§. 5. Die Götter.

[16] Unbewußt hat das Volk in seinen Ueberlieferungen die Erinnerung an manche seiner frühern heidnischen Gottheiten bewahrt. Sind auch die Namen zumeist vergessen, leuchtet doch das Wesen derselben klar hindurch, besonders bey jenen Gottheiten, welche zugleich Träger der Elemente selber sind und somit als Hauptgötter gegolten haben. Es ist dabey selbstverständlich, daß hier, wo es sich vorerst nur um die Elemente handelt, nicht Alles zur Sprache kommen kann, was die Götterlehre betrifft: später, in der Symbolik der Zeit und Natur, werden dieselben Götter unter andern Beziehungen, ausserdem noch andere göttliche Wesen auftreten, für [17] welche im vorliegenden Theile kein Anlaß zur Besprechung gefunden wurde.

Ist das Licht Erstes der Elemente, so gebührt es sich, die Reihe der Gottheiten, welche aus den Ueberlieferungen sich deuten lassen, mit den beyden Lichtträgern Sonne und Mond zu eröffnen. Ihre göttliche Verehrung ist unzweifelhaft, der Schluß auf den hohen Grad und die Ausbreitung der Verehrung gerechtfertiget durch die Menge Aberglaubens, welche sich jetzt noch an beyde Lichtkörper knüpft, dann die reiche Sage, welche von ihnen im Volksmunde geht. Hier treffen wir mehrfach ganz Eigentümliches, vor allem die tödliche Feindschaft, womit, wie in der grönländischen Sage, der Mond die Sonne verfolgt, die Symbolisirung von Sonnenfinsterniß und Mondeswechsel, die erotischen Beziehungen des Mondes, dessen Bezüge zur Geisterwelt. Nicht weniger ist hervorzuheben, daß, während sonst das Geisterreich vor der Sonne sich zurückzieht, hier die Geister gleichwohl die Sonne nicht scheuen, selbst um Mittag sich zeigen. Ich habe für die Oberpfälzer gothische Abkunft in Anspruch genommen, ausserdem bemerkt, wie dort neben Thor auch Freyja als Stammesgottheit gelte, und Gelehrte haben darauf hingewiesen, daß Gothen und Sueven die Vanengötter eigen gewesen. Wir wissen ferner, daß, als in der grauen Vorzeit die beyden Religionssysteme der Asen und Vanen in Kampf mit einander geriethen, der Zwist im Friedensschlusse damit seine Erledigung fand, daß von jedem Theile Glieder der Gegenparthey herübergenommen wurden und so [18] die göttlichen Geschwister Freyr und Freyja von den Vanen zu den Asen übertraten, was einer Verschmelzung der beyden Religionssysteme gleich kommt. Ich halte dafür, daß Beyde den Vanen Lichtgötter und zwar Sol und Luna gewesen seyen, und nur in Würdigung ihrer Erhabenheit bey der Uebersiedlung gleich den Asengöttern Wochentage und zwar die letzten beyden, als Tage der Verehrung erhielten, dabey aber nicht mehr eigentliche Lichtgötter bleiben konnten, sondern ein anderes verwandtes Gebiet, Liebe und Zeugung, Ehe und Fruchtbarkeit überkamen. Altnordisch ist freyjudagr und laugardagr – Freytag und Samstag, laugardagr heißt Badetag, noch jetzt der Samstag in der Oberpfalz der Waschtag. Mit dem Eintritte des Feyerabends wird das Haus gefegt, das Geräthe gereinigt, vor dem Schlafengehen die Werktagswäsche gewaschen.

Ich gehe noch weiter. Nach der Sage in der Oberpfalz stehen Sonne und Mond in Gattenverhältniß zu einander – Sôl sinni Mâna – dieses löste sich aber und der Mond nahm von der Erde eine Jungfrau, die Sonne deren Geliebten zu sich empor. Es wird mir erlaubt seyn, die Aufgenommenen als Freyja und Freyr zu deuten.

Nimmt man ferner den Mittwoch als Wodanstag für den Haupttag der Woche, wie er denn auch der grosse Tag, Mikka oder Micha, gothisch: mikils? heißt und die Woche scheidet, so entspricht dem Mondtage und Sonntage zur Rechten – Freytag und Samstag, Tag der Freyja und des Freyr, zur Linken, so stehen [19] sich Asen- und Vanengötter, den beyden Lichtgöttern der Asen die der Vanen, jedem männlichen Lichtgotte eine weibliche Hälfte gegenüber.

Daß Freyr einer ausgedehnten Verehrung in einem Theile der Oberpfalz, am untern Böhmerwalde, genoß, davon möchten die vielen geisterhaften Rin der Zeugniß geben, welche dort an heiligen der Verehrung des Gottes geweihten Wäldern, auf Waldwiesen weiden.

Es wäre damit auch hier jene Trias von Odin, Thor und Freyr nachgewiesen, wie selbe bey den Germanen in Skandinavien verbürgt ist.

Ein weiterer beachtenswerther Zug ist, daß der Hoymann, in welchem ich den Priester des Gottes, den Wächter des heiligen Haines erkenne, mit einem breitkrempigen Hute geschildert wird. Wir wissen, daß der Hut Auszeichnung der Priester bei den Gothen war.

Zum Schlusse noch eine Bemerkung. Am Samstage soll die Sonne scheinen, wenigstens einmal und zwar um die Mittagsstunde, wenigstens drey Minuten lang. Das gilt für Freyr als Sonnengott. Noch mehr: der Samstag ist der Tag des »alten Herrgottes.« Das deutet darauf, daß der Tag bey den Vorältern der Oberpfälzer einem Gotte, keiner Göttin geweiht war. Es ist überhaupt ein sonderbarer Satz, daß die beyden darauf folgenden Tage, Sonntag und Mondtag, dem »jungen Herrgott« gehören, jener als Tag der Auferstehung des Herrn, dieser als dem heiligen Geiste geweiht. Wäre es nicht zu kühn, würde ich daraus schliessen, daß dem oberpfälzischen Volke die Vanengötter [20] als die ältern, die Asen als die jüngeren gegolten haben. Hiedurch fände meine obige Behauptung neue Begründung.

Quelle:
Franz Schönwerth: Aus der Oberpfalz. Sitten und Sagen 1–3, Band 2, Augsburg 1857/58/59, S. 16-20.
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