§. 4. Die vier letzten Dinge.

[14] Den vier Elementen, welche das Daseyn der sichtbaren Welt und ihrer einzelnen Theile begründen, stehen die vier letzten Dinge gegenüber, in welchen sowohl das Individuum, als die ganze äussere Erscheinung der Welt ihr Ende finden.

Dieser Gedanke an das einstige Aufhören der Dinge in der Welt, an den Weltuntergang, geht durch alle Völker und hat seine nächste Begründung im Tode des Individuums. Ist ja das, was wir Welt nennen, die Erde mit Allem, was auf und über ihr leibt und lebt, selbst nur ein Individuum im Gegensatze zu den unzählbaren Weltkörpern im unendlichen Raume. Was aber so untergeht, soll in Wiedergeburt verjüngt und verschönert wieder erstehen, wie wir schon hier auf Erden aus dem Tode neues Leben erwachsen sehen.

Vor allem stellt hiebey der Mensch die Frage an sich selber, was aus ihm werden soll, wenn er den letzten Schritt gethan haben wird im Leben, um aus dem Diesseits in das unbekannte Land des Jenseits zu gelangen, und sein sittliches Gefühl, sein Gewissen, sein Rechtsbewußtseyn stellt ihm zwey Bilder vor Augen, das eine herrlich und freudevoll, im Umgang mit den Seligen, das andere häßlich und voll Schmerz und Grauen [15] im Gegensatze zu den himmlischen Freuden, jenes als Lohn, dieses als Strafe für das gut oder übel verbrachte Leben von den Göttern zugetheilt. Himmel oder Hölle sind die beyden Räume, in welche die Menschen einzugehen haben, sowie die Schwelle des Todes überschritten ist.

Es ist begreiflich, daß, was das Heidentum über diese Dinge gelehrt hat, bei dem hohen Ernste derselben und der Ungewißheit des Schicksals weit tiefer im Volke eingedrungen seyn muß, als sonstige Anschauungen, daß somit auf diesem Boden das Ergebniß der Forschung ein reicheres seyn wird. – Insbesondere muß bei dem Volke der Oberpfalz noch viel in der Erinnerung haften geblieben seyn, nachdem der Boden mühevoller Arbeit nur mit karger Frucht vergilt, das Leben höchst einfach und nüchtern dahinfließt, und von der Aussenwelt bis jetzt nicht berührt wurde, endlich das melancholische Hügelland mit seinen Wäldern, seinen krystallenen Wassern und seiner metallreichen Unterlage ernstere Anschauung der Dinge in der Welt, gleichwie in Westphalen und auf den schottischen Bergen mit sich führt.

Was ich darüber zu Tage gebracht, ist nicht überall gleich verbreitet, gerade über solche Gegenstände läßt sich der heimliche Gedanke nicht leicht erforschen, ist auch oft selbst nicht so zum Bewußtseyn gekommen, daß er in Worte sich kleiden ließe. Gerade aber auf diesem Boden hatte das Christentum weniger Kampf zu bestehen, weil es entweder mit der allgemeinen sittlichen [16] Grundlage, welche hier das Heidentum auslegte, sich befreunden konnte oder auch selbst maßgebende Bestimmungen über das Einzelne des Jenseits nicht aufstellte.

Um so freyer verblieb sonach die heidnische Anschauung innerhalb des Christentumes, wenn sie gleich um eine Stufe tiefer herabsteigen und die Walhalla mit ihren Göttern und Seligen zur Hölle mit ihren Teufeln und Verdammten gestalten mußte. –

Aus dem Vorgetragenen folgt, daß hier vorerst der Tod als mythische Persönlichkeit zur Besprechung gelangen müsse, sodann die beyden Räume, welche die Seelen der Verstorbenen aufnehmen, Himmel und Hölle, letztere mit ihrer Bevölkerung, Teufel und Verdammte, zuletzt das Ende der Dinge.

Quelle:
Franz Schönwerth: Aus der Oberpfalz. Sitten und Sagen 1–3, Band 2, Augsburg 1857/58/59, S. 14-16.
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