Sechzehntes Kapitel.

[250] Von Sitten und Lebensart Panurgens.


Panurg war mittlerer Leibesstatur, weder zu groß noch zu klein; er hätt eine etwas gebogene Adlernas, in Figur eines Scheermesserstiels, und stund damal in seinem fünfunddreyssigsten Jahr oder da herum. Fein war er euch zum Vergulden wie ein bleiern Schwertlein, dabey von Person ein gar stattlicher Mann, nur etwas weniges lüderlich und von Natur mit der Krankheit behaftet, die zu der Zeit Geldmangel hieß, der Kummer ohn Gleichen.[250]

Gleichwohl hätt er an dreyundsechzig verschiedne Mittel sich Geld zu machen, so viel er jederzeit bedurft, davon das gewöhnlichst und ehrlichste noch der Weg des heimlichen Mausens war. Ein Taugnichts, Gauner, Saufaus, Strotter und Pflastertreter wie keiner mehr in ganz Paris; im übrigen der bravste Knab auf Gottes Erden. Und allzeit macht' er sich mit den Häschern und der Schaarwach was zu thun.

Einsmals bracht er drei bis vier handveste Bauernlümmel zusamen, ließ sie des Abends sich besaufen wie die Templer, dann führt' er sie bis oben auf Sanct Genoveven oder an das Collegium von Navarre, und zu der Stund wenn die Schaarwach da hinan zog, (welches er schon von weitem spürt' indem er seinen Degen aufs Pflaster und das Ohr dran hielt, und wenn er den Degen erzittern hört', so war es ein untrüglich Zeichen daß die Wach nicht weit mehr war) just also um die Stund nahm er mit seinen Gesellen einen Schuttkarren, und gaben ihm einen derben Schub, daß er mit aller Macht zu Thal schoß und so die arme Schaarwach sämtlich wie die Schwein in den Koth hinstreckte. Dann wischten sie von der andern Seit davon: denn in weniger als zween Tagen hätt er alle Gassen, Gäßlein und Schlippen von Paris im Kopf auswendig wie sein Deus det. Ein ander Mal streut' er auf einen schönen freyen Platz, darüber gedachte Wach passiren mußt, eine Zeil Kanonenpulver aus, und als sie mitten drauf war, steckt ers in Brand, und hätt sein Kurzweil dran, zu sehen wie sie so zierlich Reißaus nahmen, als ob ihnen das Sankt Tönigsfeuer schon in den Beinen säß. Vor allen turbirt' er aber die armen Magistri und Theologen. Wo er einen von diesen auf der Gaß fand, da unterließ er niemals ihm einen bösen Schabernack zu spielen. Bald steckt er ihnen einen Schund in ihre dicken Gugel-Kragen, bald schmückt' er sie hinten mit Fuchsschwänzlein, mit Hasenohren, oder trieb sonst Unfug. Eines Tages, als die sämtlichen Theologen zu Untersuchung der Glaubensartikul in die Sorbonn[251] beschieden waren, macht' er einen bourbonischen Klos aus lauter Knoblauch, Galbanum, Assa Fötida, Bibergeil, ganz warmen Menschenkoth, und rüht' ihn mit Eiter aus Chankerbeulen an: damit salbt' und schmiert' er am frühen Morgen alles Gitterwerk in der Sorbonn ein, daß kein Teufel hätt bleiben mögen. Und kotzten all die strengen Herren ganz öffentlich vor aller Welt, als ob sie das Kalb zur Welt anbänden; und starben ihrer an zehn bis zwölf an der Pestilenz, vierzehn wurden räudig, achtzehn schäbig, und mehr denn siebenundzwanzig kriegten das fränkische Uebel davon. Er aber frug den Henker nichts darnach. Auch trug er gewöhnlich eine Peitsch unter seinem Rock und fuchtelt' damit die Pagen unbarmherzig durch, wenn er sie ihren Herrn den Wein zutragen sah, damit sie flinker auftreten sollten. In seinem Wams führt er über sechsundzwanzig kleiner Ficken und Täschlein, allzeit voll und wohl versehen: das ein mit etwas Scheidewasser und einem kleinen scharfen Messer, wie es die Kürschner zu brauchen pflegen, damit schnitt er die Beutel ab: das ander mit scharfem Trauben-Agrest, den er den ihm Begegnenden ins Gesicht sprützt': ein andres mit Kletten voll feinen Gäns- oder Hühnerflaums befiedert, die warf er den armen Leuten auf Röck und Mützen und fertigt' ihnen öfters artige Hörnlein draus, welche sie durch die ganze Stadt, ja Etliche Zeit ihres Lebens trugen. Dergleichen setzt' er auch den Weibern zuweilen hinten an ihre Hauben, in Gestalt eines männlichen Gliedes. In einem andern ein Haufen Dütlein voll lauter Flöh und Läus, die er den Prachern zu Sanct Innocenz abfing, und sie mit feinen Röhrlein oder Schreibfederspulen den zartesten Fräulen die er traf in die Mieder schnellte; zumal in den Kirchen: denn niemals ging er oben aufs Chor, sondern blieb allezeit unten im Schiff bey den Weibern, sowohl in der Mess und Vesper, als während der Predigt.[252]

In einem andern ein ganz Besteck voll Hamen und Heftel, womit er öfters in Gesellschaft wenns gedrang ging, Männer und Weiber mit einander copulirt', zumal wo etwann Eine ein Kleid von Armesintafft trug: wenns dann zum Aufbruch kam, zerrissen sie sich die ganzen Kleider. In einem andern, ein Feuerzeug mit Schwefel, Zundel, Stein und übrigem Zubehör.

In einem andern zwey bis drey Brenngläser, mit denen er dann und wann Männer und Weiber in der Kirchen schier toll macht' und ausser aller Fassung brachte. Denn, Weiber scheuchen, schinden und placken, und Weiber mit weichen Hinterbacken, das reimt sich, meint' er, ziemlich gut.

In einem andern war Nadel und Zwirn, damit trieb er tausend Teufelsstreich. Als eines Tags im grossen Vorsaal des Parlaments ein Franziskaner die Herren-Meß zu lesen hätt half er ihn kleiden und ausstaffiren; nähet' ihm aber während des Anziehns die Stol an Rock und Hemd fest an, und schlich sich dann weg, als die Herren vom Rath zu Anhörung der Meß erschienen und ihre Plätze einnahmen. Als aber nun beym Ite, missa der arme Frater die Stol wollt abthun, zog er auch Kleid und Hemd mit vom Leder, denn sie hingen sehr wohl zusammen, streift' sich bis an die Achseln auf und zeigt allen Leuten öffentlich sein Fitzlibutzli, das traun nicht klein war. Und in einemfort zerret' und zog der Frater, aber je mehr er zerrt', je mehr deckt' er sich auf, bis endlich einer der Ratsherren sprach: Was! will uns etwann der saubere Pater hie seinen Steiß statt der Monstranz zum Küssen reichen? Ey so küss ihn doch das Sanct Tönigs Feuer! – Von der Zeit an ward verordnet daß sich die armen Meßpfäfflein nicht öffentlich mehr entkleiden durften, sondern in ihrer Sakristey, fürnehmlich wo Weiber zugegen wären, denn man verführet' sie nur damit zu begehrlicher Sünd. Und frug die Welt: Woher kommt es doch, daß die Säck dieser[253] Patrum so lang sind? Aber Panurg löst' das Problem sehr wohl, und sprach: Was die Ohren der Esel so lang macht, ist daß ihre Mütter ihnen kein Mützlein aufsetzen, wie Alliacus in seinen Suppositionen lehret. Gleichergestalt auch, was die Säck der armen Pfäfflein so lang macht, ist: daß ihre Hosen nicht Böden haben, da ihnen dann ihr armes Glied, verhängten Zaumes ins Freye schießet, und also bis an die Knie bammelt wie einer Frau ihr Paternoster. Warum man es aber ebenmäßig auch dick bey ihnen findt, ist Ursach, daß durch dieß Bammeln die Leibessäft in mehrberegtes Glied hinabziehn. Denn nach den Legisten ist Agitation und immerwährende Bewegung eine Ursach der Attraction.

Item, ein ander Täschel war voller Federweiß, das streut' er den geschniegeltsten Dämlein denen er aufstieß, in den Rücken, daß sie vor aller Welt sich entblösen und ausziehn mußten, und Etliche tanzten wie Hähn auf glühenden Kohlen darnach, oder ein Schusser auf einer Trommel; Andre rannten wie toll gassatim, er immer hinter ihnen drein: und die sich entkleideten, denen warf er seinen Mantel über den Rücken, als ein galanter und sittiger Mann. Item, in einem andern hätt er ein kleines Fläschel mit altem Oel, und wo er Männer oder Weiber in schönen Kleidern kommen sah, beschmiert' und verschimpft' er ihnen damit die besten Stellen am ganzen Gewand, stellt' sich als ob ers befühlen wollt, und sprach: ey schauns, das feine Tüchel, den feinen Atlaß, den feinen Tafft, mein Fräulein! Nun, Gott geb euch doch was euer edles Herz begehret. Habt ein neu Kleid, und neuen Freund dazu gefunden: Gott erhalts euch. Und damit legt' er ihnen die Hand aufs Koller, daß der böse Schandfleck auf ewige Zeiten darinn verblieb, so unverwüstlich fest gegraben in Leib und Seel und guten Namen, kein Teufel hätt ihn heraus können schaben. Sprach darauf noch zu guter letz: Sehet euch für, daß ihr nicht fallet, mein Fräulein, denn ihr habt da ein großes schmutzigs Loch vor euch! – In noch einem andern war nichts als lauter klargestoßnes Euphorbium, und darein taucht' er ein[254] feines Schneutztuch von zierlicher Stickerey, das er der schönen Nätherinn am Palais entwendet als er ihr einen Floh von der Brust fing, den er ihr gleichwohl doch selber erst darauf gesetzt. Und wenn er dann in einer Gesellschaft mit ehrbaren Frauen zu sprechen kam, bracht er alsbald die Red auf das Weißzeug, legt' ihnen die Hand auf den Busen und frug: Was für Gespinnst ist dieß? von Flandern? oder von Hennegau? Zog darauf sein Schneuztuch herfür, und sprach: da schauns, schauns, hie ist eine Arbeit drinn! dieß hab ich aus der Fickardi, es ist von Vecheln; und schüttelt's ihnen derb unter die Nasen, daß sie vier Stunden in einem Athem weg niesen mußten. Er aber unterdessen farzt' dazu wie ein Karrngaul: und die Weiber lachten und sprachen: Wie? ihr farzt, Panurg? – Nicht doch, Madam, antwortet' er, ich mach hie nur den Conterbaß zu eurer Nasenmelodey.

Wieder in einem andern war ein Dietrich, Haken, Pelikan und solches Geräth, wovor kein Kasten und keine Tür so fest war, die er nicht damit aufgehäkelt hätt. Ferner ein andres voll kleiner Becher, womit er gar künstlich zu spielen verstund; denn in den Fingern seiner Hand war er geschmeidiger als Minerva und Arachne: auch war er vor diesem mit Theriak hausiren gegangen. Und wenn er einen Gulden oder sonst eine andre Münz wo wechselt', hätt der Wechsler wahrlich schlauer als Meister Muck seyn müssen, wenn ihm Panurg nicht mindestens jedes Mal fünf bis sechs schwere Kreuzer dabey ganz öffentlich am hellen Tag vor aller Augen hätt blasen sollen. Dem Wechsler geschah kein Leid noch Schaden, er spürt' nur eben den Wind davon.

Quelle:
Rabelais, Franz: Gargantua und Pantagruel. 2 Bände, München, Leipzig 1911, Band 1, S. 250-255.
Lizenz:
Kategorien:
Ausgewählte Ausgaben von
Gargantua und Pantagruel
Gargantua. Pantagruel
Gargantua und Pantagruel, 2 Bände
Gargantua und Pantagruel
Gargantua und Pantagruel, in 2 Bdn.
Gargantua und Pantagruel

Buchempfehlung

Christen, Ada

Gedichte. Lieder einer Verlorenen / Aus der Asche / Schatten / Aus der Tiefe

Gedichte. Lieder einer Verlorenen / Aus der Asche / Schatten / Aus der Tiefe

Diese Ausgabe gibt das lyrische Werk der Autorin wieder, die 1868 auf Vermittlung ihres guten Freundes Ferdinand v. Saar ihren ersten Gedichtband »Lieder einer Verlorenen« bei Hoffmann & Campe unterbringen konnte. Über den letzten der vier Bände, »Aus der Tiefe« schrieb Theodor Storm: »Es ist ein sehr ernstes, auch oft bittres Buch; aber es ist kein faselicher Weltschmerz, man fühlt, es steht ein Lebendiges dahinter.«

142 Seiten, 8.80 Euro

Im Buch blättern
Ansehen bei Amazon

Buchempfehlung

Große Erzählungen der Frühromantik

Große Erzählungen der Frühromantik

1799 schreibt Novalis seinen Heinrich von Ofterdingen und schafft mit der blauen Blume, nach der der Jüngling sich sehnt, das Symbol einer der wirkungsmächtigsten Epochen unseres Kulturkreises. Ricarda Huch wird dazu viel später bemerken: »Die blaue Blume ist aber das, was jeder sucht, ohne es selbst zu wissen, nenne man es nun Gott, Ewigkeit oder Liebe.« Diese und fünf weitere große Erzählungen der Frühromantik hat Michael Holzinger für diese Leseausgabe ausgewählt.

396 Seiten, 19.80 Euro

Ansehen bei Amazon