[29] Schon zur Zeit, da die Germanen in Deutschland einzogen, mußte ihnen eine doppelte Auffassung dessen, was unter Riesen zu verstehen, geläufig geworden seyn. [30] Ursprünglich waren es die zurückgedrängten Götter des ältern Glaubens, die tellurischen Mächte, welche die Erde bilden halfen.
Wie die Edda weiß heute noch das Volk von diesen Riesen, welche schon vor den Menschen waren, die Oberfläche der Erde in Berg und Thal trennten, mit Sonne, Mond und Sternen in bewältigende Beziehung traten; es kennt der Riesen Treue, die Schönheit ihrer Weiber; sie gelten ihm als wilde, gewaltige, übermächtige Wesen. Die Asengötter warfen sie zurück hinter Midgards Wälle nach Jötunheimr, Riesenheim, wo sie als Volk hausen und des Tages harren, da sie Rache üben können an ihren Bezwingern.
Es lag nahe, daß die Germanen, als sie mit fremden Völkern auf ihrer Wanderung und zeitweisen Niederlassung in Berührung geriethen, das Verhältniß der Asen zu den Riesen auf ihre Stellung zu diesen Völkern, welche sie besiegten und zum Weichen nöthigten, übertrugen. Als solche Völker treten uns die Tschuden gegenüber, jener grosse Völkerstamm, welcher den ganzen Norden von Asien und Europa, ja selbst von Amerika besetzt hielt und in Europa zuerst vor den südlich nachrückenden Kelten, noch mehr aber vor den spätern Germanen, die sich gleich einem Keile zwischen beyde drängten, zurückwich. Sie sind die eigentlichen Riesen, mit denen die Germanen zu thun hatten, welche ihnen Raum machten; ihnen möchte ich die Riesenknochen der Gräber zuschreiben, welche in Sibirien, Skandinavien, Germanien von Zeit zu Zeit aufgefunden werden.
[31] Als vor etwa 30 bis 40 Jahren der alte Freidhof zu Fronau in einen Garten umgewandelt wurde, traf man auf ungeheure Menschenknochen, welche man als Riesenbeine in einem eigenen Beinhause unterbrachte: insbesondere zogen die Schädel durch ihre Grösse, welche die des heutigen Schlages um das Doppelte überwog, die Aufmerksamkeit auf sich. Nun sind sie zur Erde bestattet. Das Volk schrieb sie der Heidenzeit zu, sowie auch die dortige Kirche aus der Heidenzeit stammen soll.
An dem Hollenberge bey Velburg fand man in einem Grabe, aus steinernen Platten gebildet, vor etlichen Jahrzehenden das vollständige Gerippe eines Weibes mit ihrem Kinde. Die Knochen wurden zum Theil verschleppt, zum Theil gesammelt, und weil Heiden angehörig, unter der Dachtraufe der nahen Kirche St. Wolfgang vergraben. Ich ließ dort nachsuchen und erhielt noch einen ganzen Schenkelknochen, aus dessen Mase ein Arzt die Grösse der Lebenden auf 7 bis 71/2 Fuß berechnete.
Nicht ferne davon, im Holl-Loche zu Lutzmannstein, am Razenberge, fand ein Jäger ein Riesengerippe, den Kopf nach Norden gerichtet, auf dem Rücken liegen, ohne irgend ein Anzeichen von einem förmlichen Grabe, nahe daran einen Feuerherd aus Backsteinen.
Die Knochen waren gebleicht, die Armknochen gegen zwey Fuß lang, der grosse Schädel sehr gewölbt, von gleichem Durchmesser über's Kreuz, die Zähne, noch weiß, standen nicht ganz senkrecht. Der Mann hatte den Todenkopf auf der Friedhofmauer aufgestellt, mußte ihn [32] aber hinwegthun. Man fand dort auch noch andere solcher Riesengerippe, die der Gerichtsarzt in der That als Menschengebeine erkannte, auf dem Boden frey da liegen, und schätzte die Grösse auf acht bis neun Schuh. Darunter lagen auch die Gerippe von Kindern, sämmtlich gebleicht.
In den Zwanziger Jahren wurden auf dem alten Freidhofe zu Waldkirch bey Vohenstrauß ungeheure Knochen ausgegraben, ebenso an der Kirche im nahen Floß; sie sind wieder verscharrt worden.
Ich gebe dieses nur als Andeutungen, um aufmerksam zu machen. Es wird in dieser Beziehung mit einer Gleichgiltigkeit verfahren, selbst von Seite solcher, denen daran liegen sollte, welche sich nicht entschuldigen läßt. Freylich sind solche Ueberbleibsel keine pergamentenen Urkunden, und Stoff zu wichtigen Regesten darüber, wie der Paul dem Peter im 16. oder 17. Jahrhunderte ein Eck seines Ackers verpfändet, geben sie auch nicht.
Diese Riesen sind vor den Germanen zurückgewichen, und es ist, als wenn sie an allem Widerstande verzweifelt hätten. Selten meldet die Sage von ihnen, noch seltener von ihren Kämpfen mit den Germanen. Sie wollten nicht in Verkehr treten mit den neuen Ankömmlingen und sich lieber nach dem höhern Norden wenden. Dieses Zurückweichen war um so leichter, als sie zumeist aus Hirten- und Fischervölkern bestanden. Der Ackerbau war ihnen unbekannt, oder zum wenigsten nicht von ihnen betrieben, denn das Riesenfräulein wundert sich über den ackernden Bauer im Thale.
[33] So haben sie keine Stätte mehr in den Wohnsitzen der Germanen, ein wichtiger Zug, der sie von den Zwergen bedeutend unterscheidet; letztere verweilten noch immer unter den Germanen, und zogen sich erst, als sie nicht mehr geduldet wurden, in die Berge zurück.
Zuletzt stießen die Germanen auf die Römer, die Herren der Welt, welche bereits auf die Kelten in Germanien ihr Joch gelegt hatten. Auch sie zogen hinweg vor der Gewalt der siegenden Germanen, nach Süden zurück, woher sie gekommen. Auch sie sind nun verschwunden gleich den Tschuden aus den Grenzen germanischer Wohnsitze und gleich diesen in der Ueberlieferung des Volkes zu Riesen geworden. Wie sollte auch eine so gewaltige Zeit, wie der Kampf mit den Weltherrn, so ganz in der Erinnerung sich verwischt haben! Ihr einstiges Daseyn beurkunden die Unterbaue jener Burgen, als deren Erbauer das Volk die Riesen bezeichnet. Die Germanen haben die römischen Kastelle gebrochen, aber auf ihren Trümmern sich angebaut. Liegen diese Burgen noch dazu an ehemaligen Römerstrassen, mag ein Zweifel hieran um so weniger bestehen. Auffallend ist dabey, daß solche Burgen sehr oft in der Dreyzahl, im Dreyecke neben einander liegen, wie Helfenberg, Velburg, Adlburg; Amberg, Sulzbach, Rosenberg; Alt-Schneeberg, Frauenstein; Reichenstein; Fahrenberg, Leuchtenberg, Flossenbürg u.s.w. Nur schwer möchte man sich überzeugen lassen, daß ein Volk die eigenen Bauten verleugnet, um sie Fremdlingen beyzumessen, die nicht mehr zu finden.
[34] Also nicht Kelten, nicht Slaven wurden den Germanen zu Riesen: jene nicht, denn sie waren ja Knechte der Römer, dem Kampfe der Männer entwöhnt: diese nicht, weil die Zeit ihrer Berührung mit den Germanen schon zu sehr der Geschichte angehört.