Historia: Ein wunderbarlich gesicht keiser Maximiliani löblicher gedechtnus von einem nigromanten

[231] Als keiser Maximilian,

der großmechtig und teure man

löblicher gedechtnus, regiert,

das ganz römisch reich guberniert,

het er sonderlich lieb und gunst

zu allerlei sinreicher kunst,

tet auch kein kost, mü und fleiß sparn,

artliche künste zu erfarn,

het auch mancherlei kunst verstant,

die er auch übt mit munt und hant;

darauf het er vil größer acht,

den sonst auf allen pomp und pracht;

hielt kunst und weisheit für ein schatz.

derhalb hetten auch bei im platz

allerlei künstner, so hin kamen

gen hof mit was titel und namen,[231]

die hetten all futter und mal

zu hof im keiserlichen sal.

eins tags dem keiser obgenant

auch gen hof kam ein nigromant,

ein schwarzkünstner, der sich anzeiget

dem keiser, der im wurt geneiget,

wie er im künt herbringen ton

drei geist drei namhafter person,

ob die geleich vor langen jarn

mit tode abgeschiden warn,

mit aller form, gstalt und geberden,

wie sie hetten gelebt auf erden,

im die künt under augen stellen,

welche er wolt, solt er her zelen.

der keiser ob der kunst het wunder

und auserwelet im besunder

dise drei namhaftig person

mit nam, zeigt im erstlichen on

Hector von Troia, des küngs son,

Priami, solt er bringen ton

in all seinen armis und wer,

wie er im troianischen her

verwalten het die hauptmanschaft

in küner, teuer heldes kraft,

den Achilles auch het erschlagen.

die andr person tet er ansagen,

die schönen küngin Helena

her aus Lacedemonia,

des künigs Menelai weib,

die aller schönest frau von leib,

die im Paris, des künigs sun,

von Troia het entfüren tun;

in all irem geschmuck und zier,

höflichkeit und geberden ir

solt er sie bringen aller gstalt,

wie man sie beschreibet und malt.

und zu dem dritten solt er da

bringen die fürstin Maria,

sein gmahel, die durchleuchting frauen,

die wolt er herzlich geren schauen,[232]

herzog Karls tochter von Burgunt,

welche vor kurzer tag und stunt

durch unfal am gejeit vor allen

war von eim pfert zu tot gefallen.

wo er die person überzelt

durch sein kunst im persönlich stelt,

doch iederman genzlich on schaden,

so wolt er sein denken in gnaden

von wegen seiner schönen kunst

mit schenk und ander woltat sunst.

der nigromant im antwort gab:

ja, ich wils tun, doch merkt vorab,

der geist bring ich euch allesander,

iedoch ornlichen nach einander,

und wenn ir eins gnug habt geschaut,

so stopft mit einem finger laut

auf den tisch, so wirt der geist weichen,

aus dem kreiß zu der tür ausschleichen;

iedoch sol eur gnad an dem ort

stil sitzen und reden kein wort;

wo ir ein wort darunder ret,

ir unglück uns beid bringen tet.

das bwilligt der keiser zu tan.

nach dem der nigromant fieng an,

macht ein weiten kreiß in dem sal

mit bloßem schwert, darein zu mal

macht vil charakter, kreuz und zeichen

und tet sein beschwerung heimleichen.

geschwint trat in den kreiß hinein

Hector von Troi, der helt allein,

ganz ernstlich und trutziger gstalt,

starker glidmaß, doch nit zu alt,

ungleicher augn, ein herlich man;

der het ein stehlen panzer an,

ein sturmhut auf dem haupte sein,

mit golt ein gwechs geschmelzt darein,[233]

am hals hieng im ein breiter schilt,

darin von golt ein löw gebilt,

trug ein mortaxt in seiner hent,

vol scharpfer spitzen aller ent,

welche all noch tropften von blut,

und als sam mit frech künem mut

in dem kreiß vor dem keiser stan.

der wurt zum teil entsetzt darvan,

doch als er sein recht gnug gesach,

da stopft er auf den tisch darnach;

zu hant der geist wich aus dem sal

mit tapfern schritten ab zu tal.

bald trat nach dem in sal hinein

Helena, die schön künigein,

in einem schönen güldin stück,

het umb ir haupt köstlich geschmück

von golt, perlein und edlem gstein,

güldin ketten und halsbant rein.

ir angsicht und alle glidmas

so adelich gebildet was,

sam wers abgestigen von himeln,

ein gürtel von klingenden zimeln

der het umbfangen iren leib,

in summa das aller schönst weib,

freuntlicher, holdseliger gstalt,

geiler art, doch der jar nit alt,

ir euglein zwinzerten von fern,

geleich dem hellen morgenstern;

zwischn augbraen het sie ein meslein,

ein roten munt, ein kleines neslein,

stunt also höflich wolgetan

und sach den keiser frölich an.

der saß in heimlich großem wunder

und beschaut sie mit fleiß besunder

von den füßen biß an das haubet,

entlich zu weichen ir erlaubet;

zu hant sie aus dem kreiß tet prangen.

nachdem kam sitlich eingegangen[234]

Maria, sein fürstliche gmahel,

der lieb und treu war fest wie stahel,

trat züchtiglich zu sein genaden,

bekleidt, wie sie het gnommen schaden,

in eim blauen rock angetan,

demütig vor dem keiser stan,

in aller gstalt, weis und geber,

als ob sie noch im leben wer,

ganz sitsam, tugentreicher art,

doch sam traurig betrübet hart,

und den keiser senlich anblicket,

dardurch im keiser sie erquicket

sein brünstig lieb, die vor den tagen

er ir het herziglich getragen;

und die lieb tet sein herz vergwalten

und mocht sich lenger nit enthalten,

fur auf mit herzlichem verlangen

und wolt mit armen sie umbfangen,

und schrei gar laut: das ist die recht,

von der mein herz all freud empfecht!

in dem der geist balt schwint und runt

mit eim greusch aus dem kreiß verschwunt,

mit eim dampf und lautem gebrümmel;

auch wurt vor dem sal ein getümmel,

des der keiser erschrak zu hant.

zu dem saget der nigromant:

eur gnad solt uns mit dergleich dingen

all beid umb unser hels wol bringen,

eur gnad weiß, das ich solchs verbot.

die lieb ist gleich stark wie der tot,

sagt der keiser, die nöt mich ie,

anzureden die liebst allhie,

so ich ie het auf diser ert,

welche ist aller eren wert.

nach dem zu dank mit reicher gab

fertigt den nigromanten ab,[235]

der im das wunderbar gesicht

zu Insbruck hette zugericht,

wie solchs vor sechs und vierzig jarn

von seinr gnad hofgsint hab erfarn

zu Wels, weil ich noch ledig was,

das mir warhaft anzeiget das.

dem und uns allen wöll got geben

nach disem zergenglichen leben,

das uns ewige freud aufwachs

im himlischen hof, wünscht Hans Sachs.


Anno salutis 1563., am 12. tag Octobris.


Quelle:
Hans Sachs: Dichtungen. Zweiter Theil: Spruchgedichte, Leipzig 1885, S. 231-236.
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