgefängnis befreit worden sei. Er bot mir herzlich seine Dienste an, und ich erklärte ihm, was ich von ihm wünschte. Er besaß Scharfsinn genug, um alle mit dem Unternehmen verknüpften Schwierigkeiten zu bemerken. Aber er war doch so gefällig, an ihre Bewältigung heranzugehen.

Wir verbrachten einen Teil der Nacht damit, meinen Plan durchzusprechen. Er erwähnte die drei Gardisten, die er auch das letztemal benutzt hatte, als bewährt mutige Menschen. Herr de T*** hatte mir die genaue Zahl der Wachtsoldaten mitgeteilt, die Manon führen sollten. Es waren nur sechs. Fünf mutige und entschlossene Männer genügten, um diese Elenden in Schrecken zu setzen. Denn solche Leute verteidigen sich nicht ernstlich, wenn sie durch die Flucht der Gefahr des Kämpfens entgehen können.

Da es mir nicht an Geld fehlte, riet mir der Gardist, nichts zu sparen, um den Erfolg unseres Angriffs sicherzustellen.

»Wir brauchen Pferde,« sagte er, »Pistolen, und jeder[240] eine Muskete. Ich will es unternehmen, morgen diese Vorbereitungen zu besorgen. Wir brauchen auch Zivilkleider für unsere Soldaten, denn sie würden es nicht wagen, bei einem solchen Abenteuer in der Uniform ihres Regiments zu erscheinen.«

Ich gab ihm nun die hundert Pistolen in die Hände, die ich von Herrn de T*** empfangen hatte, und sie wurden am nächsten Tag bis zum letzten Sou verbraucht. Die drei Soldaten erschienen vor mir, ich feuerte ihren Mut mit großen Versprechungen an, und um ihnen jedes Mißtrauen zu nehmen, begann ich damit, jedem von ihnen zehn Pistolen zu schenken.

Als der Tag der Ausführung kam, schickte ich einen am frühen Morgen zum Arbeitshaus, damit er sich mit eigenen Augen darüber unterrichtete, wann die Wachtsoldaten mit ihrer Beute abreisten. Obgleich ich diese Vorsicht nur aus übergroßer Unruhe und Besorgnis ergriffen hatte, zeigte es sich, daß sie absolut notwendig war. Ich hatte mich auf falsche Erkundigungen, die man mir über ihren Weg gab, verlassen und glaubte, die beklagenswerte Gesellschaft würde in La Rochelle eingeschifft werden. Vergeblich hätte ich sie dann auf dem Wege nach Orleans erwartet. Der Gardist aber teilte mir mit, daß sie den Weg durch die Normandie nähmen, und daß es Havre de Grâce wäre, von wo sie nach Amerika gingen.

Wir begaben uns sofort zum Tor Saint-Honoré, wobei[241] wir darauf achteten, durch verschiedene Straßen zu gehen. Erst am Ausgang des Vororts kamen wir wieder zusammen. Unsere Pferde waren ausgeruht, und bald erblickten wir die sechs Soldaten und die beiden elenden Karren, die Sie ja auch vor zwei Jahren in Passy sahen. Dieser Anblick nahm mir fast meine Kraft und mein Bewußtsein.

»O Schicksal,« rief ich aus, »grausames Schicksal! Nun schenke mir wenigstens den Tod oder den Sieg.«

Wir berieten einen Augenblick, auf welche Weise wir unseren Angriff machen sollten. Die Wachtsoldaten befanden sich kaum vierhundert Schritte vor uns, und wir konnten sie überholen, wenn wir durch ein kleines Feld ritten, um das sich die große Straße herumzog. Der Gardist riet, diesen Weg zu nehmen, um sie zu überraschen und plötzlich auf sie einzudringen. Ich billigte seine Absicht und war der erste, mein Pferd anzuspornen. Aber das Schicksal stellte sich erbarmungslos meinen Wünschen entgegen.

Die Wachtsoldaten zweifelten, als sie fünf Reiter auf sich zurennen sahen, nicht daran, daß wir sie angreifen wollten. Sie setzten sich in Verteidigung, indem sie ihre Bajonette aufsteckten und mit entschlossenen Mienen ihre Gewehre fertigmachten.

Dieser Anblick, der den Gardisten und mich nur anfeuerte, nahm unseren drei Gefährten plötzlich ihren Mut. Sie hielten wie auf Verabredung an, und nachdem sie[242] sich einige Worte zugerufen hatten, die ich nicht verstand, warfen sie ihre Pferde herum, um mit verhängten Zügeln wieder den Weg nach Paris einzuschlagen.

»Himmel,« rief der Gardist, der über diese schändliche Desertion ebenso bestürzt zu sein schien wie ich, »was sollen wir jetzt anfangen? Wir sind nur zu zwei.«

Ich hatte vor Wut und Verblüffung die Sprache verloren und hielt an, wobei ich schwankte, ob es nicht meine erste Rache sein müßte, die Feiglinge zu verfolgen, die uns verlassen hatten. Ich sah sie fliehen und richtete dann meine Augen nach der anderen Seite der Wachtsoldaten. Wäre es mir möglich gewesen, mich zu teilen, ich hätte mich zu gleicher Zeit auf die beiden Gegenstände meiner Wut gestürzt, um sie alle zu verschlingen.

Der Gardist, der an den verwirrten Bewegungen meiner Augen meine Unentschlossenheit erkannte, bat mich seinen Rat anzuhören.

»Da wir nur zu zwei sind,« sagte er zu mir, »so wäre es ein Wahnsinn, sechs Mann anzugreifen, die ebenso gut bewaffnet sind wie wir, und die uns festen Fußes zu erwarten scheinen. Wir müssen nach Paris zurückkehren und versuchen, bessere Begleiter zu finden. Die Wachtsoldaten werden mit ihren schweren Karren nur langsam vorwärts kommen, so daß wir sie morgen ohne Mühe erreichen können.«

Einen Augenblick dachte ich über diesen Vorschlag nach,[243] da ich aber auf allen Seiten nur Gründe zur Verzweiflung sah, faßte ich einen wirklich verzweifelten Entschluß, nämlich, mich von dem Gardisten zu verabschieden. Und, statt die Wachtsoldaten anzugreifen, wollte ich sie unterwürfig bitten, mich in ihre Gesellschaft aufzunehmen, damit ich Manon bis Havre de Grâce begleiten und dann mit ihr über das Meer fahren konnte.

»Die ganze Welt verfolgt oder verrät mich«, sagte ich zu dem Gardisten. »Ich kann mich auf niemand mehr verlassen. Ich erwarte nichts mehr, weder vom Schicksal noch von der Hilfe der Menschen. Mein Unglück ist auf seinen höchsten Punkt gestiegen, mir bleibt nichts mehr, als mich ihm zu unterwerfen, und so entsage ich nun jeder Hoffnung. Möge doch der Himmel Ihren Edelmut belohnen! Leben Sie wohl, ich will meinem bösen Schicksal helfen, meinen Untergang zu vollenden, indem ich mich freiwillig hineinstürze.«

Vergebens bemühte er sich, mich zur Rückkehr nach Paris zu bewegen. Ich bat ihn, mich meinen Beschluß ausführen zu lassen, und auf der Stelle seines Weges zu gehen, damit die Wachtsoldaten nicht fortführen, uns Angriffspläne zuzuschreiben.

In langsamem Schritt ritt ich allein auf sie zu, und mein Gesicht war so traurig, daß sie nichts Erschreckendes in meiner Annäherung sehen konnten. Trotzdem bewahrten sie ihre Verteidungsstellung.[244]

»Beruhigen Sie sich, meine Herren«, rief ich ihnen zu, indem ich an sie herantrat. »Ich bringe Ihnen nicht den Krieg, sondern ich will Sie um eine Vergünstigung bitten.«

Dann bat ich sie, ohne Besorgnis ihren Weg fortzusetzen, und erzählte ihnen unterwegs, was ich von ihnen wünschte.

Sie überlegten, wie sie diesen Vorschlag aufnehmen sollten. Der Anführer der Truppe ergriff für die andern das Wort und antwortete mir, sie hätten Befehle, ihre Gefangenen aufs strengste zu überwachen; da ich ihnen aber ein netter Mann zu sein schiene, so wollten er und seine Gefährten ein wenig ihre Pflichten lockern. Aber ich müßte auch begreifen, daß mich das etwas kosten würde. Ich besaß gerade noch fünfzehn Pistolen und erzählte ihnen offen, worin mein ganzer Geldvorrat bestände.

»Nun gut,« sagte der Wachtsoldat, »wir werden anständig gegen Sie sein. Es soll Sie nur einen Taler für die Stunde kosten, um sich mit dem Mädchen, das Ihnen am besten gefällt, zu unterhalten. Das ist der gebräuchliche Preis in Paris.«

Ich hatte zu ihnen noch nicht über Manon im besonderen gesprochen, denn ich wollte nicht, daß sie von meiner Liebe etwas erfahren sollten. Sie glaubten auch zunächst, es handelte sich bei mir nur um die Laune eines jungen Menschen, der sich bei diesen Geschöpfen etwas Zeitvertreib[245] suchen wollte. Als sie dann aber zu bemerken glaubten, daß ich verliebt sei, erhöhten sie ihre Forderungen so, daß meine Börse schon völlig leer war, als wir von Mantes aufbrachen, wo wir einen Tag vor unserer Ankunft in Passy übernachteten.

Muß ich Ihnen sagen, was der traurige Gegenstand meiner Unterredungen mit Manon während des Marsches war, oder welchen Eindruck ihr Anblick auf mich machte, als ich von den Wachtsoldaten die Erlaubnis erhalten hatte, an ihren Karren heranzureiten? Ach, meine Worte können kaum die Hälfte meines Fühlens wiedergeben! Aber stellen Sie sich meine arme Geliebte vor, eine Kette um die Taille geschlungen, sitzend auf einigen Bündeln Stroh. Ihr Haupt lehnte traurig gegen eine Seite des Wagens, das Gesicht war bleich und von Tränen überströmt, die durch ihre Wimpern hervordrangen, obgleich sie andauernd die Augen geschlossen hielt. Sie hatte nicht einmal die Neugierde gehabt, sie zu öffnen, als sie den Lärm der Wachtsoldaten hörte, die sich angegriffen glaubten. Ihre Wäsche war schmutzig und unordentlich, ihre zarten Hände waren den Unbilden der Luft ausgesetzt, und ihre ganze reizende Gestalt, ihr Körper, der die ganze Welt zur Anbetung hätte verführen können, er erschien in einer Entstellung und Erniedrigung, die ich nicht beschreiben kann.

Ich verwandte einige Zeit, um sie zu betrachten, indem[246] ich neben dem Karren herritt. Dabei war ich so von Sinnen, daß ich ein paarmal nahe daran geriet, einen gefährlichen Fall zu tun. Meine häufigen Seufzer und Ausrufe bewirkten schließlich, daß sie mir einen Blick zuwarf. Sie erkannte mich, und ich bemerkte, daß sie sich in der ersten Erregung aus dem Wagen stürzen wollte, um zu mir zu kommen. Da sie aber durch ihre Kette zurückgehalten wurde, sank sie wieder in ihre frühere Haltung zurück.

Ich bat die Soldaten, einen Moment aus Mitgefühl halten zu lassen, und sie stimmten mir habgierig zu. Ich stieg von meinem Pferd herab, um mich neben sie zu setzen. Sie war so hinfällig und schwach, daß es lange Zeit dauerte, ehe sie sich ihrer Sprache bedienen oder auch nur ihre Hände bewegen konnte. Ich bedeckte diese inzwischen mit meinen Tränen, und so saßen wir beide, ohne daß wir auch nur ein Wort hervorbringen konnten, in der traurigsten Lage da, die es wohl je gegeben hat. Aber auch unsere Worte waren, als wir dann endlich die Sprache wiedergefunden hatten, nicht weniger traurig. Manon sagte nicht viel. Es schien, als hätten Schande und Schmerz ihre Stimmorgane verändert. Der Klang war schwach und zitternd.

Sie dankte mir, weil ich sie nicht vergessen hatte, und dann auch für die Freude, die ich ihr verschaffte, indem ich ihr gestattete, wie sie sich seufzend ausdrückte, mich wenigstens noch einmal zu sehen und mir ein letztes Lebewohl[247] zu sagen. Als ich ihr aber versicherte, daß nichts imstande wäre, mich von ihr zu trennen, und daß ich mich entschlossen hätte, ihr bis an das Ende der Welt zu folgen, um für sie zu sorgen und ihr zu dienen, um sie zu lieben und mein elendes Schicksal untrennbar an das ihrige zu knüpfen, da überließ sich das arme Mädchen so zärtlichen und schmerzlichen Empfindungen, daß ich infolge ihrer heftigen Gemütsbewegung für ihr Leben fürchtete.

Alle Regungen ihrer Seele schienen sich in ihren Augen zusammenzudrängen. Sie hielt sie immerzu auf mich gerichtet. Manchmal öffnete sie den Mund, ohne aber die Kraft zu finden, die Worte, die sie sagen wollte, zu vollenden. Trotzdem entschlüpften ihr einige. Es waren Äußerungen der Bewunderung über meine Liebe, zärtliche Vorwürfe über deren Übermaß, Zweifel daran, ob sie auch das Glück verdiene, mir eine solche vollkommene Liebe eingeflößt zu haben, Ermahnungen, doch die Absicht, ihr zu folgen, aufzugeben und anderswo ein meiner würdiges Glück zu suchen, da sie, wie sie mir sagte, mir wohl kaum ein solches Glück schenken könnte.

Trotz meinem unendlich traurigen Geschick fand ich meine Seligkeit in ihren Blicken und in der Gewißheit, von ihr geliebt zu werden. Ich gebe zu, daß ich alles verloren hatte, was die Menschen sonst zu schätzen pflegen, aber ich besaß das Herz der Manon, das einzige Gut, an dem mir gelegen war. Ob ich in Europa oder in Amerika[248] oder weiß Gott an welchem Ort der Welt lebte, war ich nicht überall sicher, glücklich zu sein, wenn ich nur mit meiner Geliebten zusammenlebte? Ist nicht die ganze Welt für zwei sich treu Liebende ein Vaterland? Ersetzen sie sich nicht gegenseitig Vater, Mutter, Verwandte, Freunde, Reichtümer und Glücksgüter?

Wenn mir etwas Unruhe verursachte, so war es die Furcht, Manon dem Mangel der Armut ausgesetzt zu sehen. Ich sah mich schon mit ihr in einem unbebauten und von Wilden bewohnten Lande.

»Aber ganz gewiß«, sagte ich zu mir, »wird es unter ihnen nicht so grausame Menschen geben, wie es G*** M*** und mein Vater sind. Sie werden uns wenigstens in Frieden leben lassen. Wenn die Berichte, die man über sie gibt, der Wahrheit entsprechen, dann folgen sie den Gesetzen der Natur. Sie kennen weder den wütenden Geiz, von dem G*** M*** verzehrt wird, noch die übertriebenen Ehrbegriffe, die mich mit meinem Vater verfeindet haben. Sie werden zwei Liebende nicht beunruhigen, die ein ebenso einfaches Leben führen wie sie selbst.«

In dieser Hinsicht fühlte ich mich vollkommen beruhigt, aber ich machte mir weniger romantische Vorstellungen über allgemeine Bedürfnisse des alltäglichen Lebens. Ich hatte es nur zu oft erfahren, daß es unabweisbare Notwendigkeiten gibt, besonders für eine zarte Frau, die sich an ein bequemes und üppiges Leben gewöhnt hat. Ich[249] war verzweifelt, weil ich so unnütz mein Geld verschwendet hatte, und weil das wenige, was mir noch blieb, nahe daran war, mir durch die spitzbübischen Wachtmannschaften genommen zu werden. Ich begriff, daß ich in Amerika, wo das Geld noch selten ist, mit einer kleinen Summe nicht nur hätte hoffen können, mich eine Zeitlang zu halten, sondern auch ein Unternehmen von dauerndem Bestand zu begründen.

Diese Erwägung brachte mich auf den Gedanken, an Tiberge zu schreiben, den ich immer so schnell bereitgefunden hatte, mir seine Freundeshilfe zu schenken. Ich schrieb an ihn von der ersten Stadt aus, wo wir hielten. Ich teilte ihm mit, daß ich Manon nach Havre de Grâce begleiten würde, und gab ihm keinen anderen Grund an für meine Bitte als die drückende Not, in der ich mich, wie ich voraussah, dort befinden müßte. Ich bat ihn um hundert Pistolen.

»Laß sie den Postmeister in le Havre für mich bereithalten«, schrieb ich ihm. »Du siehst, es ist das letztemal, daß ich mich an deine Liebe wende. Aber, da meine unglückliche Geliebte mir für immer geraubt wird, kann ich sie nicht abreisen lassen, ohne einige Tröstungen, die ihr Schicksal und meinen unendlichen Schmerz mildern.«

Die Wachtsoldaten wurden, als sie die Heftigkeit meiner Leidenschaft erkannt hatten, so widerwärtig, daß sie fortwährend den Preis ihrer geringsten Vergünstigungen[250] verdoppelten und mich bald in den äußersten Mangel versetzten. Übrigens gestattete mir ja auch meine Liebe nicht, meine Börse zu schonen. Vom Morgen bis zum Abend vergaß ich alles andere neben Manon, und nicht mehr stundenweise wurde mir die Zeit zugemessen, sondern nach der Länge der ganzen Tage.

Endlich war meine Börse ganz geleert, und ich fand mich nun den Launen und Roheiten dieser sechs Elenden ausgeliefert, die mich mit einer unerträglichen Anmaßung behandelten. Sie waren ja selbst in Passy Zeuge davon. Das Zusammentreffen mit Ihnen war ein glücklicher Moment der Erholung, den mir das Schicksal gewährte. Ihr Mitleid beim Anblick meiner Qualen war das einzige, was mich Ihrem edelmütigen Herzen empfahl. Dank der Hilfe, die Sie mir so freigebig gewährten, gelang es mir, le Havre zu erreichen, und die Wächter hielten ihr Versprechen aufrichtiger, als ich es gehofft hatte.

Als wir in le Havre ankamen, ging ich sofort zur Post, aber Tiberge hatte noch nicht Zeit gehabt, mir zu antworten. Ich erkundigte mich, an welchem Tag wohl seine Antwort ankommen könnte. Sie konnte erst zwei Tage später eintreffen, und infolge einer seltsamen Fügung meines unglückseligen Geschicks war der Tag, an dem ich die Post erwarten durfte, gerade derselbe, an dem des Morgens unser Schiff abfahren sollte. Sie können sich meine Verzweiflung nicht vorstellen.[251]

»Wie!« rief ich aus. »Muß ich denn gerade noch im Unglück selbst immer mit dem vollsten Maß überschüttet werden?«

»Ach,« antwortete Manon, »verdient ein so unglückliches Leben, daß wir uns deswegen noch so viele Sorgen machen? Laß uns in Havre sterben, mein teurer Chevalier. Mag der Tod mit einem Schlag all unserem Elend ein Ende setzen. Sollen wir es noch in ein unbekanntes Land hinüberschleppen, wo uns zweifellos schreckliche Qualen erwarten, da man mich sonst nicht zur Strafe hinschicken würde? Sterben wir,« sagte sie noch einmal, »oder töte mich wenigstens allein und suche dir in den Armen einer glücklicheren Geliebten ein besseres Geschick.«

»Nein, nein«, rief ich aus. »An deiner Seite unglücklich zu sein, selbst das ist für mich noch ein beneidenswertes Schicksal.«

Ihre Worte ließen mich erzittern, denn sie zeigten mir, wie niedergeschlagen sie durch ihre Leiden war. Ich bemühte mich, eine ruhige Miene zu zeigen, um sie den trüben Gedanken an Tod und Verzweiflung zu entreißen. Ich beschloß, mich auch in Zukunft so zu verhalten, und ich habe später erfahren, daß nichts einer Frau soviel Mut einflößen kann, als die Unerschrockenheit eines von ihr geliebten Mannes.

Als ich die Hoffnung, durch Tiberge Hilfe zu bekommen, aufgegeben hatte, verkaufte ich mein Pferd. Das[252] Geld, das ich dafür bekam, machte mit dem, was mir noch von Ihrer Freigebigkeit übriggeblieben war, die kleine Summe von siebzehn Pistolen. Sieben davon verwendete ich zum Ankauf einiger für Manon notwendiger Bequemlichkeiten, die anderen zehn bewahrte ich sorgfältig auf als Grundlage unseres Lebensglücks und unserer Hoffnungen in Amerika.

Ich hatte keine Mühe, auf dem Schiff aufgenommen zu werden, denn man suchte damals junge Menschen, die sich freiwillig der Kolonie anschließen wollten. Überfahrt und Beköstigung wurden mir kostenlos bewilligt. Da am nächsten Tage die Post nach Paris abgehen sollte, hinterließ ich einen Brief für Tiberge. Er war rührend geschrieben und muß ihn wohl aufs tiefste ergriffen haben, denn er veranlaßte ihn zu einem Entschluß, der nur aus einer unendlichen Tiefe an Liebe und Hochherzigkeit für einen unglücklichen Freund kommen konnte.

Wir gingen unter Segel, und der Wind war uns ständig günstig. Ich erhielt vom Kapitän für Manon und mich einen abgesonderten Raum, denn er hatte die Güte, uns mit anderen Augen anzusehen als den Durchschnitt unserer elenden Gefährten. Ich hatte ihn schon am ersten Tag beiseitegenommen und, um ihn für mich zu interessieren, ihm einen Teil meiner Unglücksfälle erzählt. Ich glaubte nicht, mich einer schändlichen Lüge schuldig zu machen, indem ich ihm erzählte, daß ich mit Manon verheiratet[253] sei. Er tat, als ob er es glaubte, und nahm mich in Schutz. Er zeigte mir dies während der ganzen Reise, er ließ mir ein anständiges Essen zukommen, und die Rücksicht, die er uns erwies, dienten dann auch dazu, daß unsere Leidensgefährten ebenfalls Achtung vor uns hegten.

Ich achtete fortwährend darauf, daß Manon nicht das geringste Unbehagen erlitt. Sie bemerkte das wohl, und diese Erkenntnis in Verbindung mit dem lebhaften Gefühl, in welche schlimme Lage ich mich um ihretwillen begeben hatte, machte sie so zärtlich und liebevoll, und auch so aufmerksam auf meine geringsten Bedürfnisse, daß zwischen ihr und mir ein beständiger Wettstreit an Gefälligkeiten und Liebesbezeugungen stattfand. Ich sehnte mich nicht mehr nach Frankreich. Im Gegenteil, je mehr wir uns Amerika näherten, um so mehr fühlte ich mein Herz frei und ruhig werden. Wenn nicht die Sorgen um die Notwendigkeiten des Lebensunterhaltes gewesen wären, ich hätte meinem Schicksal gedankt, daß es unserem Unglück eine so günstige Wendung gegeben hatte.

Nach einer Seefahrt von zwei Monaten langten wir endlich an dem ersehnten Gestade an. Auf den ersten Anblick bot das Land nichts Angenehmes. Es bestand aus einer öden und unbewohnten Ebene, auf der man kaum etwas Schilf und einige durch den Wind entblätterte Bäume sah. Von Menschen oder Tieren war keine Spur zu sehen. Als aber der Kapitän ein paar Kanonenschüsse[254] hatte abfeuern lassen, dauerte es nicht lange, bis wir einen Trupp Einwohner aus Neuorleans sahen, die sich mit allen Anzeichen der Freude näherten. Wir hatten die Stadt, die sich in einem kleinen Seitental verbirgt, noch nicht gesehen. Wir wurden empfangen, als wären wir vom Himmel gekommene Menschen.

Diese armen Bewohner überschütteten uns mit tausend Fragen über die Zustände in Frankreich und über die verschiedenen Provinzen, in denen sie geboren waren. Sie umarmten uns wie Brüder und teuere Gefährten, die mit ihnen ihr Elend und ihre Einsamkeit teilen wollten. In ihrer Begleitung schlugen wir den Weg zur Stadt ein, waren aber überrascht, als wir beim Weitergehen entdeckten, daß das, was man uns bis jetzt als eine schöne Stadt ausgemalt hatte, nichts als ein Haufen elender Hütten war. Im ganzen wohnten dort fünf- oder sechshundert Personen. Das Haus des Gouverneurs schien sich durch seine Größe und Lage etwas hervorzuheben. Es war durch einige Erdwälle geschützt, um die sich ein breiter Graben zog.

Wir wurden ihm nun zunächst vorgestellt. Er unterhielt sich lange Zeit im geheimen mit dem Kapitän, und als er wieder kam, betrachtete er nacheinander die einzelnen Mädchen, die mit dem Schiff angekommen waren. Es waren ihrer dreißig, denn wir hatten in le Havre einen anderen Trupp vorgefunden, der sich mit dem[255] unsrigen vereinte. Als der Gouverneur sie sorgfältig betrachtet hatte, ließ er verschiedene junge Leute aus der Stadt kommen, die sich nach dem Besitz einer Frau sehnten. Die hübschesten verschenkte er an die Angesehensten davon, und die übrigen wurden durch das Los verteilt. Mit Manon hatte er noch nicht gesprochen, aber, indem er den anderen befahl, fortzugehen, ließ er sie und mich zurückbleiben.

»Ich höre vom Kapitän,« sagte er zu uns, »daß Sie verheiratet sind, und daß er Sie auf der Reise als Leute von Bildung und Verstand kennengelernt hat. Ich will auf die Ursachen, die Sie ins Unglück gestürzt haben, nicht eingehen; wenn Sie wirklich so viel Lebensart haben, wie es Ihre ganze Erscheinung verspricht, so werde ich es an nichts fehlen lassen, Ihr Schicksal zu erleichtern, und rechne dabei sogar, daß auch Sie dazu beitragen, mir den Aufenthalt an diesem wilden und verlassenen Ort angenehmer zu machen.«

Ich antwortete ihm in einer Art, wie ich sie für die geeignetste hielt, seine Ansicht über uns zu bestärken. Er gab einige Anweisungen, uns eine Wohnung in der Stadt vorzubereiten, und hielt uns dann bei sich zum Souper. Ich fand, daß er für ein Oberhaupt unglücklicher Verbannter sehr viel Lebensart besaß. Er stellte keine direkten Fragen an uns über den Grund unseres Unglücks. Die Unterhaltung verlief in gefälliger Form, und trotz unserer[256] Traurigkeit bemühten wir uns, Manon und ich, sie ihm so angenehm wie möglich zu machen.

Gegen Abend ließ er uns in die Wohnung führen, die er für uns zurechtgemacht hatte. Wir fanden eine elende, aus Brettern und Lehm errichtete Hütte, die zwei oder drei Zimmer im Erdgeschoß und darüber einen Dachboden enthielt. Er hatte auch sechs Stühle und das zum Leben Notwendigste hineinschaffen lassen.

Manon schien beim Anblick einer so traurigen Behausung erschrocken zu sein, und zwar härmte sie sich mehr um meinetwegen ab als um ihrer selbst wegen. Als wir allein waren, setzte sie sich hin und begann bitterlich zu weinen. Ich versuchte zunächst, sie zu trösten. Als sie mir aber zu verstehen gab, daß sie nur mich beklagte und nur das an unseren gemeinsamen Leiden beachtete, was ich durchzumachen hatte, stellte ich mich recht mutig und sogar froh, um sie ebenso zu stimmen.

»Worüber soll ich mich denn beklagen?« fragte ich sie. »Ich besitze alles, was ich wünsche. Du liebst mich doch, nicht wahr? Habe ich mich denn jemals nach einem anderen Glück gesehnt? Überlaß nur ruhig dem Himmel die Sorge um unser Geschick, ich finde es gar nicht so verzweifelt. Der Gouverneur ist ein höflicher Mann. Er hat uns mit Auszeichnung behandelt und wird nicht dulden, daß es uns am Nötigsten fehlt. Was nun den ärmlichen Zustand unserer Hütte und unserer Möbel angeht, so hast[257] du doch wohl schon bemerken können, daß hier wenige Leute besser eingerichtet zu sein scheinen. Und dann bist du ja eine wunderbare Alchimistin«, fügte ich hinzu, indem ich sie umarmte. »Du verwandelst alles in Gold.«

»Dann wirst du also der reichste Mensch von der Welt sein«, antwortete sie mir. »Denn, wie es niemals eine solche Liebe wie die deinige gegeben hat, so ist es auch unmöglich, daß jemand so zärtlich geliebt wird wie du. Ich will gerecht gegen mich sein«, fuhr sie fort. »Ich weiß wohl, daß ich die erstaunliche Anhänglichkeit, die du für mich fühlst, nicht verdient habe. Ich habe dir Kummer verursacht, den du mir ohne deine unendliche Güte nie hättest verzeihen können. Ich war leichtsinnig und flatterhaft, und selbst, indem ich dich so wahnsinnig liebte, wie ich es immer tat, war ich doch undankbar. Aber du könntest es nicht glauben, wie sehr ich mich verändert habe. Meine Tränen, die du seit unserer Abreise aus Frankreich so oft hast fließen sehen, habe ich nicht ein einziges Mal wegen meines Unglücks vergossen. Dieses Unglück habe ich nicht mehr gefühlt, seitdem du es mit mir teiltest. Ich habe nur aus Liebe und Mitgefühl für dich geweint, und ich kann mich nicht darüber trösten, daß ich dich auch nur ein einziges Mal in meinem Leben habe betrüben können. Unaufhörlich werfe ich mir meine Untreue vor, und mit Bewunderung sehe ich, was deine Liebe für eine Unglückliche getan hat, die deiner gar nicht würdig war, und[258] die«, so fügte sie mit überströmenden Tränen hinzu, »mit all ihrem Blut auch nicht die Hälfte der Schmerzen wieder gutmachen könnte, die sie dir verursacht hat.«

Ihre Tränen, ihre Worte und der Ton, in dem sie dieses sprach, machten auf mich einen so erstaunlichen Eindruck, daß es mir war, als würde mein Herz auseinander gerissen.

»Sei still,« sagte ich zu ihr, »sei still, meine liebe Manon. Ich habe nicht Kraft genug, um so starke Zeichen deiner Liebe zu ertragen. Ich bin an ein solches Übermaß von Freude nicht gewöhnt. Oh, mein Gott!« rief ich aus, »nun erbitte ich nichts mehr von dir. Ich weiß, daß mir Manons Herz gehört. Das ist das, was ich ersehnt habe, um glücklich zu sein, und ich kann jetzt nicht mehr aufhören, es zu sein. Mein Glück ist für immer gesichert.«

»Das soll es sein,« stimmte sie zu, »soweit es von mir abhängen kann, und ich weiß auch, wo ich immer das meinige finden kann.«

Mit diesen wundervollen Gedanken, die meine Hütte in einen des ersten Königs der Welt würdigen Palast umwandelten, legte ich mich zur Ruhe. Amerika erschien mir jetzt als ein Ort des Entzückens.

»Man muß nach Neuorleans kommen,« sagte ich immer wieder zu Manon, »wenn man die ganze Süßigkeit der Liebe kosten will. Hier liebt man sich ohne Eigennutz, ohne Eifersucht, ohne Untreue. Unsere Landsleute[259] kommen hierher, um Gold zu suchen, sie ahnen nicht, daß wir viel kostbarere Schätze gefunden haben.«

Wir pflegten aufs sorgfältigste die Freundschaft des Gouverneurs. Einige Wochen nach unserer Ankunft hatte er die Güte, mir einen kleinen Posten zu geben, der im Fort frei wurde. Obgleich es nichts Hervorragendes war, nahm ich ihn doch wie ein Glück vom Himmel an, denn er erlaubte mir, zu leben, ohne jemand zur Last zu fallen. Ich nahm einen Diener für mich und ein Mädchen für Manon. Unsere Geldverhältnisse kamen so in einen geregelten Zustand, meine Lebenshaltung war gesichert und die Manons nicht minder. Wir ließen uns keine Gelegenheit entgehen, unseren Nachbarn Dienste zu erweisen und Gutes zu tun. Dieses gefällige Verhalten und die Freundlichkeit unseres Benehmens verschaffte uns das Vertrauen und die Liebe der ganzen Kolonie. Wir waren nach kurzer Zeit so angesehen, daß wir für die ersten Leute der Stadt nach dem Gouverneur galten.

Unsere unschuldige Lebensweise und die Ruhe, in der wir uns immerfort befanden, machten, daß wir uns unmerklich wieder religiösen Ideen zuwandten. Manon war niemals ein unfrommes Mädchen gewesen, und ich gehörte auch nicht zu den ruchlosen Spöttern, die sich einen Ruhm daraus machen, zu ihrer sittlichen Verkommenheit noch den Abfall vom Glauben hinzuzufügen. Nur die Liebe und unsere Jugend hatten uns zu unseren Ausschweifungen[260] verführt. Aber die Erfahrung ersetzte uns das fehlende Alter, sie gab uns, was uns sonst nur die Jahre gegeben hätten. Unsere Unterhaltungen, die immer sehr besonnen waren, führten uns unmerklich zu einer Sehnsucht nach einer tugendhaften Liebe. Ich war der erste, der Manon diese Veränderung vorschlug. Ich kannte die Hauptzüge ihres Wesens, sie war offen und ehrlich in allen ihren Empfindungen, eine Eigenschaft, die stets zur Tugend führt. Ich gab ihr zu verstehen, daß etwas unserem Glück fehlte.

»Das ist«, sagte ich zu ihr, »der Segen des Himmels zu unserem Bund. Wir haben beide eine zu edle Seele und ein zu gut geartetes Herz, um freiwillig in Pflichtvergessenheit zu leben. Mögen wir auch in Frankreich so gelebt haben, wo es uns in gleichem Maße unmöglich war, uns nicht mehr zu lieben und eine legitime Ehe zu schließen. Hier in Amerika aber, wo wir nur von uns selbst abhängig sind, wo wir uns um willkürliche Gesetze des Ranges und der gesellschaftlichen Schicklichkeit nicht zu kümmern brauchen, und wo man uns schon verheiratet glaubt, wer hindert uns da, es auch wirklich zu sein und unserer Liebe durch das von der Religion vorgeschriebene Gelübde eine höhere Weihe zu geben? Was mich angeht,« fügte ich hinzu, »so gebe ich dir nichts Neues, wenn ich dir mein Herz und meine Hand anbiete, aber ich bin bereit, diese Gabe am Fuße des Altars noch einmal zu bekräftigen.«[261]

Ich sah, wie meine Worte sie mit Freude erfüllten. »Glaubst du denn nicht,« erwiderte sie, »daß ich, seit wir in Amerika sind, nicht schon tausendmal dasselbe gedacht habe? Die Furcht, dir zu mißfallen, hat mich veranlaßt, meinen Wunsch im Herzen zu verschließen. Ich bin nicht so anmaßend, nach der Stellung deiner Gattin zu streben.«

»Ach, Manon,« sagte ich, »du würdest bald die eines Königs sein, wenn mich der Himmel als Erben einer Krone hätte zur Welt gebracht. Darum wollen wir nicht länger zögern, denn wir haben kein Hindernis zu erwarten. Ich will schon heute mit dem Gouverneur sprechen und ihm eingestehen, daß wir ihn bis jetzt getäuscht haben. Mögen die gewöhnlichen Liebenden«, fügte ich hinzu, »die unauflöslichen Fesseln der Ehe fürchten. Sie würden sie nicht fürchten, wenn sie wie wir beide sicher wären, immer nur die Fesseln der Liebe zu tragen.«

Ich ließ Manon nach dieser Erklärung auf dem Gipfel des Glücks zurück.

Ich bin überzeugt, daß es keinen anständigen Mann auf der Welt gibt, der nicht meine Absichten gebilligt hätte, besonders unter den Umständen, in denen ich mich befand, mit einer verhängnisvollen Leidenschaft im Herzen, die ich nicht besiegen konnte, und verzehrt von Gewissensbissen, die ich nicht ersticken konnte. Aber würde sich auch wohl einer finden, der meine Klagen ungerecht[262] nennt, wenn ich über die Härte des Himmels seufze, womit dieser eine Absicht durchkreuzte, die ich nur ihm zu Gefallen gehegt hatte? Ach, was sage ich? Durchkreuzen? Nein, er hat sie wie ein Verbrechen bestraft. Er hat mich geduldig gewähren lassen, solange ich blind über die Straße des Lasters zog, und mit seinen härtesten Züchtigungen hielt er zurück, bis ich anfing, zur Tugend zurückzukehren. Ich weiß nicht, ob ich noch genügend Kraft habe, um meinen Bericht über das traurigste Ereignis, das je einem Menschen zugestoßen ist, zu Ende zu bringen.

Ich ging nun, wie ich es mit Manon verabredet hatte, zum Gouverneur, um seine Einwilligung zu unserer Eheschließung zu erbitten. Natürlich hätte ich mich wohl gehütet, ihm oder sonst jemand etwas davon zu sagen, wenn ich sicher gewesen wäre, daß sein Feldkaplan, der damals der einzige Priester in der Stadt war, mir diesen Gefallen ohne sein Zutun erwiesen hätte. Da ich aber nicht hoffte, daß er sich zum Schweigen verpflichten würde, so entschloß ich mich, offen vorzugehen.

Der Gouverneur hatte einen Neffen, der Synnelet hieß und ihm unendlich teuer war. Er war ein Mann von dreißig Jahren, tapfer, aber hitzig und leicht aufgebracht. Er war noch unverheiratet. Nun hatte die Schönheit Manons schon am Tage unserer Ankunft einen starken Eindruck auf ihn gemacht, und durch die zahllosen Gelegenheiten, sie während der neun oder zehn Monate, die[263] ich dort war, zu sehen, hatte sich seine Leidenschaft so entflammt, daß er sich heimlich für sie ganz verzehrte. Da er aber ebenso wie sein Onkel und die ganze Stadt überzeugt war, daß wir wirklich verheiratet seien, beherrschte er seine Liebe bis zu dem Maße, daß niemand etwas davon merkte, und verschiedene Male hatte er mir sogar sehr freundschaftlich seine Dienste erwiesen.

Als ich ins Fort kam, traf ich ihn allein mit seinem Onkel, und da ich keinen Grund sah, vor ihm meine Absicht zu verschweigen, so zauderte ich nicht, mich in seiner Gegenwart auszusprechen. Der Gouverneur hörte mich mit seiner gewohnten Güte an. Ich erzählte ihm einen Teil meiner Geschichte, er folgte mir mit Interesse, und als ich ihn dann schließlich bat, der beabsichtigten Eheschließung beizuwohnen, versprach er mir großmütig, alle Kosten des Festes zu tragen. Ich verließ ihn in sehr zufriedener Stimmung.

Eine Stunde später kam der Feldkaplan zu mir. Ich glaubte, er wollte mir einige Belehrungen über die Eheschließung geben, aber nachdem er mich kühl begrüßt hatte, erklärte er mir in kurzen Worten, daß der Herr Gouverneur mir verbiete, daran zu denken, da er andere Absichten mit Manon hätte.

»Andere Absichten mit Manon!« rief ich mit einem eisigen Gefühl im Herzen aus. »Und welche sind das, Herr Feldkaplan?«[264]

Er antwortete mir, ich wüßte doch gut, daß der Gouverneur hier zu gebieten habe, und da man Manon von Frankreich hierher in die Kolonie verschickt habe, so könne er über sie verfügen. Bisher habe er das nicht getan, da er sie verheiratet glaubte. Nun aber, da ich ihm selbst mitgeteilt hätte, daß das nicht der Fall sei, hielte er es für richtig, sie Herrn Synnelet zu geben, der in sie verliebt sei.

Meine Erregung ließ mich jede Vorsicht vergessen. Stolz befahl ich dem Feldkaplan, mein Haus zu verlassen, wobei ich schwur, daß weder der Gouverneur noch Synnelet, noch die ganze Stadt es wagen sollte, an meine Frau oder meine Geliebte, wie sie sie nun nennen wollten, Hand anzulegen.

Sofort teilte ich Manon die verhängnisvolle Botschaft mit, die ich soeben empfangen hatte. Wir kamen zu dem Schluß, daß Synnelet nach meinem Fortgehen den Sinn seines Onkels umgestimmt hätte, und daß dies die Folge einer lange gehegten Leidenschaft sei. Die beiden waren stärker als wir. Wir befanden uns in Neuorleans wie mitten in einem Meer, das heißt, wir waren von der übrigen Welt durch unendliche Entfernungen getrennt. Wohin sollten wir fliehen in einem unbekannten, öden Land, das von wilden Tieren und von ebenso grausamen Wilden erfüllt war? Man achtete mich in der Stadt, aber ich konnte nicht hoffen, das Volk so stark zu meinen[265] Gunsten zu erregen, um dadurch eine ausreichende Hilfe in meiner Not zu erlangen. Dazu hätte ich Geld gebraucht, und ich war arm. Im übrigen wäre auch der Erfolg einer Volkserregung unsicher gewesen, und falls sie uns mißglückte, hätte sie unseren Untergang erst recht besiegelt.

Alle diese Gedanken erwog ich in meinem Kopf und erzählte sie zum Teil Manon. Ich sprach immer neue Pläne aus, ohne daß ich auf ihre Antwort hörte. Ich griff nach einer Idee und warf sie wieder fort, um nach einer anderen zu haschen. Ich redete ganz allein und antwortete laut auf meine eigenen Erwägungen. Schließlich befand ich mich in einer Erregung, die man mit nichts anderem vergleichen könnte, weil sie wohl noch niemals sich ereignet hat.

Manon hielt die Augen auf mich gerichtet, sie beurteilte nach meiner Aufregung die Größe der Gefahr, und obgleich sie mehr für mich fürchtete als für sich selbst, wagte dieses gute Mädchen nicht, auch nur den Mund zu öffnen, um mir ihre Besorgnisse zu sagen.

Nach unendlichen Erwägungen kam ich zu dem Entschluß, den Gouverneur aufzusuchen und mich zu bemühen, ihn durch Anrufung seines Ehrgefühls und durch Erinnerung an meine Ergebenheit und seine Zuneigung zu rühren.

Manon wollte von meinem Fortgehen nichts wissen.[266] »Du gehst in den Tod«, sagte sie mit Tränen in den Augen. »Sie werden dich töten, und nie werde ich dich wiedersehn. Aber ich werde schon vor dir sterben.«

Ich hatte unendliche Mühe, sie von der Notwendigkeit zu überzeugen, daß ich hingehen und daß sie in der Wohnung bleiben müßte. Ich versprach ihr, ich würde in wenigen Augenblicken wieder zurück sein. Ach, sie wußte nicht, und ich wußte es auch nicht, daß auf sie selbst der ganze Zorn des Himmels und die Wut unserer Feinde fallen sollten.

Ich begab mich zum Fort. Der Gouverneur war dort mit seinem Feldkaplan. Um ihn zu rühren, ließ ich mich zu Selbsterniedrigungen herab, die mich vor Scham hätten sterben lassen, wenn ich sie aus einem anderen Grunde auf mich genommen hätte. Ich versuchte es mit allen Gründen, die mit Sicherheit auf ein Herz Eindruck machen mußten, wenn es nicht das eines wilden und grausamen Tigers war.

Dieser Unmensch hatte auf meine Klagen nur zwei Antworten, die er hundertmal wiederholte. Manon, sagte er mir, hinge von ihm ab, und er habe seinem Neffen sein Wort gegeben. Ich war entschlossen, mich bis zum äußersten zu mäßigen, und begnügte mich, zu sagen, ich hätte von meinen Freunden eine zu hohe Meinung, als daß ich glauben könnte, sie wollten meinen Tod, denn darin würde ich eher einwilligen als in den Verlust meiner Geliebten.[267]

Als ich fortging, war ich nur zu sehr davon überzeugt, daß ich von diesem eigensinnigen Alten nichts zu hoffen hätte, denn er würde sich für seinen Neffen tausendmal verdammt haben. Trotzdem verblieb ich bei meinem Plan, bis zum Ende eine ruhige Miene zu bewahren, entschlossen, wenn man die Ungerechtigkeit bis zum äußersten triebe, Amerika eine der blutigsten und schrecklichsten Szenen erleben zu lassen, die die Liebe je hervorgebracht hat.

Auf dem Heimweg überlegte ich gerade die Absicht, als das Schicksal, das meinen Untergang beschleunigen wollte, mir Synnelet in den Weg führte. Zweifellos las er etwas von meinen Gedanken in meinen Blicken. Wie ich schon gesagt habe, war er tapfer, und er kam jetzt auf mich zu.

»Suchen Sie mich nicht?« fragte er mich. »Ich weiß, daß meine Absichten Sie kränken müssen, und ich habe wohl damit gerechnet, von Ihnen gefordert zu werden. Lassen Sie uns sehen, wer von uns beiden der glücklichere sein wird.«

Ich antwortete ihm, er habe recht, und nur der Tod könne unserem Streit ein Ende machen.

Wir entfernten uns etwa hundert Schritte von der Stadt. Wir kreuzten unsere Degen, und ich verwundete und entwaffnete ihn fast zu gleicher Zeit. Er war so wütend über sein Unglück, daß er sich weigerte, um sein Leben zu bitten und auf Manon zu entsagen. Ich hätte[268] vielleicht das Recht gehabt, ihm beides zu gleicher Zeit zu nehmen, aber ein edles Blut verleugnet sich nie. Ich warf ihm seinen Degen zu.

»Beginnen wir von neuem,« sagte ich, »und denken Sie daran, daß kein Pardon gegeben wird.«

Er griff mit unaussprechlicher Wut an, und ich muß gestehen, daß ich nicht sehr geschickt im Fechten war, da ich nur drei Monate in einem Pariser Fechtsaal geübt hatte. Aber die Liebe führte meinen Degen. Synnelet gelang es, mir den Arm völlig zu durchstoßen, aber dabei gab er sich zugleich eine Blöße, und ich versetzte ihm einen solchen Stoß, daß er regungslos zu meinen Füßen hinsank.

Trotz der Freude, die man über den siegreichen Ausgang eines tödlichen Kampfes empfindet, überlegte ich sofort die Folgen dieser Tötung. Für mich war weder Begnadigung noch Aufschub der Strafe zu erwarten. Ich kannte viel zu gut die Zuneigung des Gouverneurs für seinen Neffen, und ich war überzeugt, daß ich das Bekanntwerden dieses Ereignisses keine Stunde überleben würde.

Wie dringend aber diese Befürchtung war, sie war nicht der stärkste Grund zu meiner Beunruhigung. Manon, meine Besorgnisse um sie, ihre eigene Gefahr und die Gewißheit, sie zu verlieren, bedrückten mich so, daß es mir dunkel vor den Augen wurde, und ich den Ort[269] nicht mehr erkennen konnte, wo ich mich befand. Ich beneidete Synnelet um sein Schicksal, ein schneller Tod erschien mir als das einzige Mittel gegen meine Nöte.

Indessen rief gerade dieser Gedanke schnell meine Lebensgeister wieder zurück und befähigte mich, einen Entschluß zu fassen.

»Was!« rief ich aus. »Ich will sterben, um meinen Qualen ein Ende zu machen? Gibt es denn eine schlimmere Qual, als die zu verlieren, die ich liebe? Nein, dulden will ich bis zum Letzten und Schlimmsten, um meine Geliebte zu verteidigen und den Tod bis zu dem Zeitpunkt zu verschieben, wo sich alle Leiden als vergeblich erwiesen haben.«

Ich schlug wieder den Weg in die Stadt ein und kehrte in meine Wohnung zurück. Ich fand Manon halbtot vor Schrecken und Angst, aber meine Ankunft belebte sie. Ich konnte ihr nicht das schreckliche Unglück verhehlen, das sich ereignet hatte. Als sie den Tod Synnelets und meine Verwundung erfuhr, fiel sie ohnmächtig in meine Arme, und ich brauchte mehr als eine Viertelstunde, um sie wieder zur Besinnung zu bringen.

Ich war übrigens selbst halbtot und sah weder für sie noch für mich die geringste Aussicht auf Rettung.

»Manon, was sollen wir anfangen?« fragte ich sie, als sie wieder etwas zu Kräften gekommen war. »Ach, was werden wir tun? Natürlich ist notwendig, daß ich[270] mich fortmache. Willst du in der Stadt bleiben? Ja, bleibe hier, du kannst hier noch glücklich sein, und ich, ich werde fern von dir bei den Wilden oder unter den Klauen der Raubtiere meinen Tod suchen.«

Sie erhob sich trotz ihrer Schwäche, sie nahm mich bei der Hand, um mich nach der Türe zu führen.

»Laß uns zusammen fliehen«, sagte sie zu mir, »und keinen Augenblick verlieren. Der Leichnam Synnelets könnte durch Zufall gefunden werden, und dann hätten wir nicht mehr die Zeit, zu fliehen.«

»Aber, liebe Manon,« fragte ich ganz verwirrt, »wohin sollen wir denn gehen? Siehst du irgendeine Rettung? Ist es nicht besser, wenn du versuchst, hier ohne mich zu leben, während ich freiwillig dem Gouverneur meinen Kopf zur Verfügung stelle?«

Dieser Vorschlag ließ sie nur um so eifriger auf unsere Abreise drängen, ich mußte ihr nachgeben. Doch hatte ich noch genug Geistesgegenwart, beim Fortgehen etwas Branntwein, der sich in meinem Zimmer befand, und so viel Lebensmittel, wie ich nur in meine Taschen stecken konnte, mitzunehmen. Wir sagten unseren Bedienten, die im Nebenzimmer waren, wir machten, wie wir das täglich taten, unseren Abendspaziergang. Und dann entfernten wir uns so eilig aus der Stadt, wie es der zarte Zustand Manons nur erlaubte.

Obgleich ich nun noch immer über die Richtung unserer[271] Flucht ganz unentschlossen war, so besaß ich doch zwei Hoffnungspunkte, ohne die ich den Tod der Ungewißheit von Manons Schicksal vorgezogen hätte. Einmal hatte ich in den fast zehn Monaten, die ich in Amerika weilte, genügend Kenntnisse des Landes erworben, um zu wissen, wie man sich mit den Wilden verständigte. Man durfte sich ruhig in ihre Hände begeben, ohne dadurch einem sicheren Tode entgegenzugehen. Ich hatte sogar einige Worte ihrer Sprache und etwas von ihren Sitten bei den verschiedenen Gelegenheiten, wo ich mit ihnen zu tun hatte, gelernt.

Außer dieser schwachen Hoffnung hegte ich noch eine zweite, nämlich auf die Engländer, die wie wir in diesem Teil der Neuen Welt Niederlassungen besitzen. Aber ich fürchtete mich dabei vor der weiten Entfernung. Wir mußten, um zu ihren Kolonien zu kommen, Sandebenen von mehreren Tagereisen Länge durchschreiten und dann so hohe und steile Gebirge übersteigen, daß der Weg selbst für die abgehärtetsten und stärksten Männer schwierig erschien. Trotzdem hoffte ich, wir könnten beide Möglichkeiten zu unserem Nutzen verwenden: die Wilden, um uns zu führen, und die Engländer, um uns in ihren Besitzungen aufzunehmen.

Wir marschierten so lange, wie nur der Mut Manons sie aufrecht erhalten konnte, nämlich ungefähr zwei Meilen. Denn diese unvergleichliche Geliebte weigerte sich[272] hartnäckig, früher haltzumachen. Erst als sie vor Erschöpfung fast zusammenbrach, gestand sie mir, daß es ihr unmöglich sei, noch weiter vorzudringen. Es war schon dunkel, und wir setzten uns inmitten einer weiten Ebene hin, ohne daß wir einen Baum fanden, der uns Schutz gewährt hätte.

Ihre erste Sorge war, den Verband meiner Wunde zu wechseln, den sie mir selbst vor unserem Fortgehen angelegt hatte. Vergebens widersetzte ich mich ihrem Vorhaben; ich hätte sie tödlich gekränkt, wenn ich ihr nicht die Freude gelassen hätte, mich zuerst behaglich und außer Gefahr zu sehen, ehe wir an ihre eigenen Bedürfnisse dachten. Ich gab ihren Wünschen nach und überließ mich schweigend und beschämt ihrer Fürsorge.

Als sie aber ihrer Zärtlichkeit genug getan hatte, mit welcher Glut betätigte ich nun die meinige! Ich beraubte mich aller Kleider, um sie ihr unterzulegen und ihr die Erde weniger hart zu machen. Ich zwang sie, wider ihren Willen, sich von mir jede nur mögliche Bequemlichkeit bereiten zu lassen. Ihre Hände erwärmte ich durch die Glut meiner Küsse und die Wärme meines Atems. Ich verbrachte die ganze Nacht, indem ich neben ihr wachte und Gott bat, ihr einen sanften und ruhigen Schlaf zu schenken. O Himmel, wie glühend und aufrichtig waren doch meine Wünsche, und welch ein strenges Gericht hast du als Antwort über mich verhängt![273]

Verzeihen Sie, wenn ich in wenigen Worten einen Bericht beendige, der mich fast tötet. Ich erzähle Ihnen von einem Unglück, wie es niemals seinesgleichen gehabt hat. Mein ganzes Leben hat nur noch den einen Sinn, es zu beweinen. Aber obgleich es immerfort vor meinem Gedächtnis steht, scheint meine Seele jedesmal vor Schrecken zurückzubeben, wenn ich versuche, es zu erzählen.

Wir hatten ruhig einen Teil der Nacht verbracht. Ich glaubte, meine teuere Geliebte sei eingeschlafen, und ich wagte nicht, den leisesten Seufzer auszustoßen, aus Furcht, ihren Schlaf zu beunruhigen. Bei Tagesanbruch bemerkte ich aber, als ich ihre Hände berührte, daß diese kalt waren und zitterten. Ich näherte sie meiner Brust, um sie zu erwärmen. Sie fühlte diese Bewegung, und mit großer Anstrengung ergriff sie die meinigen und sagte mir mit schwacher Stimme, sie glaube, ihre letzte Stunde sei gekommen.

Anfangs hielt ich diese Worte nur für eine Klage über ihr Unglück und antwortete darauf mit zärtlichen Versicherungen meiner Liebe. Aber ihre häufigen Seufzer, ihr Schweigen auf meine Fragen und die Art, wie sie meine Hände drückte, die sie noch immer in den ihrigen hielt, ließen mich erkennen, daß das Ende ihres unglücklichen Lebens bevorstehe.

Verlangen Sie nicht von mir, daß ich Ihnen meine Gefühle beschreibe, noch ihre letzten Worte berichte. Ich habe[274] Manon verloren, aber noch im Augenblick ihres Sterbens empfing ich von ihr Zeichen der Liebe. Das ist alles, was ich Ihnen über dieses furchtbare und traurige Ereignis mitzuteilen vermag.

Meine Seele folgte nicht der ihrigen, der Himmel hielt mich offenbar noch nicht für hart genug bestraft. Er wollte, daß ich von da an ein trauriges und elendes Leben führen sollte, und ich verzichte auch freiwillig darauf, jemals ein glücklicheres zu finden.

Mehr als vierundzwanzig Stunden verharrte ich so, meinen Mund auf das Gesicht und die Hände meiner teuren Manon gedrückt. Meine Absicht war, hier zu sterben, aber beim Beginn des zweiten Tages kam mir der Gedanke, daß ihr Körper nach meinem Hinscheiden dem Schicksal ausgesetzt sei, die Nahrung wilder Tiere zu werden. Ich beschloß daher, sie zu begraben und auf ihrer Gruft meinen Tod zu erwarten. Ich war aber infolge der Erschöpfung, die Nahrungsmangel und Schmerz herbeigeführt hatten, schon so sehr dem Tode nahe, daß ich mich überhaupt nur mit sehr großer Mühe aufrecht erhalten konnte. Ich war gezwungen, mich an dem mitgebrachten Branntwein zu stärken, und er gab mir auch so viele Kraft, daß ich meine traurige Pflicht erfüllen konnte.

Es wurde mir nicht schwer, an dem Platz, wo ich mich befand, die Erde aufzuwühlen, denn ich befand mich auf[275] einer mit Sand bedeckten Ebene. Ich zerbrach meinen Degen, um ihn zum Graben zu benutzen, aber ich kam damit nicht so gut vorwärts wie mit meinen bloßen Händen. Ich machte eine tiefe Grube. Ich legte die Göttin meines Herzens hinein, nachdem ich sie sorgfältig mit meinen Kleidern umhüllt hatte, damit der Sand sie nicht berühren konnte. Ehe ich sie hinlegte, umarmte ich sie tausendmal mit der Glut der leidenschaftlichsten Liebe. Ich setzte mich noch einmal neben sie, ich betrachtete sie lange Zeit und konnte mich nicht entschließen, die Grube zuzuwerfen.

Endlich, da meine Kräfte wieder nachzulassen begannen, und ich befürchtete, sie möchten mir vor der Beendigung meines Werkes gänzlich fehlen, begrub ich für immer in den Schoß der Erde das Vollkommenste und Liebenswerteste, was sie jemals hervorgebracht hatte. Ich legte mich dann auf das Grab, mein Gesicht in den Sand gedrückt. Indem ich die Augen schloß mit der Absicht, sie nie wieder zu öffnen, betete ich um den Schutz des Himmels und erwartete mit Ungeduld den Tod.

Sie werden es nur schwer glauben, daß während des ganzen Verlaufs dieser traurigen Handlung meine Augen nicht eine einzige Träne vergossen und mein Mund keinen Seufzer ausstieß. Die tiefe Niedergeschlagenheit, in der ich mich befand, und meine entschlossene Absicht, zu sterben, ließen gar keine Äußerungen der Verzweiflung und[276] des Schmerzes zu. Auch befand ich mich nicht lange in meiner Lage auf dem Grabe, als ich auch schon das Wenige, was mir an Bewußtsein und Empfindung geblieben war, verlor.

Nach dem, was Sie gehört haben, ist der Schluß meiner Geschichte so bedeutungslos, daß Sie sich kaum die Mühe zu machen brauchen, ihn anzuhören. Als man den Körper Synnelets zur Stadt zurückgebracht und seine Wunden sorgfältig untersucht hatte, fand man nicht nur, daß er noch nicht tot, sondern daß er überhaupt nicht gefährlich verwundet war. Er teilte seinem Onkel mit, was zwischen uns beiden geschehen war, und sein Edelmut trieb ihn dahin, aufs wärmste meinen eigenen Edelmut hervorzuheben. Man wollte mich holen, und da man weder mich noch Manon fand, vermutete man sofort, daß wir geflohen seien. Es war inzwischen zu spät geworden, nach meinen Spuren zu suchen, aber der folgende und der nächstfolgende Tag wurden dazu verwandt, mich zu verfolgen.

Man fand mich ohne Anzeichen von Leben auf dem Grabe Manons, und die Leute, die mich in diesem Zustande sahen, fast nackt und aus meiner Wunde blutend, zweifelten nicht, daß ich beraubt und ermordet sei, und brachten mich so zur Stadt zurück. Durch die Erschütterungen der Fortbewegung kam ich wieder zu mir, und die Seufzer, die ich ausstieß, als ich mich beim Öffnen[277] der Augen noch unter den Lebenden befand, ließen sie erkennen, daß bei mir noch Hilfe möglich sei. Und sie ließen mir diese auch mit nur zu gutem Erfolg zuteil werden.

Man verfehlte nicht, mich in ein enges Gefängnis zu werfen, und man machte mir den Prozeß. Denn, da Manon nicht mehr erschien, klagte man mich an, mich ihrer in einer Aufwallung von Wut und Eifersucht entledigt zu haben. Ich erzählte natürlich mein trauriges Erlebnis, und Synnelet besaß trotz des übergroßen Schmerzes, in den ihn mein Bericht versetzte, die Großmut, sich für meine Begnadigung einzusetzen. Sie wurde mir bewilligt.

Ich war so schwach, daß man mich aus dem Gefängnis in mein Bett tragen mußte, wo ich drei Monate lang durch eine schwere Krankheit festgehalten wurde. Meine Abscheu vor dem Leben nahm nicht ab, ich betete immer um den Tod und verweigerte hartnäckig die Annahme von Arzneien. Aber der Himmel, der mich lange Zeit hindurch so hart gestraft hatte, wollte, daß mir mein Unglück und seine Züchtigung doch zum Nutzen gereichen sollten. Er erleuchtete mich mit seinem Licht und flößte mir Gedanken ein, wie sie meiner Herkunft und Erziehung würdig waren.

Langsam kam eine gewisse Ruhe über meine Seele, und dieser Veränderung folgte bald meine Heilung. Ich[278] ließ mich ganz von den Geboten der Ehre leiten und fuhr fort, meinen kleinen Posten auszufüllen, wobei ich unaufhörlich auf die französischen Schiffe wartete, die einmal jährlich nach diesem Teil von Amerika fuhren. Ich war entschlossen, in mein Vaterland zurückzukehren, um dort durch ein tugendhaftes und ordentliches Leben das Ärgernis meines früheren Verhaltens wieder gutzumachen. Synnelet hatte Sorge getragen, den Körper meiner teuren Geliebten an einer würdigen Stätte begraben zu lassen.

Es war ungefähr sechs Wochen nach meiner Wiederherstellung, als ich eines Tages allein am Ufer entlang ging und ein Schiff ankommen sah, das Handelsgeschäfte nach Neuorleans führten. Neugierig betrachtete ich die Ausschiffung der Besatzung und erstaunte sehr, als ich unter denen, die sich der Stadt näherten, Tiberge erblickte.

Der getreue Freund erkannte mich schon von weitem, trotz der Veränderungen, die die Trauer auf meinem Gesicht angerichtet hatte. Er teilte mir mit, daß der einzige Grund zu seiner Reise der Wunsch gewesen sei, mich zu sehen und mich zu veranlassen, nach Frankreich zurückzukehren.

Als er den Brief erhalten hatte, den ich ihm aus Le Havre geschrieben hatte, begab er sich sofort dorthin, um mir persönlich die erbetene Hilfe zu bringen. Mit tiefstem Schmerz erfuhr er, daß ich schon abgereist sei, und er wäre mir sofort nachgefahren, wenn er nur ein Schiff[279] gefunden hätte, das bereit war, unter Segel zu gehen. Mehrere Monate hindurch suchte er in verschiedenen Häfen, bis er endlich eins in Saint-Malo fand, das im Begriff stand, nach Martinique abzufahren. Er schiffte sich mit ein, weil er hoffte, von Martinique aus leicht eine Überfahrt nach Neuorleans zu bekommen. Das Saint-Maloer Schiff wurde aber unterwegs von spanischen Seeräubern aufgegriffen und nach einer ihrer Inseln überführt. Tiberge gelang es durch eine List, zu entfliehen, und nach verschiedenen Irrfahrten fand er durch Zufall dieses kleine Handelsschiff, das ihn dann glücklich zu mir brachte.

Ich konnte nicht Dankbarkeit genug finden, um sie einem so edelmütigen und treuen Freund auszudrücken. Ich führte ihn in meine Wohnung und stellte ihm alles, was ich besaß, zur Verfügung. Dann erzählte ich ihm alles, was mir seit meiner Abreise aus Frankreich widerfahren war, und um ihm eine Freude zu bereiten, die er nicht erwartete, erklärte ich ihm, daß der Samen der Tugend, den er einst in mein Herz eingepflanzt hatte, jetzt anfange, Früchte zu tragen, mit denen er zufrieden sein werde. Er versicherte mir, daß eine so freudige Mitteilung ihn für alle Mühseligkeiten, die er während seiner Reise erlitten hätte, entschädige.

Wir haben zusammen zwei Monate in Neuorleans verbracht, bis ein Schiff aus Frankreich ankam. Dann[280] schifften wir uns ein und sind nun vor zwei Wochen in Le Havre de Grâce angekommen. Als ich ankam, schrieb ich an meine Familie. Mein älterer Bruder teilte mir in seinem Antwortschreiben mit, daß mein Vater gestorben sei, und ich fürchte nur zu sehr, daß meine Ausschweifungen mit an seinem Tode schuld gewesen sind. Da ein günstiger Wind für eine Fahrt nach Calais wehte, schiffte ich mich sofort dorthin ein und will mich nun zu einem mit mir verwandten Edelmann begeben, der einige Meilen von hier entfernt wohnt. Mein Bruder wird mich, wie er mir schrieb, dort erwarten.[281]

Quelle:
Prévost d' Exilles, Antoine: Geschichte der Manon Lescaut und des Chevalier des Grieux. Berlin [o. J.], S. 142-282.
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