Vier und Sechzigstes Kapitel.

[205] Wie Pantagruel auf die erhobenen Problemen keine Antwort gab.


Drauf frug Pantagruel: Was für Volk haust denn auf diesem saubern Hunds-Eiland? – Man sind, antwort ihm Xenomanes, nichts weiter da, als Aeugler, Heuchler, Hypokriter, Hydropiker, Paternosterquäler, Heiligenfresser, Katzpföter, Schleicher und Kläusner, lauter armes Volk das von Almosen lebt, so ihnen die Fremden am Wege reichen, wie der Kläusner von Lormont zwischen Blaye und Bourdeaulx. – Da komm ich nicht hin! rief Panurg, verlaßt euch drauf: der Teufel blas mir ins Loch, wo ich hinkomm. Was? Katzpföter, Heiligenfresser, Schleicher, Hypokriter, Kläusner! Hebet euch weg zu allen Teufeln! Ich denk noch immer unsrer feisten Chesilischen Concilien-Fahrer; ich wollt daß sie Beelzebub und Astharoth mit Proserpinen concilirt hätt, was für Sturm und Teufelsspuk ihr Anblick schon uns übern Hals bracht. Horch auf, liebs Ränzel, mein Korporal Xenomanes, sag an, um Gott! sind diese Kläusner, Hypokriter, Brockbrüder noch Jungfern oder Gestüter? Ist Generis Feminini drunter? Könnt man nicht hypokritoniter bey ihnen unter der Kapp einmal ein hypokritisch Schlückchen wagen?

Nun wahrlich, sprach Pantagruel, das ist mir eine schöne Frag, eine lustige Frag! – Ey wohl, antwort Xenomanes,[205] hie hats auch schöne und lustige Hypokritinen, Katzenpfoten und Kläusnerinnen, Frauen von grosser Frömmigkeit; item Copien kleiner Hypokriterlein, Katzpföterlein und Kläusnerlein. – (Bleibt mir vom Hals mit ihnen! fiel Bruder Jahn ein; »Junge Kläusner, alte Teufel« ist ein authentisch Sprichwort, merkts!) – Denn ausserdem, wenn sich die Raß nicht mehrt', müßt ja das Eiland Chaneph längst wüst und ausgestorben seyn.

Pantagruel schickt' ihnen durch Gymnasten in der Schlup sein Almosen, achtundsiebzigtausend blanke halbe Laternenthälerlein. Hierauf frug er: Wieviel Uhr ists? – Neun durch, antwortet' Epistemon. – Das ist eben die rechte Zeit zum Imbiß, sprach Pantagruel, denn der durch Aristophanes in seinem Lustspiel die Predigerinnen so hoch berühmte heilige Strich ist dann nicht weit mehr und der fällt just wenn der Schatten zehn Fuß lang ist. Bey den Persern weiland war die Stund der Malzeit lediglich denen Königen vorgeschrieben; allen Andern dient' ihr Hunger und Magen statt Uhr; wie sich denn auch beym Plautus ein Schmaruzzer beschwert und voller Ingrimms auf die Erfinder der Sonnenweiser und Uhren schimpft, weil eine weltbekannte Sach wär, daß keine Uhr so richtig wie der Magen ging. Diogenes, als man ihn frug, um welche Zeit der Magen essen sollt, antwortet': der Reiche, wann ihn hungert; der Arme, wann er was hat. Noch schärfer erhellt die kanonische Zeit aus der ärztlichen Regel:


Aufstand um Fünf, Imbiß um Neun,

Nachtbrot um Fünf, zu Bett um Neun.


Anders freylich war die Magi des berühmten Königs Petosiris.

Dieß Wort war noch nicht ausgesprochen, da schlug auch schon das Mundgesind die Tafeln und die Schenktisch[206] auf; bedeckten sie mit parfümirtem Tischzeug, Tellern, Assietten, Servietten, Salieren, brachten Stotzen, Pumper, Flaschen, Schalen, Humpen, Becken, Mischkrüg herbeygetragen. Bruder Jahn, begleitet von den Speissemeistern, Marschälken, Panetieren, Schenken, Fürschneidern, Pfintzern und Credenzern, trug vier allmächtige Schunken-Pasteten, so groß, daß ich der vier Bastionen zu Turin gedenken mußt. Ey heiliger Gott, wie da gezecht und gequaset ward! Noch waren sie nicht beym Dessert, als schon der West-Nordwest-Wind alle Segel, Fock-Bram und Besanen zu schwellen begann; derhalb sie dann zur Ehre Gottes des Allmächtigen Herren der Himmel, verschiedene Lob- und Danklied sangen. Beym Obste frug Pantagruel: Wie steht es, lieben Freund', um eure Zweifel? sind sie nun gründlich gehoben?

Ich, Gott sey Dank, gähn itzt nicht mehr, sprach Rhizotomus.

Ich schlaf auch keinen Hundsschlaf mehr, sprach Ponokrates.

Ich hab kein Augen-Flirren mehr, antwort Gymnastes.

Und ich bin nicht nüchtern mehr, sprach Eusthenes. Vor meinem Speichel sind heut sicher den ganzen Tag:


Aspen,Alcharaten,

Abedissimonen,Arakten,

Amphisbänen,Argen,

Aneruduten,Askalaber,

Alhartrafen,Attelaber,

Ammobaten,Askalaboten,

Apimaos,Asseln,

Alhatrabans,Boen,

Asterionen,Brasilisken,[207]

Beiß-Iltiß,Harmenen,

Blutegel,Heuschrecken,

Bupresten,Jakeln,

Canthariden,Jararaken,

Catoblepen,Incuben,

Cerasten,Ilizinen,

Crocodillen,Ichneumonen,

Coloten,Kröten,

Cychrioden,Kenchrynen,

Cafezaten,Kesuduren,

Chalcidische Eydechsen,Lorken,

Caninanen,Myopen,

Chelydern,Mantichoren,

Cranocolapten,Moluren,

Chersydern,Myagern,

Dipsaden,Miliaren,

Domesen,Megalaunen,

Dryinaden,Olmen,

Drachen,Ottern,

Elopen,Ptyaden,

Enhydriden,Porphyren,

Erdmolch,Pareaden,

Fanusen,Phalangen,

Galeoten,Pemphedronen,

Hämorrhoiden,Pityokamper,[208]

Raupen,Skalabotinen,

Ringelnattern,Solopungen,

Riesenschlangen,Salfugen,

Regen-Molen,Solifugen,

Rhagionen,Sepsen,

Rhaganen,Stintzen,

Spinnen,Sepedonen,

Salamander,Skolopender,

Schießschlangen,Taranteln,

Spitzmäus,Tolle Hund,

Skytalen,Typholopen,

Stellionen,Tetragnathien,

Skorpänen,Teristalen,

Skorpionen,Unken,

Selsiern,Vipern.

Quelle:
Rabelais, Franz: Gargantua und Pantagruel. 2 Bände, München, Leipzig 1911, Band 2, S. 205-209.
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