XI. Von Leichen- oder Leb-losen Menschen.

[274] Daß die Gestorbenen / keine rechte Menschen mehr seyn / solches wird leichtlich ein jedweder aus denen Exempeln der Logicae davon gebracht haben: und handelt davon auch D. Lütkemann in Tract. De vero homine / Sect. 1. in sine p. 45. doch muß man Mause-todte verstehen: Ein anders ists mit denen jenigen / so wieder auffgelebet seyn / alß zum Exempel etliche Auffgehenckete / davon Schenckius / l. 2. obs. 17. et 18. item lib. 8. obs. 188. et 289. beym Pomario in Synopt. Colleg. Physic. disp. 5. posit. 3. und beym M. Georg. Elurio in der Glatzischen Chronick / lib. 3. p. m. 226. etc. Auch zeige ich noch dieses an / daß unter Regierung der Graffen von Hardeck zu Glatz / ein Rhatmann / mit dem Zunahmen Patschker zu Habelschwerd gewesen ist / derselbe hat in seinem Ermel /wenn die Rhat Herren Geld gezehlet haben / Geld fallen lassen. Dieses zeigen sie dem Graffen an / der befiehlet / daß sie Achtung drauff geben solten / und ihn auff wahrer That ergreiffen; solches geschah / und ward dem Grafen angemeldet. Der lest denselben sodern / und verurtheilet ihm zum Tode. Aber ehe er noch nieder kniete / befiehl der Graffe dem Hencker / daß er ihm nur mit flacher[274] Wehre an den Nacken schlagen solte: Als es nun geschehen war / hieß ihn der Graffe auffstehen / und sprach / stehe auff Patschker / dir ist Gnade bewiesen. Als er nun gefragt ward /wie ihm zu Muthe gewesen sey? Hat er geantwortet / ihm hette gedaucht es lege Himmel und Erde auff ihm. Bey dieser Anleitung wil ich auch sonsten eine Historia anmelden / welche ich mit meinen Augen selber gesehen / und mit meinen Ohren gegenwertiglich selber angehöret habe. Anno 1622. den. 4. Januari /worden zu Glatz 8. Persohnen / (die nach Soldaten-Recht waren zum Tode verurtheilet worden /) außgeführet / denn sie hatten zum Theil Beuthe gemacht / bey den Freunden / oder auff den jenigen Dörffern /welche hinein in die Stadt dem Obersten contribuireten / und hatten sich außgegeben / als wenn sie nicht Glatzische / sondern Churfürstliche Sächsische Soldaten wehren.

Nun war unter den 8. Persohnen auch ein Glätzischer Mittwohner / der ein Stricker war / dieser ward auch zum Soldaten Galgen gebracht / der am Ringe bey der Prange stund / und ward auch daran auffgehencket. Als ihm nun der Hencker das Genicke gebrochen hatte / und hernach ein ander eiserne Haspe ins Holtz eingeschlagen / und darumb den Strick geleget hatte / auch wieder von Galgen herab stiege / und einen andern holen wolte. Kam Hauptmann Senis geritten / und schrey / es wehre ein Irrthumb geschehen / denn derselb der gehencket worden / hette nicht sollen gehenckt werden.[275]

(Es ist im Krieg der Gebrauch / daß wenn zum Tode verurtheilte Soldaten / auff Bitte noch sollen loß kommen / man dieselben gemeiniglich erst loß zehlet unterm Gericht / oder ja erst wenn ihnen schon der Hencker den Strick soll umblegen / drumb woltē schon die Soldaten den Hencker von Galgen herab schiessen / aber auff groß Vermahnen der Officirer / und auff grosse Bitte des Henckers verblieb es; Als nun ein groß Geschrey war / und jederman dem Hencker zurieff / er solte den Gehenckten wieder loß machen / schrey er erst auff ein Messer / die Soldaten aber sprachen / haue ihn mit dem Beile wieder loß / solches thet er / und hawte den Strick entzwey / daran er wahr gehencket worden / also fiel der Gehenckte herab von dem Galgen auff die Erden / und thet erst einen schweren Fahl / der Hencker steig ihm nach herunter und bestrich ihn mit Schnee / damit er sich wieder erquicken solte / über eine Weile fieng er sich wieder an zubewegen / der Hencker rieb Ihn so lang biß er ihm wieder auff die Füsse brachte / darnach fasseten ihn etliche / und führeten ihn wieder in Stock. Weil aber der Kriegs Hauptman selber einen Irrthumb begangen hatte / denn nicht dieser Stricker / sondern der andere Soldat / welcher nach ihm die Galgen Leiter steigen thete / solte loß gelassen werden: Kam bald ein neuer Befehl von dem Kriegs Obersten / der Stricker solte noch einmahl unn zwar an den Raths-Galgen draussen fürm Thor gehenckt worden. Als diese Zeitung für dem Stricker kam / stellete er sich sehr kleinmütig durch Geberden im Gefängniß / denn er noch[276] nicht wieder reden konte / dabey denn uns Prädicanten selber nicht wohl war / darumb giengen wir alle dreye zum Hauptmann / und thaten eine Vorbitte für ihn / weil er sein Recht einmahl erlitten hatte mit vermelden / wir besorgten er möchte noch auff dem Wege in Verzweiffelung fallen; darauff ward ihm das Leben geschenckt. Als man nun diesen gehangenen Lebendigen nach etlichen Tagen fragte / wie Ihm am Galgen wehre zu Muthe gewesen? sagte er dieses: Das grosse Geschrey der Leuthe hette er wohl gehöret / da er gleich schon were gehenckt gewesen / er hette aber nicht verstanden / was es gewesen wehre: Item / ihm hette gedaucht / als wenn er in einem tieffen Graben währe / und hätte sollen aus demselben heraußsteigen / ja er hette auch sehr gearbeitet / und sich bemühet herauff zu klettern / hette aber nicht gekunt /weil das Ufer gleich über sich / wie eine schlechte und hohe Mauer gestanden habe: Darumb hatte er nun bey sich gedacht / er wolte nur in dem tieffen Thal liegen bleiben / es gienge ihm gleich darüber wie es wolle. Diese Geschichte ist gewiß ergangen / und ich bin selbst darbey gewesen unterm Gerichte / und habe gesehen / daß der erwehnte Mensch über eine gute viertel Stunde am Galgen gehencket hat / ehe er wieder herunter gefallen ist. Derselbe Mensch hat etliche Wochen lang einen bösen Halß gehabt / weil ihn d' Strick sehr gewürget hatte / aber er ist doch gantz heyl und gesund wieder worden / daß er sich seines Strickens ferner genehret hat.

Ein dergleichens ward auch im Drucke herauß[277] gegeben / im Tract. dessen Titul: Etwas neues vom Tode: oder eine warhafftige und richtige Erzehlung der wunderbahren Erleidigung Anna Grain betreffend: welche nach dem man sie zu Oxsurth in England den 14. Dec. 1650. gehenckt / wieder lebendig / und vermittelst etlicher Aertzte daselbst vollkömmlich zu rechte / gebrache wurden. etc. Es begab sich neulich in dieser Stadt (Oxfurth) ein sehr seltzamer und denckwürdiger Zufall / welchen / weil er unterschiedlich und fälschlich von den gemeinen Leuthen erzehlet worden (wie es denn in solchen Fällen zu geschehen pfleget) habe ich zu diesem Ende / damit niemand möchte betrogen / noch diß sonderbahre Werck der Göttlichen Erbarmung und Fürsehung von uns iemahls vergessen werden / dasselbe glaubwürdig bezeugen wollen / und zwar solcher Massen / wie ich von den jenigin Bericht empfangen / die gleichsam die vornehmsten Werckzeuge wahren / vermittelst welcher solches grosse Werck zu seiner Vollkommenheit gebracht worden. Im Hause des Thomas Read zu Büns-Terr inden Oxfurthischen Gebiete lebte eine Magd / Namens Anna Greene gebohren zu Steeple-Barton in vorbesagten Gebiete; die ihres Alters ungefehr 22. Jahr / mittelmäßiger Leibes Grösse / starck / fleischlicht / zimlich fein vō Gestalt: welche / da sie offt / (wie sie sagt) mit stattlichen Verseissungen / und andern geilen Liebes-Reitzungen von Jeffery Read des vorgedachten Herrn Thomas Read Ehnenkel / einen Jungen von 16. oder 17. Jahren / aber eines zimlichen Gewächses und änge / hier zu stätig[278] er suchet worden / hat sie endlich eingewilliget / seine ungebürliche Lust zu ersättigen: Durch welches Werck /(wie es nachmals gnugsam erhellet) sie denn geschwängert / und endlich auch der Geburth eines Knäbleins frühzeitig entbunden worden; so zwar nit recht kundbar war / das Kind aber / so in dem Werck Hause todt gefunden / verursachte einen Argwohn / als ob sie die jenige Mutter währe / so ihr Kind ermordet: und es dahin geschleppet / zu dem Ende / daß sie beides das Kind / und dann auch ihre Schande daselbst verhölen möchte. Darauff wurde sie stracks zur Frage gezogen / und zuvor bey unterschiedlichen. Gerichten im Land herumb geführet / alß dann bald darauff an einem überaus kalten und Regnerischen Tage nach Oxfurth ins Gefängniß geschicket; darinnen sie bey die drey Wochen meistentheils mit Zittern und Schrecken zugebracht / in einem düsterlichen und Trostlosen Winckel: als der ihren Zustande nicht wohl anständig war. Wurde sie also von dem sitzendem Gerichte in Oxfurh angeklaget / zum Tode verdammet und am einem Sambstag den 14. Dec. letzlich auff den Richt-Platz gebracht: Allda sie dann (nachdehm sie einen Psalm gesungen / und ein wenig etwas geredet hatte / ihre Unschuld und Rechfertigung belangend / von wegen der Missethat / darumb sie itzt die Straff außstehen solte: Mit Vermeldung der Boßheit ihres vormahligen Haußgesinds / darinnen sie jüngst-hin gelebt und gedienet hatte) von der Leiter gestossen / und eine gute halbe Stund bey dem Nackē hangend geblieben:[279] Etliche von ihren Freunden schlugen sie immittelst an die Brust / andere hencketen sich mit aller Macht (so schwer sie warē) an ihre Füsse / biß weilen hoben sie die in die Höhe / und liessen sie geschwind wieder nieder fallen / als wenn man wippete damit sie ihr desto behender von dem Schmertzen helffen möchten: Also gar / daß auch der Unterrichter befürchtete / sie möchten den Strick abreissen: Deßwegen er ihnen dann es mehr zu thun verbothen. Endlich / da jedermann nicht anders gedachte / denn sie wäre todt / wurde der Leichnam abgenommen / in einen Sarg gelegt / und in ein gemietet Hauß gebracht / allda die Artzte eine Auffschneidung vor die Hand zu nehmen / bey sich beschlossen hatten. Da nun der Sarg geöffnet / merckte man einen Odem in ihr; und in dem sie Odem holte (denn der Weg ihrer Trossel war zimlich zweng und eng) spürte man / daß sie etwas dumbar rasselte: welches von einem lustigen Gesellen beobachtet wurde / so dabey stunde, Dieser (in Meynung ein Werck der Liebe hiermit zu erweisen / wann er sie von dem schmertzhafften Leben / so viel noch in ihr übrig seyn möchte / vollends erlösete) stieß zu unterschiedlichen mahlen auff ihre Brust und Magen / mit aller Macht / so starck er mochte. Gleich darnach kamen hinein. D. PETTY aus dem Brasen-nose-Collegio / unser Anatomi-Professor / und Herr Thomas Willis aus dem Christ-Turch-Collegio; bey derer Ankunfft dann sie annoch fort fuhre sich zu regen / wie vorhin / die gantze Weil über in den Sarg außgestreckt liegend an einem külen Ort / und auch zu einer külen Jahres[280] Zeit: diese vernahmen / daß noch ein wenig Leben in ihr / felleten von Stund an (dieweil es nicht allein der Leutseligkeit / sondern auch ihres Beruffs gemäß wäre) diesen Schluß / alle ihr Thun dahin zu richten / daß sie wieder möchte zu recht gebracht werden.

Erstlich nun / da sie verursachet / solche in dem Sarg auffzurichten / rissen sie ihr die Zähne auff /welche sehr starck auff einander gesetzet waren / und gossen ihr etliche heisse und Hertzsterckende (Spiritus) Sachen in dem Mund darauff sie sich mehr regte / denn vorhin; und scheinete dumbar zu husten: als dann thäte sie ihre Hände auff (ihre Finger aber waren steiff in einand' gekrümmet) und mit etlichen rieb und schabte sie eusserlich an ihrē Leibe; welches sie bey einer viertel Stunde also antriebe. Unterweil gossen sie ihr offt einen Löffel oder zween voll Hertzsterckendes Wasser ein / und kitzelten sie darneben mit einer Feder an die Trossel darauf sie zwar ihre Augen öfnete / schloß sie aber geschwind wieder zu. So bald nun die Artzte vernahmen / daß einige Wärme in den eusserlichen Theilen ihres Leibes befindlich / gedachten sie ihr Blut zu lassen. Zu dem Ende / dann auch ihr Arm gebunden wurde: Aber jehlings krümmete sie solchen / als ob ihr gleichsam vermittelst einer krämffigen Zusammenschrümpfung derselbe eingezogen wäre worden: da nun die Ader eröffnet / gab sie auff die fünff Untzen Bluth / und zwar so hurtig und schleunig / daß es nicht leichtlich kunte wieder gestillet werden. Die gantze Zeit über wahr ihr Pulß sehr nieder und schwach; doch aber sonst ausser deme nicht viel[281] verloren. Da nun ihr Arm wieder auffgebunden / nur ein wenig / dann wieder ein wenig kräfftiges Wasser in ihre Gorgel gelassen / regte sie sich für und für an unterschiedlichen Orten: Dadurch verursachte sie ferner / daß man ihr Gebäude über die Arm und Füsse machte: verordnete alsdann / sie ein wolgewärmtes Bett zu legen: Sie machte auch / daß man ihr den Nacken / und dann die Schläffe mit sterckenden Oelen (und Spiritibus) schmierete: ingleichen auch ihre Fußsolen: darauff fieng sie an / die Augen wieder auffzuthun / und die unteren Theile des Leibes zubewegen. Umb diese Zeit kamen nun auch Herr Batthurft auß dem Trinitatis-Collegio / und Herr Clercke aus dem Magdalen-Collegio hinein derer Einrathung und Befleissung dann allezeit hernach mit vorbesagter beider Herrn Fleiß überein kam. Darauff legten sie ihr ein Pflaster über ihre Brüste / und ordneten ein heisse und von allerhand Gewürtzten starckriechenden Clystir / ihrem Leibe bey zu bringen / damit man ihr Gedärm erwärmen möchte: darnach überredeten sie ein Weib / zu ihr ins Bette zu gehen / sich sehr genau an sie zu legen / und sich fein sanfft und gelind an sie (gleichsam) zu reiben. Nach diesem allen scheinte sie biß umb den Mittag in einen Schweiß zu liegen / ihr Angesichte fieng an etwas zu geschwellen / und sehr roth auff der Seiten auß zusehen / da der Knoten vom Seil steiff zusammen geknüpffet worden. Unterdessen nun / da die Artzte damit umbgiengen / wie sie solche wieder ins Leben bringen möchten / hielte der Unterrichter (Undersheriffe) bey[282] dem Oberrichter (Governour) und den übrigen von der friedliebenden Gerechtigkeit the justices of Peace) umb Erlangung ferneres Auffschubs an / daß im Fall sie für dißmal wieder möchte völlig ins Leben gebracht werden / sie als dann nicht erst vom neuen ihr Gericht außstehen dürffte. Darauff dann diese gute und lobwürdige Herren in Betrachtung was sich begeben / und sattsamer Erwegung aller und ieder Umbstände) alsobald Gottes Hand hierinnen ergriffen; Der solche Person erhalten: waren dabey willig und bereit / vielmehr der Göttlichen Fürsehung die Hand zu bieten damit nur dieselbige möchte erhalten werden als die Gerechtigkeit zu übertreiben; wofern sie solte zu doppelter Schmach und Pein verurtheilet werden: deßwegen sie dann nach ihrem Belieben entschlossen wären / einen Auffschub ihr zu vergünstigen / biß zu seiner Zeit / da sie völlige Verzeihung erhalten möchte.

Diese gantze Zeit über / so bald sie nur ihre Augen auffgeworffen / hat sie solche gleich wieder zu fallen lassen und wann man ihr geruffen / zu vernehmen / ob sie hören oder reden könte / sahe man gantz kein Zeichen / daß sie dergleichen zu thun vermöchte. Bald darnach thäten sie dessen wiederumb einen Versuch / bittende / so sie die Umbstehenden verstünde / solte sie ihre Hände bewegen / oder die Augen auffthun? darauff sie dann ihre Augen ein wenig öffnete. Die Artzte aber befürchteten sich / es möchte ihr Gesichte ie mehr und mehr aufgeschwellen / unn vielleicht ein Fieber sie ankommen / vō wegen d' Ersteckung darū nahmen sie ihr noch[283] auß dem rechten Arm bey die neun Untzen Bluths und also liessen sie dieselbe für diese Nacht: Innerhalb zweyer Stunden hernach fieng sie an viel deutliche Wort zu sprechen / so man noch gar wohl verstehen kunte.

Sontags den 15. Dec. umb 8. Uhr früh Morgens kamen sie wieder / und fanden sie umb ein merckliches verbessert / also daß sie noch wol auff eines und dz andere antworten kunte; so man sie etwas fragte. Sie beklagte sich aber sehr wegen ihrer Trossel (und zwar sonst nichts sonderlichs über einen oder andern Theil des Leibes / darzu sie auch ein Pflaster auff zu legen verordnet. Darnach beklagte sie sich über die außgetrucknete Dürre des Halses / deßwegen ihr dann ein Julep gereichet wurde; welchen sie zwar Anfangs mit Mühe und Arbeit zu sich nahme / zuletzt aber wegerte sie sich dessen; warmes Bier so man ihr gab /wolte ihr gar nit schmecken / aber das Kalte tranck sie gerne / und bedanckte sich dafür. Die Zeit über lag sie offtmahls seuftzend und redend mit ihr selbst / als ob sie noch immer die vorige Angst außstünde. Umb den Mittag fühlte sie eine hefftige Schwürung in ihrer Brust und in den Seitē; aber da sahe man nichts ungleichfarbiges / oder daß einer Zerstoffung ähnlich wäre: Auff diese Nacht ordneten sie ihr ein Clystir / sambt einem Pflaster über die Brust und Seiten zulegen; neben andern Mitteln / dem Ubel damit vor zu kommen / so sich ereignen möchte / vermittelst des zusamgepfremten und erstockten Bluts; und so lieffen sie es mit ihr im übrigen dabey bewenden. Umb die 9. Stund aber lachte und redete[284] sie gantz freudig und munter / sahe frisch auß / und hatte eine gute Farb. Und wiewol sie ein wenig dabey fieberisch / doch war ihre Zunge weder zerschrunten / noch letticht oder schliefericht. Montags / den 16. Dec. befanden sie / daß sie ein wenig gerastet / und ihr Fieber nicht viel zugenommen; da sie dann auß ihrem lincken Arm mehr Bluths / bey die sechs Untzen genommen: Sie wurde gantz nicht matt oder kleinmüthig / sondern redete recht lustig daher; nur ein wenig klagte sie ihren Nacken / Magen / und Trossel.

Aber ehe dann sie ihr Bluth gelassen (da sie zuvor alle hinauß geschafft / außgenommen die jenigen Herren / so zu dieser Facultät gehörig waren) fragten sie /wie ihr in währender Außstehung des Gerichts allen Empfindligkeiten nach gewesen sey? Sie antwortete / nach dem sie etzliche Kleider abgelegt / solche ihrer Mutter erblich zu überlassen (welche sehr früh gegen dem Morgen lang vor dem Richten bey ihr war) und ungefehr jemand hatte sagen hören / daß allbereit eines von den Gefangenen auß den Banden gelassen / dem Todt sich zu unterwerffen; da habe sie sich in geringsten nichts mehr besonnen / wie man ferner mit ihr umbgegangen: Ja / sie wüste nicht / wenn ihre Ketten auffgeschlagen / oder wie sie aus der Gefängniß herauß gekommen / oder daß sie auff dem Galgen gewesen; vielweniger kunte sie sich erinnern / daß einiger Psalm wäre gesungen worden / oder daß sie im geringsten solte etwas gesagt haben: doch fanden sich etzliche Zeugen / die außsagten / daß sie dazumahl sehr deutlich und vernehmlich[285] geredt hatte: Alleine die folgende Nacht hernach / scheinet es / wie daß sie sich eines Gesellen in etwas erinnerte / der mit einer Decke umbgeben; Welches in Warheit die Tracht deß Henckers selbsten war. Ist also sehr merckwürdig / dz nachdem sie wieder zu ihr kam / in solches Gespräch mit ihr selbsten geriethe als sie etwan in währender Gefängniß noch (ehe dann sie zum Todt verurtheilet worden) mag geführet haben, es gedeuchte sie / als ob sie daran müste / davon sie schon längst erlassen war: Anderst nicht / als wie eine Uhr / der man die Gewicht bißweilen abnimbt / und alsdann wieder anhenckt.

Diese Nacht über war sie in den Seiten / und andern zerstossenen Orten hefftig entzündet / ihr Nacken sehr geschworen sonderlich an der rechten Seiten / da es alles schwartz war / und anfieng blättericht zu werden: da sahe man also unterschiedliche Flecken des zusammen gesetzten Bluts / an ihrem rechten Backen. Donnerstags den 17. Dec. früh Morgens befand sie / das ihr Pulß wiederumb schlug / wiewohl sehr ungleich; Ihre Zung war nicht sehr trucken oder rauch; Die Nacht zuvor schlieff sie gar wol / des Morgens stunde sie auff / aber das Haupt war ihr so blöde / daß sie schwerlich aufgerichts zu stehen vermochte: da beklagte sie sich nun wegen des Magen Wehthuns / der sich zu unterst in dessen Grund und Boden (so zu sagen erregte sie beklagte sich auch / als ob die Zunge an der Spitzen gātz todt wäre / wie mich gedünckt / ob sie vielleicht in währender Marter selbst darein gebissen:[286] Sie rieff auch umb ein wenig Brod / daß sie aß; welches zuvor gebäet / oder geröstet / und ins Bier eingetuncket worden. Zu Nachts / da mann sie wieder besuchte / hatte der Schmertzen so wol an ihrem Nacken als an der Trossel abgenommen / die Flecken vom gesetzten Blut umb ihre Backen und Nacken sich gemindert: Aber die todte Unempfindlichkeit an der Zungen war noch stets verblieben. Diese Nacht schlieff sie 6. oder 7. Stunden / und den 18. Monats Tag darauff am Morgen hatte sie kein Fieber mehr / ihr Pulß war umb ein merckliches gebessert / und alle Zufälle wurden geringer. Die Schmertzen in ihrer Brust hatten das Ansehen / als ob sie sich hinunter in den Leib zögen; welche sich nicht [wie man anfänglich dafür gehalten] in dem Gedärm / sondern einig und allein eusserlich in den äderichten Theilen enthalten. Den 19. Dec. war sie auf / und aß ein Stück von einem jungen Hun: Alle und jede Zufälle nahmen zu sehens ab, doch kunte sie noch nicht allein gehen / sondern muste etwas zum Behülff haben / daran sie sich anhielte. Ihr Nacken war zwar sehr erschworen / doch besserte sichs: Die Unempfindlichkeit ihrer Zungen nahm auch ab: schlieff also diese Nacht sehr wol. Ungefähr vier oder fünff Tage hernach / da zumal ein schaurisches und frostiges Wetter / sahe man eine Schwärtze oberhalb des Untern Theils ihres rechten Arm / und ober der Scham eben auff derselbigen Seiten: welche nach und nach gelblicht worden / und innerhalb vier oder fünff Tagen gantz vergangen.[287]

Dieser Zeit nun war der Artzte Fleiß wol angeschlagen: die Schmertzen in ihrer Brust / und die Seiten (so sie den Odem in sich zog) im gleichen auch die Ungleichheit ihres Pulses (welche dazumahl einen Argwohn verursachte einer Zerknerschung und Ausschöpffung des Geblüts / so sich in der Lungen gleichsam ergossen) hatten nun völlig auffgehört: Beides die Zunge / und dann auch der Nacken waren der Unempfindligkeit und der Erschwierung wiederumb befreyet. Da war einig und allein noch hinterstellig d' Schwindel in ihrem Haupt / wann sie entweder gehen oder ihren Leib nur auffrichten wolte: welcher sie doch im kurtzen wieder verlassen. Da sie nun ihrer gantz wieder mächtig / ausser der Stat zu gehen / zu essen / zu trincken / zu schlaffen / so wohl als vorhin / ehe sie dieser Unfall betroffen: hatte sie freye Erläubniß wieder zu erscheinen / (und ist auch unterdessen schon hinweg) bey ihren Freunden auff dem Lande / da sie ihre Toden Truhen / darinn sie schon gelegen / mit sich genommen / als ein Siegs Zeichen wunderseltzsamen Erhaltung. Also war sie innerhalb eines Monats wieder zu völligen Wohlstand gebracht: Und zwar eben an demselbigen Ort / allda ihr Leichnam solte auffgeschnitten und besichtiget werden / ihrer wenig hiermit zu vergnügen / entstunde wegen ihrer (nach dem sie wieder lebendig worden) noch viel ein grösseres Wunder / daß man fast ein so überauß grosse Menge Volcks nicht wohl vergnügen kunte / die täglich gelauffen kam / selbe zusehen. Ein Ding hätte ich bald vergessen / nemlich / da die Anzahl[288] des zulauffenden Volcks gar zu ungestüm in das Hauß hinein drang / hatten die Artzte von dem Ober-Richter so viel erhalten / eine Wach vor die Thür zu stellen: doch dieweil man es den jenigen Leuten / so erbar und etwas fürnehmes waren / nicht wol abschlagen kunte / sie hinein zulassen / bedachten sie sich auff diese bequemliche Gelegenheit / dieser Magd zum besten / sie ein zu lassen / entweder solcher Gestalt / daß sie selbst auß Christlicher Liebe nach belieben ihr etwas mittheilen / oder auch die jenigen / so da Lust hätten sie nur Wunders wegen zusehen / ein weniges zugeben solten. Darumb sie dann selbst erstlich den Weg hierzu gebahnet / und ferner den jenigen befohlen / so hineinkommen wolten / solten ihr etwas nach Belieben geben: Dazu ihr Vater dazumal bereit war / solches alles einzunehmen. Wenig Tag hernach kam der Oberrichter (als ein sehr höflicher und kluger Herr) selbst hinein / sie zu sehen: Der nicht allein seine milde Hand reichlich gegen sie auffgethan / sondern auch aus Christlicher Liebe ihr manchen guten Unterricht hierzu ertheilet. Auff solche Weise wurde eine zimliche Summ Gelds für sie gesamlet: davon nicht allein die Apotheckers-Zettel und andere nothwendige Außgaben für die Kost und Behausung entrichtet: NB. sondern auch zum Uberfluß noch so viel geblieben / als sie zur Anfoderung von wegen des geschenckten Lebens von nöthen hatte.

Nach dem nun von uns sattsamlich bißhero erzehlet / was sie alles außgestanden / und auff was Weissman solche Wunder zu recht gebracht; wollen wir[289] auch nicht unterlassen / rückwarts zu sehen / und einen Augenschein ein zu nehmen der jenigen Ursache / was dann die Missethat an und für sich selbsten gewest /weßwegen sie solches alles hat außstehen müssen? welche (wie gemeldt) war der verdächtige Mord ihres leiblichen Kindes. Zwey Stücke aber sind hierinnen fürnemlich zu beobachten / welche von ihr selbst angezogen / ihre Unschuld in dieser Sache klärlich damit an den Tag zu geben.

Das erste ist / das ihr das unzeitige Kind abgegangen; darauß dann leichtlich zu schliessen / daß solches der Ermordung noch nicht wol fähig hette seyn können: Das andre aber / das sie selbst nicht gewiß wuste / ob sie schwanger wäre und das solches gantz unversehen von ihr gefallen / da sie eben in dem Werckhauß gewesen.

Für das erste nun / ist es ja augenscheinlich-klar / daß das Kind dazumahl sehr unvollkommen über eine Spann nicht lang; und auch noch nicht wol zu erkennen gewesen / ob es Männliches oder Weibliches Geschlechts wäre: also daß man es viel eher für ein lumpen Fleich / als für ein wol- und artlich gebildtes Kind ansehen hette sollen.

Die Hebamm sagte / also / daß es noch keine Haare gehabt / u. sie auch schwerlich glaubē könte / dz schon ein Leben in demselbigen solte gewest seyn. Uber diß bezeugen ihre Mittgehülffinnen so viel / daß sie / gewisse Blutflämmungen an ihr jederzeit verspüret / bey einem Monat zuvor / ehe dann es ihr übel gegangen; Welches dann einer Natur gleich siehet (wie die Aertzte sprechen als[290] die mit der Lebhafftigkeit eines Kindes nicht wohl bestehen mag. Der Durchbruch aber dieser Blut-flößungen überhaschte sie / da sie zuvor gewaltig starck das Maltz gerühret hatte. Letzlich so ist es auch nicht wohl scheinlich daß das Kind schon lebendig solte gewest seyn: sintemal sich diese üble Veränderung nicht viel über 17. Wochen hernach mit ihr zugetragen / von der Zeit ihrer Empfängniß an zu rechnen.

Fürs andere / daß sie nicht wol gewust / ob sie eigentlich schwanger wäre / ist gar gläublich: dann sie hatte ihre Weibliche Zeit zuvor über 10. Wochen noch nicht auß gehabt / biß sie endlich mit diesen stetigen Flüssen behafftet worden / welches bey einem Monat gewäret: welche langwürige und große Außlerung dann ihr die Gedancken gemacht / daß sie solches für nichts anders haltē kunte / als für eine Außführūg all d' jenigen Feuchtigkeiten / so sich bey die 10. Wochen her in ihr verhalten hatten: unn dieses Kind / welches so unversehen von ihr gefallen / wäre anderst nichts / als ein Stück von einem solchen zusamgeronnenen klumpen. Belangend aber den Schmertzen / muß nothwendig ein zimlicher Unterschied seyn zwischen einem solchen Zufall / und dann den rechten Kindsnöthen selbst / wann die Leibes frucht gantz zeitig ist: Aus der Ursach / dieweil all diese Ungnad von ihr gekommen / als die vorhin eine geraume Zeit dieser außführenden Unpäßligkeiten nicht eher habhafft werden kunte / biß zu der Zeit / darinn es ihr übel gegangen: Welchem Zustand sonst auch reisende Weibs Personen unterworffen find.

Hier ist noch diß bey zu fügen / daß sie in der[291] heimlichen Frage mit gutem Verstand bekante so viel als man durch die Gezeugnissen auff sie bringen kunte / und verblieb also bey derselbigen Aussage / nicht allein vor / sondern auch nach ihrem Halß gericht / biß auf die Letzte Minuten ihres Lebens: Imgleichen das allen erste Wort / nach dem sie wieder zu ihr selbsten gekommen (welches in Warheit von ihr auß keinem Vorsah zu dem Ende geredet war / die Leute damit zu betrügen) bekräfftige eben diß / was sie zuvor iederzeit gesagt hatte. Es ist auch noch ein Ding zu gedencken / welches von etlichen in Acht genommen / so zu der Magd Vertheidigung dienstlich seyn möchte: Wie das nemlich ihn gröster Wiedersacher des obgedachten bösen Buben Groß-Vater Thomas Read innerhalb drey Tagen / nachdem man sie gerichtet / Todes verblichē: und zwar eben zu der Zeit / so bald man die Warheit ihrer Wieder-lebendig-werdung ihn für gewiß berichten kunte dieweil er aber ein alt verlebter Mann gewest; und solche wunderbahre Außgänge nicht gar zu geschwind anzunehmen noch zu beloben sind / will ich mich auch her in keiner sonderbahren Anmerckung bedienen. Vielleicht möchten manche von mir gewarten (wiewohl ich sie / leider / nicht besser vergnügen werde können) daß ich hierbey auch etliche Historien erzehlen solte (gleich wie die Aufferstehungen des Orpheus und Aeneas bey den Poeten) was für schöne Gesichter oder Erscheinungen diese Magd in jener Welt wol werde gesehen haben /was für Himmlische Musiken / oder höllisches Heulen und Wintzeln sie werde gehöret haben: mit war[292] Geistern sie werde daselbst ümbgegangen seyn; und was für Offenbahrungen sie mir ihr werde zurück gebracht haben / betreffende beides die gegenwärtigen Zeiten / und dann auch den Außgang vieler zukünfftigen Dinge? Aber was das anbelangt / werden die Liedermacher im übrigen geruhē damit vergnügt zu seyn; sintemal es ihr seithero (wie ihr oben gehört) weit gefehlet / daß sie im geringsten etwas hette wissen sollen / derweile sie todt war; so gar / daß sie sich auch des jenigen nicht mehr erinnern kunte / was ihr eben dazumal begegnet / da sie noch im Leben. Zu der Zeit ist sie entweder dermassen vergeistert / verzuckt oder auß Furcht erstarret gewesen / daß sie keine neue Einbildungen hat beylassen und fassen können; oder auch sonst so verwirret und unruhig / daß sie dazumahl allerdings verwickelt / und folgends auch gantz vergessen worden: Gleich als wir oftmahls sehen / wie es den jenigen Leuten wiederfähret / welchen der Trunck den Kopff eingenommen hat; oder die vermittelst der toll-rasenden Unsinnigkeit in ihrem Verstand gantz verrücket sind: Diese / ob es gleich mit ihnen das Ansehen hat / als ob sie mit ihren fünff Sinnen auff all das jenige / so ihnen eusserlich vorkomt / gantz und gar gerichtet wären: iedoch wann sie nachmal wieder zu sich kommen / können sie sich selbst kaum des wenigsten erinnern / was sie etwan zuvor geredt oder gethan haben. In dem ich nun allhier diese Geschicht historischer Weise erzehlet / kan ich keines weges umb meine Rede wiederumb auff die tapffere Unterfangung der jenigen Herren zu richten; die sich dessen[293] nicht allein so frey und keck unterwunden / sondern auch die Cur so hurtig und bequem verrichtet haben: Denn immittelst sie die Gelegenheit fahren liessen / ihre Kunst und Wissenschafft in Zerschneidung eines todten Cörpers zu erweisen: haben sie dargegen den Gewinn eines rühmlichen Nahmens davon gehabt; in dem sie etwas Lebendiges wieder zur Welt gebracht: Welches nun (wie billig) ihm solches für ein sonderbahres Glück rechnet / daß es so Verständigen und Kunstreichen Leuten in die Hände gerathen; nicht allein wegen deroselben glücklichen unn schicklichen Fleisses / den sie zu ihrer Erholung und Auffhelffung treulich angewendt; sondern so fern es auch ein gutes Mittel gewest / diesen häßlichen Schandflecken eines Kinder-Mords dadurch zu vertreiben: welcher ihr nach der meisten Leute Urtheil (und vielleicht NB. hat ihr Gott im Himmel selbst dessen hierin Zeugniß geben wollen) gar zu geschind angehencket unn sie auch deßwegen aufgehencket worden. (Quirin. Pegeus in der Kunst-Quelle / part. 1. §. 442. p. 94. In Holland ist an etlichen Orten der Gebrauch / daß wenn jemand gestorben / man die Kinder in der Nachbarschafft in das Leich-Hauß kommen läst / und ihnen eine Milch mit süssen Brod zum besten giebet. Ein Kinder Feind aber befahl auff seinem Todt-Bette / man solte nach seinem Todt den Kindern Geldt geben: Denn er ihr Geschrey / und die Unruhe noch hören noch leyden könne. (Omnis doctoris / qui insigne aliquod dictum proferet in hoc munda / labia loqvuntur in sepulchro / et[294] monumenta justi verba ipsorum. Talmud. Hierosol. Schekalim. cap. 2.)

Autor Acerrae Philol. cent. 5. cap. 98. pag. 845. Bildtniß des Todes. Wenn unsere liebe gottselige Alten den Todt und seine Beschaffenheit beschreiben wollen / haben sie es durch ein sonderbahres Contrafect gethan / und ihn folgender Massen abgemahlet. Es war ein langes Bild von lauter dürren Beinen an einander hangend zusammen gefüget / ohne Augen / ohne Ohren / ohne Nasen / nackend / Fleischloß / heßlich und ungestallt / weder Mann noch Weib. In der einen Hand hatte er eine Sensen / in der andere eine Sand-Uhr. Damit haben sie uns die Wirckungen und die Beschaffenheit des Todes fürgestellet. Den 1. das Bilde hat keine Augen / bedeutet / der Todt sey blind / sehe keine Persohn an / blende auch und mache die Augen brechen. 2. Hat keine Ohren / es hilfft kein suppliciren oder bitten / sondern es bleibt dabey: Mensch du must sterben. 3. Ist es ohne Nasen / damit wird angezeiget / es hindern ihn nichts die Biesenäpffel und der gute Geruch. 4. Ist es nackend / hat kein Kleid: anzudeuten / daß man nacket davon muß / und man nichts im sterben werde mit nehmen. 5. ist es ohne Fleisch; bedeutet / der Todt achte der Grossen / schönen und starcken Leute nicht. 6. Ist er weder Mann noch Weib / es ist ihme gleich: er nimmt sie beyde dahin. 7. Träget das Bild in der einen Hand eine Sensen / damit man Graß abmehet / denn alles Fleisch ist wie Graß. In der andern Hand aber eine Sand-Uhr: Denn der Mensch hat seine bestimmte Zeit.[295] Ibid. cent. 4. c. 77. p. 683. ob todte Leute wiederumb können lebendig werden? Was der todt sey / suche auch bey Hr. Matthesio Sel. in Postill. part. 2. fol. 50. b. in der 3. Predigt am Tage Reinigung Mariae.

Hierzu mag man auch wohl jenes Paradoxon setzen / daß der Weltweise Anacharsis gezweiffelt hat / ob man die Schiff-Leuthe unter die Lebendigen oder Todten rechnen solte? beym Laert. l. 1. p. 73. nehmlich ihr Leben henget an einē geringen Seile. Synes. Epist. 4. und sie sind dē Tode allezeit sehr nahe. Coint. Smyrnaeus l. 7. v. 290. vide M. Joh. Andr. Quensted: Thes. 1. Disp. de insperato solis exortu Hollandis in N. Zembla anno 1597.

Anhangs Weise muß ich allhier auch etwas gedencken / wegen unser geliebtes Deutschland / als deme andere auch gleichsam den Tod dreueten auff das 1666. Jahr. Und dahin zogen flugs etliche übersichtige Politici / nach ihrem Gehirne oder Brehme (aesto periciti von der Brehme gestochen) die Belagerndē Schweden bey Brehmen / in deme sie zwar / nach allen Buchstaben des Worts Prehmn / vermeinten / es gelte entweder 1. die Pohlen / oder 2. Reussen oder Moscovien / oder 3. Erfurth / oder 4. Holland / oder 5. Mäinzer / oder 6. Niederlande der Spanier. Doch hoffeten sie das ärgste wieder Erfurth / und Mainz und per conseq. wieder Deutschland. Aber ich habe zeitig das Contrarium aus beyden Cometen erwiesen / und unserm Vaterlande / Gottlob! gute Ruhe verheissen können. Ja ich sage daß eben die Schweden diesesmahl uns Friede geschaffet haben.[296]

Quelle:
Praetorius, Johannes: Anthropodemus plutonicus. Das ist eine neue Welt-beschreibung [...] 1–2, Magdeburg 1666/67, S. 274-297.
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