[7] Dem gläubigen Christen ist die Natur so belebt, wie dem Heiden, nur in anderer Weise. Jenem geht der Hauch des Einen liebenden Gottes belebend durch alle Welt, dieser hat den wahren Gott, theilweise auch den Akt der Schöpfung verloren, hält aber noch fest, daß was da ist, sich nicht aus sich selbst erhält, daß die gesammte Natur dem Gebote höherer Kräfte gehorche [8] und eben dadurch bestehe. So wie dem Heiden die Welt aus den vier Elementen Licht, Luft, Wasser, Erde zusammengesetzt ist, stellt er ihnen höhere Wesen, Gottheiten, unter, welche durch sie und an ihnen wirken; dann schreitet er um eine Stufe vor und macht die Elemente als die Getragenen selbst zu Trägern, zu Göttern, indem er diesen jene Eigenschaften einverleibt, welche die Elemente vom Schöpfer des Alls erhielten. Zuletzt genügt auch dieses nicht; denn jedes Element zertheilt sich wieder in verschiedenen Aeusserungen seines Wesens. Auch diese Ausdrücke desselben Wesens hält der Heide, dem die Einheit abhanden gekommen, auseinander, und knüpft an sie Mittelwesen, höher als er, tiefer als die Götter, gleichsam das dienende Gefolge der letztern.
Diese höhern Wesen stufen sich zu einander je nach ihrer größern oder geringern Theilhaftigkeit an der Göttlichkeit wieder ab in verschiedenen Graden, und werden zu oberst Götter niedern Ranges, in der untersten Reihe zu den fast menschlichen Riesen und Zwergen.
Gleichzeitig gelangt der Heide zum gegensätzlichen Dualismus, weil in der Welt das Gute neben dem Bösen wirkt, ein und dasselbe Element unter verschiedener Richtung sich freundlich und feindlich äussert. Daher die Scheidung der göttlichen Wesen in gute und böse, je nachdem sie gleich den Elementen wohlthätig oder zerstörend wirken: jenen dankt er, diesen sühnt er. Eine solche Scheidung finden wir in dem Kampfe der einzelnen Götter gegeneinander, sowie auch die Elemente [9] sich gegenseitig bekämpfen. Besonders tritt sie im Verhältnisse der Asen zu den Vanen, dann in jenem des Locki zu den übrigen Göttern, in der Feindseligkeit der Riesen gegen die Himmlischen, am stärksten aber in der Götternacht hervor, da wo der Dualismus zusammenbricht.
Der Dualismus tritt aber noch in anderer Richtung auf, im Gegensatze einer männlichen und weiblichen Hälfte der Götter, aus welcher Verbindung dann auch ein Drittes hervorgehen kann, wie bey Wind, Windin und ihrem Kinde.
Noch ein Umstand kommt hier zu berücksichtigen, das Grössenverhältniß. Die Götter sind zwar an ein bestimmtes Maß nicht gebunden; sie können beliebige Grösse sich aneignen. Dagegen erscheinen die Reihen der Mittelwesen theils in einer Grösse, welche das menschliche Maß überschreitet oder hinter ihm zurückbleibt, theils aber demselben auch gleichkommt.
Ausgeprägte Schönheit kommt den Wasserfrauen und Burgjungfrauen zu, seltener den Weibern der Riesen und Zwerge.
Im Allgemeinen geht aber ein Zug von Häßlichkeit durch alle mythischen Wesen; sie mußten ja den ersten Christen häßlich, verhaßt gemacht werden, um diese von den falschen Göttern abzuziehen.
Auf diesem Wege ist nun der Heide, um seine Götter zu bilden, von dem wahren Gotte ausgegangen, hat dessen Eigenschaften und Offenbarungen an die einzelnen Gebiete der Natur als waltende Gottheiten vertheilt, [10] und ist so, immer weiter herabsteigend, da angelangt, wo ihm diese seine Götter ganz zu menschlichen Wesen wurden. Umgekehrt ist er aber auch aufsteigend hierbey zu Werke gegangen, indem er Menschen, als Helden oder Gesetzgeber um das Volk verdient, zu Göttern erhob.
Vermenschlichung der Götter und Vergöttlichung der Menschen ist Ausgeburt des Heidentumes. Der Heide sucht nach dem wahren Gotte, von dem er einst gewußt, und kann ihn nicht finden. – Das Heidentum ist sich aber auch bewußt, daß es nicht auf die Dauer bestehen wird. Seine Götter tragen den Stempel der Zeitlichkeit an sich, und damit der Vergänglichkeit. Was in der Zeit geboren ist, wird von der Zeit verzehrt, was in ihr seinen Anfang genommen, erhält auch in ihr sein Ende. Daher der Zug der Wehmut, der hindurch zieht, über einen großen Verlust, den es erlitten, daher die Furcht vor dem Ende, da Alles, was ist, aufhören wird, aber auch das Sehnen nach Einem, dem unbekannten Gotte, der kommen soll, um die Erlösung aus dem Zwiespalte zu bringen, nach Jenem, der da Licht schaffen wird und Freyheit Allen, so in den Finsternissen sitzen und im Schatten des Todes.
Die Welt wird vergehen und mit ihr ihre Götter: dann, wenn die Treue keine Stätte mehr findet bey den Menschen, bricht die Götternacht an, und Alles, was lebt, steigt hinunter in das Dunkel des Todes, des Nichtmehrseyns. Aber dann wird auch die Welt wieder auferstehen aus dem Untergange, und mit ihr die auserwählten [11] Götter und Menschen, und Unschuld und Seligkeit wird fortan herrschen im Himmel wie auf Erden. Dieses ist Inbegriff germanisch-heidnischer Anschauung, wie er uns in einem der großartigsten Wahrsprüche einer Vala, in der Völuspâ, hinterlassen ist, einem prophetischen Hochgesange, welcher auf heidnischem Gebiete das ist, was die Offenbarung Johannis auf dem christlichen. Kein Volk des Heidentumes hat diesem etwas Aehnliches an Erhabenheit und Grösse zur Seite zu setzen.
In dem Bestehen von Vergehen der Welt und ihrer Götter ist nun der Grund zur Abtheilung des vorliegenden Bandes in zwey grössere Abschnitte gegeben. Der erstere davon enthält die mythischen Gestalten und was daran hängt, nach der Ordnung der vier Elemente Licht, Luft, Wasser, Erde, welche die ganze Natur umfassen, und dem Volke jetzt noch als die vier Grundfesten der Welt gelten. Was die Gelehrsamkeit auch zu Tage fördern mag, das Volk schreitet durch ihre Anschauungen hindurch und bleibt, auf der Heiligkeit der Vierzahl fußend, dem althergebrachten Satze der Vierheit der Elemente getreu. Der zweyte Abschnitt, der von dem Aufhören des Seyns' handelt, vermag gleichfalls eine Vierheit aufzustellen, indem er den Tod des Individuums und des Ganzen, ausserdem noch die seligen und unseligen Gefilde bespricht.