Als wir Lichtbratl haben gefeiert.

[213] In unserem Oberlande ist bei Schustern und Schneidern der Brauch, daß sie »von Patrizzi bis Micheli«, d.h. von Mitte März bis Ende September nur bei Taglicht arbeiten. Am Anfange dieser Zeit und am Ende derselben sind also die kürzesten Tagewerke, so etwa gutgemessen »von sechs bis sechs«. Der Handwerker arbeitet auf der Ster im Taglohne, und da sieht es der Bauer gerne, wenn er früh aufsteht und spät Feierabend macht, was im Sommer und im Winter auch stattfindet. Im Winter steigt der Handwerker morgens fünf Uhr aus dem Neste, arbeitet ein paar Stunden, dann kommt die Frühsuppe, arbeitet wieder vier Stunden, dann kommt das Mittagsmahl, arbeitet fünf Stunden, dann kommt das Jausenbrot, arbeitet eine Stunde, dann kommt die Abenddämmerung, in welcher er eine halbe Stunde Lichtfeier hält, arbeitet nach derselben wieder zwei Stunden, hernach kommt das Nachtmahl, nach demselben arbeitet er noch eine bis zwei Stunden, dann wird es zehn Uhr und Zeit zum Schlafengehen. Wenn dann der Schustergeselle einmal hört, daß in den Städten und Fabriken die Leute täglich nur acht Stunden und bei erhöhtem Lohne arbeiten wollen, sprengt er vor Zorn unversehens eine Ahle ab und brummt: »Da muß ich hin. Die Leut' haben den Himmel auf Erden!«[214]

»Und die Höll' in der Ewigkeit!« schreit der Meister, und reißt seinerseits vor Zorn den Garndraht entzwei. »Ja freilich, weil sie die viele freie Zeit dazu brauchen, um die Höll' zu verdienen, und den hohen Lohn, um die Hölle zu kaufen!«

Zu meiner Handwerkerzeit wird noch selten ein solches Wort gefallen sein. Wir fürchteten uns redlich vor der Hölle, wie es einem katholischen Christen ansteht, und freuten uns mitunter ein bißchen auf den Himmel, obzwar unser Schneidergeselle, den wir den Mehreren hießen, einmal etwas zweiflerisch bemerkte: »Was ich für ein Luder bin! Ich glaub's nit, daß ich in den Himmel komm', ich glaub's nit!«

»Nur fleißig arbeiten, nachher hast uit Zeit zur Luderei!« Mit diesem nach beiden Seiten hin vorteilhaften Rat schnitt der Meister das Gespräch ab.

»Zu Micheli,« wenn die Nachtarbeiten bei Kerze oder Kienspan anhuben – damals gab's kein Petroleum, noch weniger etwas Elektrisches, wenn man den Blitz und die jungen Schneider ausnimmt – fand ein kleines Fest statt, das »Lichtbratel«. Führt der Meister am Tage des heiligen Michael oder den darauffolgenden Sonntag seine Gesellen und Lehrbuben ins Wirtshaus, läßt ihnen eine Maß Wein auftragen, ferner Schweinsbraten mit Salat, und es gibt oft bei Musik einen lustigen Abend, mit welchem die weniger lustigen in der Werkstatt eingeleitet werden.

Zur Zeit war der Mehrere noch bei uns, und da spielte er einen Herrn. Als die erste Weinflasche gekommen war und er davon gekostet hatte, schob er sie[215] zurück und sagte: »Den soll nur der Lehrjung trinken. Geschwefelt ist er.«

»Wenn der Wein geschwefelt ist, so soll ihn der Wirt selber trinken,« entschied der Meister, »wir zahlen unsere Sach' redlich und wollen auch redlich' Sach' haben!«

Am Ofentisch hockte ein alter Mann mit wackelndem Kopfe. Er war sehr sorgfältig rasiert und hatte dichtes nußbraunes Haar. Man hatte ihn auch schon gesehen, als er nicht rasiert gewesen war und kein nußbraunes Haar aufgesetzt gehabt hatte, da gab's einen eisgrauen Bart und einen knochenkahlen Schädel. Man würde sich kaum darum gekümmert haben, wenn der alte Lackenlippel, wie er hieß, nicht kurz zuvor sich ein junges Weib genommen hätte.

Dieses Weib war eben erst noch beim Ofen gesessen, ein fröhliches, lebhaftes, dralles Ding, welches – nun, das geht mich nichts an.

Daß ich nur hübsch würdevoll weiter erzähle! Als der Lackenlippel wahrnahm, uns Schneidern wäre der Wein nicht recht, machte er einen langen Hals herüber und sprach in seiner Fistelstimme also: »Wenn die Herren den Wein stehen lassen, so bitt' ich drum, ich mag ihn schon.«

Mehrere Gäste wurden nun aufmerksam auf den Alten, und der Tonhöfer Knecht rief ihm zu: »Ja, du Lippel, wo hast denn heut' dein Weibel?«

Der Lipp blickte etwas befremdet auf die Ofenbank zu seiner Seite, schaute dann in der Runde umher und piepste: »Ich weiß nit! Ich weiß nit, wo sie ist, mein' Alte. Just vorhin ist sie dagewesen. Na, sie wird halt ein bissel in die Küche hinausgegangen sein zur Frau[216] Wirtin. Die Weiberleut' haben alleweil was miteinand, he he. Vergelt's Gott, Meister Natz, wenn er mir gehört!« Mit den letzten Worten bestätigte er den Empfang des Weines; den mein Meister vor ihn hingestellt hatte.

Der Wirt brachte eine frische Flasche, die er mit den Worten: »So, der ist besser, da ist auch Bleizucker dabei!« vor uns auf den Tisch stellte.

Unser Meister fragte beim Wirte nun bescheidentlich an, ob er nicht auch ordinäre Weine hätte, ohne Schwefel und ohne Bleizucker, ganz ordinäre?

Der Wirt antwortete, er hätte schon so etwas im Keller, doch es wären die Knechte nicht daheim. – Wozu die Knechte? – Ja, die müßten den Trinker bei den Ohren halten, einer rechts und einer links. – Wir verstanden die alte Überlieferung und ließen es bei dem bißchen Bleizucker bewenden.

Ich trank Wasser und bewahrte mir – um der Geschichte vorzugreifen – die Fähigkeit, am nächsten Tage dem Meister und dem Gesellen kalte Umschläge um den Kopf machen zu können.

Mittlerweile unterhielt der Tonhöfer Knecht sich mit dem Lackenlippel, immer wieder fragend, wo denn der Lipp sein feines Weibel habe?

Neben dem Tonhöfer Knecht saß der Kartenthom, ein abgefeimter Strick, nebstbei Viehhändler. Dieser stieß den Knecht fortwährend mit dem Ellbogen und flüsterte: »So sei still! Gunn ihm's, dem Tischler! Bist du auch froh, wenn einmal Faschingtag ist, weißt! Dem Alten ist eh' alleweil kalt, laß ihn ruhig sitzen beim Ofen und mach' ihm lieber was vor, daß er sitzen bleibt.«

Aber es war zu spät; der Alte war unruhig geworden,[217] kratzte sich auf der Perücke und murmelte: »Das kann ich mir selber nit denken, wo sie kunnt sein. Hab' ihr einen Kaffee zahlen wollen, und jetzt rennt sie fort. – Trauderl!« rief er ganz kleinmütig und machte Anstalt aufzustehen. »Ihr Kopftuch ist da, und ihr Jopperl ist auch da, weit kann sie nit weg sein. – Trauderl!«

»Lippel!« sagte nun der Wirt, der den traurigen Gesellen aus der Wirtsstube gern beseitigen wollte, »Lippel! Magst denn nit ein bissel zu der Leonore hinausgehen, auf ein Mariascherl! Dieweil kommt dein Weibel wieder.«

Die Leonore, so hieß die alte Schwester des Wirtes, welche seit Jahren von der Gicht an ihr Zimmer gebannt war und ihr einziges Lebensglück nur in einem Kartenspielchen fand, wenn ihr jemand half. Aber der Lipp fühlte jetzt gar keinen Antrieb zu einem christlichen Krankenbesuch; er raffte sich zusammen, um nach dem Weibchen zu forschen.

In die Küche stolperte er hinaus und fragte nach seiner Alten. In der Küche schmorte die Köchin an unserem »Lichtbratel«, schlürfte die Wirtin an ihrem Kaffee, und die Lackentraudel war nicht vorhanden. Im Vorhause war sie früher von der Kellnerin gesehen worden und jetzt keine Spur von ihr. Der Kaffee war fertig, er soll heiß getrunken werden, da ist er am besten – aber wo ist die Traudel?! – Der Lipp hub an, im Hause umherzuhasten. Auf einmal rief der hautschlechte Kartenthom laut: »Der Lipp hat sein Weiberl verloren! Wir wollen sie suchen gehen, wer ist dabei?«

Hei, die Schneider sind dabei! Unser Mehrerer war's, der sich sofort bereit erklärte, sich der Expedition anzuschließen, und ich – blieb natürlich nicht zurück,[218] denn Entdeckungsreisen, die waren in der Jugend meine Passion.

Die Wirtin gab ihre Meinung ab: »Wo wird sie denn sein, die Traudel? Bei der Nähterin Leni wird sie sein. Hat sie mir doch heute erst gesagt, ihr blau gestreifter Wollenrock, sie müßte ihn weiter machen lassen. Bei der Nähterin wird sie sein.«

»Und ist auch nit anders!« bestätigte der Lipp. »Der Wollenrock, schau du! Zu mir hat sie aber nichts gesagt, das ist ein Band! Aber sein wird's eh! Mein Gott, wie gut ich's mit der Traudel hab' getroffen!« rief er uns allen zu, ganz glückselig aufgeregt war er. »Und jetzt will ich ihr doch gleich den Kaffee nachtragen, ehe er kalt wird, meiner Trauderl!«

Denn die Nähterin Leni wohnte in einem Häuschen der Nachbarschaft und wir schlossen uns dem Alten an, der mit seiner Schale und dem Kipfel gar fürsorglich dahinsiffelte und doch mehr als die Hälfte des köstlichen Getränkes unterwegs verschüttete.

Die Nähterin Leni saß eben auf einem hölzernen Einfuß unter ihrer Ziege und molk sich die Abendsuppe aus dem Euter. Die Trauderl war nicht bei ihr, und die Leni wußte keinen Bescheid.

Der alte Lipp stand sehr verblüfft da mit seiner Schale. »Jetzt kann ich ihn selber austrinken! Daß aber schon gar kein Verlaß ist auf die Weiberleut', schon gar keiner! Jetzt ist sie heimgelaufen und hat mir gar nichts davon gesagt.« Er wollte wieder ins Wirtshaus zurück, da lispelte ihm der Mehrere ins Ohr: »So leicht möcht' ich's nit nehmen an deiner Stell'! Ein junges unerfahrenes Weibsbild!...«[219]

»Trauderl!« rief der Lippel, »was hat der Satan denn fortzulaufen von mir! Ein schlechtes Zücht, dieses Weibervolk!«

»Wenn ihr die Lackentrauderl sucht, die wird halt beim Pfarrer oben sein,« meinte nun die Nähterin. »So viel ich weiß, hat sie die Vorstandsstelle des Jungfrauenvereines noch nicht niedergelegt. Das wird sie jetzt machen wollen, und da wird sie halt hinausgegangen sein.«

»Und ist auch so!« bestätigte der Lipp zuversichtlich. »Weil sie eine gewissenhafte Person ist, meine Traudel, ei, das wohl!«

»Aber schauen sollten wir doch, ob sie oben ist!« rief der Kartenthom, dem daran gelegen war, den Alten in Atem zu halten und in den Weiten umherzuführen, – aus Freundschaft für den Tischler.

»Gut ist's, gehen wir zum Pfarrer!« sagte der Alte. Und wir gingen selbander mit ihm.

Es dunkelte schon der Abend, als wir in den Pfarrhof kamen. Der würdige alte Herr war noch im Garten, eben beschäftigt, ein Gewächs zu betreuen. »Schön guten Abend!« rief er uns zu, »ich tu' gerad' meinen Spargel binden.« Sein Spargel, das war aber ein Schopf Schnittlauch, und der Schnittlauch, das sei – wie uns der Pfarrer sofort versicherte – das beste und gesündeste Gewürze; auf seinen Tisch komme jahraus, jahrein keine Suppe, kein Knödel, keine Tunke, kein Kraut ohne Schnittlauch, und was es denn bedeute, daß er noch so spät abends ehrenwerten Besuch habe?

»Gestorben ist niemand,« versicherte der Tonhöfer Knecht.[220]

»Angekommen auch niemand,« setzte der Kartenthom bei.

»Gott sei Dank!« antwortete der Pfarrer.

»Mein Weibel!« sagte nun der alte Lipp, »hat sie nicht zugesprochen vor einer halben Stund' oder wann? Die Traudel? – Nicht? Ja höllisch, wo ist sie denn nachher hin? Die kriegt's, wenn sie heimkommt!« Die beiden Fäuste streckte er schreckbar drohend in die Luft.

»Wenn sie aber nimmer heimkommt!« gab der Kartenthom zu bedenken.

»Wie meinst das, Thom, wie meinst das?«

Sprach jetzt der Pfarrer: »Dein Eheweib ist dir davon? Lipp, die kommt schon wieder. Und wenn sie frischen Schnittlauch sollt' brauchen, ich habe heuer recht viel nachgezügelt.«

Wir sagten höflich gute Nacht, mein Mehrerer sogar »Küß die Hand, Hochwürden!« ohne es zu tun, wonach er uns bemerkte, dieser schöne Ausdruck sei die einzige Lüge, die man auch einem Pfarrer offen ins Gesicht sagen könne.

Als wir wieder hinabschritten gegen das Wirtshaus, packte der alte Lackenlipp den Kartenthom plötzlich am Arm und pfauchte: »Mit deiner Red' früher, was hast damit gemeint?«

»Mit welcher Red'?«

»Daß sie vielleicht nimmer heimkommt?!«

»Kann sie nicht in den Mühlbach gefallen sein?« gab der Thom mit fürchterlich ernster Miene zurück. »In das Vorhaus ist sie gegangen, im Vorhaus ist sie das letztemal gesehen worden. Rinnt knapp vor der Haustür nicht der Mühlbach vorbei? Das Brückel ist nit[221] breit, die Weibsleute sind schwindlich, auf ja und nein liegt eine unten. Ja, mein lieber Lipp, es ist kein Spaß nit!«

Schon während der Rede des Thom hatte der Lipp angefangen, leise zu wimmern, und jetzt brach er aus: »O meine Trauderl, was ist das! Wird doch das nit sein, daß du mich verlassen hast! Du mein Liebestes auf der ganzen Welt. – Nein, 's ist nit, 's ist nit, sie tut mich nur necken. Das ist ein Galgenstrick, dieses Weibsbild! – Trauderl! Mach' keine Geschichten, geh' herfür Mit so Sachen spaßt man nit. – Wenn's aber doch wär'! Im Mühlbach! Auweh, auweh, mein liebes, gutes, schönes Weiberl!«

So ging es durcheinander, der Alte schluchzte und lachte, betete und fluchte, und so eilten wir dem Mühlbache zu. Da es ganz finster geworden war, so meinte mein Mehrerer, er müsse ins Wirtshaus gehen um eine Laterne, ich möge nur die Tote suchen helfen, das wäre ein Werk der Barmherzigkeit. Er würde auch bald wieder da sein. Wir gingen dem Bache entlang; der Kartenthom voraus, stets eifrig spähend nach dem Leichnam der Verunglückten; insgeheim aber war sein Denken also: Tischler, heut' kannst du mit mir zufrieden sein.

»Ich denke,« sagte der Tonhöfer Knecht, »wir lassen den Mühlbach rinnen wie er will und kehren ins Wirtshaus zurück. Die Traudel hat sich gewiß schon gefunden.«

»Wahr ist's!« rief der alte Lipp, »und am End' sucht sie jetzt mich!«

»Ist leicht möglich.«

»Du gutes Trutscherl, und suchst mich und grämst dich um mich, es kunnt mir was geschehen sein. Geh',[222] Narrl, dummes, liebes! Nur ein bissel Geduld, wirst mich ja bald wieder haben!« Und eiligen Schrittes dem Wirtshaus zu.

Der Kartenthom und ich gingen hintendrein, der Thom lachte vergnüglich über den Spaß; mir kam der Spaß schon etwas säuerlich vor. Unser Weg ging an der Kugelbahn vorüber, wo bei Kerzenlicht mehrere Burschen in Hemdärmeln und mit Tabakspfeifen im Munde kegelten. Darunter auch der Tischler Andreas. Als der Thom diesen sah, ging er langsam auf ihn zu, zerrte ihn in det: Winkel und flüsterte ihm ins Ohr: »Bist gescheit gewest?«

»Wer, ich?« fragte der Tischler ganz laut. »Ich gescheit, wieso?«

»Der dir den Alten aus dem Weg geschafft hat, das war ich! Weißt!«

»Was geht mich der Alte an?«

»Aber vielleicht sie! Die Junge! Wie du einmal was hast fallen lassen!«

»Dummheiten!« sagte der Tischler.

»Wirst aber doch derweil die Gelegenheit beim Schopf genommen haben, heut'!«

»Ich hab' Kugel geschoben, und du laß mich dabei in Fried!«

»Geh', geh', Kamerad, tu' nit so – recht gut wirst dich unterhalten haben.« Also der Thom und zwinkerte mit den Augen.

»Das hab' ich auch,« sagte der Tischler Andreas scharf, »aber nit so, wie du meinst, schlechter Kerl! Kann ja sein, daß sie mir einmal gefallen hat, wie sie noch ledig ist gewesen, aber ein Schmarotzer bin ich nit.[223]

Was ich nehm', das zahl' ich, mein Lieber, und nach Verheirateten mag der jagen, der keine Ledigen mehr kriegt und ein Lumpenhund ist!«

»Geht das mich an?« fragte der Thom spitzig.

»Wenn du's brauchen kannst, wird mir ein' Ehr' sein.«

»Du, Andreas!« begehrte der Thom auf.

»Ist's dir etwan nit recht?!« sagte der Tischler und stellte seine stramme Gestalt sehr nahe vor den Thom hin. Das kam diesem ungemütlich vor, und er vere-zog sich rasch.

Der Andreas erfaßte – da die Reihe just wieder an ihm war – gelassen die Kugel, gleichmäßig rollte er sie den Laden hinaus, und draußen war ein so mächtiges Geklapper, daß ich heute noch glaube, es fielen wenigstens alle Neun.

Endlich ins Wirtshaus zurückgekehrt, erinnerte ich mich an das Lichtbratel. Aber es war schon vorüber; der Mehrere, welcher früher hineingegangen war, »um die Laterne zu holen,« warf gerade den letzten Brocken unter den Tisch hinab, wo seiner der Hund wartete.

Vom Salat war auf dem Teller noch der Essig da; mein Meister schob mir den Teller zu: »Das ist dir geblieben. So geht's, wenn man den Frauenzimmern nachläuft.«

Ebenso einfach als das »Lichtbratel« hatte sich die Angelegenheit des Lackenlipp entwickelt. Der Alte kauerte völlig gebrochen beim Ofen, und sein Weib war immer noch nicht zum Vorschein gekommen. Jetzt wurden wir aber wirklich neugierig, wohin sie geraten sein konnte und ganz geheuer kam mir die Geschichte nicht vor. Da war[224] es, zur Zeit des Nachtmahls, als die Kellnerin von der Hinterstube zurück kam, wohin sie der alten, siechen Leonore die Nudelsuppe getragen. Sie stemmte ihre runden Arme in die Seite, tat einen Lacher und rief: »Jetzt weiß ich schon, wo die Traudel steckt.«

Alles fuhr fragend auf: »Nau?«

»In der Hinterstube, mit der Leonore tut sie schon die längste Zeit Karten spielen.«

»Das verfluchtelte Weibmensch!« kreischte der alte Lipp, und hieb seine magere Faust auf den Tisch. Des weiteren blieb er sitzen und ließ sich ein frisches Seidel Wein geben, wobei ihm sehr gemütlich ums Herz zu werden schien.

»Trink', Bub!« rief er mir plötzlich zu, »du bist brav, du hast auch suchen geholfen. Du bist ja der Lehrjung, nau, die sind alleweil hungerig und durstig, trink' nur rechtschaffen! Und beiß' eine Semmel dazu.«

Demnach merkte ich, daß der Lippel, den wir so gefoppt hatten, eigentlich sehr vernünftig war.

Der Lackenlipp war überhaupt so ein wenig sonderbar. Seit er in seinem fünfundsechzigsten Lebensjahre geheiratet hatte, dachte er nichts mehr, als sein Weibel.

Die Trauderl hatte ihn genommen, weil sie sich vor den jüngeren Mannsleuten so schwer zu erwehren gewußt, und weil es von diesen jeder nur auf eine lose Liebschaft abgesehen hatte, sie aber doch ihr Lebtag gern einmal heiraten wollte. »Die Alten sind leicht behalten«, nach diesem Sprichworte nahm sie den Lipp und war soweit zufrieden.

Der Alte war's nur zeitweise. Sein Weibel gab sich nämlich nicht immer genau so, wie er sich's gedacht[225] hatte, sie war manchmal ein bißchen launisch und trotzig und flatterhaft. Der Lipp würde in solchen Zeitläuften vor Wut mit den Zähnen geknirscht haben, wenn er noch welche gehabt hätte; in Ermangelung dieses Rachemittels tat er etwas anderes, er enterbte sein Weib. Er schrieb sein Testament: »Im Namen Gottes! Mein Vermögen gehört der Junggesellenbruderschaft, der ich so lange angehört habe, und mein Weib, die soll nichts haben! Philipp Lackensimpler.«

Ein andermal war das Weibel wieder überaus besorgt um ihn, war herzig und zutunlich und knüllte ihm das Ohrläppchen. Der Lipp zerriß das alte Testament und schrieb ein neues: »Im Namen Gottes! Sonst kein Mensch hat von mir was zu hoffen. Mein ganzes Geld kriegt die Herzliebste, die Trauderl allein. Philipp Lackensimpler.«

Als er starb, fand man in sein Wollenhemd eingenäht zwei Testamente; in dem einen war Universalerbe die Junggesellenbruderschaft, in dem andern das liebe Eheweib Gertraud. Und die beiden Urkunden waren an einem und demselben Tage verfaßt, so daß nicht zu sehen, welche die neueste, also gültige ist. – Jetzt standen sie da. Auch der Notar stand da.

Die Junggesellenbruderschaft nahm natürlich sogleich einen Advokaten; die Traudel nahm keinen, sondern zog sich zurück und meinte, um Totengeld wolle sie nicht prozessieren.

Und zu dieser Zeit, als der Tischler Andreas hörte, daß die Trauderl wieder gar arm und verlassen war, ging er hin zu ihr und trat mit dem Spaße ein, er sei da, um sie zu heiraten. Es war aber kein Spaß, denn[226] bald setzte er sehr ernsthaft bei, sie habe ihm schon vor Jahren gefallen. Seither habe sich sein Geschäft gehoben, und jetzt hole er, wenn sie nichts dagegen einzuwenden habe, sein Weib.

Also hat es sich zugetragen, daß gerade wieder bei einem Lichtbratelabend Handwerker und anderes Volk im Wirtshause versammelt waren.

Der Tischler Andreas feierte auch Lichtbratel, denn er saß neben seiner vergnügten Braut. Es war eben der Gerichtsdiener gekommen und hatte den Leutchen einen großen Bogen Papier gebracht. Das ist sonst fast allemal zum Erschrecken, wenn eine solche Person und ein solches Papier kommt, Gott weiß es und der Leser vielleicht auch. Diesmal stand's anders; es war ein ganz köstliches Lichtbratelpapier. Denn in demselben stand – von der löblichen Gerichtssprache ins Deutsche übersetzt – folgendes: Wenn der Philipp Lackensimpler zu gleicher Zeit zwei Testamente ge macht hat, eins auf Ja und eins auf Nein, so heben sie einander auf und es ist, als ob gar keins da wäre. Und der Gerichtsdiener erklärte weiter: »Wenn aber beim männlichen Tode gar keins da ist, so gehört das, was da ist, dem Eheweibe, in diesem Falle der Jungfrau Braut!« Er verneigte sich vor der Traudel. »Und mir gebührt eine Zustellungstaxe von achtzig Kreuzern!«

Quelle:
Peter Rosegger: Waldheimat. Band 3: Der Schneiderlehrling, Gesammelte Werke von Peter Rosegger, Band 16, Leipzig 1914, S. 213-227.
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