Dreyzehntes Kapitel.

[376] Wie Pantagruel Panurgen räth, seines Ehestands Wohl oder Wehe in Träumen zu erkundigen.


Doch weil wir in der Auslegung Vergilischer Loos nicht einig sind, wohlan, so lasset uns nunmehr einen andern Weg der Weissagung versuchen. – Und welchen? frug Panurg. – Einen guten, alten, authentischen, sprach Pantagruel: durch Träum. Denn wenn die Seel nach den Regeln träumet, davon Hippokrates lib. περὶ ενυπνίων, (peri enypnion) Plato, Plotinus, Jamblichus, Synesius, Aristoteles, Xenophon, Galen, Plutarch, Artemidorus, Daldianus, Herophilus, Q. Calaber, Theokritus, Plinius, Athenäus und Andre schreiben, sieht sie die Zukunft oft zuvor. Ich brauchs euch nicht lang zu erweisen; ihr sehets an dem Haus-Gleichniß der Kinder. Wenn man sie wohl gesäubert, gefüttert und gesäuget hat, und nun fest schlafen; gehn die Ammen in Freyheit ihrer Kurzweil nach: ist ihnen so lang zu thun vergönnt was ihnen gut dünkt, denn sie haben itzt bey der Wieg nichts mehr zu schaffen. Also ists auch mit unsrer Seelen: wann der Leib schläft, wann die Verdauung durchgehends beendigt und nichts weiter bis zum Erwachen nöthig ist, erhohlt sie sich, und sucht den Himmel, ihr Vaterland. Daselbst wird sie ihres ersten göttlichen Ursprungs wieder im reichen Maas theilhaftig und merkt, im Anschaun jener unendlichen und intellectualischen Sphära, deren Centrum aller Orten im Weltall, der Umkreis nirgends ist, (denn diese Sphär ist eben Gott, nach Hermes Trismegisti Lehr) und der nichts zu noch abfällt, nichts vergehet, der alle Zeiten heut sind; merkt, sag ich, nicht die vergangenen Ding allein in ihrem tieferen Wandel, sondern auch die künftigen; und wird, wenn sie's in ihren Leib nun aufnimmt und durch[377] desselbigen Sinnen und Organen den Freunden mittheilt, Seherinn und Prophetinn genannt.

Zwar kann sie nichts in gleicher Klarheit wie sie es sah mittheilen; denn es hinderts die Unvollkommenheit und Gebrechlichkeit der leiblichen Sinnen: gleichwie der Mond, der von der Sonnen sein Licht empfängt, es uns auch nicht so rein, stark, hell und feurig zuwirft als ers empfing. Derhalben nun bedürfen diese Traumgesicht erst eines Deuters, der geschickt, klug, einsichtsvoll, erfahren, vernünftig, kurz ein vollkommener Onirokrit und Oniropol seyn muß; denn also waren sie bey den Griechen geheißen. Derhalb auch Heraklitus sprach daß uns in Träumen weder was gelehrt, noch etwas verborgen werde; vielmehr nur ein Zeichen und Merkmal ertheilet der künftigen Ding, entweder zu unserm oder der Andern Wohl und Wehe. Dieß bezeuget die heilige Schrift, und die Profanscribenten bestärkens durch Meldung vieler tausend Fäll, wo der Traum in Erfüllung ging, sowohl an der Person des Träumers als auch an Andern. Dieses Trostes entbehren aber die Atlanten und der Eykladischen Insul Thasus Einwohner, in deren Ländern niemals ein Mensch geträumt hat. Eben so auch Kleon von Daulien, Thrasymedes, und unsrer Zeit der gelehrte Franzos Villanovanus, die nimmer träumten. Schicket euch also, wenn morgen früh die muntere Aurora mit Rosenfingern das nächtliche Dunkel verscheuchen wird, zu einem gründlichen Träumen an.

Inzwischen aber enschlaget euch aller menschlichen Leidenschaft, Lieb und Hasses, Furcht und Hoffnung. Denn, wie der grosse Seher Proteus weiland, so lang er in Feuer, Wasser, Tiger, Drachen und andre fremde Larven verstellt und verwandelt war, die Zukunft nicht verkündigen konnte, vielmehr, wenn er weissagen sollt, in seinen eignen natürlichen Leib zurückgehn mußt: also empfängt der Mensch auch nicht die Gotteskraft der Weissagung, wenn nicht in ihm das göttlichst Theil von seinem Selbst, (das ist Νοῦς oder Mens.) still, friedsam, ruhig, von fremder Lust und Trieben ganz unzerstreuet und ungetrübt ist. – Ich will es, sprach Panurg. Muß man zu Nacht viel oder wenig speissen? Ich frags euch nicht ohn guten Grund. Denn wenn ich nicht gut und reichlich zu Nacht eß, so nützt mein Schlaf nix, so fasl ich nur des Nachts und träum so leeres Zeug als zu der Zeit[378] mein Magen war. – Nicht essen, sprach Pantagruel, wär wohl das Best, zumal ihr doch ganz gut genährt und gewöhnet seyd.

Der alte Seher Amphiaraus gebot denjenigen die in Träumen seine Orakel von ihm empfingen, denselbigen Tag lang nichts zu essen noch Wein zu trinken drey Tag vorher. So strenger und peinlicher Leibeszucht wolln wir nicht brauchen. Ich glaub zwar wohl daß man mit vollem Leib und im Rausch nicht leicht zur Erkenntniß geistlicher Ding komm: noch bin ich auch nicht Derer Meinung, die durch ein lang hartnäckig Fasten in eine tiefere Contemplation der himmlischen Ding zu dringen wähnen. Euch kann noch wohl im Gedächtniß seyn, wie öfters mein Vater Gargantua, den ich hie Ehrenhalber nenn, uns von den Schriften dieser verhungerten Klausner sagt' daß sie so nüchtern, fad und voll bösen Speichels wären als ihre Leiber, da sies schrieben; und daß es wunderlich zugehen müßt wenn da die Geister frisch und heiter bleiben sollten, wo der Leib hinwelkt und in Verzehrung schmachtet: hinsichtlich die Aerzt und Philosophen behaupten daß die thierischen Geister aus dem Arterienblut entspriessen, gezeitigt werden und wirksam sind, nachdem dieß Blut im Wundernetz, das unter den Hirn-Ventriculn liegt, gereinigt und zur Vollkommenheit geläutert worden. Und geben uns hiezu das Beyspiel eines Weisen, der in die Einsamkeit entwich, in Meinung, daß er dort fern vom Volk, besser würd meditiren, denken, grübeln und Bücher schreiben können! aber derweilen um ihn her, bellen die Hund in einem fort, heulen die Wölf, brüllen die Löwen, wiehern die Pferd, schreyn Elefanten, pfeifen Schlangen, yanen Esel, schwirren Grillen, klagen Turteln, daß er weit mehr gestöret ward als wenn er auf dem Jahrmarkt zu Niort oder Fontenay wär gewesen. Denn in seinem Leib war der Hunger, welchem zu steuern der Magen billt, das Aug erblindet, die Adern selbst den Nährstoff der hornförmigen Theil aufsaugen, und den irren Geist herniederziehn, daß er ganz sorglos für die Erhaltung seines Säuglings und irdischen Gastes, des Leibes wird. Wie wenn man einen Falken, der von Jägers Faust in die Luft wollt steigen, am Wurfriem plötzlich herunter zerret'. Führen uns zu dem End auch noch die Autorität Homeri an, des Vaters aller Weltweisheit, welcher schreibt,[379] daß die Griechen erst dann, und nicht eher ihren Jammerthränen um des Achilles besten Freund Patroklus ein Ziel gesetzet hätten, als bis sich der Hunger bey ihnen gemeldet und ihre Bäuch ihnen fürder nicht mehr Thränen hätten spendiren wollen. Denn in den durch langes Fasten vermagerten Leibern war nichts mehr, davon man hätt weinen und heulen mögen.

Die Mittelstraß ist in allen Dingen löblich und ehrenwerth; die schlagt ein: und esset zu Nacht nicht Bohnen, Hasen noch ander Fleisch; nicht Backfisch, den man sonst Polypus nennet, nicht Kohl noch andre Speissen, die eure Lebensgeister betrüben oder verdunkeln möchten. Denn wie ein Spiegel die Bilder der ihm dargehaltnen und vorgestellten Ding nicht zeigen kann, wenn sein Glanz durch Anhauch oder neblicht Wetter verdunkelt ist, so auch empfängt der Geist im Traum nicht die Gestalten der Weissagung, wenn durch den Dunst und Brodem vorgenossener Speissen der Leib verwirrt und beängstigt ist; wegen der zwischen ihnen beyden unzertrennlichen Sympathi. Eßt gute Crustumenische und Bergamotten-Birnen, auch einen Kurzstiel-Apfel, etliche Pflaumen von Tours: geniesset etliche Kirschen aus meinem Garten, und sorgt drum nicht daß eure Träum etwann darnach betrüglich, zweifelhaft oder verdächtig ausfallen sollten, wie einige Peripatetici im Herbst davon gehalten haben, da nämlich die Menschen reichlicher als zu andrer Zeit von Früchten leben. Welches die alten Propheten und Dichter uns mystischerweis zu verstehen geben wenn sie sagen, es lägen und lauschten die leeren und betrüglichen Träum unter dem Laub das auf die Erd fiel, weil das Laub im Herbst von den Bäumen fällt. Denn es hat dieß natürliche Feuer das in den frischen Früchten quillt, und durch sein Gähren, wie wir am Most sehn, leicht in die thierischen Theil eindringt, sich längst verraucht und abgekühlet. Und trinkt auch gutes reines Wasser aus meinem Brunnen. – Dieß Pactum, sprach Panurg, dünkt mir ein wenig hart. Doch schlag ich ein: ein Wort ein Mann. Beding mir[380] nur den Imbiß früh bey guter Zeit flugs auf die Traumsupp. Befehl mich im übrigen den zween Pförtlein Homeri, dem Morpheus, Icelon, Phobetor, und Phantasus: wenn sie mir in meinen Nöthen treulich beystehn, will ich ihnen ein schmuckes Altärlein von eitel feinem Gänsflaum bauen. Wär ich nur im Spartanischen Tempel der Ino zwischen Oetyle und Thalamien! die hülf mir aus aller Angst mit den allerschönsten und lustigsten Träumen.

Frug darauf den Pantagruel: wär es nicht wohlgethan unter mein Kissen etliche Lorbeerreiser zu legen? – Das brauchts just nicht, antwort Pantagruel. Es ist nur eitel Aberglauben und Unfug was davon Serapion Ascalonites, Antipho, Philochorus, Artemon und Fulgentius Planciades geschrieben haben. Dasselbe möcht ich auch (mit Verlaub des alten Demokritus) behaupten von der linken Schulter des Krokodils und Chamäleons, deßgleichen vom Stein der Baktrianer Eumetrides, wie auch vom Hammonshorn: so heissen die Aethiopier ein edles Juweel von Goldfarb, in Form eines Widderhorns wie die Hammonischen Jupiters, und behaupten daß die Träum der Leut die's trügen, so wahr und unfehlbar wären als die Orakel der Gottheit selbst. Vielleicht zielt hierauf was Homer und Vergil von den zween Traumpförtlein, dahin ihr euch befohlen, schreiben: das ein ist von Elfenbein, durch welches die eiteln, verworrnen und trüglichen Träum eingehen; wie man durch Elfenbein, und wär es noch so fein und dünn, ohnmöglich sehn kann, weil seine Dicht und Dunkelheit der Sehkraft und Empfängniß sichtbarer Gegenständ den Durchgang wehret. Das andere ist von Horn, durch welches die sichern,[381] wahren und unfehlbaren Träum eingehn; wie durch des Horns Durchsichtigkeit und Widerschein alle Ding genau und deutlich erhellen. – Woraus ihr denn, sprach Bruder Jahn, beweisen wollt daß die Träum der gehörnten Hahnreys, wie Panurg mit Gottes Hülf und seiner Frauen einer seyn wird, allezeit wahr und untrüglich sind?

Quelle:
Rabelais, Franz: Gargantua und Pantagruel. 2 Bände, München, Leipzig 1911, Band 1, S. 376-382.
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