Fünftes Kapitel

[39] Das helle Lachen des Hoffräuleins verklang hinter der Waldecke, und mit gesenktem Kopfe schritt Leonhard Hagebucher auf dem Pfade, welcher die Wiese entlang dem nahen Dorfe zu führte, weitbeinig fort. Das Schwesterchen hatte sich an seinen Arm gehängt und trippelte atemlos an seiner Seite und blickte von Zeit zu Zeit stumm, aber liebevoll-ängstlich zu dem ernsten fast finstern Gesichte des Bruders in die Höhe.

Es waren am heutigen Tage grade drei Wochen seit dem Wiederkommen des afrikanischen Gefangenen verflossen, und wie kein Kind im Dorfe Bumsdorf den geheimnisvollen, staunenden Schrecken vor dem großen, braunen Mann, der mit den Menschenfressern aus einer Schüssel gegessen hatte, vollständig überwunden hatte, so war auch für Fräulein Lina Hagebucher dieser Bruder immer noch ein hohes, unsägliches Wunder und Mysterium und konnte für noch längere Zeit nicht in seiner ganzen Fülle und Bedeutung ausgedacht werden. Was Nippenburg und Bumsdorf aber im ganzen und großen anbetraf, so nahmen sie, obgleich ein Mann, der aus dem unbekannten innersten Afrika heimgekehrt, jedenfalls etwas Ungewöhnlicheres war als der abenteuerlichste Amerikafahrer, das Ding bereits viel kühler und gelassener, und die liebe weitere Verwandtschaft, die sich heute im Hause des Steuerinspektors versammeln sollte, nahm es sogar sehr kühl und sehr gelassen. Dem Manne aus dem Tumurkielande wuchsen mit den Haaren auf dem à la Tumurkie geschorenen Schädel auch die unangenehmeren europäischen Gefühle wieder, und wir müssen ihm die volle Berechtigung zugestehen, auf manchem Wege und auch auf diesem durch das Dorf Bumsdorf den Kopf hängen zu lassen.

Er hatte viel geduldet bis zu seiner Befreiung durch den Herrn Kornelius van der Mook: dann war er in dem Hause seiner Eltern erwacht und hatte jene seltene Minute des vollen, sichern Glückes gekostet. Aber schnell wie immer war dieser Augenblick vorübergegangen – ein Morgenschlummer, ein sonniger Tag in der[39] Geißblattlaube, am Abend ein Gang durch die Wiesen und Kornfelder nach dem Walde! Schon das nächste Erwachen brachte wieder das erste leise Anspülen bitterer Fluten, und nach acht Tagen war Leonhard Hagebucher vollständig daheim, das heißt, er wußte Bescheid, und Bescheid zu wissen gehört und stimmt gewöhnlich nicht im geringsten zu und mit dem Glück. Wohl saß er noch in der Geißblattlaube an der Landstraße und freute sich der Sonne des Vaterlandes, der Stimmen und Schritte der alten Eltern, des lieblichen Lachens der kleinen hübschen Schwester, wohl suchte und fand er in Stadt und Dorf hundert und aber hundert freundliche Jugenderinnerungen; man kam ihm immer noch an den meisten Orten mit Gruß und Handschlag herzlich entgegen, und es gab immer noch viele Leute, welche seiner Odyssee mit Herzklopfen lauschten und dankbar für alles waren, was er in dieser Hinsicht zu bieten hatte; aber – aber dem Unbehagen wuchsen doch täglich mehr züngelnde, saugende Polypenarme, mit welchen es die Seele des müden Wanderers fester und immer fester umschlang. Nun wußte die Welt bereits, daß der Sohn des Steuerinspektors Hagebucher als ein armer Mann aus der Fremde heimgekehrt sei, und die wundervollen Illusionen, welche sich Nippenburg gemacht hatte, waren schnell in ihr Gegenteil umgeschlagen, und man teilte einander unter bedächtigem Kopfschütteln mit, daß ein Vagabond in alle Ewigkeit ein Vagabond bleiben werde und daß es vielleicht um vieles besser gewesen wäre, wenn die Mohren dahinten am Äquator den unnützen Menschen bei sich behalten hätten. In der Kiste, welche dem armen Leonhard auf einem Schubkarren gen Bumsdorf nachgefahren worden war, befanden sich keine Säcke voll Diamanten und Perlen, keine Schachteln voll Goldstaub, sondern höchstens einige afrikanische Merkwürdigkeiten zum Andenken für die näheren Freunde und Verwandten. Herr Leonhard Hagebucher konnte aus dem Inhalt dieses Reisekastens keine Villa bauen und nicht nunmehr im Schatten seines Parkes, an seinem eigenen Herde und in der Gesellschaft eines liebenden Weibes aus den bessern Ständen seine Tage verbringen. Keine Nippenburger Mutter hätte einem solchen in der Luft stehenden Individuum[40] ihre Tochter zur Ehe gegeben, und das war noch das allerwenigste: Leonhard Hagebucher hatte während seiner Gefangenschaft im Tumurkielande so ziemlich alles vergessen, was dem Menschen in unsern zivilisierten Zuständen zu seinem Fortkommen verhilft, ja ihn nur notdürftig auf der Stelle aufrecht erhält. Jede Wissenschaft, jede Kunst, jede Technik war über ihn hinausgeschritten; wo sonst die hohen Wasser sich umgetrieben hatten, da war jetzt öder Sand oder fruchtbares Ackerland, und wo vordem Sand und Wiesen gewesen waren, da jagten sich jetzt die Wellen. In Abu Telfan im Tumurkielande hatte den armen Gefangenen nichts gestört als die physische rohe Gewalt und die Sehnsucht nach der Freiheit, das Heimweh nach dem Vaterlande; jetzt in der Heimat fing alles an, ihn zu stören und zu beunruhigen; er war fremd geworden in der Zivilisation, in Europa, in Deutschland, in Nippenburg und Bumsdorf; eine unendliche und in jeder Weise begründete Angst vor den Dingen und vor sich selber mußte sich seiner bemächtigen – ein Schritt weiter, und er konnte sich nach dem Tumurkielande leise zurücksehnen: die Würde und Freiheit, die Bildung und Sitte des europäischen Menschen imponierten ihm viel zu mächtig. Lassen wir ihn übrigens jetzt vorerst seinen Weg zum Dorfe fortsetzen, und sehen wir derweilen, wer von der Freundschaft und Verwandtschaft zum großen Rat und Kaffee im Hause seiner Eltern ankam oder schon angekommen war.

Angekommen war in ihrer gelben Kutsche die Tante Schnödler, zu welcher eigentlich auch ein Onkel Schnödler gehörte, der jedoch, da die Tante das Geld hatte und er – der Onkel – dieses weder durch Talente, Energie noch die geringste männliche Grobheit ausglich, nicht mitgerechnet wurde. Sie, die Tante Schnödler, die Kusine der Mutter Leonhards, saß bereits, jede Situation beherrschend, in dem Paradezimmer des Hauses Hagebucher auf dem Kanapee und fand es, wie Ludwig der Vierzehnte, sehr provozierend, daß man sie sowohl auf den Kaffee als auch auf den Neffen aus dem »Kaffernlande« warten ließ.

In Sicht auf der Landstraße war der Onkel, Kaufmann und Stadtverordnete von Nippenburg, der Herr Stadtrat Hagebucher,[41] ein Mann von körperlichem und geistigem Gewicht, der drei Töchter in seinem Ehestande erzeugt hatte und im Gänsemarsch mit denselben gen Bumsdorf zog: heiterer als im vorigen Jahre, wo noch seine Selige stets den Zug anführte und er ihn nur beschloß. Es kamen zwei jüngere Vettern, welche jedoch auch bereits Haare auf ihrer Beamtenlaufbahn gelassen hatten und welche, obgleich der Staat ihnen ihren Gehalt quartaliter mit einem gewissen Hohn, mit zweifelloser Ironie auszahlte, sich den idealsten wie den materiellsten Mächten, den Schwärmern für die Republik Deutschland wie der reichsten Bankiers- oder Fabrikantentochter gewachsen glaubten. Eine solche wohlhabende Fabrikantentochter und Kusine, Fräulein Leonore Sackermann, langte aus entgegengesetzter Weltgegend unter den Fittichen ihrer einen sehr guten Kartoffelspiritus produzierenden Eltern vor dem Hause des Steuerinspektors an. Hoch zu Roß kam der Wegebauinspektor Wassertreter, ein dreiundsechzig Jahre alter, verächtlicher Junggesell, welcher sich von Amts und Wetters wegen dem Trunke ergeben hatte und es besser hätte haben können, wie die Base, Fräulein Klementine Mauser, die ebenfalls allein, aber zu Fuße anlangte, zur unbehaglichen Zeit der Äquinoktialstürme ihrem jungfräulichen Kopfkissen ärgerlich anvertraute.

Wer kam noch? Schließen wir die Liste, nachdem wir sie kaum begonnen haben! Es versammelte sich so ziemlich der ganze Vetter Michel, und Herr Leonhard Hagebucher trat in den geweihten Kreis und bot ihm, wenn nicht den bekannten deutschen »guten Abend«, so doch das arabische Selam aleikum, das Heil sei mit euch, worauf die Tante Schnödler erwiderte:

»Wir danken dir, Herr Neffe, und freuen uns, dich anständig und christlich in Rock, Hose und Weste wieder unter uns zu haben. Du bist einst zwar ohne Abschied weggegangen, aber hier sind wir, wie es sich geziemen will, und heißen dich in verwandtschaftlicher Kompanie willkommen in Nippenburg und sind uns vermuten, daß du nun wohl endlich genug von der Vagabondage und Unreellität und sonstigen Phantasterei haben wirst. Sag 'n Wort, Schnödler.«

»So ist es, Minette«, sprach der Onkel Schnödler, und mehr[42] wurde nicht von ihm verlangt, würde im Gegenteil sehr übel aufgenommen worden sein; Leonhard aber fühlte sich lebhaft an jene Audienzen erinnert, welche ihm vor kurzem noch Madam Kulla Gulla, die Schwiegermutter seines Besitzers im Tumurkielande, so häufig erteilte und welche stets damit endigten, daß ihm fünfundzwanzig auf die Fußsohlen zudiktiert wurden.

Es war ein großer Tag! Wenn auch die jungen Kusinen, gleich den Kindern von Bumsdorf, noch immer mit einer aus Schrecken und Mitleiden gemischten Verwunderung auf den Vetter blickten, so hatte doch die ältere Verwandtschaft jegliche mysteriöse Scheu gründlich abgeworfen und zog ihren autochthonen Lebensanschauungen und Gefühlen alle Schleusen. Das germanische Spießbürgertum fühlte sich dieser fabelhaften, zerfahrenen, aus Rand und Band gekommenen, dieser entgleisten, entwurzelten, quer über den Weg geworfenen Existenz gegenüber in seiner ganzen Staats- und Kommunalsteuer zahlenden, Kirchstuhl gemietet habenden, von der Polizei bewachten und von sämtlichen fürstlichen Behörden überwachten, gloriosen Sicherheit und sprach sich demgemäß aus, und der Papa Hagebucher wäre der letzte gewesen, welcher für seinen Afrikaner das Wort ergriffen hätte.

Es war ja der Tag des Papa Hagebucher. Er hatte diese Versammlung berufen, um sich von ihr in seinen innersten Anschauungen recht geben zu lassen. Er mochte den Verlust des Sohnes noch so sehr bedauert, ja betrauert haben: die plötzliche und so gänzlich anormale Rückkehr mußte ihm naturgemäß doch noch fataler werden. Die frohe Überraschung ging allmählich in eine mürrische, grübelnde Verstimmung über; – berechnen ließ sich hier nichts mehr, denn sämtliche Ziffern waren ausgelöscht, nur ein Fazit stand zuletzt klar da: »Der Bursche lief fort, weil er einsah, daß man ihn hier nicht gebrauchen könne; man hat ihn auch dort nicht gebrauchen können, er ist heimgekommen, und ich habe ihn wieder auf dem Halse!«

Klar war die Rechnung, doch nicht tröstlich, und es war jedenfalls wünschenswert, daß die liebe Freundschaft und Verwandtschaft ihre Unterschriften oder drei Kreuze zu dem Wahrspruch[43] hergebe. Man hatte sich denn doch zu rechtfertigen vor der Welt, und das konnte nicht besser bewerkstelligt werden, als wenn man sie von Anfang an mitverantwortlich machte. Es war auch keine Kleinigkeit, wenn man sich hinter der grünen Gardine des Ehebetts auf das Urteil der Tante Schnödler, die Meinung des Bruder Stadtrats oder des Vetter Sackermanns berufen konnte – man trug die Verantwortlichkeit jedenfalls nicht gern allein.

Es war ein sehr großer Tag, und Lina Hagebucher hielt zuletzt ganz ängstlich die Faust ihres Bruders, denn sie konnte viel schärfer als die Mutter für ihn fühlen und beobachtete mit Zittern, wie seine Stirn von Augenblick zu Augenblick dunkler wurde und es immer grimmiger aus seinen Augen wetterleuchtete. Jeder hatte seinen Rat zu geben und gab ihn gern und ausführlich. Es war gar nicht so schwer, sich anständig durchs Leben zu bringen, wenn nur der gute Wille dazu vorhanden war; verschiedene Wege führten noch aus der Nichtsnutzigkeit hinüber in die wünschenswerteste Respektabilität, und ein jeder stellte sich mit Vergnügen als Wegweiser auf den Kreuzweg, vorzüglich die Tante Schnödler, welche sich räusperte und sprach:

»Es ist nicht genug, daß der Mensch den Schneider kommen und sich ein neu Habit anmessen lasse; es gehört noch mehr dazu, um wieder ein anständiger großherzoglicher Staatsbürger und Untertan zu werden. Da könnte jeder Lumpazi kommen, der sein alt zerlumpt Wams am Grabenrand zum öffentlichen Ekel abgetan und das gestohlene neue angezogen hat! Der Mensch und wilde Indianer muß auch geistlich nach dem Balbierer schicken und keine Gesichter schneiden, wenn Leute zu ihm reden, die im Lande geblieben sind und sich in Gottesfurcht fünfundzwanzig Jahre redlich genährt haben, was ich übrigens nur beiläufig und zum Besten von der fernern guten Freundschaftlichkeit gesagt haben will. Was ich nun dem Leonhard raten will, das ist, er tut alles hochmütige und ausländische Wesen ab und fängt da wieder an, wo er aufgehört hat, das heißt, da es mit einem Pastor nunmehr wohl nimmermehr was werden wird, so geht er zum Vetter Stadtrat, läßt sich von neuem in die Schreiberei einschießen und kann's mit der Zeit und der Nachhülfe von[44] der Verwandtschaft wieder zu einem nützlichen Mitgliede vons Gemeinwesen und bis zum Ratsskribenten bringen.«

»Als wozu der Herr Neffe wenig Lust zu haben scheinen, wenn man nach seiner Miene urteilen dürfte«, sprach der Onkel Hagebucher mit einem wenig freundlichen Seitenblick auf den Verwandten aus Abu Telfan.

»Sprich 'n Wort, Schnödler! Sage deine Meinung, Leonhard! Lasset euch aus, Steuerinspektor und Kusine Hagebucher! Sagen Sie item, was nötig ist, Vetter Sackermann!« rief die Tante Schnödler, »Ich aber sage, daß wir hier in Nippenburg nicht im afrikanischen Mohrenlande leben und daß kein Mensch es prätendieren kann, daß wir uns in die Mohren schicken: sondern die Mohren werden sich in uns schicken müssen, wenn sie mit uns hausen wollen. Ratsschreiber zu Nippenburg – hundertundfünfundsechzig Taler jährlich bar, achtzig Taler Sporteln und zwei Klafter Holz – und solch ein Gesicht! Sind wir vielleicht ein regierender König im Mohrenlande gewesen? Wenn das ist, so haben wir freilich nichts mehr zu sagen, und es handelt sich freilich nur um ein Retourbillett auf dem Postwagen und der Eisenbahn nach Afrika, und ich empfehle mich dem Herrn Potentaten ganz gehorsamst und sage nichts mehr.«

Die süße Heimat fing an, einen seltsamen indianischen Kriegestanz um den armen Leonhard aufzuführen. Die Mutter hielt das Taschentuch vor die Augen; der Vater sog mürrisch an der erloschenen Pfeife; Lina drückte sich immer fester an den Bruder; die beiden jüngern Vettern, welche noch mit dem Afrikaner die Universität besucht hatten, lachten: die Familie Sackermann blickte gläsern im Kreise umher; die Tante Klementine nahm verstohlen eine Prise, und der unbenannte Verwandtenchorus beschäftigte sich unter leisem Gemurmel mit den Kaffeetassen und dem festlichen Gebäck des großen Tages; der Onkel Wassertreter würde das Wort ergriffen haben, wenn Leonhard es nicht vorher genommen hätte.

Er – der Mann aus Tumurkie – er, welcher so vielen Gefahren zu Wasser und zu Lande kaltblütig getrotzt hatte, er, welcher das Leben eines Elfenbeinhändlers auf dem Weißen Nil[45] mit allen seinen Schrecknissen kennengelernt hatte, er, welcher den großen Signor Luca Mollo, genannt Semibecco, im Glück und Unglück und zuletzt auf dem Pfahle der Baggaraneger beobachten, studieren durfte: er fühlte sich der jetzigen Stunde nicht gewachsen. Es schwamm ihm vor den Augen, im Kreise drehte sich die Verwandtschaft, die Tante Schnödler wuchs bedenklich über Madam Kulla Gulla hinaus, und ihre rötlich angehauchte Nasenspitze erschien nicht weniger bedrohlich als die mit Henna rotgefärbten scharfnägeligen Krallen der Tumurkierin: die Atmosphäre des Vaterhauses wurde beängstigender als die heiße Luft der Lehmhütten zu Abu Telfan.

Mit Stottern sprach Leonhard Hagebucher gleich einem, welcher sich mühsam in einer fremden, ungewohnten Sprache auszudrücken hat:

»Ach, teure Verwandte und Angehörige, könntet ihr doch in meiner Seele lesen! Jeder Blutstropfen, den ich heimgebracht habe, gehört dem Vaterlande. Iblis möge es nehmen! Aber bedenket, welch ein großes Kind euch wieder auf die Arme gefallen ist. O könnte doch jeder von euch eine Viertelstunde in meiner Haut zubringen, es würde ihm dann gewiß begreiflicher erscheinen, daß man nicht heute Ratsschreiber zu Nippenburg sein kann, wenn man gestern aus der Gefangenschaft im innersten Afrika zurückkam. Wenn ich nicht sehr irre, so habe ich sogar das Schreiben verlernt, und was ich dafür in der Fremde vielleicht gelernt habe, nämlich allerlei Anfechtungen mit Geduld zu tragen, das honoriert sich selber, wird aber von keinem Gemeinwesen mit einem Jahresgehalt von hundertundfünfundsechzig Talern und zwei Klaftern Brennholz bezahlt. Verehrte Angehörige, wer länger als zehn Jahre mit den Fingern in die Schüssel greifen mußte, der wird sich nur allmählich wieder an den Gebrauch von Messer und Gabel gewöhnen, und wenn man ihm dazu nicht Zeit lassen kann, so wird ihm der beste Bissen im Halse steckenbleiben, und er muß jämmerlich daran erwürgen. Wenn ich wüßte, was noch aus mir werden kann, so würde ich es auf der Stelle sagen: aber ich weiß es nicht –«

»Und damit ist alles gesagt, mein Junge«, rief der Vetter[46] Wassertreter, »und jetzt laß mich ans Wort. Betrachte dir meine Nase und behalte deine Meinung darüber für dich; denn ich werde das Nötige darüber selber von mir geben, sobald das verwandtschaftliche Gesumse und die Aufregung der Base Schnödler sich gelegt haben werden.«

Das Familienkonklave summte und erhob sich freilich, und die Tante Schnödler war in der Tat aufgeregt und suchte hinter ihrem Taschentuche die gewohnte Fassung; aber der Vetter Wassertreter legte den Zeigefinger an das Glied, auf welches er den Afrikaner aufmerksam gemacht hatte, und wartete mit schlauem, schändlichem Lächeln auf die Wiederherstellung der Ruhe, um sodann in seiner Rede fortzufahren:

»Achte auf diese Nase, mein Sohn, sie bringt dich aus dem Sumpfe – in hoc signo vinces, wie die Lateiner sagen; unter diesem Panier wirst du den Sieg gewinnen. Unsereiner, welcher den ganzen Tag auf der Landstraße herumzuliegen hat, denn der Wegebau hat seine Mucken gradesogut wie das Wetter, ein solcher, sage ich, der hat Zeit und Gelegenheit, den Lauf der Welt zu studieren, und kann bei passenden Umständen seine Meinung kommunizieren, wenn man ihn noch so schief und verdächtig ansieht. Es passiert allerlei über herzogliche Chaussee, und das Getränke ist auch nicht unter allen Schenkenzeichen dasselbe, und dann zottelt man auf seinem alten Gaule in die Kreuz und Quere, und es kommen einem Philosophien, von denen sich andere Leute nichts träumen lassen, und von der Kusine Mauser, dem Vetter Sackermann oder dem Vetter Stadtrat gerät man auf den Kaiser Louis Napoleon, und von der Tante Schnödler kommt man auf den Heiligen Vater, das Patrimonium Petri oder die Hohe Pforte, und von den Steinklopfern am Graben, welche die Kappen herunterziehen und ›Guten Morgen, Herr Inspektor‹ sagen, auf sich selber. Da steht einem der Verstand still, was der Mensch erlebt, wenn er Achtung auf sich gibt; da lernt man seinen Schöpfer kennen, o du grundgütiger Himmel! Siehe, mein Söhnchen, als sie mich im Jahre achtzehnhunderteinundzwanzig mit einem Tritt in Gnaden von der Wartburg hinunterschickten, da kam ich gradso heim wie du aus dem hintersten Afrika, und[47] die Karlsbader Beschlüsse hatten ihr Werk gradsogut an mir verrichtet, wie die Peitsche im Tumurkielande es an dir tat. Wir waren Anno siebenzehn am achtzehnten Oktober als frische und wackere Bursche hinaufgezogen; aber was hat die hündische Niederträchtigkeit, was haben die feigen Halunken, die über uns zu Gericht saßen, uns aus unserm blauen Himmel, aus unserm deutschen Herrgott, aus allem, was in uns und über uns war, gemacht! Zu Hause schlugen uns die Alten natürlich auch die Tür vor der Nase zu oder setzten uns wenigstens an den Katzentisch: wir hatten es ja nicht besser haben gewollt, und was von meiner Jurisprudenz noch übrig war, das konnte ich dreist dem Herrn von Kamptz mit in die Rapuse geben, ohne viel daran zu verlieren. Da lag ich auf dem Bauche und ließ mir die Sonne auf den Rücken scheinen, und ganz Nippenburg verzog das Maul über den Lumpen. Die Tante Schnödler dort war dermalen ein recht sauber Mädel, aber um die Essig- und Vitriolfabrikation hat sie auch Anno Tobak schon recht leidlich Bescheid gewußt. Der Vetter Stadtrat war immer zu was Großem geboren und wußte es einem gut zu geben: ich sage dir, Leonhard, es ist nichts Neues unter der Sonnen, daß die angenehme Verwandtschaft ein Konzil über einen aus dem Geleis geratenen armen Tropf ausschreibt und sich weiser dünket als der liebe Gott am siebenten Schöpfungstage; und wenn kein Consilium abeundi daraus wird, so ist die Verwandtschaft niemalen daran schuld. Ach, Kusine Mauser, es ist immerdar eine böse Welt gewesen, deswegen sollen die empfindsamen und zärtlichen Seelen zusammenhalten; aber – Sie bringen mich doch immer aus dem Konzept, sobald ich Sie nur ansehe, Klementine! – wo war ich stehengeblieben? Richtig, ich hab's! wie gewöhnlich bei der argen, hinterlistigen, nichtsnutzigen Welt und ihren Nücken und Tücken, und was ich sagen wollte, ist folgendes, Leonhard: Hier sitze ich, und Nippenburg sagt, ich saufe. Dem ist aber nicht so, sondern es ist nur ein langer Weg von der Wartburg im Lande Thüringen zu hiesigem hochlöblichem Wegebauamt, auch ein intrikater Weg, welchen man nur mit Philosophie und Geduld findet und nicht ohne geistige Stärkungsmittel wandelt, wenn man ihn gefunden hat. Innere[48] Beschaulichkeit ist meine Force, und in ihrem Namen heiße ich dich, Leonhard Hagebucher, im warmen Schoße der Mutter Germania willkommen und sage dir und allhier gegenwärtiger hochachtbarer Verwandtschaft meine Meinung, weil wir doch deshalb von der Einladung des Vetter Steuerinspektors Gebrauch gemacht haben: Ich bin ein alter Mann, und meine Reputation ist nicht die beste; Geld und Gut habe ich nicht, aber Philosophie ist meine Freude, und die will ich mit dir teilen, du afrikanischer Taugenichts. Komm zu mir, Leonhard Hagebucher, wenn die andern dich nicht wollen. Für ein paar Jahre, hoff ich, reicht der Lebensmut noch aus; ein alter Bursch verläßt den andern nicht, und – Germania sei 's Panier! Ratsschreiber zu Nippenburg! Haben sie mich nicht auch dazu gemacht, Anno fünfundzwanzig, als ich noch einige Grade weiter herunter war als du, mein Junge? Gehe mit mir auf die Landstraße, Leonhard – holla, wohin will die Base Schnödler?«

»Mein Teil Anzüglichkeiten und Grobheiten habe ich mit Geduld angehört: jetzt aber hab ich mein voll gerüttelt und geschüttelt Maß. Sieh nach dem Wagen, Schnödler; – Base Hagebucher und Herr Vetter, ich bitte, es nicht für ungut zu nehmen, wenn mein Rat und meine Meinung in eurem Hause Ombrage und Ärgernis erregt haben, sie waren gut gemeint; aber allzuviel laß ich mir auch nicht bieten. Sieh nach den Pferden, Schnödler, und empfiehl dich den Herrschaften, und was den Herrn Afrikaner betrifft, so mag er tun und lassen, was er will, und was den Herrn Wegebauinspektor Wassertreter angeht, so sage ich nichts, als daß ich seine gehorsamste Dienerin bin, aber meine Ansicht über ihn nur aus christlicher Barmherzigkeit bei mir behalte. Guten Abend.«

Guten Abend kann jeder sagen; aber die Tante Schnödler konnte den freundlichen Wunsch auf eine ganz besondere Art ausdrücken – siehe, es war gleich einem Habichtschrei über einem Hühnerhofe, gleich einem Steinwurf in einen Sperlingshaufen! Mit Flattern und Flügelschlagen erhob sich die Verwandtschaft, und jegliches Temperament brachte sich in seiner Weise zur Geltung. Vergeblich suchte die Mutter Leonhards durch[49] Bitten und Beschwörungen die erregten Gemüter zu besänftigen. Jedes gute Wort fiel gleich einem Tropfen Öl in das Feuer, und nur um das Truthahnsgekoller in der Versammlung auszurotten, hätte jemand dem Onkel Stadtrat und dem Vetter Sackermann den Hals umdrehen müssen, und selbst der Elfenbeinhändler vom Weißen Nil hielt sich innerhalb der Grenzen der gebildeten europäischen Welt und tat diese Tat nicht.

Der Steuerinspektor Hagebucher, der Vater des Hauses, welcher der Majorität der Verwandtschaft und vor allem der Tante Schnödler vollständig recht in ihren Anschauungen gab und im Innersten seiner zahlenkundigen Seele den Vetter Wassertreter zu Atomen verrieb, sagte nichts als: »Da haben wir's.«

Er verschwand hinter den Wolken seiner Pfeife und rührte sich nicht von seinem Stuhl; denn wie er seine Leute schätzte, so kannte er sie auch und wußte, daß unter bewandten Umständen kaum eine Macht des Himmels, geschweige denn eine irdische Gewalt die Bande der Freundschaft, Neigung und Liebe für den heutigen Abend wieder fest zuziehen könne. Der Familienrat löste sich auf in seine einzelnen Bestandteile, die Agnaten und Kognaten zogen ab, wie sie gekommen waren, jeder und jede mit dem befriedigenden Bewußtsein, höchst praktisch, verständig und wohlwollend einem sehr zerfahrenen und verfahrenen Zustande gegenüber die Ehre und das Ansehen der Gevatternschaft vertreten zu haben. Die gelbe Kutsche verschwand in dem Staube der Landstraße; die Pappelbäume zeigten wieder einmal, daß sie imstande seien, einen sehr langen Schatten zu werfen, und der Vetter Wassertreter zeigte, daß er dasselbe tun könne. Er hielt aus und saß dem grimmig schweigsamen Steuerinspektor stumm, aber behaglich gegenüber und schob erst, als es vollständig Dämmerung geworden, die kurze Pfeife in die Brusttasche.

»Tue mir die Liebe an und laß dem Jungen seine Zeit«, sagte er aufstehend. »Wenn aber nicht, so zeige, daß du ein gutes Herz hast, mach dem Jammer ein Ende und wirf den Lump schnell aus dem Hause. Frau Base, ich sage meinen schönsten Dank für die angenehme Unterhaltung; gib mir einen Kuß, Lina, und sage[50] dem Leonhard – na, laß nur, ich will ihm schon selber meine Meinungen sagen. Horch, Philomele schlägt im Gebüsch, und dort steigt der silberne Mond über den friedlichen Hütten des Dorfes auf. Jetzt holt der Mensch sein treues Roß aus dem Stall der Schenke, und einsam trabt der Einsame zu seinem einsamen Gezelt. Auch meinerseits guten Abend!«

»Guten Abend!« sagte der Vater Hagebucher sehr kurz und rührte sich auch dieses Mal nicht vom Platz. Die Mutter Leonhards aber begleitete den Wegebauinspektor bis zu der Tür des Gartens:

»O Vetter, Vetter, was soll daraus werden?«

»Ja, Base Hagebucher, diese Frage habe ich sehr häufig an das Schicksal gestellt und selten die Antwort bekommen, welche ich zu hören wünschte. Im letzten Grunde lebt man nur deshalb, und das ist wenigstens ein Trost. Wer will so ungeduldig sein? Auch beim Wegebau kann man lernen, daß die Vorsehung ihre Zeit haben will. Wünsche eine geruhsame Nacht, Base; hören Sie, jetzt geht der Alte drinnen los – jaja, ich weiß schon seit dem Jahre siebenzehn, daß wir in einer kuriosen Welt leben. Wünsche recht wohl zu ruhen, Base Hagebucher.«

Quelle:
Wilhelm Raabe: Ausgewählte Werke in sechs Bänden. Band 4, Berlin und Weimar 1964–1966, S. 39-51.
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