[37] Was ich nun in vorliegendem Werke biete, behandelt lediglich das Stillleben. Ich habe es vom Munde des Volkes weg geschrieben und mich bemüht, die natürliche Einfachheit in seinen Mittheilungen beyzubehalten. Nicht im Bauernkittel, aber auch nicht in Ballhandschuhen, sondern im ländlichen Sonntagsstaate soll erscheinen, wie das Volk denkt und spricht. Schon viele Jahre her ist es mein Streben, Sitte, Sage und Mundart der Oberpfalz zu erforschen. Seit mir auf der Hochschule Professor Phillips Grimm's Deutsche Mythologie in die Hand gab, geht der Gedanke mit mir, in gleicher Richtung die Oberpfalz, von der nahezu Nichts bekannt ist, zu beschauen. Doch ging es hart, da ich mich seit den Jahren, daß ich zusammentrage, darauf beschränken mußte, meine Landsleute hier in München aufzusuchen und ein inquisitorisches Verfahren mit ihnen anzustellen. Weiber und Weber der Heimat ließen sich gegen kleine Geschenke und Bewirthung in der Regel gerne herbey, sich als Inquisiten mir gegenüber zu setzen und wurden ganz mittheilsam, wenn ich der Erste war, in der heimatlichen Mundart zu erzählen. Es erfordert große Uebung, gerade dasjenige, worauf es ankommt, herauszufragen und an Geduld darf es nicht fehlen. Diese Leute können sich nämlich der Ansicht nicht entschlagen, daß ein Gebildeter unmöglich an solchen »Dummheiten« Gefallen finde und fassen sogleich Argwohn, daß man sie zum Besten haben wolle. – Daß mir vorzugsweise die östliche Hälfte der [38] Pfalz zugänglich wurde, liegt darin, daß dort das Wandern durch die Armut gleichsam geboten ist, ich also aus jenen Gegenden die Mehrzahl dahier traf.
Schriftliche Mittheilungen aus der Heimat, der ich ferne bleiben mußte, gingen mir nur von wenigen Orten zu. – Für sie mein aufrichtiger Dank. – Wer von den Gebildeten sollte auch Sinn haben für das, was er nicht kennt oder gar von vorneherein mißachtet! – So stand ich allein und bin es noch.
Ich habe demgemäß vorerst die drey Hauptabschnitte des menschlichen Lebens, Hochzeit, Geburt und Tod, zu dem Hauptinhalte gegenwärtiger Schrift gewählt, wohl wissend, daß in dieser Richtung noch das Wenigere geschehen ist. Theils besteht das Vorhandene nur in kurzen Bruchstücken, theils ist die Färbung des Dargestellten so eigentümlich, daß die Wahrheit darunter leidet. Der Dichter sieht Alles im rosigen Kleide warmer Phantasie, der Gelehrte aber legt den kalten Maßstab klassischer Bildung an. Was jener mundgerecht macht und damit zu hoch stellt, stößt dieser als üble Auswüchse von sich und erniedriget es unter seinen wirklichen Werth. Außerdem war die Aufgabe um so schwerer, als mir nur zerstreute Anhaltspunkte bekannt wurden, und diese mühselig zusammen gelesen werden mußten, weshalb ich noch ferne stehe, ein abgeschlossenes Ganze, wie ich gewünscht hätte, zu geben. Kraft und Gelegenheit reichen nicht hin, solches in kürzerer Frist zu liefern als in einem Menschenalter. Doch habe ich für meine Landsleute den Anfang gemacht; an ihnen liegt es, durch Mittheilung des ihnen [39] zu Gebote Stehenden aus nächster Nähe mich in den Stand zu setzen, einestheils die Sammlung zu ergänzen, anderntheils aber nach der eigentümlichen Natur der Gebräuche in den verschiedenen Gegenden bey denselben Anlässen das Gewonnene zu scheiden in jene Gränzen, welche zur Erforschung der Stammesunterschiede führen. Ist es nicht möglich, aus den überkommenen geschichtlichen Quellen hierüber klar zu werden, so darf man nicht verzweifeln, daß durch die Erhebung des Eigentümlichen in Mundart, Sitte und Charakter es gelingen werde, einen Schritt weiter zur Wahrheit zu gelangen. Das Volk ist bisher zähe gewesen und hat mit wunderbarer Kraft der Centralisation und Uniformirung widerstanden. Auf wie lange noch?
Jeder dieser Abschnitte, an sich schon reich an mythischen Bezügen oder Verwandtschaft mit altertümlichen Rechtsanschauungen, mußte aber eine eigene Beygabe dadurch erhalten, daß dem Tage die Nacht, dem Lichte die Finsterniß, dem Genusse die Gefahr zur Seite steht. Wenn der Brautstand die eigentliche Hochzeit des Lebens, bis dahin die Bahn eine aufsteigende ist, so sind es dunkle Gewalten, welche in diesen Sonnenschein des Glückes ihren giftigen Mehlthau fallen lassen: der Liebe schließt sich der Liebeszauber an. Kommt der Mensch als Kind zur Welt, so tritt er augenblicklich in Kampf mit finsteren Mächten, welche die Mutter, so das Leben gab, und das Kind, so ins Leben hineintrat, vernichten wollen; Drud und Wechselbutt sind die drohenden Gestalten. Und steht der Mensch an dem Wendepunkte, wo er hinaustreten [40] soll aus dieser Welt, nachdem er seine Aufgabe gut oder übel gelöst hat, so ist es die Ungewißheit des künftigen Schicksales, die Furcht vor einem Richter und einer Strafe, welche den scheidenden Erdensohn mit Bangen erfüllen. Hier tritt dem Menschen die Geisterwelt entgegen, von der ich vorerst eine zwar dunkle aber im Hintergrunde erhellte Seite in der Abhandlung von der armen Seele liefere.
Die Erde wurde von dem Herrn der Welt dem Menschen in Dienstbarkeit gegeben: ihre Erzeugnisse, im Schweiße des Angesichts gewonnen, sollen ihn nähren und kleiden. Diese Seite habe ich in den Abschnitten von den Hausthieren und der Feld frucht behandelt. Aber auch hier drängt sich der Feind ein: was auch der Mensch schaffen will, immer fühlt er, daß er ringen, streiten, siegen müsse, um es hervorzubringen. Feindliche Kräfte stehen auf, wo er sich heimisch macht, und wehren ihm den Raum. Dieses gab Anlaß zur Besprechung der volkstümlichen Anschauungen von Hexe und Bilmesschneider, welche den Menschen am Ende seiner Arbeit und Plage noch um den Genuß des Lohnes, den Nutzen vom Vieh, die Frucht vom Felde zu bringen trachten.
Diese Personifikationen des Uebels, das in der Welt ist und dem Menschen an der Ferse sitzt, sind im Heidentume geboren und entwickelt: eine solche Anschauung des Bösen im Erdenleben war auch geeignet, den Menschen in Verlassenheit zu erhalten. Hoffnung und Trost fehlten. »Der Neid des unerbittlichen Schicksales will es so!« [41] ist Inbegriff heidnischer Weltanschauung. Diesem Schicksale entgehen selbst die Götter nicht: wie sollten sie dem Menschen helfen können! Und doch erscheint das Heidentum in mancher Beziehung so edel, wie in dem Gefühle der Dankbarkeit gegen seine Götter, in dem offenen Bekenntnisse derselben. Weit steht der heidnische Germane dem Christen der Gegenwart voran, dem Dankbarkeit eine unwillkommene Bürde wird. Wo wäre jetzt der Christ zu finden, der wie der Heide bei sei nem Festmahle, beim Zweckessen seines Gottes gedächte, ohne mit Hohn überschüttet zu werden! Diese Scham vor äußerem Bekenntnisse des Glaubens ist das Grundübel, der Wurm, der an dem Baume des Christentums frißt.
Das Licht des Christentumes hat zwar auf die Nacht den Tag und zu der Hoffnung des Judentums die Liebe gebracht, welche die zerrissenen feindlichen Elemente vereinen soll zu gegenseitig ergänzendem Zusammenwirken. Aber der Mensch bleibt auch im Lichte der Sonne Mensch: auch in der Mitte des Tages liegt noch gar Vieles hinter den Bergen seinem forschenden Auge verborgen. In seiner Schwäche will er der Vorsehung vorgreifen und verirrt sich auf gleiche Weise wie der Heide. Er zündet in seiner Befangenheit auch dem Teufel eine Herze an: wer weiß, wozu es gut ist.
Ein guter Freund durchlas das Hauptstück über den Liebeszauber und äußerte mir sein Befremden über die Menge Heidentums, welche im Volke noch vorliege, sowie über den Eindruck des Gelesenen, der ihn auf einige Stunden ins Heidentum zurückgeworfen hätte.
[42] So arg ist es indessen bey unserem Volke nicht bestellt. Wohl ist dasjenige, was neben und im Rücken der Kirche geglaubt und geübt wird, aus heidnischer Zeit überkommen, aber es hat die Spitze verloren; es ist mehr zum Scherze, zum Versuche geworden, wenn sich das Volk solchem Aberglauben hingibt. Als Herkommen, nichts weiter, wird es angesehen und die Tochter thut es nur, weil es die Mutter gethan. Schon weiß der junge Nachwuchs Weniges mehr und dieses nur halb. Der Einfluß von Schule, Heerwesen, Wandern und Auslaufen in die Städte, von Handlungsreisenden und Eisenbahnen, von Fabriken und schriftstellerischem Trödel läßt sich nicht verkennen. Es gleicht sich Alles aus. Der Gott der Zeit ist das eigene Ich, alles Andere ohne Werth, damit zugleich Glaube und Aberglaube abgefertiget. Die Stadt zieht nun aufs Land. Es ist daher die Gefahr des Aber- und Geisterglaubens nicht mehr so nahe und die Zeit nicht ferne, wo das Volk gründlich über seine Interessen belehrt seyn wird, wenn nicht Hilfe von oben, d.h. vom Lenker der Weltgeschicke kommt. Nivelliren von unten auf, und im Gegensatze Uniformiren von oben herab sind die gewaltigen Mühlsteine der Neuzeit, welche Alles zwischen sich zermalmen, was sich nicht auf ein hochgelegenes Gebiet, in die Kirche, zu retten versteht. In ihr findet auch jetzt noch das Volk jene Theilnahme, jenen Schutz, wie es ihn zu jeder Zeit seit ihrer Gründung darin gefunden hat. Sie ist die Arche in den Sturmesfluthen, die da kommen werden, nachdem die Dämme gebrochen sind. Während draußen [43] die Sturmvögel fliegen, Wölfe rennen, die Wasser sich heben und die Berge kreissen, stehen ihre Thore weit geöffnet Allen, welche Rettung suchen.