Zweiter Auftritt


[8] Ruinen, wie selbe vorher en miniature zu sehen waren. Im Hintergrunde die See. Man hört das Ritornell von Quecksilbers Arie. Quecksilber kommt.


QUECKSILBER.


Arie


Was braucht man Barometter

Auf dieser Welt noch mehr?[8]

Ein jeder macht sich's Wetter,

So wies ihm gfallt, daher.

Schön zeigt es bei den Reichen,

Bei Stutzern zeigts auf Wind,

Auf Regen steht das Zeichen,

Wo arme Schlucker sind.


Bei Schönen in der Regel

Zeigts auf Veränderlich,

Auf Stürme bei dem Flegel,

Und Schnee bedeuts für mich.

Doch, Schicksal, es ist schade,

Daß d' mich verfolgst mit Gwalt,

Solang der Gönner Gnade

Nicht auf den Gfrierpunkt fallt.


Das ist eine prächtige Profession, das Baromettermachen, man kann verhungern alle Tag. Hab ich unglückseliger Mensch aufs Meer müssen, um die wilden Völker des Erdbodens durch meine Kunst in Erstaunen zu setzen, und jetzt wirft mich das Schicksal auf diese Zauberinsel, wo ich noch nichts gesehen hab als ein paar Kanarienvögel, oder was sie waren; und einen pensionierten Elefanten mit drei Füß – Na, die werden doch keine Barometter brauchen. – Weil ich nicht zu Grund gegangen bin, so ist wenigstens das Schiff zu Grund gegangen, bloß weil ich Unglücksvogel darauf war. Die Matrosen haben schon von weiten diese Feeninsel verflucht, weil ein jedes Schiff scheitert, das in ihre Nähe kommt. Richtig wars so – sie haben sich in einem Schinakel gerettet, und ich hab mich an meinen Barometter anghalten und bin dahergschwommen; das war noch mein größtes Glück, daß ich den vorigen Sommer zweimal im Prater in der Schwimmschul war und zugschaut hab; da hab ichs abgspickt, sonst wärs nicht möglich gwesen. Mein erstes Unglück war mein neuer Buchdrucker; der laßt mir unglücklicherweise auf meinen Zetteln auf die Barometter überall den ersten Buchstaben aus – Zum Beispiel, statt[9] kalter Wind, laßt er das K aus, steht alter Wind, bei warmes Wetter, laßt er das W aus, steht armes Wetter. Ich siehs nicht, verkauf s', die Leute glauben, ich bin ein Narr, lassen nichts mehr bei mir machen. Kein Verdienst. Was war also zu tun? als mein letztes Bißl zu verkaufen und in die weite Welt zu gehen. – Da stehe ich nun allein und verlassen, ein Fruchtbaum in der Wüste. Weint. Doch von all dem rauschenden Geleite, wer harret noch liebend bei mir aus? Dieser edle Magen! der einzige Schmarotzer, der mir die Ungelegenheit macht, treu zu bleiben. Just gibt er wieder eine Bittschrift ein um was zu essen. – Schicksal! wenn du eine Ehre im Leibe hast, so laß mich nicht verhungern! Man hört leise eine unterirdische Musik ertönen. Was ist denn das? – Eine musikalische Akademie unter der Erd?

STIMME DES HORNES. Wer will auf mir blasen?

QUECKSILBER. Eine kuriose Frage!

STIMME DER SCHÄRPE. Wer will mich tragen?

QUECKSILBER. Den soll man tragen? Der kann vielleicht siebzig Zenten schwer sein.

STIMME DES STABES. Wer will mich schwingen?

QUECKSILBER. Jetzt will der wieder geschwinget sein? Was heißt denn das?

ALLE DREI STIMMEN ZUSAMMEN.

Geh, blase!

Geh, trag mich!

Geh, schwing mich!

Dein Glück wird es sein!

QUECKSILBER. Ich weiß nicht, was ich denken soll. Man kann sich dabei denken, was man will. Aber es soll mein Glück sein? Also frisch!


Ich blas dich!

Ich trag dich!

Ich schwing dich!

Herauf! herauf!


Donnerschlag. Musik. Es steigen drei Postamente aus der Erde, auf denen ein silbernes Waldhorn, eine schwarze Binde mit Zaubercharakteren und ein goldenes Stäbchen liegen.[10]


QUECKSILBER. Ein Waldhörndl? Nu, mir ists recht. Eine Binde mit Ochsenaugen garniert, und ein goldenes Ausklopfstaberl? Ja, was sind denn das für Kindereien? einen Menschen so für einen Narren zu halten. Was ist denn das für ein unterirdischer Sozius? Wann er nur heraufkäm, ich nähmet mir die Freiheit und schlüget ihm mein Barometter an Kopf, daß die Scherben davon fliegen.


Donnerschlag. Die Ruinen verwandeln sich in ein hellrotes Wolkenzelt, mit weißen Rosen garniert. Kurze Musik.

Lidi tritt in Begleitung von drei Genien heraus.


LIDI. Undankbarer! frevle nicht!

QUECKSILBER. Himmel! was ist das? Welch eine krudelschöne Person? Nymphe des Waldes oder Donna del Lago! nimm die Huldigung des miserabelsten aller Baromettermacher! Die drei Genien lachen. Jetzt schauts die verwunschenen Podogudenkinder an, lachen die einen gebildeten Mann aus.


Die Genien haben gleich bei ihrem Kommen die Gaben genommen, die Postamente verschwinden.


LIDI. Horch auf!

Die Gaben, die du siehst, von großem Zauberwert,

Sind durch des Zufalls Macht dir zum Gebrauch beschert.

Wenn du den Stab hier schwingst, ist dir der Zauber hold,

Was du mit ihm berührst, verwandelt sich in Gold.

Du kannst durch deine Macht

Die höchste Kleiderpracht,

Brillanten dir erwinken,

Läßt du den Stab nur sinken.

Und dürstet du vielleicht einmal nach Kriegestaten,

So bringt ein Stoß ins Horn dir tapfere Soldaten.

Bedeckt die Binde dich und wünschest du dich fort,

So findest du dich flugs an dem ersehnten Ort.

Bewahr die Gaben wohl, wenn sie dir einmal schwinden,

Mußt du s' durch eigne Kraft hienieden wiederfinden.


Sie geht zurück, das Zelt verwandelt sich wieder in die Ruine.


DIE GENIEN geben ihm die Gaben und rufen ihm mit dem Finger drohend zu. Du! Und gehen lachend ab.[11]

QUECKSILBER nachrufend. Ös! – Das ist eine unartige Brut! Nu ja, solche Feenkinder – die Eltern schauen ja nicht drauf – lassen s' halt so bloßfüßig herumlaufen. Aber das Glück! das Glück! Wer hätte sich morgen das gedacht, daß ich heute so glücklich werden sollte? Wenn nur jetzt geschwind jemand da wäre, den ich vor Freuden embrassieren oder massakrieren könnt!


Quelle:
Ferdinand Raimund: Sämtliche Werke. München 1960, S. 8-12.
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