Fünfzehnter Auftritt


[355] Verwandlung.

Das Innere einer Köhlerhütte. Rußige Wände.

Salchen am Spinnrocken. Hänschen, Christopherl, Andresel sitzen am Tisch. Marthe an einer Wiege, in der ihr Kind liegt. Unterm Tisch ein großer schwarzer Hund. Auf dem Tisch eine Katze, mit welcher die Knaben spielen. Im Hintergrunde zwei schlechte Betten. In einem liegt die kranke Großmutter, in dem andern der betrunkene Christian.

Quintett.


SALCHEN fröhlich.

Wenn ich an mein Franzel denk,

Wird mir halt so gut.

's Herzel, das ich ihm nur schenk,

Kriegt gleich frohen Mut.[355]

DIE DREI KINDER.

He, Mutter, gib was z' essen her,

Der Magen tut uns weh!

SALCHEN.

Das Hungern fällt mir gar nicht schwer,

Wenn ich mein Bürschel seh.

Wenn ich an mein Franzel denk,

Wird mir halt so gut.

's Herzel, das ich ihm nur schenk,

Kriegt gleich frohen Mut.

DIE DREI KINDER.

Mutter, gib uns Brot!

CHRISTIAN mit lallender Stimme.

Ihr Bagage, seids nicht still?

Tausendschwerenot!

MARTHE ruft. Still!

DAS KIND. Qua qua!

DIE KATZE. Miau!

DER HUND. Hau hau!


Die erste Melodie fällt ein.


SALCHEN. Mein Franzel ist ein wiffer Bua,

Singt den ganzen Tag:

Daß er mich alleinig nur

Und kein andre mag.

DIE DREI KINDER.

Wenn wir nicht was z' essen kriegn,

So gehn wir ja zu Grund!

SALCHEN.

So weckts das Kind nicht in der Wiegn,

Und spielts euch mit den Hund!

Mein Franzel ist ein wiffer Bua,

Singt den ganzen Tag:

Daß er mich alleinig nur

Und kein andre mag.

DIE DREI KINDER.

Sapperment, ein Brot![356]

CHRISTIAN.

Wanns nicht euern Schnabel halts,

Schlag ich euch noch tot!

MARTHE. Still!

DAS KIND. Qua qua!

DIE KATZE. Miau!

DER HUND. Hau hau!

MARTHE. Still seids, ihr ausgelassenen Buben!

HÄNSCHEN weinerlich. Mutter, a Brot!

SALCHEN. Ist keins da, Holzbirn eßts!

MARTHE. Und machts keinen solchen Lärm. Euern Vater ist nicht gut.

ANDRESEL. Was fehlt ihm denn?

MARTHE. Den Schwindel hat er. Für sich. Man darfs den Kindern nicht einmal sagen.

CHRISTOPH. Jetzt hat der Vater so viel Kohlen verkauft –

ANDRESEL. Und hat kein Geld z' Haus bracht, nichts als ein Schwindel.

SALCHEN. Was geht das euch an?

ANDRESEL. Weil wir hungrig sein. Ich weiß schon, warum wir so wenig z' essen kriegen, weil der Vater so viel trinkt.

SALCHEN. Jetzt schaut d' Mutter einmal die Spitzbuben an. Sie haben gar kein Respekt vor ihren Vatern.

CHRISTIAN. Ich massakrier die Buben alle drei.


Er will auf und taumelt.


MARTHE. Liegen bleib!


Sie drängt ihn ins Bette.


ANDRESEL. Er kriegt schon wieder den Schwindel.

ALLE DREI BUBEN lachen. Haha! Der Vater kann nicht grad stehn!

MARTHE. Ob ihr aufhört! Nein, wie hat mich der Himmel gstraft!

DAS KIND schreit. Qua qua!

MARTHE zu Salchen. Aufs Kind schau! Salchen wiegt. Eine Butten voll Kinder und so einen liederlichen Mann. Kein Pfenning Geld im Haus. Die Großmutter niest im Bett. Hört d' Mutter zum niesen auf. Man hört sein eignes Wort nicht.[357]

DIE DREI BUBEN. Ah, das ist a Spaß.

ANDRESEL. D 'Mutter ist zornig. Haha!

MARTHE. Nein, die Gall bringt mich um. Du verdammter Bub du, wart, ich will dir deine Mutter ausspotten lernen!


Nimmt ihn beim Kopf und schlägt ihn.


ANDRESEL schreit. Au weh! Weint.

SALCHEN springt herzu und hält sie ab. So hört d' Mutter auf! –


Die zwei andern Buben verkriechen sich hinter den Tisch und hinters Bett.


Alles zugleich.

DAS KIND in der Wiege. Qua qua!

DIE GROSSMUTTER streckt im Bett die Arme heraus und niest. Hehe!

DER HUND bellt. Hau hau!


Die Katze springt davon.


Quelle:
Ferdinand Raimund: Sämtliche Werke. München 1960, S. 355-358.
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