Klein-Oels

[275] Es war am 4. Februar 1912, da mich eine Equipage auf dem Bahnhof in Ohlau abholte und nach dem Schloß Klein-Oels rollte. Ein Diener brachte mich auf mein Zimmer, das letzte Zimmer im rechten Flügel des hufeisenförmigen Baues. Alles, was ich sah, war so vornehm, daß mich die Frage beklommen machte, wie ich mich dem anpassen könnte.

Abend war's. Der Diener servierte mir eine Platte, auf der vier Schnitzel à discrétion lagen. Die aß ich alle vier auf.

Der Hauslehrer Otto besuchte mich, gab mir die ersten Anweisungen. Zu den Mahlzeiten erschiene man stets in Schwarz.

Am nächsten Morgen führte mich Herr Otto umher. Es war alles da, was zu einem feudalen und kulturvollen Schloß gehörte. Die Bibliothek war auf fünf Räume verteilt. Herr Otto brachte mich zum Rentmeister Dannenberg, der lang und knochig war und eine mollige Frau hatte. Dann zum Privatsekretär Neugebauer. Und dann in eine Wirtschaft im Dorf, wo sich außer dem Wirt Lorke noch der Kantor Panke und eine lustige Gesellschaft zum Wellfleischessen eingefunden hatte.[275]

Der oberste Diener, der alte Hausmeister Tietze, erkundigte sich nach meinen Wünschen, führte mich ins Gewölbe, erklärte mir, daß jener Teil des Schlosses ein ehemaliges Malteserkloster wäre, usw. Dann meldete er mich der Gräfin. Sie war eine geborene von Berlichingen, war in ihrer Statur eine Germaniafigur, aber von frauenhafter Sanftmut und stillen Wesens.

In der Treppenhalle des Schlosses fielen mir große Porträtgemälde auf. Überall hingen wundervolle Stiche und Reliefs. Neben meiner Zimmertür stand der alte Voltaire als lebensgroße Plastik. Er sah für mich aus wie der Papst, wenn er mal muß. Oder wie Seelchens Mutter.

Ich aß mit der Baroneß Berlichingen, mit der französischen Mamsell, mit dem Kinderfräulein und mit den vielen Kindern des Grafen; es waren ihrer wohl zehn. Nachmittags spielte ich mit ihnen im Schloßhof. Sie hatten einen Totenkopf in den Sand gezeichnet; in der Figur mußte man nach gewissen Regeln auf einem Bein herumhüpfen. Hinterher fuhr ich mit der Komteß Püzze und dem ältesten Jungen Brüder mit einem Ponywagen nach Mechwitz. Als uns das Bierauto begegnete, mußten wir aussteigen, um die scheuenden Ponys zu beruhigen.

Komteß Püzze zeigte mir die Bibliothek, erklärte mir das Schema der Buchführung, dabei unterhielt sie sich fließend französisch mit der sie begleitenden Mamsell. Fast alle Kinder sprachen und lasen Griechisch, auch die Gräfin las Griechisch. Alle sprachen Lateinisch. Ich war innerlich sehr beschämt durch solche Überlegenheit.

Die Möbel meines Zimmers waren reines Empire. An den Wänden hingen tonige Piranesistiche. Auf dem Schreibtisch stand eine Goethebüste. Im Grünen Korridor neben meinem Zimmer und im anschließenden Roten Gang erstreckte sich eine Flucht von Gästezimmern, von denen jedes in einem besonderen Stil echt und kostbar eingerichtet war.

Im Salon war Rauchs Büste des Generalfeldmarschalls Yorck von Wartenburg aufgestellt. Dessen Sohn hatte die Tiecksche Bibliothek erworben, die der Grundstock zu der umfassenden Bücherei war, für die ich nun arbeiten sollte. Im Arbeitszimmer stand Philologie, im Speisezimmer Deutsch, im Musikzimmer Geschichte. Der größte Bücherraum, die Remise genannt, enthielt unten im Saal Italienisch, Kunst, Naturgeschichte, Rechts- und Staatswissenschaft und Zeitschriften, oben auf der Galerie Französisch,[276] Englisch und Yorcksche Bibliothek. Dann gab es im Korridor des zweiten Stockes noch Familiensachen. Und im Gewölbe, das gleichzeitig Billardsaal war, fand man spanische Literatur und bibliophile Seltenheiten.

Tausend Fragen hatte ich an Otto zu richten. Wann ich wem meine Aufwartung machen müßte. Wie die Situation in bezug auf Wäsche, Post, Anmeldung und Trinkgelder wäre usw. Otto war ein intelligenter Bursche, aber ein Luftikus. Er sollte bald Klein-Oels verlassen. Durch ihn wurde ich beim Pastor eingeführt, der gern und gut aß und trank. Zu den Kindern war Otto lustig nett. »Peter, putz' dir mal die Zähne. Die sehen aus wie eine Wiese.«

Vom Vater wurden die Kinder sehr streng erzogen.


Er verlangte von den Jungen,

Was sein Alter sich errungen,

Und übersah erfahrungssatt,

Das jede Zeit eigne Augen hat.


Mittags überhörte der Graf die Kinder, stellte ihnen ungewöhnliche Fragen: »Seit wann läuten die Glocken?«

»Seit der Schlacht von Lepanto.«

»Wer hat zum erstenmal Salat gegessen?« Wenn dann nicht sofort die Antwort kam: »Nebukadnezar«, dann mußte das nichtwissende Kind die Tafel verlassen oder seine Suppe im Stehen essen, oder erhielt sogar Ohrfeigen. Am ersten Mittag, da ich dort war, bekam eins der Kinder keinen Kuchen, weil es der Juno in der Lindenallee die Nase plattgeworfen hatte.

Es gab kein elektrisches Licht im Schloß, sondern Petroleumlampen, auf die man sehr aufpassen mußte, weil sie manchmal ganz plötzlich stark rußten. Wenn ich in meine Bücher vertieft war, fand ich aufsehend den Tisch und das vornehme Bett und alles mit einer feinen Rußschicht bedeckt. Eines Morgens kam Otto heim, hatte die Nacht durchbummelt, aber, um Fleiß vorzutäuschen, die Lampe brennen lassen. Die hatte die ganze Nacht über geraucht. »Nun lösch' ich sie auch nicht mehr«, sagte Otto und legte sich ins Bett. Der Diener weckte morgens einen halb erstickten Neger. Die Gräfin wußte mittags schon von dem Vorfall. Es ging im Schlosse alles sehr schnell herum.

Die Katalogisierung der Yorckschen Bibliothek war im Laufe der Jahre immer wieder unterbrochen worden. Der Katalog war unübersichtlich durch Zwischenschriften und Anhänge und durch[277] die verschiedenen Handschriften derer, die daran gearbeitet hatten. Tausende von Bänden waren überhaupt noch nicht katalogisiert. Diese und neue Bücher, die der Graf sich erwarb, hatte ich nun bibliothekskundig einzutragen. Durch Maassen und Seebach verstand ich das ja. Graf Yorck hatte mich gleich zu Anfang einer Art Prüfung unterworfen. Unter ausgesucht höflichen Worten – er war im Leben wie in seinen Briefen – führte er mich ins Gewölbe, zog ein Buch heraus und fragte: »Wie würden Sie dies zum Beispiel katalogisieren?« Ich hatte Glück, daß ich dieses Buch nicht nur ganz genau kannte, sondern innig liebte. Es war die Erstausgabe des Simplicius Simplicissimus von Grimmelshausen.

Ich lebte mich rasch in die Beschäftigung ein, mir täglich einen Stoß Bücher zu holen, diese genau nach Verfasser, Titel, Verlag, Seitenzahl und nach vielen anderen Gesichtspunkten einzutragen und mit einem Reiter zu versehen, der die Nummer trug. Gelegentlich besuchte mich dann der Graf in der Bibliothek oder auf meinem Zimmer und kontrollierte meine Arbeit, indem er sich eingehend mit mir unterhielt. Dr. jur. et phil. h.c. Heinrich Graf Yorck von Wartenburg war der belesenste Mensch, den ich je kennengelernt habe. Auf allen Gebieten und durchaus gründlich. Yorck war Mitglied des Herrenhauses. Dort trat er für humanistische Bildung ein. Das war sein Steckenpferd. Und da hatte ich von Anfang an einen höchst schwierigen Stand. Denn zu der vornehmen Gesittung, Höflichkeit und Bildung, die der Graf besaß und zu der er auch mit höchstem Aufwand seine Kinder erzog und erziehen ließ, fehlte ihm, wie ich bald zu bemerken meinte, doch eins: Herz.

März. Die Stare pfiffen. Rentmeisters hatten ein Schwein geschlachtet, luden mich zu frischer Bratwurst ein. Sie waren gutmütige, treue Menschen, und ihr Sohn Hans war ein netter Junge. Drei Inspektoren von den Yorckschen Gütern waren zugegen und der Oberförster und der Dorflehrer, der Pfarrer und Otto. Es wurde spät. Otto und einige andere betranken sich sehr, und ich gab dem jungen Hans Dannenberg zum Schluß drei Zündhölzer und sagte: »Vergiß die drei nicht, Treue, Wahrheit und Sinn für Schönheit.« An der Mittagstafel fragte mich Komteß Püzze anderntags, wie ich das gemeint hätte. So schnell erfuhr im Schlosse jeder und jede jedes.

Nach dem Mittagessen forderte der Graf manchmal Otto und mich zu einer Partie Billard auf. Wir gingen dazu ins Gewölbe, wo[278] uns der Mokka serviert wurde. Der Graf spielte ausgezeichnet. Otto war ihm noch ein wenig gewachsen, aber ich spielte sehr ungeschickt und wurde beim Spiel wie auch in meinem sonstigen Leben dort durch die Erkenntnis meiner Unterlegenheit immer unsicherer. »Sie wollen mich schonen«, sagte der Graf, wenn ich einen besonders schlechten Stoß getan hatte.

Bei Tisch führte der Graf die Unterhaltung, sofern keine besonderen Gäste zugegen waren. Er sprach immer geistvoll, sprudelnd, oft versteckt sarkastisch. »Zahlreiches Gelächter der Wogen«, sagte er. »Klingt das nicht sogar im Deutschen noch so schön wie im Griechischen?« Er war ein glühender Verehrer der Hellenen.

»Wollen Sie nicht einmal etwas edieren?« fragte er mich, »zum Beispiel Briefe von Scharnhorst?« Zunächst gab er mir Briefe und Aktenstücke aus dem Nachlaß des Generalfeldmarschalls Kalckreuth zu ordnen. Das war eine interessante Arbeit. Intime Briefe vom Großherzog von Sachsen-Weimar-Eisenach an Kammerherrn Professor Stanislaus Graf von Kalckreuth, ferner von Ernst von Sachsen-Meiningen. Akten weit zurückliegender Zeit, mit handschriftlichen Randbemerkungen berühmter Leute.

Der Graf lud mich zum Abendessen ein. Ich mochte nicht sagen, daß ich schon bei der Villa-Gräfin gegessen hatte, der gütigen Dame, die in Trauer ging und allgemein beliebt war. Sie war eine Schwester des Malers Graf Leopold von Kalckreuth.

Ich war recht fleißig, aber mein Mangel an Geschichts- und Sprachkenntnissen machte mir zur schaffen, und ich wollte mir doch vor den klugen Leuten und klugen Kindern möglichst keine Blöße geben. Es kam noch hinzu, daß ich oft kein Geld hatte, weil das wenige, was ich mir durch Schriftstellerei nebenher verdiente, nicht ausreichte.

Die Kinder weckten mich mit einem Ständchen. Sie trugen Tannenreiser mit buntem Papier verziert und sangen ein altertümliches Bettellied, wofür ich ihnen Pralinen schenkte. Die beiden Jungen des Grafen, Brüder und Peter, hatten Infanterieuniformen an und ritten auf ihren Ponys spazieren. Ich traf sie hinterm Park. Wir trieben Jux, indem ich vor ihnen entfloh und sie mich mit ihren Pferdchen zu überrennen suchten. Es waren nette Bengels. Der ältere, Brüder, konnte jähzornig werden. Peter war besonders drollig.

Nachts saß ich mit dem gräflichen Stenographen Albrecht und[279] dem Sekretär Paul Neugebauer noch lange in trockener Arbeit über dem Gesetzentwurf betr. Anlegung von Sparkassenbeständen in Inhaberpapieren.

Die Hofmeisterin der Kronprinzessin, eine Exzellenz von Alvensleben, kam zu Besuch.

Ich hatte auf die Beleuchtung meines Korridors verzichtet. Besuchte mich nun jemand auf meinem Zimmer, um ein Buch von mir zu leihen oder eine Auskunft einzuholen, so wiederholte sich oft folgendes: Feste Schritte nahten. Je näher sie kamen, desto unsicherer wurden sie. Plötzlich ein Anprall, und dann laut geschimpft »Der verfluchte Voltaire!«

Von den Kindern war Daja mein Liebling. In ihrem Aufsatz stand der Satz, »Der Biß der Kreuzotter tötet den Menschen, aber dem Igel tut das nichts.« Daja brachte mir Tulpen vom Gärtner. Ich baute und schenkte ihr »Das lustige Pferd«.

Jeden Morgen war etwas Neues grün. Die leuchtenden Wiesenstriche bekamen bunte Krokusflecken.

Neugebauer konnte sehr jähzornig werden. Zu Hause warf er dann mit Gegenständen, Tellern, Löffeln und dergleichen. Seine Frau paßte gut zu ihm. Sie besaß die Kunstfertigkeit aufzufangen. Infolgedessen nahm sich ein Wutausbruch im Hause Neugebauer wie eine artistische Nummer aus und verlief immer harmlos.

Meine Arbeit war sehr interessant. Ich ordnete den Nachlaß des Philosophen Wilhelm Dilthey, seltene Bilder und Zeitschriften kamen mir in die Hände. Ich durchblätterte verschnörkelte Dekrete, Patente, Urkunden, auf Seide gedruckte Widmungen. Der Kutscher kam zu mir, erbat sich ein Pferdearzneibuch.

Otto und ich schossen Mistelsträuße von den Akazien. Die Villa-Gräfin lud mich zum Tee ein. Ich spielte mit den Kindern. Sie besaßen alles Spielzeug, was es damals gab. Einmal im Jahr mußten die Knaben mit Bleisoldaten in einem besonderen Zimmer die Schlacht bei Leipzig aufführen, und zwar nach Stellung, Regimentern usw. streng historisch.

Tietzefreund, der wundervolle Diener, war mir zugetan. Er tat mir oft sehr leid, wenn der Graf ihn bei Tisch wie einen dummen Jungen abkanzelte. Tietzefreund hatte den Grafen schon betreut, als dieser noch ein Kind war.

Ich erhielt 50 Mark vom Grafen angewiesen, als Entschädigung für meine Reisespesen. Das kam mir sehr gelegen.

Püzze war die älteste Komteß, 13 Jahre alt. Sie brachte mir den[280] Text des Sommersingeliedes, das man mir vor kurzem als Ständchen vorgesungen hatte.


Rot' Gewand, schöne grüne Linde,

Suchen wir, suchen wir, wo wir etwas finde.

Gehn wir in den grünen Wald,

Da singen die Vöglein jung und alt,

Da singen ihre Stimm':

Frau Wirtin, sind Sie drin?

Sind Sie drin, so kommen Sie 'raus,

Bringen Sie uns ein Trinkgeld 'naus.

Wir können nicht lange stehn,

Wir müssen weitergehn.


Rote Rosen, rote blühn auf einem Stengel;

Der Herr ist schön, der Herr ist schön,

Die Frau ist wie ein Engel.

Der Herr, der hat 'ne hohe Mützen,

Die hat er voll Dukaten sitzen.

Er wird sich wohl bedenken,

Zum Sommer uns was schenken.

Die goldene Kette geht um das Haus.

Die schöne Frau Wirtin geht ein und aus.

Sie hat 'ne weiße Haube,

Ist schön wie eine Taube.


Weiße Fischlein, weiße,

Schwimmen in einem Teiche.

Der Herr ist schön, der Herr ist schön,

Die Frau ist wie 'ne Leiche.

Sie werden sich wohl bedenken,

Zum Sommer uns was schenken.


Mit den jüngeren Kindern trieb ich allerlei Scherze. Sie waren so verwöhnt, daß nur ein neuer Einfall sie noch interessierte und auch nur so lange, wie er eben neu war. Komteß Devy überbrachte mir geheimnisvoll ein Paket, das Veilchen enthielt. Irgendwo spürte ich doch die Kinderseelen, die so gefährlich mit einem Wust von Äußerlichkeiten und Wissenschaft überschüttet wurden.

Ich stand in der Bibliothek in meinem Staubmantel und blätterte gerade in der ersten Nummer des »Morgenblattes für gebildete[281] Stände«, wo ich ein geistvolles Vorwort von Jean Paul fand. Otto gesellte sich zu mir und klagte mir sein Leid. Er war mit Brüder und Rentmeisters Hans in Ohlau gewesen, wo diese seine Schüler ihr Examen machen sollten. Beide waren aber zum großen Kummer der Gräfin durchgefallen. Der Graf selber war derzeit verreist.

Püzze lud Fräulein Pönitz, Otto und mich zum Kaffee ein. Für die Kinder war etwas abseits ein kleines zweistöckiges Häuschen erbaut, Schwäbische Hütte genannt. Unten war eine komplette Kinderküche darin, alles Gerät schwäbisch und blank im Kinderformat, aber so, daß sie damit richtig kochen konnten. So gaben sie uns Erwachsenen mitunter dort ein Essen. Die Spiele, die sie sonst trieben, waren alle klug und mit Wissen verbunden. Ich fing eine Depesche auf, von Daja an Hans Dannenberg gerichtet: »Habe von Ihrer Flotte gehört und habe auch gehört, daß General Tulubu Seeräuber besiegt hat, und freue mich, daß er es so gut versteht. Mit Gruß Friedrich I.R.« Ich las den Kindern das »Wirtshaus im Spessart« vor und unterhielt sie mit Zauberkunststücken. Abends spielte ich mit dem Rentmeister Schach. Er hatte den Gesundheitsspleen, turnte nackt, aß nach Gesundheitsregeln und sprach immer nur über seine Gesundheit. Mit Apicius' Kochbuch, das ich ihm lieh, wußte er nichts anzufangen.

Irgendeine Hausdame feierte Geburtstag. Peter hatte ihr von seinem Taschengeld eine Brosche für zwanzig Pfennig gekauft. Er ging überall herum und fragte jeden: »Findest du sie schön?«

Otto war entlassen. Er war noch in letzter Nacht total betrunken in einen Kupferstich gestolpert. Der neue Hauslehrer kam, Herr Rommel, ein biederer jüngerer Herr. Ich führte ihn umher, zeigte ihm das Schloß, den Park, auch die großen Stallungen. Die Rinder hatten Namen, die je nach der Jahresklasse mit einem bestimmten Buchstaben anfingen. Also z.B. mit »M«: Mirabeau, Marc Aurel, Molière, Miltiades, meist lateinische Namen. Die Zuchtbullen erhielten Namen von griechischen Wüstlingen, Alcibiades, Dikäopolis, Alkmaion usw.

»Was macht denn Penelope?« fragte der Graf eine Kuhmagd.

»Was? Wer? Wa?«

»Was macht Penelope?« wiederholte der Graf.

»Wer? Wa?« – Die Magd begriff nicht. Der Graf wetterte über die Dummheit der Person. Bis der Inspektor hinzukam und der Magd erklärte, daß der Graf die kranke Kuh meine.[282]

»Ach, die Blesse? Der geht's wieder gut.«

Da der Graf Amtsvorsteher war, hatte er, oder als Vertreter für ihn sein Sekretär Neugebauer, mitunter kleine Gerichtsverhandlungen zu führen. Ich kam einmal dazu. Zwei Dorfbuben hatten eine Eule in die Turmuhr gepreßt und damit wahrscheinlich Uhr und Eule lädiert.

»Gesteht ihr ein?«

»Nein, wir waren es nicht.«

Neugebauer schraubte die Kopiermaschine auf. »Legt eure Hände hier zwischen!« Neugebauer schraubte so weit zu, daß die Bubenfinger leicht angeklemmt wurden. »Gesteht ihr ein?«

»Nein, wir waren es nicht.«

Neugebauer schraubte fester an.

»Ja, wir gestehen ein, wir waren es.«

»So, wollt ihr nun ins Gefängnis, oder soll ich euch fünfundzwanzig hinten drauf hauen?«

»Fünfundzwanzig hinten drauf«, schrien die Buben wie aus einem Munde. Die Exekution begann sofort.

Es gehörte zu meinen Aufgaben, die Kataloge durchzulesen, die von Antiquariaten laufend eingesandt wurden. Ich strich dann das an, was ich dem Grafen zum Ankauf empfehlen konnte und was der Bibliothek fehlte. Eine Bibliothek »Ressource« in der Nachbarschaft wurde aufgelöst. Man bot dem Grafen das gesamte Büchermaterial in Bausch und Bogen an. Er lehnte entrüstet ab, er sei kein Händler, sondern ein Sammler. Aber er wählte sich die wertvollsten Stücke aus. Darüber saßen wir bis tief in die Nacht. Es war sehr aufregend. Denn die Bücherei barg unübersehbare bibliophile Schätze. Nachdem der Graf gewählt hatte, kaufte sich Neugebauer vieles, und aus dem Rest erwarb ich mir noch an tausend Bücher, die ich in Kisten nach München sandte. Nur die französische Literatur schickte und schenkte ich meinem Vater. Dem ging es pekuniär nicht gut. Die Schriftstellerei brachte ihm nicht viel ein. Er hatte ein immenses Wissen und verbrachte jeden Tag noch viele Stunden lesend auf dem Diwan. Nun suchte und fand er an wandernden Bücherständen unter Schund wertvollere Bücher heraus, seltene Doktordissertationen und anderes. Was er so billig erwarb, säuberte er und restaurierte es sachverständig, klebte Vorsatzpapiere ein usw. Dann bot er die Bücher Museumsdirektoren oder Spezialsammlern an, und da er alles hochanständig und bescheiden tat, fehlte es ihm nicht an Käufern. Nun war er[283] allerdings über diesen Strom altfranzösischer Literatur, der sich ihm so überraschend ins Haus ergoß, geradezu erschrocken und schrieb beinahe vorwurfsvoll, er wüßte nicht, wo er den Platz hernehmen sollte, um soviel Bücher aufzustellen. Aber sehr bald freute er sich doch über die herrlichen Erstausgaben und Raritäten und dankte mir begeistert.

Ich machte mir den Scherz, im Gewölbe einige besonders wertvolle Bücher des Grafen zu verstecken und dafür unvollständige oder sonstwie wertlose Bücher aus meinem Besitz hinzustellen. Als ich dann mit dem Grafen und mit Rommel Billard spielte, sagte ich plötzlich zu Rommel: »Was ist das nun für ein alter Museumskram. Man sollte all diese Inkunabeln zerreißen.« Damit zerrte ich zwei von meinen Büchern heraus und riß sie in Stücke. Der Graf und Rommel machten entsetzte Augen, aber ich ließ sie nicht lange auf Erklärung warten.

Der Graf nahm mich mit auf eine landwirtschaftliche Inspektionsreise. Ein Jagdwagen fuhr uns nach den verschiedenen gräflichen Gütern und durch deren Felder. Die betreffenden Inspektoren ritten neben dem Wagen her und standen dabei dem Grafen Rede und Antwort.

»Guten Tag, mein Sohn.« »Guten Tag, meine Tochter.« »Der Klee steht dünn.« »Haben Sie hier nicht nachgesät?« »Das sind Mäuseflecken.« »Das muß 'raus, nur keine halben Ernten.« »Wieviel Polacken haben Sie?«

Hasen und Fasanen liefen uns über den Weg. Plötzlich griff der Graf nach dem Gewehr und schoß einen Hund tot. »Sie sollen nicht auf die Felder gehen.«

Der Graf war abergläubisch.

Ich liebte Yorck, und ich achtete sein großes Wissen und seinen Fleiß. Hätte er nur mehr Herz gezeigt, so hätte ich ihm gewiß ein junger Freund sein können.

Graf Hasso, ein Vetter des Grafen Yorck, kam zu Besuch.

Ich ging mit Förster-Rudi zur Karnickeljagd. Wir hatten ein Frettchen und den Jagdhund Treff bei uns. Ich schoß eine Eule aus weiter Entfernung.

Große Diners fanden statt. Für den Hauslehrer Rommel, die Hauslehrerin Timm und mich, also für das Unterhaus, war die Situation dann etwas bedrückend.

Krocketspiele im Garten. Fahrten mit dem Ponywagen. Gemütliche Stunden mit Rentmeisters im Garten zwischen weißem[284] Schlehdorn und dunklem Tannengrün. Es ging wie immer. Bald fand ich, das nicht alles Gold war, was glänzte. Es ging wie oft. Zwischen der Hauslehrerin Timm und mir war aus einer sehr schroff gezeigten Antipathie eine Sympathie geworden.

Der Graf nahm mich zu einer Pirschfahrt mit. Er war gut aufgelegt und teilte mir mit, daß er mir künftig ein monatliches Fixum von 50 Mark zahlen würde. Plötzlich schoß er zwischen meinen Beinen durch auf ein Wild.

Ich spielte Mandoline im Grünen Korridor, wo die Akustik mich begünstigte. Aber zwei Schwalben klecksten mir auf das Instrument. Vor diesem Protest zog ich mich zurück.

Frau Dannenberg sorgte für mich, wo sie nur konnte.

Zum Geburtstag der Gräfin führten die Kinder ein Theaterstück auf. »Künstlers Erdenwallen« und »Künstlers Apotheose«. Ich war Regisseur. Mit der Einstudierung gab es viel Ärger, weil die Kinder keine Lust an der Sache hatten, die eine Idee vom Grafen war. Es interessierte sie viel mehr, daß der Graf sich ein Auto angeschafft hatte.


»Und willst du diesen jungen Mann,

Wie er's verdient, dereinst erheben,

So bitt' ich, ihm bei seinem Leben,

Solang er selbst noch kau'n und küssen kann,

Das Nötige zur rechten Zeit zu geben!

Er fühle froh, daß ihn die Muse liebt,

Wenn leicht und still die frohen Tage fließen.

Die Ehre, die mich nun im Himmel selbst betrübt,

Laß ihn dereinst, wie mich, doch freudiger genießen.«


Das Haus war voller Gäste. Die Komtessen Kalckreuth mit ihrem musikalischen Bruder, der im Schloß Hannekitsch genannt wurde. Sie und ihre Mutter, die Frau des Malers Kalckreuth, waren für mich eine wahre Wohltat.

Jasmin blühte, und Rosen und Heckenrosen. Es gab im Wald und im Garten überall herrliche Wandelgänge, lauschige Plätze, malerische Winkel und verschwiegene Wege. Es gab Baumriesen und andachtsstille Grabstätten mit bedeutungsvollen Inschriften. Vor dem Strohhäuschen in der verwilderten Ecke zwischen einem feinen blauen Gras und wildem Mohn stand der Esel Faserkinn. Abends ging ich in die Dorfkneipe zu Kirzel. Um zwölf Uhr sagte der Schlachter zu den anderen Mehlköpfen am Stammtisch: »Wollt[285] ihr in einer Stunde Wellfleisch essen? Das Wasser ist noch warm, und die Sau wartet.« Die dicke Gertrud hielt mich für verrückt, seit ich ihr erzählt hatte, daß der englische Parlamentsredner Hunt Stiefelwichse fabriziert hatte.

Der Graf pflegte bei Tisch nicht nur an die Kinder, sondern auch an Fräulein Timm und an Rommel und an mich Fragen zu richten, die einem Verhör auf Wissen gleichkamen und die uns mit der Zeit mehr und mehr verstimmten. Als nun auch Graf Hasso seinen Vetter imitierte und uns auf Unwissenheiten festzulegen versuchte, gaben wir unserem Ärger so weit Ausdruck, daß wir uns nach den Mahlzeiten nach dem üblichen Handkuß zurückzogen. Im Salon mit den abscheulichen, orangefarbenen Plüschmöbeln und dem greulichen »S«-Stuhl sammelte man sich zu den Mahlzeiten. Auch dort und bei Gesellschaften hielten wir drei vom Unterhaus uns fortan möglichst beiseite.

Zwischen Fräulein Timm und mir bahnte sich eine schöne Freundschaft an. Wir besuchten uns Nacht für Nacht. Entweder sie mich oder ich sie. Ihr Zimmer lag sehr weit ab neben vielen Gästezimmern, und ich mußte jedesmal die weite Korridorstrecke ganz schnell und lautlos auf allen vieren zurücklegen, um ungesehen ihre Tür zu erreichen. Die öffnete sich auf ein gewisses Kratzen hin schnell. Dann saßen wir lange beieinander und sprachen Gutes und Schönes. Timmi hatte das Zimmer geschmückt und mir Früchte hingestellt. Wenn sie zu mir kam, fand sie auch immer irgendwelche Überraschungen, so zum Beispiel ein Eichhörnchenschwänzchen. Nach diesem nannte ich sie nun Eichhörnchen. Sie kam zur verabredeten Stunde, und mein Herz pochte mit dem ihrigen, bis ich die Tür hinter ihr schloß. Die Lampe hatte ich mit einem blauen Schal verhängt, und eine Flasche Meßwein vom Pfarrer stand bereit. Ich las Eichhörnchen meine Geschichte »Das Gute« vor, und wir knüpften schwärmerische Gespräche daran. Sie war ein lieber Trotzkopf, ein zuverlässiges, korrektes, gescheites Mädchen. Sie war als Hauslehrerin schon in anderen hochadeligen Häusern gewesen, und ihre Kleidung und ihr Benehmen waren gediegen. Vor allem aber hatte sie ein tiefes Herz. Wie lieblich konnte sie lachen! Dann sah man eine Reihe von ganz kleinen Perlenzähnchen. Ich mußte ihr aus meinem Leben erzählen, immer mehr, immer mehr. Wir malten uns aus, wie wir den dicken Post- und Wachtmeister ärgern wollten, indem wir bei ihm etwas recht Schwieriges, recht Kompliziertes aufgaben.[286]

Darüber lachten wir nun wieder. Wir ersannen geheime Ausdrücke für dies und jenes, und wir dressierten das Baby Hänsi, erst »Ä bebeh« zu sagen, ehe wir ihm eine Erdbeere in den Mund steckten. Timmi erzählte von ihrem Bruder und von ihrer rührend guten Mutter, die als Vortragskünstlerin im Lande umherreiste und selber vielen Annehmlichkeiten entsagte, um ihre Kinder versorgt und froh zu wissen. Mutter und Tochter liebten sich innig; wie mir manchmal schien, fast zu übertrieben.

Wieder wurde Theater gespielt. Bei den Proben redeten alle Gräfinnen und die anderen aristokratischen Damen drein. – Rommel und ich unternahmen mit den schwedischen Zofen A. und N. einen Waldausflug. – Rommel und ich stießen auf dem Grünen Korridor zusammen, als jeder von uns heimlich eine bestimmte Tür ölen wollte.

Die Erzieherin Dürchen Moll kam an, von den Kindern stürmisch begrüßt, von Rommel, Timmi und mir skeptisch angesehen, weil ihre Beliebtheit uns stutzig machte. Sie war schon früher im Hause gewesen und hatte auch an dem Bücherkatalog mitgearbeitet. Ihre Intelligenz wurde vom Grafen sehr geschätzt.

Abends wartete ich am Feldmarschallteich mit einer Blendlaterne, um Eichhörnchen zu überraschen. Im Wasser plätscherten kleine Tierdramen. Rote Fische furchten die Wasserlinsen und umkreisten Seerosen.

Ein großes Fest. Rosengeschmückte Tafel, schöne Damen in großer Toilette. Eichhörnchen in Rot mit ihren runden Schultern. Nachts lag eine schwüle Sinnlichkeit in der Luft im Park. Schatten huschten, und ein verabredetes Krähenzeichen ertönte. Dieser Park war zauberhaft schön. Um die Dämmerstunde schwebten Hunderte von Glühwürmchen umeinander wie Sterne im System auf verwundenen Bahnen. In dieser romantischen Natur führten die Kinder einmal Shakespeares Sommernachtstraum auf. Sonntags stelzte ein grün uniformierter Wächter dort herum.

Ich las so viel, daß meine Augen manchmal versagten.

Ich radelte spazieren, pflückte mir Kirschen von den Bäumen, holte Eichhörnchen ab, und wir wanderten durch den Wald. Die wilden Tauben gurrten, es klang, wie wenn ein Stock gegen Gitter oder über Speichen streift. Alles blühte. Mademoiselle begegnete uns und beklagte sich über die Kinder. Der Postbote brachte mir einen Brief aus China vom Onkel Martin. Das Kuvert war über und über mit Revolutionsmarken beklebt.[287]

Eichhörnchen ging in die Ferien, war voller Sehnsucht nach ihrer Mutter. Auch ich nahm zehn Tage Urlaub, war bei meinen Eltern mit meiner Schwester und meiner Schwägerin und mit Nichten zusammen. Darauf fuhr ich nach München zu Seelchen und den Freunden. Hinterher traf ich mich mit Eichhörnchen in Kosen »Zum mutigen Ritter«. Wir gondelten auf der Saale und fochten mit zwei harten Köpfen einen kleinen Streit aus.

Wieder Klein-Oels. Spaziergänge, Visiten, Erlebnisse, Gelage, Diners, Kaffeegesellschaften. Ich verliebte mich in eine schöne Dame X. von X., die zu Gast war, und da ich auf Gegenliebe stieß, ergaben sich galante und riskante Abenteuer. Nun kamen mir Gewissensbisse in der Frage, wie das enden sollte, wenn Timmi zurückkäme.

Die Stockrosen blühten. Wie in Halswigshof. Eine Tanzlehrerin aus der Schule Hellerau war engagiert, um den Komtessen rhythmischen Unterricht zu erteilen.

Eichhörnchen kehrte an meinem Geburtstag zurück. Rommel und ich empfingen sie im Pelz und mit Strohhüten und überreichten ihr Geschenke. Ich hatte ihr das Buch über die Giftmischerin Gesche Gottfried Timm aufs Zimmer gelegt, die Gräfin Yorck hielt das für roh und entfernte das Buch wieder. Eichhörnchen fand aber nachts meine »Schnupftabaksdose« mit einer Widmung unterm Kopfkissen und eine Flasche Sekt unterm Waschtisch, die ich mir von Tietzefreund erbeten hatte.

Bei der Mittagstafel hob der Graf sein Glas auf mein Wohl. Abends feierte ich mit Rommel bei Rotwein im Dorf. Nachts gestand ich Eichhörnchen meinen Flirt mit X. von X., worauf sie sehr verstimmt wurde. Auch die Rentmeisterin war darüber verstimmt. Ich wußte nicht, wie ich mich von X. von X. mit Anstand losmachen könnte. Notlügengespinste. Dann auf einer weiten Wanderung abends eine Aussprache mit Eichhörnchen, die mir weinend schließlich verzieh. Es folgten Klatschgeschichten. Dann reiste X. von X. ab, und die Ruhe war wiederhergestellt.

Ich richtete es so ein, daß mir verschiedene Personen begegneten, als ich noch spät nachts, mit schweren alten Folianten unterm Arm und einem Leuchter in der Hand, nach der Bibliothek ging. Und wer lange aufblieb, konnte noch beobachten, daß die Kerze den Rest der Nacht über in der Remise brannte, und mußte von mir denken: Der fleißige Bibliothekar arbeitet immer noch. In Wirklichkeit las ich in Eichhörnchens Zimmer meine eben vollendete Novelle vor »Der tätowierte Apion«. Die Hauptfigur darin war ein[288] Professor, mit dem eigentlich der Graf geschildert war. Auch hatte ich sonstiges Wahre mit Dichtung verquickt.

Der Graf nahm mich in seinem Auto mit, als er nach dem polnischen Ort Simmelwitz fuhr, wo er an einer Bezirksausschußsitzung teilnahm. Wir überfuhren mehrere Gänse. »Gehören nicht zu mir«, sagte er weiterfahrend. Während er in Simmelwitz seine Geschäfte erledigte, trieb ich mich müßig herum. In einer offenen Gruft fand ich einen weiblichen Totenschädel, den ich mitnahm und der später einmal Liberia Tut getauft wurde. Dann läutete ich die Sterbeglocke und beging überhaupt lauter Unfug.

Eine scheinheilige, stolze Exzellenz von Boguslawosky oder ähnlich. Mein Gott, was für niedrige hohe Menschen lernte ich kennen! Sie leben vielleicht noch. Ich will viele nicht nennen. Sicherlich habe ich oft auch ganz falsch gesehen.

Nach dem Abendessen las der Graf einer größeren Gesellschaft vor. Euripides, Pandora von Goethe und von dem spanischen Dichter Alarcon. Alle Damen waren entsetzt und nervös, niemand durfte unterbrechen, nicht einmal die alte Gräfin-Mutter.

Der Graf sagte gelegentlich: »Mich interessieren nur Autoren, die mindestens fünfzig Jahre tot sind.«

Mittags lag es oft wie eine Schwüle über der Tafel. Außer dem Grafen sprach eigentlich niemand etwas selbständig. Der Graf redete mit Esprit und Kenntnis, lebhaft und ironisch, wiederholte sich allerdings häufig, wie ich das auch von Seebach her kannte und verständlich fand. Wenn wir andern zehnmal gehört hatten, daß Lamettrie an Trüffelpastete gestorben war, dann vergaßen wir es nimmer.

Es wurden große künstliche Fischteiche angelegt. 135000 stecknadelgroße Fischlein wurden hineingesetzt. Alsbald stellten sich Wildenten und Reiher ein. Das war alles sehr interessant. Herr Neugebauer oder der Gärtner hatte mir eine alte ziselierte Flinte verkauft, die von einem Grafen von Schönaich-Carolath stammte und einen leichten Riß im Rohr hatte, weshalb niemand sich getraute, mit ihr zu schießen. Ich pulverte lustig damit los.

Intrigen, Klatsch, Hühnerjagden. Exzellenz der General Wildenbruch, ein Bruder der Gräfin-Mutter, kam zu Besuch. Es kam viel Besuch, einmal auch der Kardinalfürstbischof D. Kopp.

Eins oder das andere von den Kindern war krank. Die Gräfin lag wieder zu Bett, erwartete wieder ein Kind.

Mitte September. Erntefest für Klein-Oels. Die Leute zogen mit[289] Musik vors Schloß, die alte Schmidten im Rollstuhl. Der Inspektor hielt eine Rede. Er bedauerte, daß die Gräfin nicht erscheinen konnte, wünschte sie und die hochgräflichen Kinder bald in Gesundheit zu erblicken und endete mit einem Hoch auf den Grafen. Der Graf antwortete: Ich danke euch, Kinder, für die Mühe im verflossenen Arbeitsjahr. Der Inspektor hat ganz recht, wenn er sagt, es kommt niemals so schlimm, wie wir gefürchtet, und niemals so gut, wie wir gehofft, aber wir müssen eingedenk sein, daß alles zu unserem Besten von Gott gesandt wird ... Weil diesmal die alte Schmidten nicht tanzt, kann ich hier auch nicht tanzen. Wir wollen altem Gebrauch nach nun alle singen »Nun danket alle Gott« und zuvor – auch altem Brauch nach – eurem Inspektor ein Hoch ausbringen. Dann wurde der Graf bekränzt und verteilte Geld. Auch ich erhielt – – einen Kranz von dem Kuhknecht Petschrenk.

Rommel schlich die hintere geheime Wendeltreppe herab, um den geborstenen Mast herum, an breiten Mauern entlang, um heimlich für einen Trunk zu Lorke zu entwischen. Unten ließ er das Licht stehen. Ich wässerte aus Schabernack den Docht ein, dann folgte ich Rommel. Wir schimpften auf den neuen Kochlehrling, die dicke Bäckergertrud, die uns die faden Frühstücksbrote immer mit der gleichen Wurst belegte.


Ich hatte Akten zu ordnen.


  • A. Privatrechtliche Materien. Fideikommißakten. Wirtschaftliche Belege usw.
  • B. Öffentliche rechtliche Materien. Urbarien. Rezesse. Polizeiakten. Politische Materien. Wegesachen. Wassersachen. Mühlensachen. Kirchensachen. Eisenbahnen usw.
  • C. Akten zur Geschichte der Familie und des Besitzes. Akten, die den Feldmarschall betrafen, usw. und mit Unterabteilungen. Alte Schöppenbücher, Journale und Rechnungsbücher. Sowie Jahrhunderte alte Akten von Maltesermönchen geschrieben. Entzückend sauber und liebevoll verschnörkelt geschrieben. Auf ein herrliches Papier, das zum Schreiben lockte. Ich riß mir von den unbeschriebenen Seiten einige heraus.

Astern blühten. Das Weinlaub glühte grellrot im Park. Der Wald wurde durchsichtiger. Ich sandte an Seele und an die Eltern[290] Fasanen. Neuer Besuch. Die Gräfin Carola mit einer hübschen Lehrerin. Der Graf hatte seinen ersten Autounfall erlebt, was der Gräfin verschwiegen werden sollte. Er war ein paar Tage lang besonders freundlicher Stimmung.

Eichhörnchen suchte mich auf alle Weise zu erfreuen. So schrieb sie an berühmte Leute und erbat sich Autogramme, die sie mir dann schenkte, z.B. eine reizvolle Federzeichnung von Max Liebermann. Timmi hatte eine klare, feste Handschrift und einen liebenswürdigen Stil. Was sie sich vornahm, führte sie energisch und mit peinlichster Gewissenhaftigkeit durch.

Zänkereien und Stänkereien zur Befriedigung einer schürenden alten Dame, die wir vom Unterhaus »Entenschnabel« nannten. Rommel kümmerte sich zu wenig um die Kinder. Fräulein Timm nähme an dem Frühstück der Kinder nicht teil. Ich triebe gefährliche Albereien mit Daja auf meinem Zimmer und so fort.

Ich fing an, mich bei Tisch in eisiges Schweigen zu hüllen, soweit ich nicht gefragt wurde. Ich mochte auf die übergelehrten, sich selbst verherrlichenden Reden nicht eingehen. Ich konnte Fräulein Molls verworrene Philosophiererei nicht mehr hören. Die dreizehnjährige Komteß Püzze schien mir so unkindlich. Sie hatte auf einer Alpenreise offenbar keinen anderen Genuß gefunden, als sich – allerdings mit Witz und guter Beobachtungsgabe – über fremde Menschen und fremde Einrichtungen zu mokieren. Es bedeutete für mich auch keine Auszeichnung mehr, wenn Graf Ernst, der Bruder des Grafen, oder sonstwer mir gelegentlich zuprostete.

Mein Liebling unter den Kindern blieb Daja. Sie gab sich am einfachsten und ungezierter als die andern. Ich brachte ihr ein Wort bei, das gar keinen Sinn hatte, das ich aber in einem Zuge ganz schnell hersagte. Es war von mir sinnlos erfunden und hieß: »Orotscheswenskiforrestowskiofurchtbariwucharisumaniusambaripipileikakamankabudi babalutschistaneilemamittararakandara.«

Ich hatte Tage dazu gebraucht, um es auswendig zu lernen. Das etwa achtjährige Mädchen konnte es nach wenigen Stunden ohne zu stocken hersagen.

Es gab verwöhnte Angestellte, und gab arbeitsüberlastete Angestellte im Schloß. Der Diener Robert lief treppauf, treppab und sah sehr blaß aus. Ein anderer Diener hatte gekündigt und wurde nun plötzlich frech. Es gab manchenorts Murren über unzureichende Kost. Timmi sprach sich nach langem Entschluß mit der Grafin aus. Wie die Gräfin ihre Kinder einer Person zur[291] Erziehung geben könnte, die von den gräflichen Eltern als minderwertig behandelt würde.

Die neunzackige Krone und das Hauswappen standen auch auf der täglichen Speisekarte. Ein Menü sah beispielsweise so aus:


3. Oktober 1912

Artischockensuppe

Lachsforellen Sce. Colbert

Rehziemer mit Duchessekartoffeln

Krammetsvögel, Chaudfroid

Perlhühner, Salat, Kompott

Edelpilze

Pflaumenkuchen, Käsebiskuits

1893er Geisenheimer Altbaum

Champagner

1900er Chateau Latour

Dessert


Die gutmütige, kranke Gräfin E. war so ehrgeizig, daß sie weinte und schimpfte, weil sie im Park einen bestimmten Weg nicht wiederfand. – – Meine Kaffeemaschine explodierte zum drittenmal. – – Ich opferte mein Frühstück der stiefmütterlich behandelten Hündin Bella. – – Und das Gewächshaus war neu hergestellt, was für Eichhörnchen und mich eine Rolle spielte. Unsere nächtlichen Zusammenkünfte gestalteten sich immer aufregender. Oft hockten, lauerten wir stundenlang regungungslos zwischen Hangen und Bangen. Waren beinahe erwischt oder wußten nicht, ob wir erwischt wären. Es gab Situationen, wie sie Spione im Feindesland durchmachen. Unser Gehör war aufs feinste trainiert, wußte: Dies Geräusch kommt vom Schloß, dies vom Sofa, dies ist ein leiser, einmaliger Schlucker in der Weckuhr, das ist Holzwurm, dies sind die Schritte des Wächters und, o Gott, das ist »Entenschnabel«.

Graf Yorck von Wartenburg wollte seinem erlauchten Ahnherrn ein Denkmal setzen, und zwar an der Stelle, wo dieser die berühmte Konvention von Tauroggen geschlossen hatte. Er fuhr dazu nach Rußland und verhandelte mit dem Bauern, dem das Grundstück gehörte, und als dieser zu unverschämt forderte, mit dem Gouverneur. Die Verhandlungen zogen sich in die Länge. Einmal war der Gouverneur auch in Klein-Oels zu Gast. Schließlich[292] erhielt der Graf den Platz, den er brauchte. Das Denkmal war ein sehr schöner Stein, vom Maler Kalckreuth und Professor E.R. Weiß entworfen. Es wurde feierlich eingeweiht im Beisein hoher deutscher und russischer Persönlichkeiten. Wir vom Unterhaus waren nicht dabei. Aber ich erfuhr von Teilnehmern hinterher, daß der Graf ein auserlesenes Festmahl gegeben, zu dem die Speisen von Borchardt aus Berlin gesandt wurden. Dieses Essen sei aber später ganz in den Schatten gestellt worden durch das pompöse, üppige und glanzvolle Gegendiner des russischen Gouverneurs.

Die Gräfin besprach mit mir, was man dem Grafen zum Geburtstag schenken könnte. Schließlich bestellte ich die Goethebüste von Schadow aus dem Jahre 1816. Fräulein Moll übte kunstlos und ungeschickt ein Tanzspiel ein. Am Geburtstag brachte Exzellenz eine nette, nicht gerade natürliche Rede aus, deren Schluß die Jugend zum Wort aufforderte, worauf Brüder etwas stockend eine lateinische Rede ablas.

Ich las Dantes Göttliche Komödie in der Witteschen Ausgabe. Mich begeisterte das Porträt, der Kopf Dantes. Aber der Göttlichen Komödie war ich nicht gewachsen. Das packte mich nicht so wie etwa der Faust, von dem ich gerade eine seltene, einzeln erschienene Ausgabe für fünfundsiebzig Mark im Auftrag des Grafen erworben hatte.

Bei großen Gesellschaften spielte unser Unterhaus gar keine Rolle. Sonst im kleineren Kreis – wir mochten meist zehn bis fünfzehn Personen bei Tisch sein – ergaben sich versteckte Reibereien zwischen Unterhaus und Oberhaus. Selbstverständlich führte die Gräfin dem Platz nach das Präsidium. Sie war still und korrekt; wenn sie in die Unterhaltung eingriff, belesen und versöhnlich. Es kam aber vor, daß sie die Tafel unter verhaltenen Tränen verließ. Daneben saß der Graf und leitete das Gespräch auf irgendwelche hochwissenschaftlichen Themata. Das Unterhaus schwieg. Die Rede kam auf irgendwelche verstorbenen oder fernstehenden Personen, und das Wort Ignoranten fiel. Das Unterhaus schwieg. Im Oberhaus kam die Rede auf Titulationen usw. Der Graf sagte gelegentlich: »Seiner Hochgeboren« muß man ausschreiben. Man kann dergleichen Titulierungen überhaupt negieren, wenn man das aber nicht tut, muß man korrekt sein.

Vielleicht hatte er damit recht. Vielleicht hätten wir vom Unterhaus, oder wenigstens Eichhörnchen und ich vieles negieren müssen. Vielleicht hätten wir zu einem gewissen Zeitpunkt[293] energisch, höflich unser Handwerkszeug hinlegen und gehen müssen. Aber dieser gewisse Zeitpunkt war nie nackt da, und wir wußten nicht, ob er schon überschritten war oder kommen sollte.

Die von mir so verehrten Kalckreuths waren wieder zu Besuch da. Den Kindern war ein Kanarienvogel entflogen und hatte sich in einen Baumwipfel vorm Haus geflüchtet. Nun standen die Mädchen und ein paar alte Damen ratlos um den Baum, und ich wollte gern der Retter der Situation werden. Ich erkletterte den Baum. Ehe ich aber noch nach dem Vogel greifen konnte, flog dieser auf und davon in der Richtung zum Park. Die Verfolgung wurde als aussichtslos aufgegeben, und ich fühlte, daß man mich wieder einmal für einen dummen Tölpel hielt. Das wurmte mich. Als es dunkel war, durchstreifte ich den Park und wedelte mit einem Taschentuch alle Büsche ab. Und auf einmal flatterte der Piepvogel auf und ließ sich sofort wieder im nächsten Busch nieder, durch sein gelbes Gefieder deutlich erkennbar. In großer Aufregung warf ich mein Taschentuch nach dem Tier. Das Glück war mir günstig. Ich konnte den Vogel ergreifen und im Taschentuch nach dem Schloß tragen. Ein paar Damen saßen noch mit den Kindern zusammen. Ich gesellte mich klein dazu, fragte, ob der Vogel inzwischen gefunden wäre. Nein, natürlich nicht. Einige von den Kindern waren richtig betrübt über den Verlust. Da trat ich an den leeren Bauer, legte mein Taschentuch hinein und sagte: »Hier ist der Piepmatz wieder.« Wie ein Napoleon stand ich auf einmal da. Die goldige Gräfin Kalckreuth knickte sofort eine junge, vielleicht kostbare Palme ab und überreichte sie mir.

Im Dorf grüßte mich alles. Ich wurde hie und da zu Eisbeingesellschaften oder Kuchenessen eingeladen.

Jagdhörner weckten mich. Im Hof wimmelte ein Hofstaat. Uniformierte Kutscher, Jäger und Lakaien. Jagdwagen. Viele Gäste waren erschienen. Auch die Gräfin Veronika und Herr und Frau von Klitzing.

Fasanen, Schnepfen, Hasen und Karnickel. Rommel und ich waren zur Jagd nicht aufgefordert. Rommel kam deshalb auch nicht zu dem Jagddiner. Ich kam wohl, aber spielte den Beleidigten. Der Graf entschuldigte sich verbindlich und lud mich für die nächste Treibjagd ein. Er toastete auf den schlechtesten Jäger des Tages, Herrn Dr. von Katte.

Als ich an der Teichbank auf Eichhörnchen wartete, kam ein richtiges Eichhörnchen zu mir, dann aber auch das unrichtige.[294]

Eine Mondscheinnacht. Die Luft war draußen wärmer als in den Zimmern. Ich saß mit Timmi oben im Kochhäuschen, wo man nach vier Seiten hin über die helle Wiese sah. Ich beklagte mich darüber, daß mich alle für dumm hielten. Eichhörnchen tröstete mich. Es wüßte niemand, daß ich ein Künstler wäre. Und dann weinte sie über den Gedanken, daß sie sich einmal von mir trennen müßte.

Ich hatte in der Doublettenkammer zu tun. Im Kirchgang sah ich ein meterhohes Krähennest.

Dann wieder ein großes Diner mit frostiger Konversation. Abends zog ich mit Eichhörnchen auf blätterüberschütteten Wegen nach dem Fischteich. Wo die kleine Hütte aus Teerpappe stand, ließen wir uns nieder. Ich steckte einen Rechenstiel in die Erde und befestigte einen brennenden Papierlampion mit einer Haarnadel daran. In dieser Beleuchtung las Eichhörnchen Kiplings »Das Licht erlosch«, und ich dichtete. Auf dem Heimweg erzählte sie mir sehr anschaulich vom Verlauf der gestrigen Jagd. Von den sprühenden Federn in der Luft. Von der geifernden Mordlust oder Schießlust des Jagdkönigs Rittmeister von Tschirschky.

Generäle und andere neue hohe Gäste kamen. Zum Diner um halb acht Uhr war Frack befohlen. Jeder Herr mußte zwei Damen zu Tisch führen. Es gab unter anderem einen ganz seltenen Wein, von dem wir Unterhäusler nichts abbekamen. Sonst war ich aber äußerst vergnügt und hatte Eichhörnchen hinterher viel zu berichten, und auch sie hatte Merkwürdiges an der Tafel erlebt.

Wieder weckte mich Hörnerweckruf vom Hof und vom Korridor her. Die Sonne schien auf bereifte Dächer. Ich zog meinen Sportanzug an und steckte ein Eichhörnchenschwänzchen an mein grünes Hütchen. Der Fürstengruß wurde den ankommenden Jägern dargebracht. Dann ging es los. Erster Trieb. Die Reihe der Treiber und darunter komisch vermummte Weiber mit hohen Stiefeln schwärmten aus. Ich kam mit Neugebauer hinter den Grafen Bassewitz und dessen Büchsenspanner zu stehen. Ein paarmal rasselte Schrot bedenklich nahe an mir vorbei. Eine Kette von Fasanen flog auf. Piff-paff. Nun sah ich die sprühenden Federn in der Luft und sah getroffene Kaninchen sich überschlagen.

Später half ich dem Gärtner Pohl an der Strecke. Er wollte aus totem Geflügel und Wild einen Basse formen, das Wappentier des Grafen von Bassewitz.[295]

Ich ging zum Kaffee zum Förster. Lahme und wunde Fasanen suchten mit letzter Kraft zu entfliehen, wurden aber meist von den Weibern des Nachtriebes gepackt und totgeschlagen. Als man die Jagd abblies und die Scheiterhaufen um die Strecke aufloderten, schlich ich mich von der Gesellschaft hinweg, streifte traurig und lange durch den Wald. Tietzefreund hatte Rommel und mir bereits angedeutet, daß wir zum Diner diesmal überflüssig wären. Der gute Alte brachte uns das so zart und ungern bei. Er hatte selber ja einen viel schwereren Stand als wir.

November, Eichhörnchen lief weinend zur Rentmeisterin. Die Rentmeisterin lief weinend zum Rentmeister. Der Rentmeister war aufgeregt. Ich war aufgeregt. Viele waren aufgeregt. Folgendes war geschehen: Ich hatte seit einiger Zeit den Auftrag, gewisse Arbeiten an vielen Aktenbündeln im Büro des Sekretärs zu erledigen, weil dort ein großer Tisch freistand. Das paßte Herrn Neugebauer nicht recht, und da war es nun über einer Lappalie zu einem Wortstreit zwischen uns gekommen, und aus dem Wortstreit war eine regelrechte Prügelei entstanden. Gerade zu einer Stunde, als zwei wegen tätlichen Angriffs angeklagte Bauern im selben Zimmer von Neugebauer verhört werden sollten. Das ergab nun alles mögliche Kleinliche und Große. Rommel, der für mich hätte zeugen können, zeigte sich nicht. Eichhörnchen weinte und schwur, sie würde sofort gehen, wenn ich gehen müßte. Ich tröstete sie und stellte mich fröhlich und las ihr und Rentmeisters meine neue Novelle »Das Grau und das Rot« vor. Fräulein Moll war zugegen und bemerkte etwas spitz, daß diese Geschichte, in der ich einige Charakteristika des Rentmeisters und sonstiger Personen vom Schloß verwandt hatte, recht instruktiv wäre. Ich war überzeugt, daß sie das dem Grafen brühwarm überbringen würde, hatte aber durchaus kein böses Gewissen. Eichhörnchen und Frau Rentmeister suchten auszukundschaften, wie Neugebauer gestimmt wäre und ob er die Angelegenheit dem Grafen melden würde. Sie hielten mich durch kleine Privattelegramme auf dem laufenden. Den Rentmeister bat ich, meinetwegen nichts bei dem Grafen zu unternehmen. Ich ließ meine Akten aus dem Sekretariat auf mein Zimmer schaffen und schickte Neugebauer zwanzig Mark zu, die ich ihm noch für Bücher schuldete.

Der Graf kam von auswärtiger Jagd zurück. Nun mußte die Entscheidung fallen. Es war der Geburtstag des jungen Grafen Peter. Draußen stieß der Sturm in das raschelnde dürre Laub. Ein[296] Dohlenschwarm umkreiste kreischend den Turm. An der Villa stand noch blauer Kohl vor einem Hintergrund von rotblättrigem Gesträuch. In der Abendsonne tanzten Mücken ihren Totentanz.

Ein paar Tage lang schnitt mich der Graf. Dann ließ er mich rufen. Er drückte sein Bedauern über den Vorfall aus und sagte in verbindlicher Form, daß er sich die Angelegenheit ein paar Tage lang überlegen wolle. Rommel hatte gegen mich gezeugt.

Als der Graf von einer kurzen Reise wieder zurückkehrte, kündigte er mir per 1. Januar. Er kleidete das in äußerst liebenswürdige und scharmante Worte und drückte mir nahezu bewegt die Hand. Ich war ganz gefaßt und in vieler Beziehung sogar froh. Aber das liebe Eichhörnchen weinte tagelang, und auch die Rentmeisterin war ehrlich betrübt.

Die treue Seele schrieb, ich wäre ihr in München herzlich willkommen.

Schwärmerische, liebeswarme Zusammenkünfte und Ausflüge mit Timmi. Fast niemand genoß wohl den herrlichen Park, den Garten und alles dort so wie wir. Mit wem sonst konnten wir darüber reden? Wenn uns beiden das Herz davon voll war, erinnerte der Rentmeister plötzlich an die zu bestellende Wringmaschine, oder die Rentmeisterin kam auf das Huhn zu sprechen, das auf den Baum geflogen war.

In meiner derzeitigen Stimmung machte mir das Buch »Braut von Rörvig« von Bergsöe großen Eindruck. Ich hatte so etwas wie Sehnsucht nach Seefahrt. Nachts weinte ich an Eichhörnchens Brust, und derweilen rußte wieder die Lampe, und alles, alles war auf einmal schwarz punktiert. Eichhörnchen wischte weinend.

Im Salon erzählte Timmi sehr lustig, wie sie einmal eine Weste mit einem Regenschirm geflickt und dann den Regenschirm wieder mit der Weste geflickt hatte. Ich wartete sehr auf Geld vom »März«, weil ich mir nicht sicher war, ob mir der Graf zu Weihnachten ein Geldgeschenk machen würde. Timmi wollte Weihnachten bei ihrer Mutter verleben. Sie hatte der Gräfin einen Wunschzettel eingereicht, den ich in einen Vers kleiden mußte. Sie wünschte sich Geld, aber dieser Wunsch wurde ihr abgeschlagen.

Kalte, verschleierte Mondnächte. Am 19. Dezember schrieb ich oder wollte ich an eine versteckte Wand in meinem Zimmer schreiben:
[297]

Hier wohnte ich und dachte dem nach,

Was ich gesehen, was jeder sprach.

Mein Auge strahlte, mein Auge ward naß

Und wurde wohl blind in zielwirrem Haß.


Der Graf stöberte in meinem Zimmer herum unter dem Vorwand, Bücher zu holen. In Wirklichkeit interessierte er sich offenbar sehr für meine Novelle »Das Grau und das Rot«. Er fragte mich gelegentlich, nachdem er mir ein paar ungewöhnlich freie Witzchen erzählt hatte: »Sie haben doch eine Novelle geschrieben und bei Rentmeisters vorgelesen? Sie sind mit Rentmeisters ziemlich intim? Auch mit Fräulein Timm? Sie duzen sich?«

Die letzten Abende mit dem Grafen verliefen sehr nervös. Auch wenn die Gräfin dabei war, die sich ja immer nur vornehm ihrem Mann anpaßte oder schwieg. Ich hatte noch viel Arbeit mit Luther-Erstausgaben der 1520 er Jahre, die dem Grafen billig aus Rouen angeboten waren. Mit Eichhörnchen zusammen führte ich noch eine längst geplante Bescherung für Tietzefreund aus. Wir bauten blitzschnell ein Tischleindeckdich für den rührenden Alten auf.

Ich sagte dem Grafen, daß ich gern am nächsten Montag abreisen würde. Es schien mir dabei fast so, als habe er die Kündigung längst bereut und als hätte er gewünscht, daß ich stillschweigend weiter dort bliebe. Er kam auch jetzt gleich auf Shakespeare zu sprechen.

Ich hatte in Breslau für Eichhörnchen ein Medaillon aus Gold herstellen lassen, ein einfaches Herz, das nur die Worte »Schloßtage 1912« und ein Geheimzeichen enthielt. Wir packten unsere Sachen, waren beide sehr nervös. Ich sandte Kisten mit Büchern voraus an Seele und kaufte auch noch Enten, Hasen, Fasanen.

Meine Erzählung »Der tätowierte Apion« war endlich im »März« erschienen. Der Graf war von der Novelle derart begeistert, daß er einen ganzen Stoß von dieser »März«-Nummer kaufte und verschenkte. Er las die Erzählung seiner Frau und Fräulein Moll und aller Welt vor.

Die Frage, ob mir der Graf eine Gratifikation schenken würde, wurde immer aktueller. Denn der »März« sandte das Honorar nicht, und ich hatte kein Geld zur Abreise. Der Rentmeister meinte, einer Andeutung entnommen zu haben, daß mir der Graf eine Pelzmütze schenken würde. Ich verfluchte diese Pelzmütze im voraus. Ich wollte sie auf die Zeus-Büste von Otricoli stülpen. Aber nun traf das »März«-Honorar doch ein. Hurra![298]

Ich gab mir Mühe, meine Arbeiten für den Grafen noch recht anständig zu erledigen. Am 22. Dezember 1912 fuhren Eichhörnchen und ich ab, Eichhörnchen in Urlaub zu ihrer Mutter und ich nach München. Eichhörnchen wollte vom Urlaub aus kündigen. Wir hatten es so eingerichtet, daß wir bis Forst zusammen fuhren. Die uns von der gräflichen Familie mitgegebenen Pakete, die wir erst zu Weihnachten öffnen sollten, rissen wir im Coupé sofort auseinander und tauschten lachend die Gaben aus, die sie enthielten. Bismarcks Erinnerungen, ein Etui, ein Kragenbeutel, Gebäck.

Die Trennung in Forst war innig-traurig.

Ich besuchte nun zunächst meinen Bruder in Döbern und dankte von dort aus dem Grafen für die Geschenke und alles mir erwiesene Gute. Auch an Rentmeisters schrieb ich. Sie antworteten mir, der Graf hätte sich intensiv nach etwaigen Schulden erkundigt, die ich hinterlassen hätte und die er gar zu gern bezahlt hätte.

Quelle:
Joachim Ringelnatz: Das Gesamtwerk in sieben Bänden. Band 6: Mein Leben bis zum Kriege, Zürich 1994, S. 275-299.
Lizenz:
Kategorien:
Ausgewählte Ausgaben von
Mein Leben bis zum Kriege
Mein Leben bis zum Kriege.
Mein Leben bis zum Kriege
Mein Leben bis zum Kriege. Autobiographie
Joachim Ringelnatz: Die schönsten Gedichte /Mein Leben bis zum Kriege

Buchempfehlung

Lohenstein, Daniel Casper von

Sophonisbe. Trauerspiel

Sophonisbe. Trauerspiel

Im zweiten Punischen Krieg gerät Syphax, der König von Numidien, in Gefangenschaft. Sophonisbe, seine Frau, ist bereit sein Leben für das Reich zu opfern und bietet den heidnischen Göttern sogar ihre Söhne als Blutopfer an.

178 Seiten, 6.80 Euro

Im Buch blättern
Ansehen bei Amazon

Buchempfehlung

Geschichten aus dem Biedermeier III. Neun weitere Erzählungen

Geschichten aus dem Biedermeier III. Neun weitere Erzählungen

Biedermeier - das klingt in heutigen Ohren nach langweiligem Spießertum, nach geschmacklosen rosa Teetässchen in Wohnzimmern, die aussehen wie Puppenstuben und in denen es irgendwie nach »Omma« riecht. Zu Recht. Aber nicht nur. Biedermeier ist auch die Zeit einer zarten Literatur der Flucht ins Idyll, des Rückzuges ins private Glück und der Tugenden. Die Menschen im Europa nach Napoleon hatten die Nase voll von großen neuen Ideen, das aufstrebende Bürgertum forderte und entwickelte eine eigene Kunst und Kultur für sich, die unabhängig von feudaler Großmannssucht bestehen sollte. Für den dritten Band hat Michael Holzinger neun weitere Meistererzählungen aus dem Biedermeier zusammengefasst.

444 Seiten, 19.80 Euro

Ansehen bei Amazon