Sechster Auftritt

[190] Herr Gotthart. Ernst Gotthart. Dr. Krebsstein.


DR. KREBSSTEIN. Gehorsamer Diener, mein Herr Gotthart. Er grüßt sie beide.

HERR GOTTHART. Ihr Diener, Herr Doktor! Ich dachte, Sie würden gar nicht mehr wiederkommen, weil Sie vorhin so zornig weggingen.

DR. KREBSSTEIN. Ei! Herr Gotthart, das habe ich nach der menschlichen Schwachheit und nicht nach meinem medizinischen Gewissen geredet.[190] Ein rechtschaffener Medikus muß einen Kranken nicht eher verlassen, als bis kein Odem mehr in ihm ist.

ERNST GOTTHART. Ja, wenn mir nur Ihr Beistand was nützte, Herr Doktor: aber bisher bin ich noch wenig davon gebessert gewesen. Nehmen Sie mir das nicht übel.

DR. KREBSSTEIN. Ja, das macht, Sie haben so viele Arzeneien eingenommen, die Ihnen der Herr Doktor Muskat verordnet hat. Das Zeug ist Ihnen wie lauter Gift im Leibe!

ERNST GOTTHART. Wie? Sie sind ein Medikus und raten mir von den Arzeneien ab?

HERR GOTTHART. Ja, mein lieber Ernst, der Herr Doktor ist den Apothekern gar nicht gut.

DR. KREBSSTEIN. Ei, Arzeneien und Arzeneien ist wieder was anders! Ich meine die Tränke, die Pulver, die Tropfen, die Pillen, die Klistiere, die Magenpflaster und alle Schmieralien. Das Zeug ist zu nichts nütze, als den Apotheker reich und den Kranken arm und elend zu machen.

HERR GOTTHART. Ja, das kann freilich wohl wahr sein. Setzen Sie sich doch, Herr Doktor. Sie setzen sich alle.

DR. KREBSSTEIN. Sie können es als ein paar vernünftige Leute, meine Herren, selbst begreifen. Der Mensch hat fast einen Eimer voll Blut im Leibe. Was wollen nun zwanzig oder vierzig, ja lassen Sie es auch sechzig und siebzig Tröpfchen Arzenei sein, in einer so großen Menge Bluts wirken? Was soll doch eine Messerspitze Pulver ausrichten? Das Zeug bleibt im Magen liegen, und der kranke Teil empfindet nichts davon. Ist's nicht wahr?

ERNST GOTTHART. Zum mindesten ist es sehr wahrscheinlich.

DR. KREBSSTEIN. Nun, sehen Sie! drum will ich Ihnen eben eine Arzenei eingeben, die Ihnen gewiß Ihren ganzen Körper durchdringen muß. Drei Kannen müssen doch wohl mehr verschlagen als ein halber Löffel voll!

ERNST GOTTHART erschrocken. Drei Kannen Tropfen?

HERR GOTTHART. Ach, mein armer Ernst!

DR. KREBSSTEIN lächelnd. Ja, ja, drei Kannen! Aber gute Tröpfchen! Rechte schöne Tröpfchen! Er zieht ein Glas aus der Tasche. Sehen Sie?[191]

ERNST GOTTHART. Wie? Sie wollen mich mit Weine kurieren!

DR. KREBSSTEIN. Ja, ja! mit Wein und Wasser. Er zieht wohl ein Dutzend kleine Fläschchen aus den Taschen. Sehen Sie, hier habe ich Ihnen Proben von allerlei Brunnen mitgebracht und zu jedem Brunnen eine Probe Wein, die dazu getrunken werden muß. Sie sollen die Brunnen nur einmal kosten, Herr Gotthart. Sie schmecken gar nicht übel.

HERR GOTTHART. Ei nein! ich will lieber die Weine kosten. Darauf verstehe ich mich besser.

DR. KREBSSTEIN gibt ihm ein Fläschchen mit Wein. Kosten Sie einmal diesen Wein, Herr Gotthart. Er ist von Anno 1718.

HERR GOTTHART schmeckt. Ja, ja. Der Wein ist gut.

DR. KREBSSTEIN zum Ernst Gotthart. Schmecken Sie einmal diesen Brunnen dazu.

ERNST GOTTHART schmeckt. Er schmeckt ein wenig salzig.

HERR GOTTHART. Gib doch her. Er nimmt das Fläschchen und kostet und speit aus. Pfui, das garstige Zeug!

ERNST GOTTHART. Ach! ich habe wohl garstigere Arzeneien verschlucken müssen!

HERR GOTTHART. Da mußt du ein besser Geschicke zum Kranksein haben als ich. Ich würde vor Abscheu gegen die Arzeneien gesund.

DR. KREBSSTEIN gibt Herrn Gotthart noch ein Fläschchen. Da, kosten Sie einmal diesen Wein: Der gehört zum Pyrmonter Brunnen.

HERR GOTTHART kostet. Das ist auch ein schönes Glas Wein.

ERNST GOTTHART kostet den Brunnen. Der Brunnen schmeckt nicht übel: kosten Sie ihn doch, Herr Vater.

HERR GOTTHART. Pfui! weg mit dem Zeuge! Es ist eine Sünde, den schönen Wein damit zu verderben. Wenn ich meines Sohnes Krankheit hätte, so tränke ich den Wein allein und ließe Brunnen Brunnen sein.

ERNST GOTTHART kostet die Brunnen nach der Reihe, und der Doktor gibt dem Vater immer die Weine dazu.

DR. KREBSSTEIN zum Alten. Dies ist der Selzer.

HERR GOTTHART. Der Selzer schmeckt schön.

DR. KREBSSTEIN. Dies ist der Egersche.

HERR GOTTHART kostet. Der Egersche schmeckt noch besser. Gelt, mein Sohn! die Brunnen schmecken aus meinem Fläschchen besser als aus deinem?[192]

ERNST GOTTHART. Gewiß, Herr Vater, diese Brunnen schmecken doch besser als eine Arzenei, die ich noch eingenommen habe.

HERR GOTTHART. Und mir gefällt es daran, daß sie doch noch deutsche Namen haben, die ein Christenmensch verstehen kann. Er zieht eine große Rechnung von etlichen Bogen aus der Tasche. Sehen Sie nur, Herr Doktor, was das hier für arabisches Zeug ist. Es sieht nicht anders aus als ein Zauberzettel, womit der Teufel beschweret werden soll. Sonne, Mond und Sterne und alles Henkerszeug hat mein Sohn in den Leib gekriegt; und das soll ich nun so teuer bezahlen.

DR. KREBSSTEIN nimmt die Rechnung. Ja, ja! die Apothekerzettel sehen nicht anders aus. Er blättert darin. Hat der Herr Sohn alles das eingenommen?

HERR GOTTHART. Ja, leider! hat er's verzehret.

DR. KREBSSTEIN. Ja, so wundert mich's, daß er noch lebet!

ERNST GOTTHART erschrocken. Was sagen Sie, Herr Doktor?

DR. KREBSSTEIN. Ja, ja! mich wundert's, daß Sie noch leben. Hätten Sie das Geld meinem Schwager zugewandt, so wären Sie schon gesund.

HERR GOTTHART. Da sagt aber Herr Doktor Muskat nein dazu. Er spricht, die Brunnen wären meinem Sohne so schädlich wie Gift.

DR. KREBSSTEIN. Das macht, er will nur den Apotheker reich machen. Und ich sage Ihnen, die Tropfen und Pulver, und was hier auf dem Zettel steht, das ist Gift für Ihren Herrn Sohn gewesen.

HERR GOTTHART. Ich armer Mann! was soll ich denn machen?

DR. KREBSSTEIN. Um Ihr Gewissen zu retten, so müssen Sie meinem Rate auch folgen, wie Sie dem Doktor Muskat gefolgt sind.

HERR GOTTHART. Nun, ich will mich nur noch ein paar Tage bedenken.

DR. KREBSSTEIN steht auf. Das tun Sie, Herr Gotthart, und trauen mir als einem redlichen Manne, daß außer der Brunnenkur kein Rat für Ihren Herrn Sohn ist. Ihr Diener, leben Sie wohl.

HERR GOTTHART UND ERNST GOTTHART. Gehorsamer Diener.


Sie wollen ihn begleiten, er will es aber nicht haben und zieht die Türe hinter sich zu.


Quelle:
Die bürgerliche Gemeinschaftskultur der vierziger Jahre. Herausgegeben von Prof. Dr. Brüggemann, Leipzig 1933, S. 190-193.
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