An Dahlmann

[196] Jena, den 16. November 1842


In diesem Kreise trauter Zecher,

Bei diesem bangen Abschiedsfest,

Ein letzter Gruß, ein letzter Becher

Dem Manne, der uns heut verläßt:

Dem heut nach mancher stummen Klage,

Nach mancher kummervollen Nacht,

Dem heut nach manchem trüben Tage

Die Sonne der Erfüllung lacht!


Ein Abschiedsfest – und dennoch kränze

Die Hoffnung dieses letzte Mahl!

Ein Abschiedsfest – und doch kredenze

Die Freude lächelnd den Pokal!

Denn den mit Schmerzen wir verlieren,

Den heut die Götter uns entziehn,

Ihn nennt die Welt aufs neu den ihren,

Und die Geschichte fordert ihn.


Du gehst, o Freund, aus unsrer Mitte,

Du, von dem Schicksal selbst geweiht,

Mit männlichem, mit tapferm Schritte,

Du gehst aufs Schlachtfeld unsrer Zeit.

Du weißt es selbst: die Welt will Fehde,

Des Friedens Ölblatt ist verdorrt –

Wohlan, auch du mit freier Rede,

O kämpf auch du mit freiem Wort!


Geh hin, o Freund – bei deinem Namen,

Wie werden alle Herzen weit!

Geh hin, o Freund, und streu den Samen,

Den köstlichen, der künft'gen Zeit!

Sei ein Pilot im Sturm der Wogen,

Ein Blitz, der durch die Wolken bricht,

Sei du ein Stern am Himmelsbogen,

Ja sei du selbst! mehr braucht es nicht. –


Dem alle Herzen ängstlich schlagen,

Den die Orakel prophezein,

Er muß ja doch, er muß ja tagen,[197]

Der Tag der Zukunft bricht herein!

Der Hort der Freiheit wird gehoben,

Der Turm des Rechtes soll bestehn,

Und über alle, hoch von oben,

Das Banner des Gesetzes wehn!


So laßt uns froh die Gläser leeren,

Und drückt noch einmal ihm die Hand:

Es gilt dem Manne, den wir ehren,

Es gilt dem deutschen Vaterland!

Es gilt dem kommenden Geschlechte,

Es gilt dem künft'gen Morgenrot,

Der Freiheit gilt es und dem Rechte,

Es gilt dem Leben und dem Tod!


Quelle:
Robert Eduard Prutz: Zwischen Vaterland und Freiheit. Köln 1975, S. 196-198.
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