§. 8. Herkunft.

[23] Die Bewohner des Landes, welchem Stamme geboren sie an? Doch nicht dem Bojoarischen, auch nicht dem Slavischen, wenn man gleich so gerne die östliche Hälfte von Deutschland zur Slavenheimat todt schreiben möchte. Wohl sind Ableger des Wendischen Stammes im Norden und Westen und Czechische im Osten nicht zu verkennen: doch sind es nur Oasen, die man noch heut zu Tage leicht unterscheiden lernt. Karl der Große verpflanzte unbändige Sachsen hieher nach Morgenländischer Sitte, und Franken waren eingezogen, um zu herrschen. Aber der Kern der Bewohner gehört nach meinem Dafürhalten dem Gothischen Volke an, sey es daß sie von Südost, der Donau, oder von Nordost, aus Skandinavien eingezogen. Eine Menge Wörter, welche in verschlimmerter Bedeutung gehen, weisen unzweifelhaft auf ihre geehrten Brüder im Skandinavischen Norden, und die Gesetze der Mundart lassen sich ohne Gewalt an Gothische Sprache anknüpfen und auffallende Verwandtschaft mit dem Nordischen zu Tage treten. Ich kann hier auf die Begründung dieser Ansicht nicht näher eingehen, nur Einiges will ich vorgreifend anziehen.

Hinter Markomannen und Quaden saßen Gothische Stämme als nothwendiges Bindeglied zwischen Donau- und Ostsee-Gothen: schon Catualda zeugt hiefür. Als die ersten beyden Völker südlich hin über die Donau aus Böhmen auszogen, drangen diese Gothen nach, und selbst bedrängt von nachrückenden Slaven blieb ihnen im Westen [24] der Raum links am Böhmerwalde zwischen Donau, Mayn, Pegnitz und Altmühl. Noch geht die Stammsage, daß die Oberpfalz einstens, von Bewohnern durch ein großes Ereigniß entblößt, ihre neue Bevölkerung aus Böhmen erhalten habe. Eine andere Sage oben am Böhmerwalde weiß von einem Rückfalle der Oberpfälzer in das Heidentum: wir kennen einen solchen in ganz Süddeutschland, besonders in Bayern. Grund ist das Nachrücken heidnischer Germanen von Norden her. Wieder weisen viele Sagen nach Osten, weit nach Böhmen hinein: dort war ein Nationalheiligtum. Die Hexen wissen darum und fahren noch dahin.

Endlich trifft man auch noch auf ein sprachliches Räthsel. »Sam Gôdiga, sam Gôdala« ( – ñ ñ) heißt es, wenn man seine Rede noch durch eine weitere Erklärung verdeutlichen, Deutsch machen will; stellenweise lautet es: »sam goggala« – zusammengezogen aus »sam godigala« mit der Nordischen Adverbialendung. Noch näher wird der Ausdruck erklärt durch das gleichzeitig dafür vorkommende »Godessprich, Gottessprich«. Althochdeutsche Lautverschiebung kann hier nicht gefordert werden, diese ist später. Doch hört man um Falkenstein »zum Kodika«, und weiter unten gegen Straubing »a kôzig Woard«, »a kôziga Moñ« = ein tüchtiger, handfester Mann. Das Wort »sam« entspricht der Bedeutung »so« oder »gleich«; »a daud near sam« = er thut nur so. – Schon jahrelang trage ich mich mit dem Gedanken, daß hinter diesem Worte der Gothe stecken müsse; ich deute es mit »auf Gothisch«, oder »wie der [25] Gothe spricht« – ähnlich unserem »auf Deutsch«. – Auf die Pluralform »Gautigoth« bey Joroandes darf man wohl nicht hinweisen. – Mit diesem Räthsel wäre auch das der Abstammung gelöst.

Ob der Gruß des Oberpfälzers »Zaýges Christes« = Gelobt sey Jesus Christus, worauf »in Aiwikeid« = in Ewigkeit, geantwortet wird, nicht einem »thiuteigs Christus« des Gothen zur Seite steht, kommt hier vorerst nicht in Betracht.

Ich weiß nicht, ob Andere schon darauf aufmerksam gemacht haben, daß Wodans wildes Heer immer von bestimmten Orten in bestimmter Richtung ausgehe; durch die ganze Oberpfalz habe ich nämlich die Beobachtung gemacht, daß das Nachtgejaid stets von N.O. nach S.W. ziehe, und deute es auf Odin, der an der Spitze der wandernden Germanen einherfährt: es ist der Weg, den die einbrechenden Germanen nahmen, über Böhmen her; hätte man alle diese Stellen beysammen, wo die wilde Jagd geht, aus ihrem Zusammenhange würde man auf Weiteres, vielleicht auf den ganzen Zug der Einwanderung schließen können. Wie viel ist noch zur Aufhellung solcher Fragen zu thun! Wo sich solche Sagen vorfinden, sind sie nicht aus phantasiereicher Willkür hervorgegangen; ihnen liegen Thatsachen zu Grunde. Wer nicht auf das Angesicht niederfällt, so der wilde Jäger einherbraust, ist verloren: er wird zerrissen oder mitgenommen. Ungeschraubt läßt es sich dahin erklären, daß die Urbewohner, wenn sie sich den Germanen nicht unterwarfen, dem Schwerte oder der Knechtschaft verfallen.[26] Die Germanen als Sieger wie die Eingeborenen als. Besiegte, beyde hatten Grund die Sage zu erhalten, für beyde ist sie geschichtliche Thatsache. Indem Odin den Sieg verleiht, ist auch die mythische Seite gewahrt. – Sollten die sogenannten Hussitensteine, womit die Hussiten ihren Weg bey den Einfällen in die Oberpfalz bezeichneten, um wieder nach Hause zu finden, nicht noch weiter zurückgehen?

Ich habe ferner nicht unterlassen, mich umzusehen, ob, wenn Gothen in der Oberpfalz sich niedergelassen, eine Erinnerung ihres Namens im Lande erhalten sey, und daher alle Ortsnamen zusammengetragen, worin dorf, ried, reid, heim, stätt, berg, bach, lahn, lohe, hart mit Goden, Gotten, Gozen, Kozen, Götzen, Kötzen, Guten, Gutten, Gützen sich verbindet. Die heutige Schreibung dieser Namen hat mich zur Verzweiflung gebracht: wer sollte hinter Gutendorf und Gutenland ein: Gaydndorf und Gaydnlaun vermuthen! Gaydn ist Ablaut von Gaud und so hätte man, wenn nicht Gotendorf, Gotenlahn doch Götendorf und Götenlahn erwarten sollen. Vorerst stehen mir weder die alten Namen, noch ihre mundartliche Bildung zu Gebote. Doch liegen alle diese Ortschaften mehr in der östlichen Hälfte des Landes, an Regen, Schwarzach, Naab und Vils und sind in der Zahl wenigstens dreymal so groß, als ihr Vorkommen in allen anderen bayerischen Provinzen zusammen, so daß hier nicht bloßer Zufall waltet.

Quelle:
Franz Schönwerth: Aus der Oberpfalz. Sitten und Sagen 1–3, Band 1, Augsburg 1857/58/59, S. 22-26.
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