Zweites Kapitel

Der Polizeischreiber Fiebiger setzt seinen Chef in Erstaunen; Julius Schminkert wird gebeten, sich nützlich zu machen

[347] Als sich die Tür hinter Robert Wolf geschlossen hatte, erhob sich der Hauptmann von seinem Sitze, der Schreiber spielte nachdenklich mit seiner Feder, der Rat Tröster nahm eine Prise und sagte:

»Sie sind doch ein wunderlicher Kauz, Hauptmann. Was für ein Vergnügen finden Sie, der Sie zweimal die Welt umsegelt haben, daran, auf jener Bank zu sitzen und das Elend, mit welchem wir es zu tun haben, durchzukosten? Unsereiner ist froh, wenn er einmal den Kopf aus diesem Malebolge, diesem Teufelssumpf erheben darf, Ihnen scheint es das größte Vergnügen zu machen, darin unterzutauchen und umherzuplätschern.«

»Ein Vergnügen ist es nicht, sondern ein Studium, welches den Kopf und das Herz frei macht. Jeder Mensch soll von Rechts wegen sein Steckenpferd haben. Laßt den einen Schnupftabaksdosen sammeln, den andern verrostete Münzen, Wurzelwörter, Flaschenstöpsel oder Kerbtiere; ich treibe Naturgeschichte der Menschheit und jage mein Steckenpferd um die Erde und durch – diese Polizeistube. Die weite Welt und die Polizeistube bieten ein gleich ergiebiges Feld; der Kampf um das Dasein bleibt überall derselbe, im brasilianischen Urwalde wie in der Wüste Gobi; im ewigen Eis von Boothia Felix wie hier unter der gipsernen Nase Ihres weiland Vorgesetzten, Tröster.«

»Dann, bitte, sagen Sie mir mal, was denken Sie über den gegenwärtig vorliegenden Fall, Hauptmann?« fragte der Rat den weitgereisten Mann.

»Hm, eine gute lange Missouribüchse und ein gutes Pferd, eine hübsche kleine Prärie, fünfhundert Meilen in die Länge und die Breite, würden den Jungen wieder zurechtbringen. Es ist Kern in dem Gesellen; soll mich wundern, wie lange Sie ihn werden ins Loch stecken müssen, um einen Halunken daraus zu machen.«

Der Rat nahm eine sehr lange Prise; dann griff er nach dem[348] überbrachten Schreiben: »Hier ist ein Brief, welcher den Inkulpaten angeht. Der Baron Poppen schreibt, man möge den Robert Wolf laufen lassen; im Interesse aller Teile sei es, wenn man ihn so bald als tunlich aus der Stadt schaffe; seinen Denkzettel habe er ja schon durch den achttägigen Arrest erhalten. Der junge Herr schließt eine Banknote von zwanzig Talern ein.«

»Und das Frauenzimmer ist vollständig einverstanden mit diesen Vorschlägen? Wohl gar erste Urheberin derselben?«

»Das glaube ich sicher«, meinte der Rat. »Man kennt diese Damen. Übrigens soll das Mädchen nicht ohne Talente sein; man spricht viel in der Gesellschaft von ihr. Trotz unserer Register sind wir hier über die Person doch noch nicht ganz im klaren.«

Die Polizei sprach da ein wahres Wort; sie hatte durchaus keine Ahnung, wer und was Eva Dornbluth war.

»Alles in allem genommen«, fuhr der Rat fort, »wird es wirklich das beste sein, was wir tun können, wenn wir den armen Teufel, diesen Robert Wolf, cito citissime in seinen Wald zurückschicken. Hier am Orte würde er jedenfalls untergehen, und ich möchte wetten, daß wir ihn an dieser Stelle noch öfters und unter gravierenderen Umständen erscheinen sähen. Ich meine, ich halte dem Jungen eine gute Rede, und wir schicken ihn fort, heute abend noch oder morgen in der Frühe, mit dem ersten Bahnzug, der nach seiner Provinz abgelassen wird.«

»Und er nahm Wasser und wusch sich die Hände vor dem Volk!« brummte der Hauptmann; der Schreiber aber folgte seinem nachdenklich auf und ab gehenden Vorgesetzten mit den klugen scharfen Augen aus einem Winkel des Gemaches in den andern und bewegte dabei den Kopf auf eine Art, welche dartat, daß auch er den Kasus reiflich überlege. Aus seinen Überlegungen fuhr er schnell empor, als der Polizeirat vor ihm stehenblieb und fragte:

»Was ist Ihre Meinung, Fiebiger?«

Der Angeredete zog seine Feder hinter dem Ohr hervor, legte sie neben seinem Protokoll nieder und sagte:

»Herr Rat, ich habe nun schon manch liebes, langes Jahr unter[349] Ihren Augen diese Register« – er legte die Hand auf den vor ihm liegenden Folioband – »geführt und habe auch con amore, aber handwerksmäßig getrieben, was der Herr Hauptmann als Dilettant treibt. Ich glaube, die Zukunft des Rubrikaten Robert Wolf ist in diesem Augenblick auf eine so scharfe Kante gestellt, daß ein falscher Schub nach beiden Seiten hin ihn auf gleiche Weise in den Abgrund stürzen wird. Greift nicht eine gute Hand fest und sicher in sein Geschick, so wird er ebensowohl in seinem Walde wie hier in der Stadt untergehen. Hier in der großen Stadt mag er zum Verbrecher, mag er zuchthausreif werden, dort im Walde vielleicht auch; jedenfalls, unantastbar sicher, aber nach und nach zum brutalen, stumpfsinnigen Trunkenbold. Ich wollte mich anheischig machen, seinen Lebenslauf in der Wildnis Tag für Tag, Jahr für Jahr an den Fingern herzuzählen bis zum Verdikt des Landphysikus bei der Sektion: Ausgezeichnet schöne, weiße Säuferleber!«

Unwillkürlich mußten die beiden andern Herren lachen, und der Polizeirat meinte:

»Das ist ein böses Prognostikon, und leider ist viel Wahres daran. Was sollen wir denn aber mit dem Burschen beginnen? Was bleibt uns übrig, als ihn seinem Schicksal zu überlassen und uns – in der Tat – die Hände zu waschen wie der Landpfleger Pontius Pilatus?«

Die letzte Frage begleitete ein vorwurfsvoller Blick auf den Hauptmann, und dieser hielt es für seine Pflicht, den Rat zu beruhigen:

»Trösten Sie sich, Tröster; auch vor dem Proprätor von Syrien hat es Leute gegeben, welche unter bedenklichen Umständen nach dem Waschnapf und dem Handtuch riefen.«

»Ich hätte einen Vorschlag zu machen«, sprach der Schreiber, »möchte aber den Herrn Rat gehorsamst bitten, daß er vorher dem Knaben das Geld des Herrn von Poppen anböte.«

»Kommen Sie dabei nicht zu nahe in den Bereich der Faust des jungen Wilden, Tröster!« rief der Hauptmann von Faber, während der Chef verwundert nach seinem Untergebenen hinüberblickte.[350]

»Meine Bitte hängt mit meinem Vorschlag zusammen«, sagte Fiebiger; der Polizeirat klingelte und befahl dem eintretenden Greiffenberger, Inquisiten wieder vorzuführen. Bevor wir jedoch den zweiten Akt des Verhörs erzählen, haben wir von einer Bekanntschaft zu berichten, welche Robert Wolf zwischen dem ersten und dem zweiten Akt im Vorzimmer des Büros Nummer dreizehn gemacht hatte.

Kaum seiner mächtig, halb unfähig zu hören und zu sehen, hatte Robert dem Winke des grimmigen lakonischen Greiffenberger Folge geleistet. Er wäre fast zu Boden getaumelt, hätte ihn nicht die Hand im grauweißen waschledernen Handschuh, die fast so gut zu deuten verstand wie jene an der Wand im Saal des Königs Belsazar, auf eine niedrige Bank gedrückt, auf welcher er sitzen blieb, das Gesicht mit den Händen verdeckend, zu gleicher Zeit schluchzend und mit den Zähnen knirschend. Ein junger Uhu, welchem man das erste Nest zerstörte und den man zugleich aus seiner dunkeln Verborgenheit in die helle scharfe Sonne reißt, würde ungefähr ähnlich fühlen wie Robert Wolf in diesen Augenblicken. Das unzurechnungsfähige Gebaren des unglücklichen Knaben erregte denn auch sogleich aufs äußerste die Aufmerksamkeit eines Individuums, welches bis jetzt, mit dem Rücken dem Zimmer zugewendet, an einer Fensterscheibe getrommelt hatte und welches in Wesen und Erscheinung einen wunderlichen Gegensatz zu dem gepeinigten Robert bildete.

Besagtes Individuum trug zu einer Zeit, wo der Herbst schon sehr bedenklich in den Winter überging, einen hellen Sommeranzug, der seinerzeit höchst elegant und in den Hundstagen gewiß auch sehr angenehm gewesen war, welcher aber jetzt durchaus nicht mehr irgendeinen Anspruch auf Neuheit, Eleganz und Zweckmäßigkeit machen konnte und den jedes wärmer bekleidete Menschenkind nur mit Schauder und Frösteln ins Auge fassen konnte. Hellblau war seine Farbe! Gentile Schäbigkeit umhauchte die ganze Erscheinung, und etwas Unwägbares, Unfaßbares, Unfühlbares, welches seinen Sitz ebensogut in dem lockern Halstuch wie in den hellblauen Zeugstiefelchen haben[351] konnte, verkündete unwiderleglich, daß der Gegenstand unserer Schilderung mit mehr Phantasie als Verstand begabt sei und daß er nicht zu jenen soliden Klassen und Stützpfeilern der Gesellschaft gehöre, auf welche das Auge des Nationalökonomen mit Wohlgefallen blickt.

Julius Schminkert war ein Künstler, ein Künstler in des Wortes verwegenster Bedeutung, und nur deshalb kein Genie, weil er die eine Grundbedingung der Genialität, Selbstvertrauen, in zu hohem Grade, und die andere, Konzentrationsfähigkeit, in zu geringem Maße oder, besser gesagt, gar nicht besaß. Er konnte alles – Komödie spielen, Verse machen, einen Pudel scheren, einen Menschen frisieren, mehrere Instrumente spielen sowie jedes beliebige Kartenspiel; auf dem Billard war er Meister, sein Vertrauen auf die Langmut Gottes war unerschütterlich. Übrigens log er gern und mit Geschick; wir führen den leichtsinnigen Tropf vor, wie wir ihn auf dem Wege unserer Feder gefunden haben. Augenblicklich befand er sich in den Hallen des Zentralpolizeihauses, um Verwahrung einzulegen gegen eine Auspfändung, bei welcher man ihm außer allem andern, was sein war, aus Versehen auch seine »Rollen« mit ausgeführt hatte. Ein juristischer Freund hatte ihn darauf aufmerksam gemacht, daß dieses dem Recht des beneficii competentiae, wonach der Gläubiger dem insolventen Schuldner das Handwerksgerät zur Erwerbung seines Lebensunterhalts lassen müsse, schnurstracks zuwiderlaufe.

»'s ist ja der reine Mordversuch gegen dich, Julius!« hatte der juristische Freund gesagt. »Reine, krasse Meuchelei ist es!« Und Julius hielt diesen Fall für eine höchst vortreffliche Gelegenheit, den Strom der Gerechtigkeit an seiner Quelle aufzusuchen, das Talent gegen die Materie zu verteidigen und in seiner beleidigten Würde als Künstler und Mensch gegen die zwingende Gewalt der gemeinen Wirklichkeit und gegen den tailleur de Paris Herrn Alphonse Stibbe, den Anfertiger des hellblauen Sommerkostüms – o holdeste Angelika Stibbe! – zu deklamieren, Protest zu erheben und – sich dabei gratis am Feuerherde der hohen Polizei zu erwärmen.[352]

Den Stoßseufzer: O Angelika! haben wir nicht ohne Grund eingeschaltet. »Ich würde mich, um zu meinem Recht zu gelangen, inniger an Fräulein Angelika Stibbe als an irgendein Institut menschlicher Gerechtigkeitspflege halten«, hatte der juristische Freund seinen Ratschlägen und Anreizungen hinzugefügt, ohne jedoch dadurch den beleidigten Rechtssinn Schminkerts in ein anderes Bett leiten zu können; denn Julius hatte sich nur in seine wirkungsvollste Attitüde geworfen, und die linke Hand aufs Herz legend, die rechte zum Himmel emporstreckend, hatte er gerufen:


Soll ich die Schönheit dergestalt entwürd'gen,

Daß sie das Gold, das in den Staub mir fiel,

Im Hohn des Pöbels seufzend sucht zusammen

Und kniend das Verlorene mir bietet?


Solcher idealen Anschauung zartester Verhältnisse nachgebend, befand sich Julius Schminkert in diesem Augenblick im Vorzimmer des Büros Nummer dreizehn. Manch einen verschlungenen Namenszug, manch ein vom Pfeil der Liebe durchbohrtes, manch flammenschlagendes Herz hatte er an die beschweißte Fensterscheibe gezeichnet; jetzt unterbrach er sein Trommeln an ihr, um mit untergeschlagenen Armen zu aufmerksamer Betrachtung sich vor Robert Wolf aufzupflanzen. Nach einem minutenlangen Anstarren fragte er mit Grabesstimme: »Wofür drin?«

Robert sah nicht einmal auf, regte sich nicht. Julius Schminkert legte ihm pathetisch die Hand auf die Schulter:

»Mitbruder im Pech, nenne mir das Verbrechen oder das Unglück, das dich an diesen Ort des Heulens und Zähneklapperns führt! Zu den Gezeichneten gehörst du, ich sehe das Mal auf deiner Stirn. Ich sehe auch die kalte Faust, welche dich am Rockkragen gepackt hält, dich schüttelt und dich demnächst mit Grazie in die Ecke werfen wird, wohin sie schon so manchen deinesgleichen geworfen hat. Unglücklicher, wehe dir!«

Mit offenem Munde starrte Robert jetzt den Deklamator an:

»Sind Sie verrückt?« fragte er mit stumpfem Grimm.[353]

»Nicht mehr als alle andern vernünftigen Menschen – nur ein wenig aufgeregt«, meinte Julius Schminkert. »Unbekannter Mensch, Wanderer auf dem runden Ball der Erde, der nicht der Ball des Glückes ist; in der zweiten Person Singularis rede ich dich an, weil ich mich auf dieser Bank neben dir niederlasse. Brüder im Leiden sind alle die, welche auf diesem vierbeinigen harten Ungeheuer beieinander saßen, sitzen und sitzen werden. 's ist eine große Verwandtschaft.«

»Ich schlage Ihnen den Schädel ein, wenn Sie mir noch näher rücken!« rief Robert, die Faust erhebend und zum äußersten Ende der Bank zurückweichend.

»Ruhe dort im Winkel!« schnarrte Greiffenberger vom Ofen her. »Herr Schminkert, seien Sie doch verständig!«

»Verständig?« rief Julius. »Ich bitte Sie, Herr Wachtmeister, können Sie das von einem Menschen, der bei solchem Wetter so leicht gekleidet geht, verlangen? Verständig?! Auf dem Wege hierher begegnete mir ein Wirklicher Geheimer Rat in einem Marderpelz; man sah nichts von ihm als die Nasenspitze, und an dieser Nasenspitze sah ich sogar dem Mann bei dieser Kälte den Unverstand an. Verständig?!«

»Auch 'ne Ansicht von die Sache«, brummte Greiffenberger, und die Unterhaltung stockte einige Zeit im Vorzimmer des Büros Nummer dreizehn. Robert Wolf hatte den Kopf wieder in beide Hände genommen, Julius betrachtete ihn verstohlen von der Seite, und Greiffenberger sog mit der Schattenseite seines Ichs soviel Ofenwärme wie möglich ein und sah so gedankenlos wichtig wie möglich dabei aus.

Der Wind trieb den eisigen Regen in immer schärferen Stößen gegen die Fensterscheiben, der Nebel wurde immer dichter, die Welt im allgemeinen wie im besondern immer unbehaglicher. Schminkert gab sich den seltsamsten Körperverrenkungen auf seinem Ende der Bank hin, bis er das Möglichste, was in dieser Art zu leisten war, geleistet hatte und sein quecksilberartiges Temperament eine Veränderung der Unterhaltung erforderte. Er erhob sich, dehnte und reckte sich, gähnte entsetzlich und schritt zu dem Ofen, wo er den Polizeiwachtmeister in[354] ein leises Gespräch verwickelte, und bald hatte er aus dem würdigen Mann alles heraus, was er über den armen Robert wußte.

Dann erklang die Glocke des Polizeirats Tröster; Greiffenberger rückte den Säbel zurecht, marschierte in ordonnanzmäßiger »Properteh« in das Heiligtum des Büros und ließ das bodenlose Genie im kopfschüttelnden Nachsinnen über den Reichtum der Welt an tollen Lebenserscheinungen zurück.

Dann hatte Robert Wolf abermals dem charakteristischen Winke der Sicherheitsbehörde Folge zu leisten. Wieder stand er vor dem Mann, welcher einen so großen Einfluß auf sein nächstes Schicksal hatte, welchen die Gewohnheit aber auch ziemlich gleichgültig gemacht hatte gegen die Frage, was das Gewicht bedeute, das er in die Waagschale warf, in der eine menschliche Existenz gewogen wurde. Glücklicherweise war in dem Büro Nummer dreizehn ein anderer gegenwärtig, der sich vorgenommen hatte, auf andere Art in das Leben Robert Wolfs einzugreifen, als der Polizeirat Tröster es vermochte.

»Wolf«, sagte der Polizeirat, »Eure Angelegenheit hat sich zum besten gewandt. Wir wollen unsererseits den achttägigen Arrest als eine genügende Strafe Eures unbesonnenen Verhaltens, Eures ungebührlichen Betragens ansehen, andererseits ist auch auf Bitten des Herrn von Poppen die Sache niedergeschlagen, und – Sie sind frei, Robert Wolf. Hier soll ich Ihnen eine Banknote geben, welche von der ebenerwähnten Seite kommt. Nehmen Sie und verwenden Sie das Geld –«

»Von ihm, von ihr meine Freiheit? Von ihm, von ihr dieses Geld?« schrie Robert Wolf, und es wurde wieder einmal deutlich, daß Maler und Bildhauer, um Charakterköpfe zu studieren, sich häufiger auf dem Polizeibüro einfinden sollten. »Herr, Herr«, rief der Knabe aus dem Walde, »o Herr, lassen Sie mich wieder in das Loch sperren! O die Schlechte! die Schändliche!«

Die Stimme versagte dem Jüngling, erstickt durch Grimm und Tränen; so sank er auf die Bank, auf welcher vorhin Konrad von Faber gesessen hatte. Der Schreiber flüsterte dem Rat etwas ins Ohr, dieser sah ihn höchst verwundert an, nickte dann mit dem Kopfe und trat von seinem Schreibtische gegen die[355] Armensünderbank heran, die Banknote des Barons von Poppen in der Hand:

»Herr Robert Wolf –«

Mit geballter Faust sprang der Angeredete drohend wieder in die Höhe.

»Was treibt Sie, junger Mann?« fragte der Beamte würdevoll, aber doch einen Schritt zurückweichend. »Halten Sie sich ruhig. Es steht in Ihrem Belieben, dieses Geld zu nehmen oder es von sich zu weisen.«

»Auch meine Freiheit will ich nicht haben durch ihre Gunst und Gnade!« rief Robert Wolf. »Wenn es Gerechtigkeit ist, daß ich ins Gefängnis komme für das, was ich tat, so will ich eingesperrt sein, so wie es im Gesetzbuch steht, bis an meinen Tod. Denen aber will ich nichts verdanken – nichts, nichts!«

Der Hauptmann von Faber murmelte vor sich hin: »Eine Doppelbüchse, ein Roß und die Prärie«, der Schreiber Friedrich Fiebiger aus Poppenhagen gab seinem Vorgesetzten abermals ein Zeichen, und letzterer sagte darauf ganz kurz zu dem Jüngling:

»Treten Sie noch einmal ab, Wolf! Ich werde Sie sogleich wieder rufen lassen.«

Jetzt steigt Fiebiger von seinem hohen Dreifuß, nach der Entfernung Robert Wolfs, herab und tritt – mehr in die Mitte dieser Geschichte, wenn auch grade nicht ganz in den Mittelpunkt, den eine Geschichte in dieser Zeit des breiten Lebens selten mathematisch genau haben kann.

Da stand der Schreiber Friedrich Fiebiger aus Poppenhagen im Winzelwald, hager und, wie es schien, etwas hungerig, sehr ältlich, gelblich und blutleer, gekleidet in abgetragenes Schwarz. Da stand er und ließ die kleinen glänzenden Augen von einem der beiden anwesenden Herren zum andern gleiten. Ich suche nach einem Gleichnis, welches die Erscheinung des Mannes klarer vor die Einbildungskraft führe, und nichts fällt mir ein als ein auch dem Einfall nahes, hohes, altes, schmales Haus in der Altstadt, ein Haus, zur Seite geneigt, geschwärzt und vernachlässigt; ein Haus, in dessen zweifenstrigem Erker, den Wolken[356] so nahe als möglich, ein Freund von mir wohnte, ein Narr, der seine Gedichte nicht niederschreiben konnte, weil er niemals einen Reim finden konnte, ein armer Teufel, der mit der Welt spielte wie Zeus, der Vater der Götter, und am Nervenfieber starb. Wie oft bin ich in spätester Nachtstunde durch das Schleichgäßchen geschlichen, aufblickend zu diesen beiden hellen Fenstern! Alles war dunkel und schmutzig dann. Nur die beiden Fenster leuchteten in der Nacht, und diesen beiden Fenstern vergleiche ich den spaßhaften Glanz in den Augen des Polizeischreibers Friedrich Fiebiger, wie ich seinen übrigen Leib leider dem wackligen Hause Nummer vierundachtzig im Schleichgäßchen vergleichen kann.

Da stand der Mann, rieb die magern Hände aneinander und sagte:

»Ich muß um Verzeihung bitten, Herr Rat, wenn ich mich bei dem, was ich zu sagen habe, nicht so kurz fassen kann, wie ich wohl möchte.«

Der Polizeirat und der Hauptmann sahen in demselben Tempo beide nach der Uhr.

»Manches Jahr habe ich«, fuhr der Schreiber fort, »an diesem Pulte verschrieben. Wie ich hoffe, zur Zufriedenheit meiner Vorgesetzten.«

Der Polizeirat, welcher allmählich anfing, sich nach seinem Whisttisch zu sehnen, nickte energisch, was ebensogut heißen konnte: ›Jawohl, Sie schreiben die leserlichste Hand, die mir jemals vorgekommen ist!‹ als auch: ›Ich bitte Sie inständig, fassen Sie sich so kurz als möglich.‹

»Wie der Herr Rat weiß«, sprach Fiebiger, »hat man an dieser Stelle mehr mit der Schattenseite als mit der Lichtseite des Daseins zu tun. Man atmet aber in einer Atmosphäre, die den Menschen alt werden läßt, weil sie ihm die Seele gerbt – 's ist ein fortwährendes Stahlbad, höchst gesund, fast zu gesund.«

Seufzend gab der Polizeirat seinem Protokollführer recht, und der Hauptmann strich eifriger seinen Bart.

»Ich kann's mir nicht mehr verbergen«, fuhr der Schreiber fort, »ich bin alt geworden; die allzu gesunde Atmosphäre fängt[357] an, meine Nerven anzugreifen. Ich hätte es nimmer für möglich gehalten. Die Gespenster, welche ich in diese Register eingeschlossen habe, fangen an, sich zu rächen; sie bekommen ein kurioses Leben, kriechen hervor aus ihren Foliobänden, schlüpfen durch das Schlüsselloch und kommen nächtlicherweile vor mein Bett, ihren Spaß mit mir zu treiben. Es ist ein grimmiger Spaß, und ich bin ein alter einsamer Mensch. Als ich jung war, habe ich wohl mit Händen und Füßen um mich schlagen und treten können; da hatte das Gesindel noch Respekt. Jetzt kann ich nur die Bettdecke über den Kopf ziehen; aber die Gespenster sind schlau, sie wissen mich doch darunter zu finden. Sie machen Stimmen nach, Stimmen, welche ich seit vierzig Jahren in diesem Hause gehört habe. Sie weinen und wimmern wie Kinder, sie schluchzen und kreischen wie Weiber, sie fluchen auch wohl ein wenig. Dann kommt dazwischen ein Lachen, und das fürchte ich am meisten, es ist das echte, das wirkliche und wahre Sich-zu-Tode-Lachen. Zum Exempel, das junge Weib, welches wir neulich hier vernahmen und welches am folgenden Tage im Krankenhaus starb, lachte so. Was soll man dagegen machen?«

»Sie hätten heiraten sollen, Herr Fiebiger«, meinte der Hauptmann, welcher ein eingefleischter Hagestolz war. Der Polizeirat, welcher zu Haus eine Polizeirätin hatte, seufzte:

»Vollständig hilft das auch nicht, Faber.«

Der Schreiber blickte seinen Vorgesetzten wehmütig an:

»Um sich gegen das Alter zu schützen, muß man sich geistig an der Jugend erwärmen, wie der König David in seinen spätern Jahren sich körperlich daran wärmte. Ähnlich wie der Knabe im Vorzimmer bin auch ich vor langer Zeit aus dem Winzelwalde in dieser Stadt angekommen. Ich könnte darüber auch meine Geschichte erzählen, aber es würde zu nichts führen; ich will nur sagen, daß dieser Robert Wolf und ich Landsleute, daß wir beide Hintersassen der Herren von Poppen sind und daß mir der Junge ungemein gefällt. Er hat mir meine ganze Jugendzeit wieder lebendig gemacht, und seit ihn der Herr Revierleutnant Kirre hierher sandte, sind die oben besprochenen[358] Gespenster in ihre Folianten zurückgekrochen; mit andern Gedanken habe ich mich umhergetragen. Ich habe den Burschen studiert, wie man ein Buch studiert, und jetzt bin ich zu einem Entschluß gekommen: Ich bitte den Herrn Polizeirat gehorsamst, mir besagten Robert Wolf aus Poppenhagen mit Haut und Haar zur weitern Verfügung zu überlassen.«

»Sie wollen also wirklich?« fragte der Polizeirat Tröster.

»Was?!« rief der Hauptmann von Faber.

»Ich fürchte mich daheim vor diesen Bänden«, sagte der Schreiber, wieder die Hand auf die Registerbände legend. »Ich habe ein zu gutes Gedächtnis für das, was ich hier eintragen muß. Ich kann nicht mehr allein sitzen in meiner Stube. Ich will die Seele dieses Knaben retten, und er soll mir das Licht der Jugend vorantragen auf dem dunkeln Wege ins Grab.«

»Fleck getroffen! Bravo!« rief Konrad von Faber, der Polizeirat jedoch meinte kopfschüttelnd:

»Haben Sie sich das wohl recht überlegt, Fiebiger? Sie bei Ihrem jämmerlichen Einkommen wollen sich eine solche Last, eine solche Verantwortlichkeit aufbürden?«

»Ich habe wenig Bedürfnisse gehabt in meinem Leben und werde den Jungen schon durchfüttern. Was die Verantwortlichkeit betrifft, so bin ich ein wenig Psycholog und glaube meinen Weg klar vor mir zu sehen. Ein Professor der Seelenkunde mag über sein Fach sehr gut dozieren können; aber ein alter Polizeischreiber wird auch immer wissen, was er dem Individuum gegenüber zu tun und zu lassen hat.«

»Das mag alles sein, bester Fiebiger, aber –«

»Ach, Herr Rat, wir tappen alle in der Finsternis umher und wissen selten, was zu unserm Besten ausschlagen wird. Ich habe nun einmal mein Herz an diesen Knaben und diesen Wunsch gehängt. Ich bitte gehorsamst, schenken Sie mir diesen Schlingel, diesen Robert Wolf aus dem Winzelwalde. Die Welt weiß in diesem Augenblick doch nichts damit anzufangen, sie würde ihn ausmustern und einen Lumpen mehr daraus machen; – ich aber will versuchen zu bewirken, daß sein Name nicht noch einmal in diesen Büchern, Folio W, erscheine.«[359]

»Ich werde Ihrem Plan und Vorhaben gewiß auf keine Weise entgegen sein, Fiebiger. Nehmen Sie den Burschen und machen Sie daraus, was Sie wollen. Sie sind mein treuer, guter Kollege und Freund. Hier haben Sie meine Hand, wir wollen Freunde bleiben, Sie alter Humorist.«

»Geben Sie mir auch Ihre Hand, Herr Fiebiger!« rief Konrad von Faber. »Wenn ich Ihnen oder Ihrem Schützling einmal auf irgendeine Art nützlich sein kann, wird mir das zu großer Genugtuung gereichen.«

Der Schreiber lächelte, indem er dem Hauptmann die Hand entgegenstreckte:

»Sie kommen weit herum in der Welt, Herr Hauptmann; wer weiß, wo und wie Sie meinem jungen Wolf noch einmal begegnen. Wenn Sie dem Glück begegnen, so schicken Sie es mir nur zu, Musikantengasse Nummer zwölf, oder hierher, Zentralpolizeihaus, Büro Nummer dreizehn. Ich darf also die Entlassung aus dem Arrest für Robert Wolf ausfertigen, Herr Rat?«

»Tun Sie das, ich will sogleich unterschreiben.«

Beides geschah, und die Klingel erschallte wieder; zum dritten und letzten Male trat Robert Wolf in das Büro Nummer dreizehn.

»Herr Wolf, Sie sind frei«, sagte der Polizeirat. »Die Banknote wird auf Ihren Wunsch dem Herrn von Poppen zurückgesandt. Ihre Freiheit erhalten Sie nicht auf Fürbitte des Fräulein Eva Dornbluth, sondern weil die Sicherheitsbehörde nach Kenntnisnahme der Sachlage, und da keine Anklage weiter erhoben ist, es so beschloß. Hier ist das Attest; was ferner noch hinzuzufügen ist, ist, daß –«

Der Redner unterbrach sich, denn er sah klar, daß der Knabe nicht fähig war, seine Worte zu begreifen. Einen Augenblick starrte Robert wie ein Irrer das Papier an, welches der Rat in seine Hände gelegt hatte; dann stieß er einen rauhen Schrei aus, und ehe ihm jemand hindernd in den Weg treten konnte, stürzte er mit einem Sprung aus der Tür und war verschwunden.

»Ihm nach, Greiffenberger!« rief der Rat, völlig außer Fassung[360] gebracht. »Schnell ihm nach, bringen Sie ihn zurück – dieser Tollkopf!«

»Halt, halt!« rief der Schreiber ängstlich, »nicht Sie, Greiffenberger! Herr Rat, ich bitte – der Junge stürzt sich von der ersten Brücke in den Fluß, wenn wir ihn auf diese Art wiederbekommen wollen.«

»Aber was soll geschehen? Wir dürfen dieses unbändige Waldtier doch nicht aus den Augen verlieren.«

»Wer ist noch im Vorzimmer, Greiffenberger?« fragte der Schreiber.

»Na, Sie wissen – der Schauspieler Schminkert – Herr Julius Schminkert – von wegen einer Auspfändung. Ich habe ihm schon erklärt, das gehöre nicht vor diese Stelle; aber er bleibt ein Narr und will sich nicht zurechtweisen lassen.«

»Schon gut. War der mit dem jungen Menschen zusammen draußen?«

»Ja, die ganze Zeit über. Es hätte beinahe eine Katzbalgerei zwischen ihnen gegeben.«

Der Schreiber wandte sich an seinen Vorgesetzten:

»Lassen Sie uns den Hanswurst hinter dem Flüchtling herschicken. Ich stehe dafür, er faßt ihn. Schminkert wohnt mit mir in einem Hause; ich kenne ihn. Darf ich mit ihm sprechen?«

»Sie haben volle Freiheit. Ich gebe diese Sache jetzt ganz in Ihre Hand. Rufen Sie den Herrn, Greiffenberger.«

Der Wachtmeister ging, und Julius Schminkert erschien mit seiner graziösesten Verbeugung:

»Meine Herren, ich habe die Ehre –«

»Keine Phrasen, Blumen und Verse, Julius!« rief der Schreiber. »Sie haben den Knaben gesehen, welcher soeben aus dem Zimmer stürzte?«

»Haben Sie ihm hier keinen Tritt auf die hinteren Weichteile versetzt? Nicht? Das wundert mich! Was beflügelte aber auf solche Weise seine Füße?«

»Dummes Zeug. Eilen Sie dem jungen Menschen nach, Julius; und sollten Sie die ganze Stadt nach ihm durchlaufen, Sie müssen ihn uns schaffen. Ich komme Ihnen nach; aber Ihre[361] Beine sind jünger. Zehn Taler – leihe – ich Ihnen, wenn Sie den Jungen finden und bewerkstelligen, daß ich meine Hand auf ihn legen kann.«

»Aber –«

»Kein Aber! Eilen Sie; jeder Augenblick ist kostbar. Denken Sie an die zehn Taler.«

»Zehn Taler? – Greis, dein Wort klingt voll und schwer, ich flieg und schaff den holden Flüchtling her.«

Dem Polizeischreiber eine Kußhand zuwerfend, hüpfte der blaubekleidete Julius dem entflohenen Knaben aus dem Walde nach.

»Da läuft auch der Narr hinter dem Tollen her«, lachte der Hauptmann. »Sie haben eine seltsame Bekanntschaft, Fiebiger.«

»Es macht sich so, Herr Hauptmann. Darf ich für jetzt um Urlaub bitten, Herr Rat?«

Der Polizeirat half seinem Untergebenen eigenhändig beim eiligen Anziehen des Überrocks. Der Hauptmann reichte ihm den Regenschirm. Greiffenberger stand erstarrt und erklärte im Innersten seiner Seele den alten Fiebiger für verrückt – rein verrückt.

Der Rat Tröster blieb allein mit dem Hauptmann.

»Was denken Sie darüber, Faber?«

»Ich hab's schon gesagt, by Gad, die Polizeistube hat ihre Wunder wie die weite Welt. Ich muß ins Freie, Eccellenza. Wir treffen uns heute abend doch bei Wienand? Ich muß meinen Amerikaner daselbst vorstellen. – Komme mir noch einer und behaupte, das alte Europa sei so platt und glatt geworden, daß es nicht mehr der Mühe lohne, sich daselbst zu bewegen.«

Auch der Hauptmann ging. Die Lampen wurden angezündet in dem Zentralpolizeihause; der Rat Tröster vertiefte sich in eine dicke Akte, ein Intrigenstück voll tragischen Inhalts, wenn auch nicht in Jamben geschrieben. Als er dann eine Stunde später den Kopf wieder in die Höhe richtete, sagte er, ohne irgendwelchen Bezug auf seine Arbeit:

»Närrische alte Schreiberseele. – Soll mich wundern, was der aus dem Jungen machen wird!«

Quelle:
Wilhelm Raabe: Ausgewählte Werke in sechs Bänden. Band 2, Berlin und Weimar 1964–1966, S. 347-362.
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