Achtes Kapitel.

[213] Wie Pantagruel zu Paris von seinem Vater Gargantua ein Schreiben erhielt; nebst Abschrift desselben.


Pantagruel studirt' sehr brav, wie ihr leicht denken könnt, und bracht auch was stattlichs für sich, denn er hätt einen[213] dreymal genäheten Geist und ein Gedächtniß wie zwölf Kufen und Oelschläuch weit: und eines Tages während er so daselbst sich aufhielt, überkam er von seinem Vater ein Schreiben welches lautet' wie folgt:

Vielgeliebter Sohn, unter den Gnadengütern und Vorzügen womit der allmächtige Protoplastes Gott, die Natur des Menschen in ihrem Ursprung begabt und ausgerüstet hat, scheinet mir der vor allen herrlich und einzig zu seyn, durch welchen sie in ihrem sterblichen Zustand schon eine Art von Unsterblichkeit zu erlangen und im Verlauf des flüchtigen Lebens ihren Namen und Saamen zu verewigen befähigt wird. Welches durch unsers Leibes Abkunft im rechtmässigen Ehstand geschieht, wodurch uns einigermaasen ersetzt wird was wir durch unsrer ersten Eltern Uebertretung verloren haben: zu denen gesagt ward, weil sie nicht des Schöpfers Geboten folgsam gewesen, so sollten sie sterben und durch Tod diese so wunderwürdige Bildung darinn der Mensch er schaffen war, wiederum vernichtet werden.

Nun aber verbleibt, auf diesem Wege saamlicher Fortpflanzung, in den Kindern was den Eltern verloren ging, und in den Enkeln, was den Kindern abhanden kam, und immer so fort bis zur Stund des jüngsten Gerichtes, da Jesus Christus Gott dem Vater sein Friedensreich ohne alle Fährd und Sündenbefleckung wird wieder bringen. Denn alsdann wird alle Zeugung und Verderbniß aufhören, und werden die Element ihres ewigen Wechsels entbunden seyn, weil der so lang ersehnte Friede geschlossen und vollzogen ist und alle Ding ihr End und Ziel gefunden haben.

Derhalb ich dann wohl eine gerechte und billige Ursach Gott meinem Erhalter zu danken hab, daß er mich dahin aufgesparet, mein graues Alter in deiner Jugend wiederum neu erblühen zu sehen. Denn wann dereinst, nach Dessen Rath der alles leitet und regiert, auch meine Seel diese irdische Wohnung verlassen muß, werd ich mich doch nicht gänzlich für gestorben achten, vielmehr von einem Orte nur an einen andern zu gehen meinen, maasen ich in dir und durch dich mit meiner sichtbaren Leibesgestalt auf dieser Erde lebend, sehend, in der Gemeinschaft wackerer Leut und meiner Freund, so wie ich pflag, zurückverbleibe. Welche Gemeinschaft[214] an meinem Theil, mit göttlicher Gnad und Beystand, ich bekenn es, zwar nicht frey von Sünd (denn wir sündigen all und rufen unabläßlich zu Gott um Tilgung unsrer Missethat) doch frey von Schimpf gewesen ist.

Wenn demnach, wie in dir das Bild von meinem Leibe bleibt, nicht auch der Seele Sitten leuchten sollten, würd man nicht glauben wollen daß du der Hort und Wächter von unsers Namens Unsterblichkeit wärest, und die Freud die mir daraus erwuchs, wär klein, wenn ich nun sehen und denken müßt, daß der geringste Theil von mir, welches der Leib ist, überblieb, und der beste die Seel', die unsern Namen unter den Menschen im Segen erhält, entartet und verkümmert wäre.

Solches sag ich nun nicht etwann aus Mißtraun gegen deine Tugend die ich vorlängst erprobt, vielmehr um dich zu immer besserem Wachsthum im Guten dadurch aufzumuntern. Und was ich dir itzunder schreib, ist nicht sowohl dahin gemeinet, daß du dieß Tugendleben erst führen, sondern also zu leben oder gelebt zu haben dich freuen solltest, und deinen Muth auch für die Zukunft dazu bestärken. Welchen Fürsatz ins Werk zu richten und auszuführen, dir wohl erinnerlich seyn kann daß ich nichts gespart hab, sondern immer dir so dabey zu Handen gegangen, als wenn ich weiter auf dieser Welt keinen Schatz hätt als dermaleinst in meinem Leben nur dich vollkommen tüchtig zu sehen, so in Tugenden, Zucht, und Mannheit, wie in allen freyen und wohlanständigen Künsten und Wissenschaften, und dich also nach meinem Tod wie einen Spiegel meiner selbsten, deines Vaters, zu hinterlassen; wenn nicht in Wahrheit ganz so herrlich als ich mirs wünscht, doch in der Hoffnung.

Aber obschon mein seeliger Vater hochgesegneten Angedenkens, Grandgoschier alles Eifers bemüht war daß ich in jeder Vollkommenheit und politischen Weisheit erwachsen möcht, auch meine Anstrengung und Fleiß seinem Verlangen gar wohl entsprach, ja ihm zuvor eilt', so war dennoch, wie du von selbst einsiehst, die Zeit den Künsten damals nicht so gelegen, noch günstig wie sie jetzo ist. Ich konnt nicht solche Lehrer haben wie du hast: die Zeiten waren finster, schmeckten noch nach der Gothen Qual und Barbarey, die alle gute Literatur zu Grunde gerichtet. Aber mit Gottes[215] Hülf ist den Künsten bei meiner Zeit ihr Licht und Ansehn wiedergegeben; ich seh, es hat sich damit um ein so merklichs gebessert, daß ich jetzt mit genauer Noth in die erste Claß der kleinen Schulfüchs recipiret werden möcht, der ich in meinem Mannesalter für den Gelahrtesten des Jahrhunderts (und nicht mit Unrecht) gegolten hab.

Welches ich nicht aus eitler Ruhmredigkeit von mir sag, obschon ichs in einem Schreiben an Dich geziemend thun könnt, wie du dafür des Marcus Tullius Ansehen hast in seinem Buch vom Alter, und Plutarchens Ausspruch in der Schrift: Wie wir uns ungehässig selbst berühmen kön nen, sondern um dir zum Höhertrachten Lust zu machen.

Anitzt sind alle Disciplinen wieder herhestellt, die Sprachen erneuert, Griechisch, ohn welches eine Schand wär sich einen Gelahrten nennen zu wollen, Hebräisch, Chaldäisch, Latein: es sind die so correcten zierlichen Bücher mit Druckschrift nun in Umlauf kommen, die man durch göttliche Eingebung in meinen Tagen erfunden hat, gleichwie im Wiederspiel das Geschütz auf des Teufels Antrieb. Die ganze Welt ist voll gelahrter Männer, hochbelesener Lehrer, voll reichbegabter Büchersäl, und dünket mich daß eine solche Bequemlichkeit der Studien wie man itzo siehet, weder zu Plato noch Cicero Zeiten, noch Papiniani gewesen sey. Und wird sich künftig in Gesellschaft gar keiner mehr herfürtraun dürfen, der nicht in der Minerva Werkstatt recht aus dem Grund poliret ist. Ich seh, es sind die Strassenräuber, Stallbuben, Waghäls und Henkersknecht itzund gescheiter als die Doctoren und Prediger zu meiner Zeit.

Ja was sage ich? Selbst die Frauen und Mägdlein hat nach diesem Lob und himmlischen Manna guter Erkenntniß gelüstet, und ist so weit kommen, daß ich in meinem Alter noch, darinn ich steh, die griechische Schrifft bin zu erlernen genöthigt gewesen, die ich in meinen jungen Jahren zwar nicht, wie Cato, verachtet, aber doch zu ergreifen nicht Zeit[216] gehabt. Und find ein groß Gefallen daran die Moralien des Plutarch zu lesen, die schönen Platonischen Gespräch, die Monument des Pausanias und Alterthümer Athenäi, in Erwartung der Stund da Gott mein Schöpfer mich nach seinem Rath abfordern und aus dieser Welt zu seinen Freuden berufen wird.

Darum, mein Sohn, ermahn ich dich deine Jugend mit allem Fleiß den Studien und der Tugend zu widmen. Du bist in Paris, hast deinen Lehrer Epistemon: die können dich, beyde sowohl durch löblich Beyspiel als lebendigen mündlichen Rath unterweisen. Ich versteh und will daß du die Sprachen gründlich erlernest: erstens Griechisch, wie Quinctilian will; zweitens Lateinisch und demnächst Hebräisch wegen der heiligen Schrifften, auch Chaldäisch und Arabisch aus dem Grund; und deinen Stylus, im Griechischen nach Platon's Muster formirest, im Lateinischen nach Cicero. Von Historien müss' es nichts geben, das dir nicht all im Gedächtniß treu geläufig wär; wozu dir die Cosmographi der Scribenten darüber wird behülflich seyn. Von freyen Künsten, als Musik, Arithmetik und Geometri hab ich dir schon als du noch klein warst, in deinem fünften bis sechsten Jahr einen Vorschmack gegeben. Geh weiter darinn: und in der Astronomi, bemeistre dich aller ihrer Canonum. Mit divinatorischer Astrologi und Lullius-Künsten gieb dich nicht ab, denn es ist eitel Unfug und Thorheit. Von bürgerlichen Rechten will ich daß du die schönen Text auswendig im Kopfe habest und sie mir mit Philosophi wohl conferirest.

Anlangend die Kenntniß natürlicher Ding, verlang ich daß du dich darauf mit Fleiß verlegest, daß kein Meer, See, Fluß noch Quell sey, davon du nicht die Fische wüßtest. Alle Vögel des Himmels, alle Bäum, Gebüsch und Sträuch der Wälder, alle Kräuter der Erden, alle Erz im Schoos des Abgrunds, alle Gestein soviel das ganze Morgenland und Mittag hegt, nichts müsse dir verborgen bleiben.

Dann forsche wieder emsiglich die Bücher der griechischen, arabischen und lateinischen Aerzte durch, auch die Thalmudisten und Cabalisten nicht zu verachten, und sammle dir durch öfters angestellte Sectiones eine vollkommene Erkenntniß der andern Welt welches der Mensch ist. Fange zu einigen Stunden des Tages die heiligen Schrifften zu treiben[217] an, erst griechisch das neue Testament und die Brief der Apostel, dann hebräisch das alte. Ja mit Einem Wort, tauche dich in ein Meer des Wissens. Denn hinfüro, da du nun groß und ein Mann wirst, kannst du in dieser gelehrten Ruh und Zufriedenheit nicht lange mehr weilen, wirst das Waffenhandwerk und Ritterthum erlernen müssen zu Schutz und Schirm meines Hauses, zu Vertheidigung unserer Freund in all ihren Händeln wider die Ueberläuf der Bösen. Ist also kürzlich mein Begehr daß du dich selbst versuchen sollst wie viel du gelernt hast, welches du nicht besser thun kannst, als durch Verfechtung etlicher Sätz in allerley Wissenschaft öffentlich wider all und jeden, wie auch durch Umgang mit den Gelahrten, so zu Paris als anderwärts.

Weil aber nach Salomons wahrem Wort die Weisheit nicht kommt in die Seelen der Bösen, und Wissen ohn Gewissen nichts anders als der Seelen Tod ist, so soll du Gott dienen, Ihn lieben, fürchten und auf Ihn dein ganzes Sinnen und Hoffen setzen, und stark im Glauben durch die Lieb, Ihm also fest verbunden seyn, daß dich die Sünd ihm nimmermehr entreissen mag. Trau nicht dem Irrsal der Welt. Hänge dein Herz nicht an Eitelkeit: denn dieses Leben ist vergänglich, aber des Herren Wort bleibet ewig. Sey allen deinen Nächsten gern zu Diensten, liebe sie wie dich selbst. Ehre deine Lehrer, fliehe die Gemeinschaft derer, denen du nicht willst gleich seyn, und die Gaben die du von Gott empfangen hast, laß sie dir nicht umsonst verliehn seyn. Und wenn du vollends dort alle Weisheit erworben zu haben spüren wirst, komm wieder zu mir, daß ich dich seh und meinen Segen dir geb eh ich sterbe.

Mein Sohn, der Friede und die Gnad unseres Herren sey mit dir. Amen. Aus Utopien am siebenzehnten des Märzmonats, dein Vater Gargantua.

Auf Sicht und Lesung dieses Schreibens fasset Pantagruel frischen Muth und ward zum Lernen mehr als je zuvor entzündet, dergestalt, daß ihr, wenn ihr ihn hättet studieren und in Erkenntnis wachsen sehen, von seinem Geist hättet sagen müssen, daß er unter den Büchern wär was die Flamm im dürren Reissig; so unermüdlich risch und lodernd.

Quelle:
Rabelais, Franz: Gargantua und Pantagruel. 2 Bände, München, Leipzig 1911, Band 1, S. 213-218.
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