§. 7. Fortsetzung.

[24] Was die Luftgottheiten anbelangt, so stehen Wodan und seine Gemahlin Frigga an der Spitze. Wodan ist der eigentliche Himmelsgott, der höchste Gott, Allvater, und steht darum auf der Pyramide, welche die sieben Wochentage bilden, zu oberst. Zunächst kommen dann auf beyden Seiten Ir und Thor, als Schwertgott und Donnergott, seine Inkarnationen. Sonne und Mond, ursprünglich seine Augen, sind doppelt vertreten, von Asen und Vanen Seite, zur Rechten als die leuchtenden Himmelskörper selbst, die Zeitmesser, zur Linken als die wärmenden befruchtenden Kräfte, welche vom Lichte ausgehen, Freyja und Freyr.

Vielfach geht die Ueberlieferung auf Wodan zurück. Seine Verehrung fand in dem Dunkel heiliger Wälder statt, und deren ist eine große Zahl. Den Hoya reihen sich die heiligen und Bann-Hölzer aller Orten an.

Wo an solchen Wäldern geisterhafte Rosse ziehen, vermute ich Wodansdienst in alter Zeit. Aus solchen Wäldern zieht er Nachts im wütenden Heere: von den heiligen Orten, wo er verehrt wurde, kann er, kann die Erinnerung des Volkes sich nicht trennen; in so ferne diese in heiligen Wäldern sich befanden, ist er der eigentliche Waldgott, der noch jetzt mit seinen Priestern, den Hoymännern, und seinem Gefolge, den Holzhetzern oder Waldjägern, des alten Heiligtumes hütet.

Am hervorstechendsten äussert er sich aber in den Anschauungen, welche das Volk vom Teufel hegt. Wodan ist darin der Teufel schlechtweg.

[25] In zweyter Stelle erscheinen Wodan und Frigga als Windgötter, in der Windsbraut suche ich letztere.

Aber schon treten hier die Riesen als Mächte auf, welche dem Gotte sein Gebiet streitig machen wollen; die Sage kennt auch die Riesen des Windes.

Der Tag des Wodan, Mittwoch, ist zwar der Haupttag; denn dieser Tag gehört dem obersten der Götter. Aber der Tag des Donnerers ist der glücklichste, dem Volke der liebste. Unternehmungen, an ihm begonnen, führen zu gutem Ausgange.

Als Sohn des Wodan erbte Thor einen Theil des Himmels: alle Erscheinungen, die an diesem vorgehen, alle atmosphärischen Ereignisse, welche auf die Erde und deren Fruchtbarkeit so grossen Einfluß äussern, fallen ihm zu.

Daneben steht seine Gemahlin Sif als Regengöttin, welche ich Eines mit Freyja erachte; wenn es Freytags regnet, wird es sicher am nächsten Sonntage regnen: so beherrscht sie die Woche. Von noch grösserer Bedeutsamkeit sind gewisse andere Tage im Jahre: regnet es an diesen, folgt Regen während der germanischen Frist von sechs Wochen.

Habe ich oben dem Donar das himmlische Feuer zugesprochen, verbleibt für Freyja das himmlische Wasser. Für den Wassergürtel, der sich um die Erde legt, die Seen und Flüsse, vermochte ich zur Zeit keine höhere Gottheit aufzuweisen; über das irdische Wasser herrschen riesige Naturen, den Menschen feindlich wie den Göttern, durch einen Zug der Grausamkeit hervorragend: es sind [26] meist blutige Wesen, welche das Wasserelement zu vertreten haben, und mehr noch fürchtet das Volk die Tücke des Wassers als die Wuth des Feuers.

Zuletzt tritt in den Ueberlieferungen noch die Erdengöttin auf, die Hel, welche in Mitte der Erde, in der Hölle als Höllenfürstin haust, und gleich Locki, mit dem sie desselben Geschlechts, Menschen und Göttern feindlich gesinnt, Nichts herausgibt von dem, was einmal den Weg zu ihr betreten.

Zu Vorstehendem ergibt sich als Schluß, daß ursprünglich den vier Elementen tellurische Mächte als Götter vorstanden, riesigen Geschlechts, und daß sie später mit dem Nachrücken neuer Stämme aus der alten Lichtheimat in Asien von einem neuen Göttersysteme, dem der Licht-Asen und schönen Vanen, bekämpft, zurückgedrängt, zu Feinden des Götter- und Menschengeschlechtes herabgewürdigt wurden.

In gleicher Weise hinwider erging es der Asen-Religion: vom Christentume besiegt stiegen ihre Götter als Feinde des wahren Gottes zu Teufeln herunter.

Quelle:
Franz Schönwerth: Aus der Oberpfalz. Sitten und Sagen 1–3, Band 2, Augsburg 1857/58/59, S. 23-26.
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