Erstes Kapitel.

[182] Von Ursprung und Alterthum des grossen Pantagruel.


Es wird kein unnütz noch überley Ding seyn, weil wir doch einmal Rasttag haben, euch an den ersten Quell und Ursprung daher uns der gute Pantagruel stammt, zu erinnern. Denn ich seh, es habens alle gute Historienschreiber in ihren Chroniken also gehalten, nicht nur die Griechen, Araber und Heiden, sondern selbst die Authoren der heiligen Schrift, und insonderheit der Hochwürdige Sankt Matthäus und Lukas. Gebührt euch demnach wohl zu merken daß im Anfang der Welt (ich sprech von länger denn vierzig mal vierzig Nächten her, nach alt-Druidischer Rechnungsart) bald nachdem Kain seinen Bruder Abel erschlagen und die Erd mit dem Blut des Gerechten getränket war, ein so ausnehmend fruchtbar Jahr in allem was nur ihr Schooß gebieret, und sonderlich in Mispeln ward, daß man es, weil man denken konnt, das Jahr der grossen Mispeln hieß, weil ihrer drey auf den Scheffel gingen. In selbigem Jahr hat man die Kalenden aus griechischen Breviariis funden. Der März fiel in der Fasten aus, und die Hundstag waren im Mayen-Monat. Im October, glaub ich, oder auch im September (daß ich nicht irr, denn davor will ich mich sorglich hüthen) war die in den Annalen so berufene Woch, die man die Woch der drey Donnerstäg heißt, weil ihrer drey darinn fielen von wegen der lüderlichen Bissexten oder Schalttäg, da die Sonn, ut debitoribus, was weniges zur Linken neigt', der Mond mehr denn fünf Klafter breit[182] von seinem Lauf wich, und offenbar das Zittern am Firmament ersehen ward, welches Aplanes geheissen ist. Dergestalt daß die mittelste von den Plejaden ihre Schwestern verließ, und sich zum Gleicher neigt'; und der Stern den man die Kornähr nennt, der Jungfrau untreu ward und nach der Wag zulief. Welches doch schauderhafte Fäll und so hartnüssig schwierige Materien sind, daß sie kein Sterngucker aufknacken mocht. Müßten auch etwas lange Zähn han, wenn sie bis da hinan reichen wollten.

Zieht nun das Facit, daß die Welt nach selbigen Mispeln die Finger leckt'; denn sie waren lieblich von Ansehn und wunderköstlich in Geschmack. Aber gleichwie der Biedermann Noah, dem wir so hoch verpflichtet und gehalten sind für Anpflanzung des Rebenstocks, von wannen uns dieser nektarische, köstliche, theure, himmlische, liebliche Göttersaft kommt, den wir das Traubenblut nennen, dennoch in dem Getränke sich betrog, weil er desselben grosse Tugend und Kraft nicht kannte: eben so assen auch Männer und Weiber zu jener Zeit mit grossem Gelust von dieser schönen und dicken Frucht, bekamen aber die unterschiedlichsten Zufäll darnach. Denn es befiel sie samt und sonders eine erschreckliche Geschwulst, wiewohl nicht all an einem und demselben Ort. Denn etliche schwollen an den Bäuchen: denen wurden die Bäuch so prall wie dicke Tonnen: von ihnen stehet geschrieben: Ventrem omnipotentem, und waren alles brave Leut und gute Schäker: aus dieser Raß entsprang Sankt Panzart und Karneval. Andre schwollen an den Schultern, und waren so bucklich, daß man sie Montiferi oder Bergträger nannt: ihr sehet deren noch auf der Welt in mancherley Würden und Geschlechten, auch stammt Aesöpel aus dieser Raß, von dem[183] ihr die schönen Thaten und Rathen in Schriften habt. Andern schwoll der Läng nach das Glied an, welches der Laborator Naturä genannt wird, dergestalt daß es ihnen verwundersam lang, groß, kraus, grob, mastig und strotzig ward, nach der Alten Weis: und konnten sich desselben, fünf bis sechs Mal um den Leib geschlagen, statt Gurtes bedienen: ja wenn es eben auf dem Sprung stand und ihm der Wind zum Gransen stieß, ihr hättet sie dem Ansehn nach für Leut mit eingelegtem Spieß nach dem Quintan-Pfahl rennend gehalten. Und deren Raß ist untergangen, wenn anders man den Weibern traun darf: denn die wehklagen in einem fort daß man nicht mehr findt diese grossen etc.,: ihr wißt ja wie das Lied weiter lautet. – Andre wuchsen im Punkt der Geilen so überschwenglich, daß ihrer drey aufs Kuchenmaas gingen: von denen kommen die Lotharinger Säck, die niemals im Latze bleiben wollen; sie schiessen stracks zum Hosenboden.

Andre wuchsen in die Bein, und wenn ihr sie sähet vermeintet ihr es wären Kraniche oder Flambärt, oder Leut die auf Stelzen liefen. Die kleinen Chorbuben nennen sie in ihren Notenbüchlein Läufer.

Andern wuchs die Nas so dick, daß sie aussah wie ein Blasenhut-Schnabel, ganz buntgesprenkelt pockenfunklich voll junger Nasen pullulirend, ganz purpurn, um und um mit Schmelzwerk und Bollen beknospet, ja wappenröthlich bordirt: wie ihr den Chorherrn Panzoult, und den Arzt Piedeboys in Angiers gesehen habt. Und von dieser Raß haben nicht Viel auf Tisanen gehalten, sind aber samt und sonders sehr dem September-Säftlein hold gewesen. Naso und Ovidius haben daher ihren Ursprung, und Alle von denen geschrieben stehet: Ne reminiscaris.

Andre wuchsen in die Ohren; die wurden ihnen dermaasen[184] lang, daß sie sich aus dem Einen Hosen, Wams und Kaftan machten, das Andre wie einen spanischen Mantel trugen, und hab gehört das Erbstück wär noch im Bourbonischen anzutreffen; daher man sie die Bourboner Ohren zu nennen pflegt. Die Andern wuchsen am ganzen Leib: von denen sind die Riesen kommen, aus deren Stamm Pantagruel.

Und der erste war Chalbroth.

Chalbroth zeugete Sarabroth.

Sarabroth zeugete Faribroth.

Faribroth zeugete Hurtaly. Der war ein starker Suppen-Esser und regiert' zur Zeit der Sündfluth.

Hurtaly zeugete Nimrod.

Nimrod zeugete Atlas welcher des Himmels Einfall auf seine Achseln nahm.

Atlas zeugete Goliath.

Goliath zeugete Eryx, der das Becher-Spiel erfunden hat.

Eryx zeugete Tityus.

Tityus zeugete Eryon.

Eryon zeugete Polyphemus.

Polyphemus zeugete Cacus.

Cacus zeugete Aethion, welcher zuerst venerisch ward, weil er im Sommer kein kühl Getränk hätt, wie Bartachin meldet.

Aethion zeugete Enceladus.

Enceladus zeugete Cöus.

Cöus zeugete Typhöus.

Typhöus zeugete Alöus.

Alöus zeugete Otus.

Otus zeugete Aegeon.

Aegeon zeugete Briareus mit den hundert Händen.

Briareus zeugete Porphyrio.

Porphyrio zeugete Adamastor.

Adamastor zeugete Antäus.

Antäus zeugete Agatho.

Agatho zeugete Porus, mit welchem Alexander der Grosse Krieg führt'.

Porus zeugete Aranthas.

Aranthas zeugete Gabbara, welcher zuerst das Bescheidthun erfand.[185]

Gabbara zeugete Goliath von Secundillen.

Goliath zeugete Offot, der eine mächtig gute Nasen hätt am Spund zu zapfen.

Offot zeugete Artachees.

Artachees zeugete Oromedon.

Oromedon zeugete Gemmagog, Erfinder der Polaken-Schuh.

Gemmagog zeugete Sisyphus.

Sisyphus zeugete die Titanen, von denen Herkules abstammt'.

Herkules zeugete Enack, der sehr geschickt war die Reitläus aus den Händen zu ziehen.

Enack zeugete Fierabras, den Olivier der Pair von Frankreich, Rolands Wappenbruder bezwang.

Fierabras zeugete Morgan, der in dieser Welt zuerst die Brill zum Knöcheln aufsetzt'.

Morgan zeugete Fracassus, von welchem Merlin Coccaius geschrieben, des Ferragu Vater.

Ferragu zeugete Muckenschnapp, welcher zuerst die Kunst erfand die Rindszungen im Kamin zu räuchern. Denn vor ihm salzt' die Welt sie ein wie die Schunken.

Muckenschnapp zeugete Bolivorax.

Bolivorax zeugete Longis.

Longis zeugete Jachloff; der hätt Geilen von Pappelholz, den Hahn von Spierling.

Jachloff zeugete Heufraß.

Heufraß zeugete Isenbrand.

Isenbrand zeugete Schluchsenwind.

Schluchsenwind zeugete Sausenbraus, welcher der Flaschen Erfinder war.

Sausenbraus zeugete Mirlangalt.

Mirlangalt zeugete Galaffer.

Galaffer zeugete Falurdin.

Falurdin zeugete Roboaster.

Roboaster zeugete Sortibrant von Conimbra.

Sortibrant zeugete Brushant von Mommiere.

Brushant zeugete Bruyer, welcher vom Dänen Oger, dem Fränkischen Pair überwunden ward.[186]

Bruyer zeugete Mambrin.

Mambrin zeugete Springbock.

Springbock zeugete Huckelback.

Huckelback zeugete Kernhahn.

Kernhahn zeugete Grandgoschier.

Grandgoschier zeugete Gargantua.

Gargantua zeugte Pantagruel den Adlichen, meinen Herrn und Meister.

Ich merk schon, es kommt euch, wenn ihr dieß lest, ein sehr vernünftiger Zweifel an und fragt: Wie mag dem also seyn, sintemalen zur Zeit der Sündfluth die ganze Welt zu Grund ist gangen bis auf den Noah und sieben Personen, die mit ihm in der Arch gewesen, darunter obiger Hurtaly nicht mit genannt wird? Die Frag, in Wahrheit, ist wohl erdacht und ziemlich plausibel. Aber die Antwort wird euch genügen oder mein Hirn ist übel verkielholt. Und weil ich zu derselben Zeit nicht mit dabey war, daß ichs euch nach Herzens Wunsch selbst sagen möchte, citir ich euch einstweilen das Ansehn der guten Massoreten-Gäuch und schönen ebräischen Dudelsackspfeifer welche bezeugen, daß allerdings ernannter Hurtaly nicht mit beim Noah in der Arch gewesen sey; (auch wär er nicht hineingegangen, denn er war zu groß) sondern er hab rittlings oben darauf gesessen, ein Bein hüben, das andre drüben, wie ein Bub auf dem Steckenpferd, und wie der dicke Stier von Bern, der bey Marignan ums Leben kam, eine grosse Stein-Kanon statt Kleppers zu reiten pflegt' – es war ein gutes frommes Rößl von stillem Schritt, es stolpert' gar nit. – Solchergestalt schützt' er, nächst Gott, die Arch vor Fahr, denn er gab ihr den Schwung mit den Beinen, und drehet' sie mit seinem Fuß wohin er wollt, wie man ein Schiff am Steuer[187] lenket. Die drinnen waren, schickten ihm durch einen Kamin zu leben genug, als erkenntliche Leut für das Gute welches er ihnen erwies. Und parlamentirten jezuweilen mitsamen, wie Ikaromenippus mit dem Jupiter im Luziano. – Habt ihr auch alles wohl verstanden? Nun so trinkt einen guten Schluck ohn Wasser drauf. Denn wo ihrs nicht glaubt, glaub ichs auch nicht, glaubs ein Andrer.

Quelle:
Rabelais, Franz: Gargantua und Pantagruel. 2 Bände, München, Leipzig 1911, Band 1, S. 182-188.
Lizenz:
Kategorien:
Ausgewählte Ausgaben von
Gargantua und Pantagruel
Gargantua. Pantagruel
Gargantua und Pantagruel, 2 Bände
Gargantua und Pantagruel
Gargantua und Pantagruel, in 2 Bdn.
Gargantua und Pantagruel

Buchempfehlung

Schnitzler, Arthur

Reigen

Reigen

Die 1897 entstandene Komödie ließ Arthur Schnitzler 1900 in einer auf 200 Exemplare begrenzten Privatauflage drucken, das öffentliche Erscheinen hielt er für vorläufig ausgeschlossen. Und in der Tat verursachte die Uraufführung, die 1920 auf Drängen von Max Reinhardt im Berliner Kleinen Schauspielhaus stattfand, den größten Theaterskandal des 20. Jahrhunderts. Es kam zu öffentlichen Krawallen und zum Prozess gegen die Schauspieler. Schnitzler untersagte weitere Aufführungen und erst nach dem Tode seines Sohnes und Erben Heinrich kam das Stück 1982 wieder auf die Bühne. Der Reigen besteht aus zehn aneinander gereihten Dialogen zwischen einer Frau und einem Mann, die jeweils mit ihrer sexuellen Vereinigung schließen. Für den nächsten Dialog wird ein Partner ausgetauscht indem die verbleibende Figur der neuen die Hand reicht. So entsteht ein Reigen durch die gesamte Gesellschaft, der sich schließt als die letzte Figur mit der ersten in Kontakt tritt.

62 Seiten, 3.80 Euro

Im Buch blättern
Ansehen bei Amazon

Buchempfehlung

Romantische Geschichten II. Zehn Erzählungen

Romantische Geschichten II. Zehn Erzählungen

Romantik! Das ist auch – aber eben nicht nur – eine Epoche. Wenn wir heute etwas romantisch finden oder nennen, schwingt darin die Sehnsucht und die Leidenschaft der jungen Autoren, die seit dem Ausklang des 18. Jahrhundert ihre Gefühlswelt gegen die von der Aufklärung geforderte Vernunft verteidigt haben. So sind vor 200 Jahren wundervolle Erzählungen entstanden. Sie handeln von der Suche nach einer verlorengegangenen Welt des Wunderbaren, sind melancholisch oder mythisch oder märchenhaft, jedenfalls aber romantisch - damals wie heute. Michael Holzinger hat für den zweiten Band eine weitere Sammlung von zehn romantischen Meistererzählungen zusammengestellt.

428 Seiten, 16.80 Euro

Ansehen bei Amazon