Nr. 161. Das Mädchen auf der Wegsmühle.

[150] Auf der Wegsmühle dienete ein großes, starkes und schönes Mädchen. In diese Mühle kam eines abends spät ein Mann mit einem hohen Hedesacke, wie ihrer viele nach dem Oberharze hinauf steigen, nachdem sie in der Ebene bei den Bauern für Beeren sich den Sack voll Hede eingetauschet, oder ihn sich auch auf den Bauerhöfen zusammengebettelt haben. Ob er nicht in der Mühle im Stalle übernachten könne? fragte der Mann. Beinahe wäre es ihm verstattet, denn der Müller that manchem Armen gutes, aber er wollte an diesem Abende mit seiner Frau auf ein Dorf gehen, wo er Freundschaft hatte, und wo er zu einer kleinen Lustbarkeit eingeladen war, denn es war gerade Fastnacht. Da machte es sich nicht gut, daß der Harzker in der Mühle bleiben konnte, weil das Mädchen ganz allein zu Hause war. Nun, sagt der Fremde, so wolle er ins nächste Dorf zurückgehen, seinen Hedesack auf der Mühle in den Kuhstall stellen, damit er ihn nicht wieder mit zurückschleppen müsse, und ihn am anderen Morgen wieder abholen. Das sei ihm ganz recht, sagt der Müller.

Der Harzker stellt also seinen Hedesack in den Kuhstall, geht fort und eine Weile drauf geht auch der Müller und die Müllerin fort. Wie aber das Mädchen in den Kuhstall kömmt, siehet es beim Milchen, daß der Hedesack, der da in der Ecke stehet, bald groß und bald klein wird, und sich auf und nieder beweget. Da läuft es geschwind ins Haus und holet eine geladene Flinte heraus, die in der Stube an der Wand hänget. Mit der Flinte tritt es vor den Sack hin und ruft: Wer da? Es erhält aber keine Antwort und schießt los. Da schallt ein Geschrei aus dem Hedesacke, und wie das Mädchen ihn aufbindet, schwimmt da ein großer Mann in seinem Blute, der hat ein Messer und eine Pfeife neben sich liegen. Der Mann winselt sehr, daß er nun vor Gottes Gericht ziehen soll, und bekennet, daß ihrer zwölf Brüder seien,[150] die wären Räuber; zehn davon wollten in der Nacht hier einbrechen, der elfte das wäre der jüngeste, der säße in der Räuberhöhle bei der steinalten Mutter, die wollte ihn nicht von sich lassen. Er aber wäre der zwölfte, ihn hätten sie in einen Sack gebunden und das große Messer neben ihn geleget, auf daß er ihn zur rechten Stunde durchschneiden und heraussteigen könne. Dann habe er hintreten sollen vor die Öffnung in der Mühle, wo der Mühlbach durchs Haus ginge, und da habe er dann pfeifen sollen. Die elf Räuber lägen schon draußen vor der Mühle verstecket und lauerten nur auf den Ton seiner Pfeife. Sie möge zusehen, daß sie im Dunkel entfliehen könne, und die Mühle ihrem Schicksale überlassen. Und damit starb er.

Entfliehen konnte aber das Mädchen nicht, denn der Müller hatte die Hofthüre zugeschlossen und den Schlüssel eingestecket, damit es nicht nach ihm und seiner Frau in der Nacht aufbleiben müsse, und damit sie selbst, wenn sie heimkehreten, aufschließen könnten. Es überlegte nun, was zu thun sei, nahm das große Räubermesser und die Pfeife und ging damit in die Mühle hinein.

Nun tritt sie vor die Öffnung in der Mühle hin, hält das Messer in der rechten Hand und bläset auf der Pfeife.

»Plumps« geht es im Wasser, und halb schwimmt, halb watet der Kerl darinnen, der den Hedesack getragen hat. Der strecket seinen grimmigen Kopf bald unter der Mühlschwelle herein. Dies ist nun, als der stärkste, der Räuberhauptmann gewesen, den packet sie bei den Haaren, schneidet ihm mit dem Messer den Hals ab, so daß er nicht einmal schreien kann, und ziehet ihn vollends herein.

Da blies das Mädchen wieder auf seiner Pfeife. »Plumps« geht es im Wasser. Da kommt der zweite Räuber an. Es faßt ihn beim Schopfe, schneidet ihm den Hals ab und ziehet ihn wieder herein. Dann pfeifet es wieder, und so locket es nachgerade alle zehn Räuber unter die Schwelle der Mühle, schneidet ihnen die Hälse ab und ziehet sie herein.

Als der Müller mit seiner Frau nach Hause kam, fand er das Mädchen, wie es ganz zerstöret und mit Blut beflecket in der Stube saß. Nachdem es ihnen die vielen Leichen der[151] Räuber gezeiget hatte, pries er es hoch als seine Retterin. Es lebte nun in der Mühle hinfort mehr als Freundin denn als Magd, und war hoch geehret nicht allein im Hause, sondern auch weit und breit berühmt wegen seiner Heldenthat. Es fanden sich auch junge Burschen aus dem Dorfe ein, die sie gern gefreit hätten. Das Mädchen aber war so stolz und so finster und sagte, es wolle niemand, als der verspreche, nach ihrer Pfeife zu tanzen, womit es die Räuber herbeigelocket. Aber weil es nun so schön war, so fand sich zuletzt in der Mühle ein Stadtherr ein, der ging auf Freiersfüßen, und war sehr reich, und hielt um das Mädchen an. Das Mädchen wollte auch von ihm nicht recht viel wissen, aber er schenkte ihm die kostbarsten Sachen und dadurch gewöhnte es sich an ihn, weil der Müller und die Müllerin sagten, der müsse einen großen Goldkasten zu Hause stehen haben, und wer da einmal hineingreifen dürfe, sei wohl glücklich zu preisen sein Lebelang.

Nun aber sagte der fremde Bräutigam: er wolle das Mädchen einmal in der Kutsche abholen und ihm sein Haus zeigen, wie prächtig das sei. Der Müller gab die Erlaubnis, daß das Mädchen mit ihm fahren solle. Das Mädchen selbst hatte anfangs wieder keine Lust, mit dem fremden Bräutigam zu fahren; doch war es neugierig, einmal sein Hauswesen zu sehen, und darum setzte es sich ein in die Kutsche.

Der Fremde fuhr nun mit dem Mädchen in den Wald. Als sie mitten im dem Walde waren, ließ er den Kutscher, der ein Lohnfuhrmann war, halten, und hieß das Mädchen mit ihm aussteigen. Den Fuhrmann hatte er schon vorher gut bezahlet und hatte ihm gesagt, wie ers in dem Walde wollte gehalten wissen. Darum schlug der jetzt auf seine Pferde, jagte davon und ließ das Mädchen mit dem Fremden im Walde stehen.

Der Fremde griff jetzt das Mädchen hart an, und weil er stärker war als sie, so mußte sie ihm folgen, und er schleppte sie in eine Räuberhöhle. Da saß die steinalte Mutter der elf Räuber, die das Mädchen getötet hatte. Der Fremde aber sagte, daß er der zwölfte Bruder sei, und seiner Mutter es zugeschworen habe, die andern elf Brüder an ihr zu rächen,[152] darum habe er sich verkleidet und sie hierher gelocket. Hier müsse sie sterben.

Nun weinte und klagte das Mädchen, so mutig es war, aber doch, und bat bei dem jüngsten Bruder der Räuber um ihr Leben. Dieser hätte sie gerne leben lassen, denn ihre Schönheit hatte ihn schon längst bestochen. Und weil die steinalte Mutter das merkte, und weil das Mädchen sich erbot, die Wirtschaft in der Höhle zu führen, was der Alten sehr schwer wurde, und auch das Weib des jungen Räubers zu werden, so beredeten sich Mutter und Sohn und ließen das Mädchen am Leben.

Nun war das Mädchen schon mehrere Tage in der Räuberhöhle gewesen, und weil sie gar so schön war, so konnte der junge Räuber es nicht lassen, daß er am vierten Tage, nachdem sie zu Mittag gegessen hatten, den Kopf in ihren Schoß legte. Sie liebkoste ihn nun und er schlief ein. Dann nahm sie ein großes Räubermesser, das auf dem Tische lag und schnitt ihm auch, wie seinen Brüdern, den Hals ab. Hierauf ging es wieder zu dem Müller, der rief die Obrigkeit herbei und so folgten sie dem Mädchen in die Räuberhöhle. Sie fanden die Alte dicht vor der Höhle, weil sie vor Altersschwäche nicht hatte entfliehen können, nahmen sie mit und ließen sie von vier Ochsen zerreißen. Das Mädchen aber erhielt alle Schätze, die sich in der Räuberhöhle vorfanden. So war sie nun steinreich geworden; von den ordentlichen Burschen aus dem Dorfe aber, welchen sie früher sehr schnöde begegnet war, fand sich keiner wieder ein, weil sie die drei Tage bei dem jungen Räuber in seiner Höhle gewesen war. Und so lebte sie sehr reich, aber einsam bis an ihr Ende.

Quelle:
Heinrich Pröhle: Harzsagen, zum Teil in der Mundart der Gebirgsbewohner. Leipzig 21886, S. 150-153.
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