§. 3. Die vier Elemente.

[12] Auf die dunkle feste Erde legen sich zwey flüssige Elemente, Luft und Wasser, und bilden mit ihr eine Dreyheit, welche zur freyen Entwicklung des Lebens des vierten Elements, des Lichts, bedarf.

Licht erscheint sonach mit Recht als das höchste der Elemente, und hat als solches schon bey den heidnischen Urvölkern göttlicher Verehrung genossen. Dem Germanen verkörpert sich das Licht in den beyden grossen Gestirnen, welche die Zeit abtheilen, in Sonne und Mond, und wird somit in eine weibliche und in eine männliche Hälfte der Lichtgottheit gespalten. Mit Luft und Erde tritt es in nähere mythische Beziehung durch den Regenbogen, mehr noch mit dem Wasser, welches die Bilder von Sonne und Mond in sich aufnimmt und wiedergibt.

Mit dem Lichte ist naturgemäß das Feuer verbunden: auch dieses tritt dem Germanen in einer Zweytheilung auf, als himmlisches und unterirdisches Feuer.

Dieser Dualismus bey Licht und Feuer erscheint als kein ursprünglicher; es mußte erst die Harmonie gestört werden, um Zwiespalt zu erzeugen, vielleicht durch überwiegenden Einfluß fremdartiger Religionssysteme.

Die Luft zeigt sich als Tummelplatz mythischer Wesen, vor Allem des Wodan und seines Gefolges im wütenden Heere, dann riesiger Naturen, wie im Winde und seiner Familie, zuletzt und am häufigsten der Geister in Elbengestalt. – Die Ereignisse, welche innerhalb [13] des Dunstkreises vorfallen, finden im Volke oft die interessanteste mythische Einkleidung.

Das Wasser möchte ich vorzugsweise das mythische Element nennen, so reich ist es in tiefgehender Mythe und Sage vertreten. Ein eigener Zauber liegt über dieses Element ausgegossen, und mit besonderer Vorliebe und Ausschmückung verweilt der Mund der Erzählerin bey den Sagen von den in Schönheit strahlenden Wasserfrauen, welche in der Liebe zu den Söhnen der Erde höchstes Glück und Unglück zu Theil wird. Aus dem Wasser kommen die Kinder und in dieses Element kehren die nicht gereinigten Seelen Verstorbener zur Läuterung in Gestalt kleiner Fischchen zurück.

Endlich die Erde bietet auf und unter der Oberfläche eine Mehrzahl mythischer Wesen zur Besprechung, vorzugsweise auf und in den Bergen die Riesen und Zwerge, im Walde die Waldgeister mit den unglücklichen Holzfräulein, in den alten Burgruinen auf mythischem Hintergrunde die Burgjungfrauen, welche der Erlösung harren und dafür reiche Schätze bieten.

Daneben entwickelt sich eine eigene Welt unter der Erdrinde. Es sind alte weite Wohnsitze früherer Bewohner in ihr begraben, Städte und Burgen und Kirchen, und die Glocken senden noch ihre Klage daraus empor zu den Menschen. Strassen und Gänge durchziehen den Boden unter der grünen Decke, damit es den Anschein gewinne, als habe die Gegenwart über den Trümmern einer vergangenen Kultur sich aufgebaut, und auf daß Leben hineinkomme in diese unterirdische [14] Welt, haust unten das Volk der Zwerge in gleicher Weise, wie oben das der Menschen. – Hier streift die Mythe an die Geschichte.

Quelle:
Franz Schönwerth: Aus der Oberpfalz. Sitten und Sagen 1–3, Band 2, Augsburg 1857/58/59, S. 11-14.
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