Vierter Auftritt

[190] Die Zufriedenheit. Wurzel.


ZUFRIEDENHEIT. Wer lärmt denn so entsetzlich?

WURZEL. Der Aschenmann ist da, Euer Gnaden Fräulein Köchin. Sie werden noch nicht die Ehre haben, mich zu[190] kennen? Ich bin ein neuer, der alte ist gstorben, ich habs erst heute übernommen. Ich bitt um Verzeihung, ich hab noch keine Visitkarten herumgeschickt. Ich heiße Fortunatus Wurzel.

ZUFRIEDENHEIT. Er ist mein einst so fröhlicher Bauer? Ich hätte Ihn nicht erkannt.

WURZEL. Ich weiß, wenn man einmal so ausschaut, kennen einen die Weibsbilder nicht mehr.

ZUFRIEDENHEIT für sich. Nu, den haben die Geister schön zugerichtet. Laut. Du armer Narr!

WURZEL. Ja wohl, arm bin ich, und ein Narr bin ich auch gewesen! Ja mein liebe Köchin, ich hab schön abgekocht, mit mir ists vorbei.

ZUFRIEDENHEIT. Wie alt bist du denn?

WURZEL. Ich hätte sollen die Vierziger kriegen, aber die Zeit hat sich vergriffen und hat mir einen Hunderter hinaufgemessen, und den halt der Zehnte nicht aus. Die Zeit ist ein wahrer Korporal, der mit die Jahr zuschlägt. Im Anfang hat s' ein Rütchen von lauter Maiblümeln, da gibt s' einem alle Jahr so einen leichten Tupfer, das gfreut einem, da springt man wie ein Füllerl. Hernach kommt s' mit einen Besen von lauter Rosen, da sind schon Dorn dabei, nach und nach schlagen sich die Rosen weg, ist der Haslinger da. Endlich kommt s' mit einem Wiesbaum daher, laßt ihn nur umfallen, aus ists. Aber es gschieht mir recht, warum bin ich kein Bauer geblieben? Den Fischer da drinn wirds akkurat so gehen.

ZUFRIEDENHEIT. Kennst du den Fischer?

WURZEL. Freilich. Er hätt ja mein Schwiegersohn werden sollen. Wenn ich ihm s' nur geben hätte! Viel tausendmal hats mich schon gereut.

ZUFRIEDENHEIT für sich. Er dauert mich. Laut. Ist dir diese Äußerung ernst?

WURZEL. O mein liebe Jungfer Köchin, wenn Sie mein verwurlte Geschicht wußten, so täten S' nicht so dumm fragen.

ZUFRIEDENHEIT. Ich weiß deine Geschichte, ich habe sie in dem Buche des Schicksals gelesen.[191]

WURZEL. So? Sind Sie auch eine solchene, die statt dem Kochen liest?

ZUFRIEDENHEIT. Bereuest du, was du getan hast?

WURZEL. Von ganzem Herzen.

ZUFRIEDENHEIT. Beneidest du den Fischer um sein Glück?

WURZEL. Um kein Schloß nicht! Den wirds reuen, das ganze Dorf redt davon. Ich kenn s' schon, die Geister, die einem solche Häuser schenken. Heut nacht haben s' ihms aufgebaut von Diamanten und rote Rüben, glaub ich. Wie s' ihm erwischt haben, weiß ich nicht.

ZUFRIEDENHEIT. Würdest du ihm jetzt deine Ziehtochter geben?

WURZEL. Um kein Preis. Erstens weil ich s' nicht habe, zweiten weil s' mit den Reichtum eine unglückliche Person würde.

ZUFRIEDENHEIT. Wenn er aber wieder würde, wie er war?

WURZEL. Nachher soll er s' haben, aber suchen muß er s' zuerst, denn die ist vielleicht gar in der chinesischen Schweiz.

ZUFRIEDENHEIT. Er wird sie finden, und ist er ihrer Liebe würdig, so seid ihr alle gerettet, und auch du wirst wieder glücklich werden.

WURZEL. Wär das möglich! Ausgstanden hätt ich mir schon genug. Aber was können Sie wissen? Reden wir von was Gscheiden. Haben S' keinen Aschen?

ZUFRIEDENHEIT. Ich wollte, ich könnte schon die Asche dieses Schlosses in deinen Kübel leeren.

WURZEL. O mein liebe Mamsell Köchin, das war eine schöne Gegend. Ein jedes Stammerl kenn ich davon, der einzige Baum da drauß ist stehn geblieben. Sehen S' den Baum? da dran ist die Fischerhütten gstanden, da ist just ein Rosenberg darüber zaubert, der Gipfel ist grad so hoch, als das Dach von der Hütten war.

ZUFRIEDENHEIT. Gut, auf die Spitze dieses Hügels setze dich und erwarte meinen Wink. Siehst du die Sonne untersinken, und ich habe dich noch nicht gerufen, so sehe es als ein Zeichen an, daß dein und andrer Glück mit ihr[192] hinuntersinkt, doch wirst du sie in unserer Mitte schauen, so geht dir eine neue auf, dafür bürge ich dir mit meinem Wort.

WURZEL. O du mein Himmel, was reden Sie für eine schöne Sprach, als wie ein verkleideter Professor. Gelten S', Sie sein keine Köchin?

ZUFRIEDENHEIT lächelnd. Nein, das bin ich nicht.

WURZEL. Was sein S' denn?

ZUFRIEDENHEIT. Das wirst du erfahren. Jetzt befolge, was ich dir befahl.

WURZEL. Ja, ich wills gern tun. Aber wenn ich etwa ein paar Monat oben sitzen muß, bis Sie mich rufen, so bringt mich der Hunger um. Haben S' denn gar nichts für meinen aschgrauen Magen?

ZUFRIEDENHEIT lächelnd. Nun so warte. Sie geht in die Tür ab.

WURZEL. Das ist eine gute Person. Wenn ein Herr so eine Köchin hätte, wär s' manchen lieber als der gschickteste Koch.

ZUFRIEDENHEIT kommt zurück und bringt ihm eine Linzertorte und eine Flasche Wein. So, mein Alter, labe dich. Sie hält ihm die Torte hin.

WURZEL. Werfen S' die Torten nur in die Butten hinein.

ZUFRIEDENHEIT. Sie ist ja voll Asche.

WURZEL. Das macht nichts, das ist gut für die Brust, den Wein schütten wir vorn hinein. So, ich danke.

ZUFRIEDENHEIT. Nun leb wohl. Tröste dich und hoffe.


Sie geht in den Palast, nicht in das Nebengebäude, ab.


WURZEL. Ich hab die Ehre zu sehen. Wenn s' nur nicht auf mich vergißt, daß ich etwa aufs Jahr um die Zeit noch oben sitze. Wegen meiner, ich bleibe halt oben sitzen, schau hinunter, auf die Leut, und wenn ich was Dalkets sieh, so schrei ich: Einen Aschen!


Arie.


So mancher steigt herum,

Der Hochmut bringt ihn um,

Trägt einen schönen Rock,

Ist dumm als wie ein Stock,[193]

Von Stolz ganz aufgebläht,

O Freundchen, das ist öd!

Wie lang stehts denn noch an,

Bist auch ein Aschenmann!

Ein Aschen! Ein Aschen!

Ein Mädchen kommt daher,

Von Brüßlerspitzen schwer,

Ich frag gleich, wer sie wär?

Die Köchin vom Traiteur!

Packst mit der Schönheit ein,

Gehst gleich in d' Kuchel 'nein!

Ist denn die Welt verkehrt?

Die Köchin ghört zum Herd.

Ein Aschen! Ein Aschen!

Doch vieles in der Welt,

Ich mein nicht etwa 's Geld,

Ist doch der Mühe wert,

Daß man es hoch verehrt.

Vor alle braven Leut,

Vor Lieb und Dankbarkeit,

Vor treuer Mädchen Glut,

Da zieh ich meinen Hut.


Nimmt den Hut ab.


Kein Aschen! Kein Aschen!


Ab.


Quelle:
Ferdinand Raimund: Sämtliche Werke. München 1960, S. 190-194.
Lizenz:
Kategorien:
Ausgewählte Ausgaben von
Das Mädchen aus der Feenwelt oder Der Bauer als Millionär
Das Mädchen aus der Feenwelt oder Der Bauer als Millionär (Komedia)
Raimundalmanach / Der Bauer als Millionär: Das Mädchen aus der Feenwelt oder Der Bauer als Millionär

Buchempfehlung

Naubert, Benedikte

Die Amtmannin von Hohenweiler

Die Amtmannin von Hohenweiler

Diese Blätter, welche ich unter den geheimen Papieren meiner Frau, Jukunde Haller, gefunden habe, lege ich der Welt vor Augen; nichts davon als die Ueberschriften der Kapitel ist mein Werk, das übrige alles ist aus der Feder meiner Schwiegermutter, der Himmel tröste sie, geflossen. – Wozu doch den Weibern die Kunst zu schreiben nutzen mag? Ihre Thorheiten und die Fehler ihrer Männer zu verewigen? – Ich bedaure meinen seligen Schwiegervater, er mag in guten Händen gewesen seyn! – Mir möchte meine Jukunde mit solchen Dingen kommen. Ein jeder nehme sich das Beste aus diesem Geschreibsel, so wie auch ich gethan habe.

270 Seiten, 13.80 Euro

Im Buch blättern
Ansehen bei Amazon

Buchempfehlung

Geschichten aus dem Sturm und Drang. Sechs Erzählungen

Geschichten aus dem Sturm und Drang. Sechs Erzählungen

Zwischen 1765 und 1785 geht ein Ruck durch die deutsche Literatur. Sehr junge Autoren lehnen sich auf gegen den belehrenden Charakter der - die damalige Geisteskultur beherrschenden - Aufklärung. Mit Fantasie und Gemütskraft stürmen und drängen sie gegen die Moralvorstellungen des Feudalsystems, setzen Gefühl vor Verstand und fordern die Selbstständigkeit des Originalgenies. Michael Holzinger hat sechs eindrucksvolle Erzählungen von wütenden, jungen Männern des 18. Jahrhunderts ausgewählt.

468 Seiten, 19.80 Euro

Ansehen bei Amazon