Des Authors Prologus.

[327] Sehr treffliche Zecher und ihr, meine kostbaren Gicht-Patienten, sahet ihr wohl jemals den cynischen Philosophus Diogenes? Wenn ihr ihn sahet, seyd ihr eben nicht blind gewesen, oder ich bin gar aus dem Häuslein und hab meine Logik all verschwitzt. Ist ein gut Ding, wenn man das Licht der (Wein-Pokal und harten Taler-) Sonnen sehn kann. Ich beruf mich hie auf den armen Blindgeborenen weltbekannt aus heiliger Schrift, der, als er die Wahl zu bitten was er wollt erhielt, nach Dessen Rathschluß der alles kann, und dessen Wort im Augenblick zur That vollstreckt wird, nichts weiter bat als daß er sehend werden möchte. Item, so seyd ihr auch nicht mehr jung, welchs just die rechte Eigenschaft ist, die euch zur Wein- (nicht Wahn-) Weisheit geschickt macht; daß ihr, statt hinfüro nur euern Nasen nachzugehn, im Bacchus-Rath mit sitzen möget, wo man beym Krug lugt nach dem Wesen, Farb, Tugend, Ruch, Fürtrefflichkeit, Würd, Ansehn, Hoheit, Kraft und Pracht des heiß ersehnten benedeyeten Rebensäftleins.

So ihr ihn aber nicht gesehen, wie ich zu glauben auch gern geneigt bin, habt ihr doch zu mindest von ihm reden hören. Denn durch die Luft und alle Himmel ist ja sein[327] Nam bis diesen Tag sattsam berufen und weltberühmt. Zudem seyd ihr doch insgesamt aus Phrygischem Geblüt entsprossen, wo ich nicht fehlschieß, und wenn ihr auch nicht soviel Batzen als Midas habt, so habt ihr doch ich weiß nicht was von ihm ererbt; die Perser schätztens an ihren Otakusten gar hoch, und auch der Kaiser Antonius strebt' sehr darnach: die Schlang in Rohan führt noch den Namen Schönohr davon.

So ihr aber auch nicht einmal von ihm reden habt hören, will ich itzo euch eine Geschicht von ihm erzählen, damit wir ins Trinken (also trinket!) und ins Gespräch kommen (also höret!). Und sag euch – denn ihr sprächt wohl gar, man hätt euch als ungläubige Leut, in eurer Einfalt bethören wollen – daß er zu seiner Zeit ein rarer und fröhliger Philosophus vor Tausenden gewesen ist. Wenn er auch seine Mängel hätt, habt ihr nicht deren auch, und wir? Ist ausser Gott niemand vollkommen. Bey alle dem hielt Alexander der Groß', obschon er zu seinem Genossen und Lehrer den Aristoteles hätt, so grosse Stuck auf ihn, daß er, im Fall er nicht Alexander wär, Diogenes von Sinope zu seyn wünscht'.

Als Philipp König in Macedonien Korinth zu belägern und zu zerstören sich anschickt', und die Korinthier durch ihre Späher verwarnet wurden daß er mit großem Kriegsgepräng und vielen Schaaren wider sie anruckt', waren sie all mit Recht darüber gar sehr bestürzt und säumten nicht ein jeder sich nach Pflicht und Kräften alles Eifers so fürzusehen, daß sie den Feinden Widerstand tun und ihre Stadt vertheidigen möchten. Etliche schafften Hausrath, Vieh, Korn, Wein, Frucht, Vorrath, Munition und allen nöthigen Kriegsbedarf aus dem Feld in die festen Plätz. Andre verschanzten Mauern, gruben Gräben, führten Bastionen auf, stachen Ravelinen ab, trieben Conterminen, thürmten Schanzkörb, räumten Casematten, legten Bettungen, rüsteten Faussebrayen,[328] bauten Katzen, resappirten Conterscharpen, zogen Courtinen, pflanzten Sperling auf, böschten Parapetten, bezahnten Sturmgatter, brachen Schußscharten, besserten Sarazener Rechen und Katarrhakten aus, stellten Schildwachen, musterten Patrouillen. Jeder war auf der Huth, jeder lief mit dem Reff. Die Einen glätteten Rüstungen, firnßten Brustblech, putzten Pferd-Zeug, Roßstirnen, Streithemder, Brägendinen, Sturmhüt, Kappen, Kinnketten, Schlachtbeil, Helm, Pickelhauben, Maschen, Küriß, Armzeug, Beinzeug, Schiftungen, Ringkrägen, Krebs, Halsbergen, Platten, Kniebuckel, Tartschen, Schilder, Stahlschuh, Beintaschen, Sporen, Fußgeschmeid. Andre fertigten Bogen, Schleudern, Armbrüst, Schusser, Katapulten, Phalariken, Granaten, Theer-Töpf, Pechkränz- und Spieß, Ballisten, Scorpionen nebst noch mehr anderm Kriegsgeschütz zu Abtrieb und Zerschmetterung der Helepolitischen Mauerbrecher. Spitzten Speer, Piken, Zinkenspieß, Hellbarten, Lanzen, Hakenschafter, Harnischbrecher, Partisanen, Mordgabeln, Janitscharenfochtel, Fausthämmer, Aext, Pfeil, Wurfpfeil, Reiß- und Knebelspieß, Schweinsfedern; wetzten Säbel, Plötzer, Dissacken, Schürtzer, Flammenberger, Stoßdegen, Schwerter, Pistojeser, Dreller, Stiletten, Malchusdeglein, Dolch, Waidmesser, Stechbolzen, Flitschepfeil. Jeder schwang seinen Kneif; ein jeder schabt' den Rost von seiner Plemben; da war kein Weib so spröd noch alt, die nicht ihr Zeug hätt flicken lassen; wie ihr wohl wißt, daß die alten Korinthierinnen im Scharmützel gar hitzig waren.[329]

Diogenes, der sie so jähling Bündel schnüren und schäftern sah, auch selber von der Obrigkeit zu keinerlei Verrichtung gebraucht ward, schaut' ihrem Wesen etliche Tag lang, ohn ein Wörtlein zu sagen, zu. Drauf wie von einem martialischen Geist urplötzlich angestossen, gürtet er seinen Mantel zur Schärpen, streift die Aermel bis hinter die Elenbogen, schürzt sich auf wie ein Aepfelbrecher, gab einem alten Cumpan von ihm seine Bücher und Opistographa in Verwahrsam, und macht sich zur Stadt hinaus nach dem Kranion, welches ein Hügel und Vorgebirg unweit Korinth ist, ein schöner grüner freier Plan. Da rollt er sein töpfern Fäßlein hin, das sein Obdach für Wind und Wetter war; thät itzt mit aller Macht und Innbrunst beyde Arm weit auseinander und drehets, wälzets, hudelts, sudelts, tummelts, rummelts, futterts, schutterts, butterts, zerludderts, hobs, schobs, verstobs, puffts, drängelts, stuffts, stampfts, purzelts, trampelts, pauckts, pochts, entpfropfts, stopfts, wackelts, enttackelts, schackelts, rüttelts, schüttelts, bälgelts, schwenkerts, schlenkerts, steuerts, scheuerts, kekelts, rekelts, verspündets, kugelts, kollerts, trollerts, rammelts, sammelts, pflöckts, beleckts, verstiftets, verschaftets, büscht es, wischt es, rührt es, schmiert es, hänselts, tänzelts, schlugs, bugs, schuppts, schaluppts, bedegnets, segnets, bekrägnets, helmbüschelts, waldrappts, verschabrackelts, rollt es das Kranium auf und ab, stieß es zu Thal, dann trug ers wiederum zu Berg, wie Sisyphus seinen Felsenstein, daß wenig dran fehlt', so hätt er den Boden ihm ausgeschlagen. Welches als seiner Freund einer sahe, frug er ihn, aus was Ursach er nur sein Leib und Seel und Faß so übel zerplagt' und martert'. Da gab ihm dann der Weise zum Bescheid darauf, daß weil er sonst im gemeinen Wesen weiter zu keinem Amt bestellt wär, er solchergestalt sein Faß rasaunt', damit er unter dem eifrigen und arbeitsamen Volk in Korinth nicht als der einzige Tagedieb und Müssiggänger erfunden würde.

Deßgleichen bin dann nun auch ich, zwar nicht entsetzt, doch bang darüber daß ich sehn muß wie man mich zu[330] Werk und Dienst für gar nichts achtet, und doch erwäg wie aller Orten in unserm edeln Franken-Reich, so vor als hintern Bergen, jeder sich heut zu Tag inständigst müht und befleissigt theils zu Schutz und Schirm des Landes, theils zu Trutz, Angriff und Abtrieb der Feind; und alles mit so feiner Zucht, so wunderwürdiger Kriegsordnung, ja zu so offenbarem Ersprieß für die Zukunft (denn hinfort wird Frankreich sehr stolz umgrenzt, wird der Franzos in Ruh und Frieden gebettet sein) daß ich mich selbst schier noch zur Meinung des werthen Heraklitus schlag, der den Krieg alles Guten Vater zu seyn behauptet; und glaub daß Krieg auf lateinisch Bellum nicht etwann katantiphrasin genannt ist worden, wie etliche Fletzenpletzer alter lateinischer Schwärtlein vermeinet, weil sie nichts Gutes im Krieg zu sehen kriegten; sondern vielmehr ganz schlecht und recht, aus Ursach weil allerley Gutes und Schönes im Krieg man kriegt, und allerley Böses und Häßliches durch ihn an den Tag kommt. Und zum Beweis daß ihm so sey, hat auch der weise friedliche König Salomo uns der göttlichen Weisheit unaussprechlich vollkommenes Bild nicht besser zu offenbaren gewußt, als durch Vergleichung selbiger mit einem wohlgerüsteten Kriegsheer in guter Ordnung und Feld-Montur.

Demnach ich also von den Unsern weder zum Angriff bin bestellt und geworben worden, weil sie mich für allzu schwach und kraftlos hielten, noch andern Theils auch irgendwo bey der Vertheidigung gebraucht, weder als Packträger, Lattensäger, Kehrichtfeger noch Schollenträger, denn es wär mir all eins gewesen; hielt ichs für keinen geringen Schimpf, wofern ich unter so vielen tapfern, beredtsamen, heldenherzigen Leuten die itzt vor ganz Europens Augen und Antlitz diese bedeutsame Fabel und Tragikomödi spielen, allein ein müssiger Zuschauer hätt verbleiben, und nicht mein alles so viel an mir, nach Kräften dazu mitsteuern sollen. Denn mein ich, deren Ruhm ist klein, die nur mit Augen dazu helfen, sonst ihre Kräft und Mittel schonen, ihr Geld verstecken, ihr Pfund verscharren, sich wie verdrossene Lappenscheisser[331] mit einem Finger im Kopfe krauen, Maulaffen wie Zehntkälber ziehn, die Ohren wie die arkadischen Esels zum Lautenschlagen spitzen, und nur durch blöde Mienen im Stillen deuten daß sie den Rummel genehmigen.

Nach so gefaßtem Schluß und Fürsatz hab ich kein brodlos albern Ding zu thun vermeinet, wenn ich auch mein Diogenisch Tönnlein rollt', so mir aus meinem vor der Hand am Unglücks-Pharao erlittenen Schiffbruch allein noch überblieben ist. – Wo ich nun mit dem Faß-Geschwenker hinaus woll? denkt ihr. Hilf heilige Frau die sich die Aerm schürzt! weiß selbst noch nicht. Harrt nur ein wenig bis ich erst aus dieser Flasch einen Zug getan hab; die ist mein wahrer alleiniger Helikon, Pegasusbrunnen und Enthusiasmus. Da trinkend sinn, erwäg, beschliess und resolvir ich mich. Nach dem Epilogus lach ich, schreib ich, dicht ich, trink ich. Ennius schrieb trinkend, trank schreibend. Aeschylus, wenn ihr anders dem Plutarcho in Symposiacis Glauben schenkt, trank dichtend, dichtet' trinkend. Homerus schrieb immer nüchtern; Cato nur wann er getrunken hätt; daß ihr mir nicht etwann sprecht ich leb so hin ohn Beyspiel der Edeln und Hochbelobten! Es ist gar gut und kühl, im andern Grades Anfang, nach eurer Art zu reden. Gott, dem guten Gotte Zebaoth, das ist zu sagen, dem Herrn der Schaaren, sey Lob dafür in Ewigkeit. Wollt auch ihr Andern unter der Kapp etwann einen grossen oder zween kleine Schlücklein thun? da ist nix gegen: nur lobet mir für alles Guts auch Gott ä Bissel.

Drum, weil nun solchs entweder mein Loos oder beschieden Schicksal ist, (denn nicht ein Jeder kommt nach Korinth) bin ich entschlossen beyden Parten zu dienen: so viel fehlt daran daß ich ein unnützer Faullenz wäre. Denen Schanzern, Festungsbauern und Minengräbern werd ich thun was einst Apollo und Neptunus in Troja unter Laomedon thäten, oder Reynald von Montalban auf seine alten Tag.[332] Ich werd den Mauerleuten an Handen gehen, werd kochen für die Mauerleut, und wenn sie gessen, beym Klang meiner Lauten die Lauigkeit der Leidigen läuten. Den Streitenden aber werd ich mein Fässel von frischem aufthun und durch das Spundloch (so euch aus zween vorigen Theilen, wenn sie der Drucker Bosheit nicht verlästert und entstellet hätt, wohl zur Genüg bekannt seyn müßt) ihnen von dem Rebengewächs unsrer epicenarischen Kurzweil abzapfen ein erklecklichs Terz, hernachmals aber ein lustigs Quart Pantagruelischer Denksprüch; oder ihr mögts auch Diogenisch heissen, ich wehrs euch nit. Und sollen an mir (weil ich doch ihr Cumpan nicht seyn kann) einen getreulichen Mundschenk haben, der ihnen ihr neues Sorgenfieber nach seinem schwachen Vermögen kühlt, einen unermüdlichen Herold, sag ich, ihrer glorreichen Thaten und Waffenwerk. Bey des Herrn Leithammel! zählt auf mich, ich bleib nicht aus, wenn nicht das Mard vom Taubenschlag bleibt: aber ich mein es hüth sich wohl, das Ungeziefer.

Gleichwohl aber entsinn ich mich gelesen zu haben wie Ptolemäus Lagi einsmals den Aegyptern, nebst andrer Beut und Siegesspolien, in vollem Theater ein ganz schwarz Baktrianisch Kameel und einen doppelfarbigen Sklaven verehret, welcher am Leib halb schwarz, halb weiß war (doch nicht in die Quer, dem Zwerchfell nach, wie die der Indischen Venus geheiligte Weibsperson, welche der Tyaneische Weise zwischen dem Berge Kaukasus und Fluß Hydaspes an traf, sondern lothrecht, der Läng nach; wie mans nimmer noch in Aegypten zuvor ersehn:) in Hoffnung sich des Volkes Gunst durch Schenkung solcher Seltenheiten mehr zu versichern. Was geschah? Bey Ankunft des[333] Kameels erschraken sie all fast sehr und wurden bös; und als der bunte Mann erschien, hattens Etlich ihren Spott, Andre entsetzten sich darüber, wie vor einem scheußlichen Ungeheuer erschaffen durch Naturversehn. In Summ, die Hoffnung die er gehegt, bey seinen Aegyptern beliebt zu werden und deren natürliche Neigung zu ihm durch dieses natürliche Mittel zu bestärken, zerrann ihm unter den Händen. Denn er sah wohl ein, daß ihnen schöne, vollkommne, wohlgestalte Ding annehmlicher und lieber wären als schnurrige Unförmlichkeiten. Und ward seitdem Kameel und Sklav ihm so verächtlich, daß man sie nicht lang darauf aus Mangel an Wartung und täglichem Futter das Zeitliche gesegnen sah.

Dieß Beyspiel nun hält mich im Zagen, zwischen Furcht und Hoffnung sorgend ob ich wohl auch statt vorgehoffter Zufriedenheit was gräulichs möcht finden, daß mir mein Schatz zu Kohlen würd, der Pudelhund für Venus käm, statt ihnen zu dienen ich sie betrübt', statt zu ergötzen sie verletzt', statt zu gefallen ihnen misfiel, und mirs erging gleichwie dem Hahn des Euclian so wohlbekannt aus Plauti Topf, Ausonii Gryphon und anderwärts, dem man, als er mit seinem Scharren den Schatz entdeckt, zum Lohn dafür den Dreh umhalst'. Wo dieß geschäh, wärs nicht zum Bersten? Geschah's vordem, g'schiehts heut wohl auch noch. Wird aber nicht, beym Hercul! O ich spür an ihnen Allen schon eine specifische Eigenschaft und individualisch Wesen, die Alten hiessens Pantagruelismus, kraft dessen sie nimmermehr krumm nehmen werden was aus einem guten, freyen und wohlgesinnten Herzen kommt. Hab ich nicht jederzeit gesehen wie sie am guten Willen sich begnügt und ihn für voll genommen, wenn gleich das Fleisch und die Kraft nur schwach war?[334]

Dieß abgethan, komm ich itzt wieder zu meinem Fässel. Wohlauf, ihr Brüder, zu diesem Wein! in vollen Zügen, liebe Kindlein, trinket davon. Schmeckt er euch nicht, so laßt ihn stehen. Ich bin keiner von denen beschwerlichen Lifferloffers, die ihre Landslüt und guten Kunden mit Macht, Parforsch, Schimpf und Gewalt auf karus, ja was schlimmer noch, auf allus zu saufen gewältigen. Ein jeder ehrliche Zecher, ein jeder ehrliche Gicht-Hahn, wenn er Durst hat, kommt an mein Faß; braucht keiner zu trinken wer nicht Lust hat; hat er Lust, und der Schmack behagt den Gaumen ihrer Herrlichkeiten, lasset sie trinken frank und frey, frisch und getrost, des Weins nicht schonen; ich gebs umsonst. Dieß ist mein Satz. Und sorgt auch nicht, der Wein möcht ausgehn, wie auf der Hochzeit zu Cana weiland in Galiläa: soviel ich euch zum Hahn herauslaß, füll ich wieder zum Spund hinein; so ist mein Fässel nie auszuschöpfen, denn es hat einen lebendigen Quell und eine immer fließende Ader. So war der Trank den Tantalus in seinem Stamper führt', wie ihn die weisen Brachmanen figürlich geschildert. So war das Iberische Salzgebirg, durch Cato weltberufen: so der güldne Zweig Proserpinä von welchem uns Virgilius meldet. Es ist ein wahres Cornucopi voll guter Schwänk und Artigkeiten. Dünkts euch mitunter auch schon erschöpft bis auf die Neigen, es versiecht drum doch nicht: denn gute Hoffnung wohnt auf dem Boden wie in dem Fläschlein der Pandora, und nicht etwann Verzweifelung wie in der Danaiden Schaff.

Merkt aber wohl was ich gesagt, und was für eine Art von Leuten ich dazu eingeladen hab! denn nach dem Beyspiel des Lucilii, welcher für keinen Menschen weiter als nur für seine Tarentiner und Consentiner zu schreiben betheuert, hab ichs auch lediglich nur für Euch ihr Zecher von dem ersten Schnitt, und freylehnherrliche Gicht-Patienten itzt angestochen. Die Nebelbalger und dorophagischen[335] Schlecker haben wohl so der Hummeln im Arß genug, und offene Schnappsäck für ihr Waidwerk die Hüll und Füll: laßt sie dem nachgehn, wächst hie nix für sie. Von Muckenseichern und Mollenköpfen, da sagt mir auch nix, ich bitt euch um der liebwerthesten vier Backen Willen die euch erzeuget, wie auch des erwecklichen Schraubenzäpfleins so damal sie in eins verband. Viel weniger von den Kuttenkleppern, obschon sie all caduk, venerisch, grindkrustig, mit unauslöschlichem Durst und unersättlicher Schlingwuth geplagt sind. Warum? weil sie nicht Gottes, sondern des Bösen, und zwar deß Bösen sind, von welchem wir alle Tag zum Herrn um Erlösung rufen, wiewohl sie zu Zeiten als Bettler sich stellen: doch selten schneidt ein alter Aff eine gute Fratz. Fort Köder! räumet mir das Feld! Mir aus der Sonnen! Zum Teufel Canaill'! Kommt ihr Spür-Aerß schon wieder her, visirt meinen Wein? beseicht mein Faß? Schaut her, hie ist der Stock, den ihm Diogenes nach seinem Tod per Testament zu Seit ließ legen, euch Grabgespenster, euch Cerberus-Hund kreuzlahm zu bläun und heim zu leuchten! Fort dann ihr Schleicher! Auf die Schaaf, hatz hatz ihr Köder! Scheert euch naus, was Kutt heißt, ins drey Teufels Namen! Schu! Seyd ihr noch da? Ich verfluch mein Theil an Papimanien, wo ich euch krieg. Rrrurrrurrrurrruh! Huß Huß! Na wirds bald? Daß ihr doch Zeit eures Lebens nicht pferchen könntet als unterm Kantschuh, nimmer brunzen als auf der Wipp, euch nimmer wärmen, als wenn man euch mit Knütteln walkt!

Quelle:
Rabelais, Franz: Gargantua und Pantagruel. 2 Bände, München, Leipzig 1911, Band 1, S. 327-336.
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